( Predigt Joh 7,37-39) [ English Translation ] [ Abkündigungen492.49 KB ]
Liebe Gemeinde, der französische Jesuit Michel de Certeau Mitte des 20. Jh. hat davon gesprochen, dass eigentlich Himmelfahrt das Fest der Kirchengründung sei. Nicht Pfingsten.
Was bewegt ihn, das zu sagen?
Er stellt fest: erst Jesu Abwesenheit und der in den Himmel entrückte Jesus, erst die damit einhergehende Leere schaffen den Raum für Nachfolge in Jesu Geist. Erst indem Jesus weggeht, werden diese existentiellen Erfahrungen und eine neue Praxis unter den Jüngern überhaupt erst möglich.
Die Leere ist wichtig, damit sie gefüllt werden kann.
Und ich denke an Situationen in meinem Leben, wo ich das schon gespürt habe.
Wenn eine Aufgabe bewältigt ist, dann entsteht, bei aller Freude darüber, auch anschließend erst einmal eine gewisse Leere.
Wenn ein Lebensabschnitt zu Ende geht, man Abschied nehmen muss, die Kinder ausziehen, der Ruhestand eintritt, was auch immer… dann fühlt man innerlich auch eine gewisse Leere.
Und die füllt sich oft erst nach und nach mit etwas Neuem, neuen Aufgaben und Zielen.
Aber die Zwischenzeit, die Atempause ist notwendig und tut doch eigentlich auch gut.
Und so fühlt es sich auch oft an, wenn ich bete: dieses Gefühl: ich nehme mir eine Atempause und bin mir bewusst: ich stehe leer vor Gott. Nichts, gar nichts kann ich ihm bringen. Ich kann ihm nur hinpusten, was sich in mir drin aufbläht. Und ich bitte darum, dass Gott mich wieder füllt. Meine Hände füllt. Mein Leben füllt. Meine Leere ausfüllt.
Heute am Sonntag Exaudi befinden wir uns in dieser „leeren“ Zeit. Jesus ist weg. Der hl. Geist ist noch nicht ausgeschüttet über die Jüngerinnen und Jünger. Zwischenzeit.
Auspusten vor Gott.
Sich der Leere bewusst werden.
Jeder Art von Leere, die wir im Leben spüren. Sie wahrnehmen und aushalten. In einem Moment der Stille
STILLE
Liebe Gemeinde, ich nehme euch jetzt gedanklich mit zum jüdischen Laubhüttenfest. Keine Stille. Im Gegenteil. Jubel und Trubel und Ausgelassenes Feiern.
Zum Anlass bauen die Juden damals wie heute einfache Hütten aus Ästen und Laub. Sie sollen an die einfachen Behausungen der Vorfahren bei der Wüstenwanderung erinnern.
Das Laubhüttenfest ist aber auch ein Erntedankfest. Zur Zeit Jesu zeigte sich das in einer Wasserprozession, die vom Teich Siloah zum Tempel führte. Auf diese Weise dankte das Volk seinem Gott für den Ertrag der Felder und bat zugleich um den dringend notwendigen Regen.
Mit dem Teich Siloah hatte es aber noch eine besondere Bewandtnis. Er wurde von einer verborgenen Quelle gespeist, was dem Wasser eine hohe Qualität verlieh. Dieses reine, lebendige Wasser ließ sich mit der abgestandenen Brühe in Gruben und Brunnen überhaupt nicht vergleichen. Und so wurde die Bitte darum mit der Prozession Jahr für Jahr erneuert.
Jesus war heimlich nach Jerusalem gekommen, weil die jüdischen Behörden ihn schon suchten, um ihn festzunehmen. Einige Leute meinten: er ist ein guter Mensch. Andere erwiderten: nein er führt das Volk in die Irre. Jesus lehrte im Tempel und kündigte an, er würde weggehen. Seine Zuhörer verstanden ihn nicht.
Hört, was dann geschieht. Ich lese aus Joh 7,37-39
Liebe Gemeinde, wir haben uns bei text und talk versucht vorzustellen, wie das gewesen sein muss. Menschenmassen waren da unterwegs. Fröhlich. Die den Alltag versuchten hinter sich zu lassen. Einige vielleicht auch traurig in der Masse verschwindend in der Hoffnung auf schönere Tage.
Und alle schauen wie gebannt auf die Prozession, die da geschieht. Und dann ruft Jesus laut mittenhinein:
Wer Durst hast, soll zu mir kommen.
Ein Wanderprediger, umstritten, von den einen gemocht, von den anderen verfolgt, preist lebendiges Wasser an? Kann man ihm vertrauen?
Obwohl: wenn ich durstig bin, am Verdursten bin, dann trinke ich vielleicht alles.
Jesus ist es aber wichtig zu betonen: Es soll trinken, wer an mich glaubt. Es soll trinken, wer mir vertraut.
Das meint er natürlich nicht wörtlich, sondern in übertragenem Sinn. Lebendiges Wasser bedeutet erfülltes Leben.
Und Jesus verspricht dies allen, die an ihn glauben.
Ich muss nicht weit schauen. Menschen fallen mir ein, die in gewisser Weise Durst leiden. Sie leiden an der Öde und Trockenheit ihres Lebens. Auf der Suche nach erfülltem Leben.
Geht es mir vielleicht ähnlich? Dann und wann?
Jesus lädt alle Dürstenden und Sehnsuchtsvollen zu sich ein. Ohne Einschränkung, ohne Vorbedingung. Wer Durst hat, darf zu ihm kommen. Wer ihm etwas zutraut, darf sich von ihm überraschen lassen – von einem neuen Lebensgefühl – von einem neuen Geist.
Liebe Gemeinde, ich traue es dem Geist Jesu zu, dass er unser Leben verändern kann. Ebenso wie bei den vielen Menschen damals, die ihm persönlich begegneten. Ich traue es ihm zu, dass er Leben heil machen kann.
So stehen wir vor Gott heute am Sonntag Exaudi, dessen Name ein Flehen ist zu Gott. Höre, Herr, meine Stimme!
Ich puste dir alles hin, was mich unruhig macht, was mich leer macht.
Fülle du mich ganz.
Zehn Tage lang mussten die Jünger damals ausharren nach der Himmelfahrt Jesu bis ihre Leere durch den Geist von Pfingsten neu gefüllt wurde wurde. Am Pfingsttag in Jerusalem spürten sie eine nie gekannte Kraft und Freude. Der Geist Jesu schenkte ihnen neues Leben. Sie trugen ihren Geist hinaus in ihre Umgebung und steckten andere an. So erfüllte sich an ihnen das Wort Jesu: „Wer an mich glaubt, aus dessen Inneren werden Ströme lebendigen Wassers fließen.“ Die Jünger flossen in der Tat gerade zu über von Mut, Be-Geist-erung und Freude.
Mut, Begeisterung und Freude. Die Gemeinschaft der Glaubenden an Jesus Christus entsteht, wächst hinaus in alle Welt. Seit 2000 Jahren.
Da sind schon Ströme lebendigen Wassers geflossen und fließen immer wieder…
….wenn Christen sich treffen weltweit, persönlich oder im Internet.
Da werden Ströme lebendigen Wassers fließen, wo Menschen einander ansehen und die Ängste ernst nehmen.
Wo wir uns um die kümmern, die krank sind und einsam und Panikmache und Verharmlosung meiden.
Da werden Ströme lebendigen Wassers fließen. Wenn wir nicht vorschnell urteilen und verurteilen, was uns fremd ist.
Wenn wir uns für die Umwelt einsetzen und versuchen, selbst möglichst ökologisch zu leben, wenn wir uns in gesellschaftliche Fragen einmischen.
Wenn wir die Krisen- und Kriegsgebiete dieser Welt nicht vergessen und versuchen so zu helfen, wie es in unserer Kraft steht.
Da werden Ströme lebendigen Wassers fließen.
Hier und dort und immer wieder.
Der abwesende Jesus wird zum anwesenden Christus, dessen Geist durch die an ihn Glaubenden strömt und ihnen ihren Lebensdurst stillt.
Immer wieder dürfen wir uns von Jesus einladen lassen, damit unsere Kraftquellen aufgetankt werden. Hier im Gottesdienst, in der Gemeinschaft mit anderen.
Amen