( Predigt Jesaja 52,13-53,12 ) [ English Translation ] [ Abkündigungen359.94 KB ]
Es ist früh am Morgen
Sie ist 87 Jahre alt. Lange schon liegt sie mit offenen Augen im Bett. „Wieder so eine schlaflose Nacht“, denkt sie bei sich.
Aufstehen kann sie lange schon nicht mehr. „Sie ist voller Krankheit und Schmerzen.“
Sie ist in einem kleinen Zimmer auf einer Pflegestation. Sie ist einsam.
Es ist früh am Morgen
Er schlängelt sich durch die Regale im Supermarkt. Die Maske im Gesicht kann die Narben nicht ganz verdecken.
Sein Selbstbewusstsein ist am Nullpunkt.
Er hatte keine Schuld an jenem Abend. Ein entgegenkommendes Auto war auf seine Spur geraten. Sein Motorrad und er wurden frontal erfasst. Dass er überhaupt erwachte … ein Wunder. Doch der Griff zum Spiegel ließ ihn wünschen, nie wieder erwacht zu sein „so entstellt sah er aus, nicht mehr wie ein Mensch und seine Gestalt nicht wie die der Menschenkinder.“
Es ist früh am Morgen.
Er läuft durch die Straße. Er sieht, wie jemand in seinem Laden geschäftig ist und Kunden betreut. Er sieht den gut gekleideten Herrn mit der Aktentasche in der Hand. Eine Mutter bringt ihr Kind zur Schule. Alle sind beschäftigt und haben ein Ziel.
Er hat keines. Schon lange nicht mehr.
Mit seinen ehemaligen Kollegen trifft er sich nur selten. Er schämt sich. Alle anderen haben eine neue Stelle gefunden. Er nicht.
Er verachtet sich selbst dafür.
Liebe Gemeinde,
es ist früh am Morgen
Vielleicht laufe ich gerade an dem Mann vorbei, auf dem Weg noch schnell etwas zu besorgen für die Arbeit oder fürs Mittagessen oder zum Besuch bei jemandem . Zielstrebig. Ich gehe meinen Weg. Ich sehe nicht den Mann, an dem ich vorbei eile. Der nicht weiß, was er mit dem neuen Tag anfangen soll.
Möglich, dass auch ich um diese Zeit in den Supermarkt gehe. Der junge Mann fällt mir auf: wie er sein Gesicht versucht zu schützen, obwohl seine Narben an Gesicht und Händen hervorstechen.
Auf dem Weg zum Auto begegne ich einer Bekannten. Sie erzählt mir von der alten Frau, die nun in der Pflegestation ist. Es gehe ihr gar nicht gut. Das ist wirklich schlimm. Ja, ich schau in meinen Terminkalender, wann ich Zeit habe, sie zu besuchen.
Ich verabschiede mich und gehe meiner Wege.
Habe ich die Menschen um mich herum wirklich wahrgenommen?
So manches Mal nicht wirklich.
Zu sehr mit anderem beschäftigt, auf mich konzentriert, nicht interessiert.
Das passiert … immer wieder.
Ich sehe sie nicht – die Menschen um mich herum.
Dort hinein höre ich etwas. Worte vom Propheten Jesaja.
Text
Liebe Gemeinde,
Jesaja beschreibt das Schicksal des Gottesknechts, lange vor Jesu Geburt. Nachfolgende Generationen der Christen haben darin das Schicksal Jesu wiedererkannt. Heute am Karfreitag erinnern wir uns: Jesus wurde angespuckt, verhöhnt und gequält. Eine unansehnliche Gestalt, Schmerzen plagen ihn. Ohnmächtig, er kann sich nicht wehren.
Wie ein Tier, das man zur Schlachtbank führt.
Allein hängt er am Kreuz. Nur einige Frauen und ein Jünger stehen darunter. Ansonsten verlassen und dem Spott der Leute ausgesetzt.
Als solcher trägt er Krankheit, Schmerz und Sünde. Wir glaubten, dass er von Gott geschlagen sei. Zum Glück - von Gott.
Nicht wir waren es. Oder?
Karfreitag bringt die menschlichen Abgründe erbarmungslos ans Licht.
So sind wir Menschen. Nicht mal besonders böse, obwohl es furchtbare Menschen gibt. Letztlich sind es aber nicht diese wenigen, sondern die vielen eher Normalen, die Jesus ans Kreuz bringen.
Jesu Weg endet am Kreuz, weil sich Menschen so, wie die Zeitgenossen Jesu. immer und überall verhalten. Sie gehen vorbei, halten den Mund und freuen sich, dass es sie selbst nicht erwischt hat.
Jesus starb wie ein Schwerverbrecher, verachtet und ohne jeden Trost. Scheinbar von Gott verlassen. Und wir wüssten heute nichts mehr von ihm, seine Lebensspur wäre längst verweht, wenn nicht Gott selbst sich zu diesem Gescheiterten bekannt und ihn von den Toten auferweckt hätte.
Das war der Wendepunkt und dieser Wendepunkt rückte auch sein Leben und Sterben in ein anderes Licht:
Nichts muss so bleiben, wie es ist. Gott bekennt sich zu seinem Sohn. Er erweckt zum Leben, was tot war.
Und das nicht nur damals. Auch heute bei dir und mir.
Ich darf weinen und klagen. Das Leiden wird ein Ende haben.
Noch kann ich es nicht verstehen. Aber ich halte es aus, nicht auf alles eine Antwort zu haben. Doch es muss nicht immer sinnlos sein. Etwas stirbt, stirbt in mir, aber vielleicht wächst daraus auch etwas neues.
Ich erkenne: dieser Knecht Gottes hat etwas mit mir zu tun. Er teilt meine tiefste letzte Finsternis, den Weg durch das Todesdunkel. Für mich geschieht das. Nicht so, dass meine Schuld und mein Vergehen gegen Gott und Menschen dadurch einfach aufgehoben sei. Nicht so, dass ich keine Verantwortung mehr übernehmen müsste für mein Leben und Handeln. Nicht so, dass ich mich nicht mehr fürchten müsste vor meinem eigenen Tod. Nicht so, dass alles Leid eine Erklärung erfahren würde.
Aber vielleicht so, dass ich weiß: ich muss Gott nicht mehr erklären, wie es mir wirklich geht, was mir weh tut, worunter ich leide.
Bergen kann ich mich in der Gewissheit, dass er darum weiß. Meine Angst, Unrecht zu erleiden, Falschaussagen zu hören. Ja, sogar die heimliche Angst, dass es Gott selber ist, der mich auf irgendeine abgründige Art bestrafen will. All das hat Jesus getragen, um mir tiefen Frieden zu geben. Aufatmen lässt mich das. Heil werden.
Das zu spüren, macht es mir möglich, das Leiden anderer Menschen auszuhalten, dabei zu bleiben, mit zu leiden.
Es ist früh am Morgen . Sie ist 87 Jahre alt. Lange schon liegt sie mit offenen Augen im Bett. „Wieder so eine schlaflose Nacht.“
Aufstehen kann sie lange schon nicht mehr. „Sie ist voller Krankheit und Schmerzen.“
Doch da sitzt einer neben ihr. Er schenkt der kranken Frau Zeit. Zeit, die sonst keiner für sie hat. Er kennt ihre Krankheit und ihre Schmerzen. Er hört ihr zu und hält ihr Leiden aus.
Er sieht auch den Mann im Supermarkt und wendet sich nicht von ihm ab.
Er sieht den Mann auf der Straße und geht nicht vorbei.
Gerade das Leben, das nur noch ein Häuflein Elend ist, beachtet er, liebt er zugewandt.
Und das in unserer Welt, wo jeder mit sich selbst sehr beschäftigt ist. Wo wir gern wegblicken, wenn es anderen um uns herum schlecht geht.
Beim Anblick des Gekreuzigten von Golgatha kehren sich die Maßstäbe um.
Ich sehe ihn dort hängen – auf dem Hügel Golgatha vor den Toren Jerusalems. Diesmal gehe ich nicht weiter. Ich bleibe stehen und halte den Anblick aus.
Amen