2021-05-13 - Himmelfahrt - Pfarrerin Nicole Otte-Kempf

( Predigt Epheser 1,15-23) [ English Translation ] [ Abkündigungen255.34 KB ]


Himmelfahrt ist ein geheimnisvolles Ereignis, liebe Gemeinde. Eigentlich kaum zu glauben, was damals geschah.

Lukas erzählt in der Apostelgeschichte, Jesus versammelt die Zwölf ein letztes Mal um sich, redet Worte, die in ihren Ohren geheimnisvoll und rätselhaft geklungen haben müssen. Er verheißt ihnen den Heiligen Geist; er verspricht ihnen, dass sie mit dessen Kraft Zeugen der Frohen Botschaft werden „bis ans Ende der Erde“. Und kaum hat er dies gesagt, wird er vor ihren Augen „emporgehoben“, eine Wolke nimmt ihn auf, und er fährt gen Himmel.

Die Worte, die Euch jetzt vorlese, sind eigentlich auch kaum zu glauben. Sie stammen aus dem Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Ephesus. Er beginnt mit starken, überschwänglichen Worten und schreibt in Epheser 1,15-23

Liebe Gemeinde, das muss sich für die kleine Gemeinde unglaublich angehört haben. Ein reiches Erbe? Eine mächtige göttliche Stärke, unter der auch wir stehen? Alle Reiche stehen unter Jesu Füßen – diesseits und jenseits? Große Kraft in uns? In uns, die wir hier so wenige sind?

Wenn wir uns vor Augen stellen, was Ephesus damals für eine Stadt war, wird es noch deutlicher, wie die Briefzeilen im ersten Moment gewirkt haben müssen.

Ephesus war eine Weltstadt. An ihren Ruinen kann man bis heute sehen, wie reich und prächtig diese Stadt einmal gewesen sein muss. Und dort nun also gab es eine junge christliche Gemeinde, die vermutlich aus Sklaven, Hafenarbeitern und einfachen Handwerkern bestand. Der Apostel Paulus war auf seinen ausgedehnten Reisen einige Jahre zuvor auch nach Ephesus gekommen und hatte dort von Jesus erzählt, wie sehr Gott die Menschen liebt und davon, dass die Menschen noch viel glücklicher sein könnten, wenn sie ihr Leben an Jesus ausrichten.

Für diese paar Leute waren diese Geschichten von Jesus zum Evangelium, zur Frohen Botschaft geworden. Sie mussten sie einfach immer wieder hören. So trafen sie sich regelmäßig, um miteinander zu essen und zu trinken und Gottesdienste zu feiern – so wie wir heute. Und bei dieser Gelegenheit lasen sie sich wohl auch immer wieder die Briefe vor, die der Apostel Paulus ihnen geschrieben hatte.

Und diese Zeilen zu lesen muss für sie in einem absoluten Gegensatz gestanden haben zu dem, was sie Tag für Tag erlebten. Und wie sie sich in dieser Stadt erlebten.

Denn im Vergleich zu dem Reichtum und zu der Macht dieser Stadt war die christliche Gemeinde in Ephesus absolut bedeutungslos.

Und dann diese Zeilen von Paulus, der an diese winzige Gemeinde mit solch überschwänglichen Worten schreibt.

Was dachte sich Paulus dabei?

Ich glaube: die Antwort ist folgende: Paulus sieht die Gemeinde mit anderen Augen an! Nämlich mit den „Augen des Herzens“. Und er bittet Gott, dass er auch den Christen in Ephesus „erleuchtete Augen des Herzens“ geben möge. Paulus weiß nämlich: Mit erleuchteten Augen des Herzens kann man manchmal mehr und tiefer sehen als mit den Augen im Kopf.

Unsere menschlichen Augen sehen nur ein paar Sklaven und Handwerker – rohe, ungebildete Menschen – eine Minderheit in einer riesigen Stadt, schutzlos den Mächten und Gewalten der Welt ausgeliefert.

Die Augen des Herzens aber sehen in diesen Menschen den Leib Christi. Diese Menschen gehören zu Christus, sagen die Augen des Herzens. Und weil sie dies wissen, kann ihnen keine Macht der Welt etwas anhaben.

Unsere menschlichen Augen sehen oft nur die Fassade von dieser Welt und oft sind das ja Schreckensbilder: eine Welt, die scheinbar unaufhaltsam dem Abgrund entgegeneilt. Streit, Kriege, Krankheit, Naturkatastrophen, Klimawandel, Umweltzerstörung.

Unsere menschliche Vernunft sagt in vielen Fällen: „Das ist halt so; da kann man nichts machen!“ Die Augen des Herzens aber weigern sich aufzugeben; sie sehen diese Welt, wie Gott sie ansieht. Sie sehen tiefer, sie sehen auch im Dunklen und Schweren Gott am Werk, und sie blicken schon voraus und hoffen auf jenen Tag, an dem keine Fragen mehr offen sind und die Rätsel des Leidens und aller Tränen ihre Antwort gefunden haben werden.

Menschliche Augen sehen unsere kleine Kraft, die angeblich nur wenig zum Guten beitragen kann. Die Augen des Herzens aber sagen: Tu das, was dir möglich ist! Die Augen des Herzens wissen: Jeder noch so kleine Funken Liebe zählt und ist nicht vergeblich.

Das Geheimnis von Himmelfahrt können wir mit unserem Verstand nur zum geringen Teil erfassen.

Wir brauchen die „Augen des Herzens“ dazu. Die Fähigkeit, eine größere Wirklichkeit hinter dem Hier und Jetzt zu erkennen. Und in dieser größeren Wirklichkeit hat Jesus seit jenem ersten Himmelfahrtstag den Platz an der rechten Seite Gottes eingenommen.

Wir feiern an Himmelfahrt nicht, dass Jesus plötzlich vor den Augen der Jünger verschwunden ist, sondern dass er nun die Macht in seinen Händen hält. Himmelfahrt heißt nicht, dass Jesus weggeht und nun weit weg und hoch oben über allem schwebt, sondern – im Gegenteil – dass er nun „alles in allem erfüllt“, also allen Menschen auf ganz neue Weise viel näher ist als jemals zuvor.

Jene „Augen des Herzens“, von denen der Apostel schreibt, sind nicht gegen die Vernunft, wohl aber höher als alle unsere Vernunft, sie sehen weiter und tiefer: Sie sehen nicht das, was ist, sondern das, was man machen kann, das, was werden könnte. Und so schließe ich mich der Bitte des Apostels für uns heute an:

Er gebe euch erleuchtete Augen des Herzens,

damit ihr erkennt,

zu welcher Hoffnung ihr von ihm berufen seid

und wie reich die für euch bestimmte Herrlichkeit ist.

Unsere Stärke ist nicht die äußere Kraft und Macht, unsere Stärke liegt innen, in der Zuversicht und Hoffnung, die Welt mit den „Augen des Herzens“ anzusehen.

Menschliche Augen sehen nur unsere im Vergleich kleine Gemeinde mit oft nur geringen Mitteln und Möglichkeiten. Die Augen des Herzens aber wissen: Wir sind nicht allein. Wir gehören zu Christus. Niemand kann uns aus seiner Hand reißen. Christus ist unser Haupt. Alles hat Gott unter seine Füße getan. Sein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit.


Amen