2021-04-04 - Ostern - Pfarrerin Nicole Otte-Kempf

( Predigt Exodus 14 und Markus 16 ) [ English Translation ] [ Abkündigungen436.27 KB ]


Ein schwerer Weg war das in der Wüste. Warum mussten sie nur diesen Umweg zum Schilfmeer gehen?  Nur das Nötigste hatten sie eingepackt. Nach 430 Jahren in der Sklaverei konnten die Israeliten aus Ägypten entkommen. Nicht ganz freiwillig hatte der Pharao sie ziehen lassen. Nach dem Tod aller Erstgeborenen dann schon. Gott hatte sein Volk mit mächtiger Hand aus Ägypten geführt. Doch als dem Pharao klar wurde, was der Auszug seiner Sklaven für ihn bedeutet, setzt er ihnen nach. Mit seinen Kämpfern, Pferden und Streitwagen jagt er ihnen hinterher.

Ein schwerer Weg – das war es auch für die drei Frauen in Jerusalem. All ihre Hoffnungen sind zerschlagen, Jesus wurde gekreuzigt. Starb wie ein Schwerverbrecher und wurde ins Grab gelegt. Es bleibt ihnen nur noch eins, nämlich den Leichnam zu salben.

Irgendwie sind sie in der Wüste in einer Sackgasse angekommen. Hinter ihnen der Pharao mit seiner Armee, vor ihnen das Meer. Da kommen natürlich die Klagen und Fragen, die Vorwürfe an Mose, der sie herausgeführt hatte: „Warum das eigentlich alles? Wäre die Sklaverei nicht besser gewesen als der Tod in der Wüste?“

Auch in Jerusalem sind die Frauen in einer Sackgasse. Hinter ihnen das Kreuz und der sinnlose Tod des geliebten Menschen. Und vor ihnen der schwere Stein. Das Grab. Ende des Weges. Und unterwegs kommen die Sorgen und Fragen „Wer kann uns den Stein wegrollen? Und wie soll es nur weiter gehen ohne Jesus?“ Ihr Lebensentwurf ist zerstört. Auf ihn hatten sie doch all ihre Hoffnung gesetzt. Nun war alles trostlos. Einsam, leer, tot.

Doch plötzlich ist in der Wüste ein Ausweg in Sicht. Vor ihnen.

Ein Wind kommt auf und die Wasser weichen zurück. Ein Weg mitten im Meer tut sich auf. Mit hohen Mauern rechts und links, Mauern aus Wasser. Was unmöglich schien, wird möglich. Und auch ein wenig unheimlich. Was, wenn die Mauern einstürzen? Wenn alles wieder kommt? Das Wasser, die Flut, das Ende?

Auch in Jerusalem scheint ein Ausweg in Sicht. Der Stein ist weg. Das Grab ist offen. Was unmöglich schien, wird möglich – und auch ein wenig unheimlich. Wer war das? Was, wenn jemand den Stein mit böser Absicht entfernt hat? Sind sie selbst auch in Gefahr?

Und dann wird es hell, mitten im Meer. Die Feuersäule Gottes strahlt die Ägypter an, blendet sie, verängstigt, verunsichert.

Gott rettet die Israeliten vor den Feinden.  

… aber das geschieht auch: viele Menschen sterben in den Fluten. Menschen mit Waffen – und doch auch Gottes Kinder. Als die Engel jubelten über die Rettung der Israeliten: da weinte Gott auch über die Ägypter, die Täteropfer. So heißt es in einer jüdischen Legende.

Gott rettet. Mit Wind und Meer und allem um uns und in uns.

Und Gott weint. Über jedes vertane, verlorene Leben…

Und dann wird es hell, mitten im Grab. Ein Mann in weißen Gewändern sitzt auf der Seite. Und die Frauen erschrecken. Und sie hören die Stimme des Mannes in weißen Gewändern mitten im Grab.

Und die sagt: erschreckt nicht. Er ist nicht hier. Im Grab. Im Tod. .. Gott rettet. Er hat Jesus von den Toten auferweckt. ..

und die Frauen stehen da. Können es nicht fassen. „Das kann doch nicht sein. Kein Toter hier? Unfassbar. Es ist doch nicht zu glauben.“

Die Frauen in der Wüste tanzen, sie schlagen die Pauken und singen ein Loblied. Sie sehen es, glauben es: Gott rettet. Gott schenkt Leben. Alle Feindesmacht geht unter und mit ihr alles Unrecht, das geschieht.

Alles, was zerstört, wird selbst zerstört. Zerstört sich selbst.

Und Gott schenkt Leben. Gegen alle Todesmacht. Einen Ausweg aus der Ausweglosigkeit. … und es geht weiter. Ins Land der Verheißung.

Ins neue Leben.

Und die Frauen am Grab fliehen, zittern, die Stimmen versagen. Sie können nicht begreifen, was geschehen ist. Es braucht Zeit, das zu fassen. Sie müssen es lernen, sich nicht zu fürchten. Aufzustehen, weiterzugehen. Ins Land der Verheißung. In eine Zukunft mit Gott. In ein neues Leben.

Das Volk Israel in der Wüste und im Meer, die Frauen beim Grab in Jerusalem. Zwei Geschichten aus einer fernen Zeit.

Und wir hören sie. Heute, in Pretoria, im April 2021. Und an unterschiedlichen Orten dieser Welt hören wir sie heute auch.

Ein schwerer Weg liegt hinter uns. Und vielleicht auch noch vor uns. Wieder mal ein schwerer Weg. Wie so oft im Leben. Wie so viele im Lauf der Zeiten…. In der Geschichte Südafrikas, in der Geschichte vieler, die hierhergekommen sind und ein neues Leben einst begonnen haben. So manche Wege im Land hinter sich gebracht haben auf der Suche nach gutem Leben. Nach Zukunft. Für alle Menschen hier. Ein langer Weg zur Freiheit war das und ist das. Immer wieder.

Und auch schwere Wege in unserem persönlichen Leben.

Viele Einschränkungen mussten wir im letzten Jahr hinnehmen. Und noch viel schlimmer: viele Menschen sind gestorben, viele Menschen trauern, viele Menschen haben im letzten Jahr tief gespürt, was Einsamkeit bedeutet. Und viele Familien wurden auf die Probe gestellt im gemeinsamen Planen von Homeoffice und Homeschooling und fehlenden Playdates.

Und wir konnten einander nicht sehen und nicht zusammen Ostern feiern – miteinander. Und viele haben wirtschaftliche Not erfahren, mussten ihr Leben neu ausrichten und einrichten. Und sicher gab es Fragen und Sorgen, Vorwürfe, Unverständnis, Hoffnungslosigkeit und den Satz „Meine Kraft ist zu Ende. Ich kann und will nicht mehr.“

Und dann gehen die Infektionszahlen zurück, dann kommen Lockerungen. Das erleben wir hier. Das erleben andere an anderen Orten so leider noch nicht. Aber wie es hier weitergeht, wissen wir nicht.

Aber … uns allen gilt …heute wird es hell… hier und anderswo. Die Sonne geht auf. Am Ostermorgen.

Und Menschen singen Halleluja.

Posaunen spielen „Christ ist erstanden“. Glocken läuten das Leben ein.

Und es geht weiter. So war es damals. In der Wüste. Am Grab. So ist es heute. Hier. Und so wird es morgen auch sein:

Gott rettet. Er schenkt Leben. Gegen alle Verzweiflung und Todesmacht.

Gerade geht diese Nachricht um die Welt. Sie lässt sich nicht aufhalten. Nicht nur in den Kirchen, auch zu Hause an den Bildschirmen oder mit Telefonandachten wird die Botschaft laut: „Der Herr ist auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden. Halleluja.“

Und dann gibt es noch die scheinbar kleinen Nachrichten. Und doch so viel Kraft haben: Ein Osternest vor der Haustür, eine Blume über den Gartenzaun gereicht, ein Anruf: „Ich denk an dich!“, ein Zoom Treffen mit den Liebsten in der Ferne.

Und nach den Feiertagen? Hat uns der Alltag wieder. Aber die österliche Botschaft der Hoffnung bleibt. Sie bringt Licht auf dem Weg, der vor uns liegt. Dass nämlich der Gott des Lebens stärker ist als alle Mächte, die Zerstörung suchen, Lebensumstände, die Menschen in Abhängigkeit lassen, stärker als Pandemien, die Menschen zeitweise verängstigen, körperlich und seelisch niederdrücken.

Österlich glauben und vertrauen heißt für mich, Ostern so zu feiern, dass wir als Gemeinde an die Rettungserfahrung des jüdischen Volkes anknüpfen, dass wir es wagen, vielleicht manchmal auch mit schwachen und wackeligen Füßen, vom Raum des Todes und der Furcht aufzubrechen, mutig weiterzuschreiten. Der Weg geht weiter… miteinander.

Wir stützen einander und suchen die Fülle des Lebens. Wir halten die Sehnsucht danach wach und lassen uns von Gott berühren und nehmen andere Menschen mit in diese Hoffnung hinein, dass befreites Leben möglich ist.

Denn der Weg geht weiter.

Auch in der Wüste wartet nach der Rettung am Meer noch ein langer Weg auf die Israeliten. Hunger und Durst, ein Goldenes Kalb, 40 lange Jahre voller Schwierigkeiten.

Und in Jerusalem fürchten sich die Frauen und schweigen.

Der Weg geht weiter. Und Gott geht mit. Gott rettet. Er schenkt Leben. Gott macht gut, was nicht mehr gut zu machen ist. Gott kümmert sich. Um sein Volk in der Wüste. Um die Frauen am Grab. Um uns. Hier und heute.

Um alle, die heute mit uns feiern.

Der Herr ist auferstanden. Für dich und für mich.

Er ist wahrhaftig auferstanden.


Amen