( Predigt Ez 34,1–16.31) [ English Translation ] [ Abkündigungen426.72 KB ]
Move 1 Im Zimmer der Großeltern
Ich erinnere mich noch gut an das Schlafzimmer meiner Großeltern.
Über dem Bett meiner Großeltern hing das Bild des Guten Hirten. Ich glaube, es hing über vielen Betten oder vielleicht hängt es ja auch bei Euch… Ein Schafhirte mit einem schweren Stock in der Hand, der aufmerksam seine Schafe beobachtet. Ein Lämmchen hat er auf vielen Bildern wie einen Kragen um die Schulter gelegt: so, als ob das müde Tier nicht mehr laufen kann oder der Hirte sich ein wenig wärmen will. Es wird deutlich, wie eng der Kontakt zu seinen Schafen ist:. Das ist gut für ihn und die Schafe. Die Schafe dicht gedrängt bei dem Hirten – geborgen, geschützt und zufrieden.
Move 2 Idylle versus Alltag
Dass eine Herde so läuft, wie wir es auf idyllischen Hirtenbildern sehen, zusammen, munter und wohlgenährt, scheint nicht immer der Fall zu sein. Eine gepflegte Herde zu haben, ist harte Arbeit. Der Normalzustand, wenn man eine Herde sich selbst überlässt, bedeutet Chaos.
Deswegen muss ein Hirte auch ganz besondere Qualifikationen haben. Man muss ganz da sein mit offenen Augen, ganzem Herzen und tatkräftigen Händen. Im Leben eines Hirten oder einer Hirtin gibt es keine Zeiten, in denen man sagen kann: Jetzt nicht, ich bin müde, heute habe ich mal keine Lust, das Wetter ist mir zu schlecht. Eigentlich gibt es nur einen Grund, warum sich jemand dafür entscheidet, Hirte oder Hirtin zu werden: Weil man Schafe und das Leben in der Natur liebt. Es kann keine andere Antwort geben als Liebe und Leidenschaft.
Move 3 Hesekiel und die schlechten Hirte
Nun, nicht jeder ist dafür geeignet und nicht jeder erfüllt diese Aufgabe gut.
Vielleicht ist es auch damals mitten in der Nacht und der Prophet Ezechiel liegt schlaflos in seinem Bett. Obwohl er müde ist, hundemüde. Er grübelt. So lange Zeit sind sie nun in der Fremde. Ein schlimmer Tag war das 597 v.Chr. gewesen, als die Babylonier unter König Nebukadnezar den Tempel zerstörten und sie fortgeschleppt wurden, er und viele andere aus Israel, aus der Heiligen Stadt Jerusalem in das ferne Land. Das brannte und riss im Herzen. Lange Zeit.
Jetzt, nach Jahren im Exil, reißt nichts mehr. Grau fühlt es sich an.
Er, der Prophet, hatte mit großer Kraft angeredet gegen den drohenden Untergang. Für sein Volk, für Gerechtigkeit hatte er gekämpft. Er hatte kein Blatt vor den Mund genommen und gegen die Könige Israels gewettert, weil sie als Fürsorger und Diener versagt hatten. Es wäre ihre Pflicht gewesen, als eingesetzte Hirten für die Herde da zu sein. Aber sie hatten nur an sich selbst gedacht. Jetzt, nach den Jahren im Exil findet der Prophet keine Worte mehr.
Manchmal finde auch ich keine Worte mehr. Wenn das Elend zu groß ist, das ich in der Welt sehe. Wenn ich sehe, wie Menschen andere fertig machen, mobben und ausbeuten. Wenn ich sehe, wie die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden, Kinder hungern und sterben und Kriege einfach nicht aufhören und Menschen auf der Flucht dahinvegetieren oder ertrinken und andere sie nicht aufnehmen.
Zu oft bin ich sprachlos.
Move 4 Gott macht sich zur Chefsache
Aber Gott spricht.
Text vorlesen
Liebe Gemeinde,
Gott redet. Wenn man selbst keine Worte mehr findet. Gott findet sie und er legt sie Ezechiel ins Herz, bläst das alte Feuer wieder an in ihm. Ezechiel darf spüren: Nein, sie sind in der Fremde nicht alleine, nein, es ist nicht alles aus.
Gott hat die Herde zur Chefsache erklärt. Er selbst hat den Hirtenstab wieder in die Hand genommen. Etwas Neues beginnt, weiter als das Alte, freier, klarer. Gott schaut zurück, rechnet ab und schaut nach vorne, lässt Hoffnung hineinwehen in den ausweglosen Alltag, Hoffnung auf Rückkehr, vor allem Hoffnung darauf, dass die Menschen gesehen werden, die Verlorenen und Schwachen.
Sie werden getröstet und sicher geleitet, von ihrem Gott.
Und diese Worte Gottes, diese wundervolle Verheißung, gibt Ezechiel die innere Stärke, am Morgen wieder aufzustehen und Gottes Wort herauszulassen, zu denen, die nicht das getan haben, was Hirten tun sollen. Und er spricht zu den anderen, die auch in den Betten in einem fremden Land liegen und müde sind und kraftlos und heim wollen.
Er erzählt ihnen von ihrem Gott, der nicht müde wird.
Der sich an Menschen bindet, Starke wie Schwache, Große wie Kleine. Dessen Liebe alle umfängt. Der aber auch zornig wird und eingreift, wenn das, was er liebevoll geordnet und ins Leben gerufen hat, einfach verwahrlost.
Oder schlecht behandelt wird. Der am Ende das letzte Wort hat über alle, die ihren Pflichten als eingesetzte Hirten nicht nachkommen.
„Ich will das Verlorene wieder suchen und das Verirrte zurückbringen und das Verwundete verbinden und das Schwache stärken und, was fett und stark ist, behüten.“
Liebe Gemeinde, das ist eine der schönsten und umfassendsten Zusagen, die das Alte Testament uns schenkt.
Gott ist in Bewegung. Immer wachsam, mit Adleraugen. Immer tatkräftig, voller Energie. Und ich spüre: da ist eine große Geborgenheit. Ich habe einen Gott vor Augen, der ganz und gar in sich ruht, der eins ist mit sich und seinem Tun. Zugleich aber auch ganz bei seinen Geschöpfen ist. Ich sehe große, starke Hände, die aber behutsam festhalten können. Und einen liebevollen Blick des Hirten, der seine Herde ansieht.
Diese Bilder antworten auf die tiefe Sehnsucht nach Heil sein und Ganz sein, die wir in uns tragen. Auf die Sehnsucht, das Leben möge gehalten und behütet sein. Geborgen in Gottes Händen.
Move 5 Jesus folgt der Tradition
Liebe Gemeinde, ich glaube, genau aus diesem Grund hatten und haben viele das Bild des Guten Hirten über ihrem Bett hängen. Weil es so gut unsere Sehnsucht zum Ausdruck bringt.
Der Blick auf den Hirten vermittelt: ich muss meinen Weg nicht allein gehen.
Wir haben Psalm 23 zu Beginn des Gotttesdienstes gebetet. Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.
Und In dieser Tradition steht Jesus, der von sich sagt Joh 10,11
Ich bin der gute Hirte. Er lässt sein Leben für die Schafe.
Vor zwei Wochen haben wir Ostern gefeiert.
Seit Jesus auferstanden ist, dürfen wir daran glauben: mit dem Tod beginnt etwas Neues. Hoffnungsvolles. Weil Gott es so will. Weil er handelt. Weil er eingreift und Partei ergreift und …. Auch hier das letzte Wort behält.
Auferstehung, das zum Leben erwecken, das Herausführen aus dem Tod ins Leben ist Chefsache, auch hier.
Der Gute Hirte, der mein Leben begleitet, wird das auch darüber hinaus tun. Für ihn ist Leben im Tod.
Darauf möchte ich vertrauen. Was auch geschehen mag:
Gott ergreift das letzte Wort. Immer.
16 Ich will das Verlorene wieder suchen und das Verirrte zurückbringen und das Verwundete verbinden und das Schwache stärken und, was fett und stark ist, erhalten; ich will sie weiden, und für Recht sorgen.
31 Ja, ihr sollt meine Herde sein, die Herde meiner Weide, und ich will euer Gott sein, spricht Gott der HERR. (Ez 34)
Amen