2021-03-21 - 5. Sonntag der Passionszeit - Judila - Pfarrerin Nicole Otte-Kempf

( Predigt Hiob 19,19-27 ) [ English Translation ] [ Abkündigungen386.35 KB]


Das Leben ist nicht fair.

Herbert Grönemeyer, ein deutscher Musiker, dessen Lieder ich sehr schätze, singt davon, als seine Frau viel zu früh an Krebs gestorben ist.

Das Leben ist nicht fair.

Seine meistverkaufte Platte – nach diesem Schicksalsschlag.

Vielleicht weil sie so von echten Gefühlen spricht und so manch einer gut verstehen kann, was er meint.

Das Leben ist nicht fair.

Wenn das eigene Kind stirbt.

Das Leben ist nicht fair

Wenn man den Job verliert und keine Absicherung hat, man nicht weiß, wie die Familie versorgt sein soll und das einen nachts nicht schlafen lässt und innerlich krank macht.

Das Leben ist nicht fair.

Alles nur Beispiele und jede und jeder hat Menschen im Kopf, denen so etwas passiert ist oder es ist dir selbst so oder so ähnlich passiert. Obwohl man ja immer denkt, das geschieht vielleicht bei anderen, aber nicht bei mir. Und dann… trifft es einen doch. Unvorbereitet

Und dann weiß man gar nicht, was man sagen soll.

Oder wir ertappen uns und reden selbst komisches Zeug an die Betroffenen ran.

„Das wird schon wieder“, „Die Zeit heilt alle Wunden.“ „Auf Regen folgt Sonnenschein.“ „Es war Gottes Wille.“

Von Hiob möchte ich Euch erzählen. Er hatte auch mal ein schönes Leben. Alles lief irgendwie richtig richtig gut. Er hatte eine Frau und viele Kinder, ein Haus und Freunde. Und dann, plötzlich, kriegt die Idylle Risse. Seine Viehherden werden geplündert. Feinde metzeln seine Mitarbeiter nieder. Seine Töchter und Söhne kommen in einem einstürzenden Haus ums Leben. Schließlich wird Hiob krank, sein Körper ist mit Geschwüren bedeckt.

Seine Freunde, erst ihm zugewandt, kehren ihm doch den Rücken. Haben kein Verständnis für seine Lage. Verzweifelt klagt Hiob sein Leid:

(Verse 19-22)

Liebe Gemeinde, es aushalten, wenn jemand leidet, das ist nicht einfach. Besonders dann nicht, wenn das Leid so völlig aus dem Nichts kommt. Ein plötzlicher Todesfall. Eine schlimme Diagnose. Jemand, der in seiner Trauer gefangen ist und keinen Ausweg findet. Jemand, der einfach nicht wieder auf die Beine kommt oder sich selbst im Weg steht.

Anfangs sind dann meistens alle da. Mit Verständnis und Mitgefühl. Und dann … mit der Zeit….wird es weniger.

Weil es beschämend sein kann, wenn ich nichts "machen" kann.

Weil es mich mit mir selbst und meiner eigenen Angst konfrontiert, wenn ich sehe, dass ein anderer neben mir leidet.

Und auch… weil ich vielleicht insgeheim denke: gut, dass ich das nicht bin.

Und dann gehst du demjenigen vielleicht aus dem Weg.

Oder schaltest das Telefon stumm.

Oder fängst an, nur noch ermutigende Durchhalteparolen zu sagen, auch wenn Du selbst nicht daran glaubst.

Und vielleicht denkst du dann insgeheim sogar: Irgendwie muss die sich doch jetzt mal zusammenreißen und auf die Füße kommen. Nun reichts aber auch mal. Ein bisschen ist der doch auch selbst dran schuld, dass er in dieser Situation ist. Und du suchst und suchst nach Erklärungen, die es leichter machen. Und verteilst gut gemeinte Ratschläge. Aber wir wissen: gut gemeint ist lange nicht gut.

Es muss ja irgendeinen Grund haben, was passiert. Oder einen verborgenen Sinn, den man vielleicht noch nicht sieht, aber finden muss. Vielleicht ist es wirklich eine Strafe für etwas, das sie falsch gemacht hat im Leben.

So, wie Hiobs Freunde.

Aber Hiob sieht es ganz anders und er weigert sich, einen Sinn in seinem Leiden zu sehen.

(Verse 23-26)

Hiob klagt. Er hadert mit Gott und der Welt. Alle Welt soll wissen und erinnert werden daran, dass er zu Unrecht leidet. Gott schrecklich an ihm handelt.

Ja, das ist wichtig: für Hiob und ich denke auch für alle anderen, die in eine vergleichbare Lage kommen. Zu klagen. Hinauszuschreien, was da passiert ist. In ein Ringen zu kommen über Gott und die Welt.

Gott hält das aus. Bei Hiob und bei uns auch.

Und es wird vielleicht wieder und wieder passieren, weil es nämlich mit einmal selten gut wird. Und wie oft es passieren wird, dafür gibt es keine Anleitung, weil Trauer über das Verlorene so individuell und einzig ist, wie jeder einzelne Mensch.

Und es gibt keine einfachen Rezepte, was zu tun ist.

Und niemand von uns steckt in der Haut des anderen.

Mit zerfetzter Haut sitzt Hiob nun da. Abgemagert bis auf die Knochen. Als könnte ich ihn da sitzen sehen.

Und in all dem Jammer sagt er: Ich weiß ja doch, dass mein Erlöser lebt. Ich werde Gott sehen.

Gerne würde ich neben Hiob sitzen. Und mit seinen Augen schauen. Und spüren, wie das geht, so eine Zuversicht zu haben. Trotz allem. Und sich so sicher zu sein, dass der Erlöser lebt und die Zukunft gut sein wird.

Es ist so als erinnere Hiob Gott dran: Schau her: hier bin ich. Körperlich, geistlich und seelisch am Ende. Er bringt sich Gott in Erinnerung und macht damit Platz für Sehnsucht und Hoffnung.

Ich weiß, dass mein Erlöser lebt, ich werde ihn sehen!

Vielleicht liegt darin Hiobs Geheimnis. Dass er den Schmerz zulässt und ihn herausschreit. Und dass er nicht IN seiner Situation einen Sinn sucht oder eine Erklärung finden will, die alles relativiert und zudeckt. Sondern DURCH den Vorhang aus Schmerz und Elend hindurchsehen kann. Auf eine andere Wirklichkeit.

Und so möchte ich Hiobs Freunden zurufen, und manchmal auch mir selbst: Setz dich daneben! Schau mit den Augen des Anderen. Keine schnelle Hilfe, kein guter Rat, kein billiger Trost. Sondern es einfach zusammen aushalten, das Sinnlose und Schreckliche, das Unbegreifliche.

Gemeinsam Hand in Hand feststellen: das Leben ist nicht fair.

Gemeinsam, auch und gerade in unserer Gemeinschaft, unserer Kirchengemeinde, die wir miteinander unterwegs sind.

Ist das nicht auch einander dienen, wovon Jesus spricht? Ich bin mir sicher darin soll sich „dienen“ auch verwirklichen.

Und zusammen sitzen und hindurchsehen.

Am Ende vom Hiobbuch wird erzählt, dass Gott sein Schicksal zum Guten wendete und er viel mehr bekam, als er zu Beginn hatte. Das ist mir ein wenig zu märchenhaft, muss ich sagen.  

Man könnte meinen, alles ist wieder gut, aber kann es das sein, frage ich mich?

Hiobs Kinder werden jedenfalls nicht mehr lebendig.

Zu leiden das macht etwas mit einem. Es hinterlässt Spuren. Das Leben verändert sich. Und immer wieder wird es diese Zeiten geben, die mich an das Verlorene erinnern und meinen Blick verdunkeln.

Und gerade deshalb brauche ich etwas von Hiobs Geheimnis. Die Fähigkeit hindurchzusehen.

Und Platz für Sehnsucht und Hoffnung zu machen. Und das Traurige und Quälende und Arge Gott vor die Füße zu werfen. Und ihn zu erinnern: Hier bin ich!

Und zu hoffen, durch alles hindurch:

(Vers 27)


Amen