( Predigt Jesaja 5,1-7 ) [ English Translation ] [ Abkündigungen440.87 KB ]
Es ist Erntefest im Volk Israel. Viele Menschen sind unterwegs. Die Straßen und Gassen sind belebt. Endlich wird gefeiert.
Und auf dem Marktplatz stimmt jemand sein Instrument.
Leute bleiben stehen, erwarten einen Vortrag. Sie stoßen einander an. „Ist das nicht…“, wispert einer. „Ja, genau, der Sohn von Amoz.“„Wie heißt er noch?“ „Jesaja.“ Antwortet ein anderer „Richtig. „Er erzählt von Gott“,. „Er sagt, wir haben Gott verlassen. Gott wird uns bestrafen. „Ach, hör auf. Diese Untergangsbotschaft will keiner hören. Und heute erst recht nicht“ „Ruhe jetzt. stößt sie einer der Umstehenden in die Rippen. Er will singen.“
„Wohlan, ich will von meinem lieben Freunde singen, ein Lied von meinem Freund und seinem Weinberg“ (V 1)
„Ein Liebeslied“, murmeln die Leute. Schön. Sie machen es sich bequem. Entspannen sich. Der Weinberg – das Bild der geschmückten Braut, die ihren Bräutigam erwartet und mit ihm die Früchte des Weinstocks genießt. Oder auch das Bild des Volkes, an das Gott sich gebunden hat. Endlich mal eine tröstende, schöne Botschaft von diesem Propheten.
„Und er grub ihn um und entsteinte ihn und pflanzte darin edle Reben. Er baute auch einen Turm darin und grub eine Kelter und wartete darauf, dass er gute Trauben brächte…“ (V 2)
Was für eine große Liebe und Sorgfalt zeigt sich in diesem Bild. Die Zuhörer können den Weinberg und den Weingärtner vor ihrem inneren Auge sehen. Mit Hingabe pflegt er, gießt und schneidet, pflanzt und jätet. Er wendet sich den Pflanzen zu und freut sich auf das Ergebnis. Dafür nimmt er große Steine und baut einen Turm, damit er die Weinreben schützen kann, und gräbt eine Kelter, in der in einigen Monaten der Wein angesetzt wird.
Es ist wie vor den Mauern unserer Stadt, denken die Menschen. Die Arbeit, die Liebe, die Sorgfalt. Es ist, wie wenn ein Mann um die Frau wirbt, die er liebt. Wie wenn Eltern ihren Kindern alles an Fürsorge und Schutz geben, was sie haben. Es ist - wie es eben natürlich und gut ist. Das Bild ist so schön, dass sie fast nicht hören, wie das Lied weitergeht.
„… aber er brachte schlechte....“(V 2)
Was? Haben sie richtig gehört? Das darf nicht sein – das kann nicht sein.
Aber er brachte schlechte…
Der Weingärtner hat für seinen Weinberg alles gegeben, was er hatte. Sonne und Regen sind gekommen – aber der Weinberg bringt schlechte Trauben hervor.
Saure Trauben, die niemandem guttun. Ein Schlag ins Gesicht für den Gärtner.
Die Menschen sehen sich um. Sind schockiert. Die Idylle - auf einmal beendet. Das schöne Bild des Weinbergs mit seinen saftigen, reifen Trauben bleibt eine Wunschvorstellung. Empörung macht sich breit. Das Lied geht weiter.
„Nun richtet, ihr Bürger zu Jerusalem und ihr Männer Judas, zwischen mir und meinem Weinberg! Was sollte man noch mehr tun an meinem Weinberg, das ich nicht getan habe an ihm? Warum hat er denn schlechte Trauben gebracht, während ich darauf wartete, dass er gute brächte?“(V 3,4)
Wer spricht denn da, fragen sich die Menschen. Wer ist denn der Weingärtner?
Der Mann, der um seine Braut warb? Die Eltern, die sich für ihr Kind einsetzten, ihm alles gaben, was sie hatten?
Die Zuhörer spüren die Enttäuschung. Da hat einer alles gegeben im Wissen, dass es gute Frucht bringt. Zeit und Kraft aufgewendet. Für nichts. Der Weinberg ist trocken und verdorben. Der Traum ist ausgeträumt.
Einer denkt an seine geplatzte Hochzeit und fühlt den Schmerz tief ins sich drin. Die neben ihm steht, denkt an ihren Sohn. Sie wollte nicht, dass er diesen Weg im Leben einschlägt. Sie spürt die Enttäuschung wieder in ihrem Herzen. Ein anderer musste gerade seinen Laden schließen. Sein Plan ist gescheitert. Er lässt die Wut darüber wieder aufsteigen. Eine denkt an ihre Mutter. Sie fühlte sich von ihr noch nie verstanden geschweige denn geliebt. Und immer hat sie es doch richtig machen wollen. Und nichts hat gefruchtet.
Was sollte man noch mehr tun? Alles war getan worden. Es fehlten nur die Trauben. Die hätten von ganz alleine kommen sollen. Vergeudete Liebe. Vergeudete Fürsorge. Alles für nichts. Und wieder wird das Lied fortgesetzt.
„Wohlan, ich will euch zeigen, was ich mit meinem Weinberg tun will! Sein Zaun soll weggenommen werden, dass er kahl gefressen werde, und seine Mauer soll eingerissen werden, dass er zertreten werde. Ich will ihn wüst liegen lassen, dass er nicht beschnitten noch gehackt werde, sondern Disteln und Dornen darauf wachsen, und will den Wolken gebieten, dass sie nicht darauf regnen.“ (V 5,6)
Das ist gerecht, denkt der verlassene Bräutigam. Nichts mehr tun. Sich umdrehen und gehen. Das Leben geht weiter. Sie war es nicht wert.
Aber, denkt die Mutter, er ist doch mein Sohn … ich kann doch nicht einfach … obwohl, vielleicht täte es mir gut. Ein klarer Schnitt.
Der andere sieht sich schon die Tür abschließen zu seinem Laden.
Und die Tochter schließlich zieht innerlich eine klare Grenze. Nein ich kümmer mich nicht mehr um sie und wenn sie alt und krank wird, ist es mir auch egal.
Wenn selbst das Allernatürlichste nicht mehr erwartet werden kann, ist es Zeit für einen Schnitt. Die Menschen fühlen sich bestärkt und wollen sich schon umdrehen und gehen. Doch halt, das Lied geht noch weiter. Wirklich? Es war doch eigentlich alles gesagt …
„Des HERRN Zebaoth Weinberg aber ist das Haus Israel und die Männer Judas seine Pflanzung, an der sein Herz hing. Er wartete auf Rechtsspruch, siehe, da war Rechtsbruch, auf Gerechtigkeit, siehe, da war Geschrei über Schlechtigkeit.“ (V 7)
Verwirrung sieht man in den Gesichtern der Zuhörer.
Er hat doch nicht recht. Oder etwa doch? Was wird nur geschehen?
Statt Rechtsspruch Rechtsbruch. Statt Gerechtigkeit Schlechtigkeit.
Der Weinberg hat es nicht besser verdient. Vielleicht haben Menschen es nicht besser verdient. Manches fällt auf uns zurück. Die Folgen unserer Taten werden wir tragen, werden wir ertragen müssen. Klimawandel, Viren, die von Tieren auf Menschen überspringen, politische Gewalt und Erbarmungsloses Handeln – bis ins Unendliche kann man die Reihe fortsetzen.
Und in meinem Leben? Manches fällt auf mich zurück, ist schon auf mich zurückgefallen. Manche Lieblosigkeit holt mich ein, manchmal nach langer Zeit. Und manche Unachtsamkeit rächt sich. Wird immer größer und bleibt in der Welt. Was wird geschehen?
Fast 700 Jahre später erzählt ein Prophet wieder von Weinbergen und Arbeitern im Weinberg. Von Weingärtnern und vom Weinstock, an dem die Reben hängen. Und er spricht von Gottes Barmherzigkeit. Von Neubeginnen und Gottes Großzügigkeit. Im Raum und unter dem Schirm der Barmherzigkeit können Menschen sich verändern, ist ein Neubeginn möglich. Weil sie mit Liebe angesehen werden.
Gedenke, Gott, an deine Barmherzigkeit! In der „Barmherzigkeit“ steckt das Herz, das Gott für uns, für seine Menschen, hat.
Und dann ist er für uns eingetreten. Ins Mittel getreten, in den Riss, der zwischen uns und der Welt verläuft. Trägt, was wir nicht tragen können. Versöhnt mit dem, was ist. Schenkt Frieden, den wir nicht schenken können.
Er, den wir in diesen Wochen nach Jerusalem begleiten, bis ans Kreuz und durch das Grab hindurch.
Weil er es gewagt hat, für Barmherzigkeit zu leben und zu sterben, gibt es einen Neubeginn für mich, für uns. Immer wieder. Das Leben setzt sich durch. Am Weinberg können noch gute Trauben wachsen.
Amen