2021-08-01 - 9. Sonntag nach Trinitatis - Pfarrerin Nicole Otte-Kempf

Predigt Matthäus 7,24-27) [ English Translation ] [ Abkündigungen336.51 KB ]


In Scharen kommen sie zu jenem Berg am Rande des Sees Genezareth, um Jesus zuzuhören. Ich wäre gern dabei gewesen und hätte Jesus erlebt. Er muss eine ungeheure Ausstrahlung gehabt haben. Viele waren fasziniert von ihm. Aber andere waren auch entsetzt über seine Lehre. Für oder gegen Jesus. Er war klar in seinen Worten. 

Es heißt auch im heutigen Predigttext aus dem Mt Ev im 7. Kap.: Jesus lehrte sie mit Vollmacht und nicht wie ihre Schriftgelehrten. Jesus war anders als alle ihnen bekannten Lehrer. Was er sagte, drang durch die harte Schale, die man so zum Schutz um sich herum aufbaut, hinein ins Herz. Oder es prallte an einem ab. 

So konnte Jesus eben mehr als nur das Gesetz wiedergeben, sondern zugleich den inneren Wert und das Ziel des Wortes Gottes verdeutlichen und auch selbst danach leben. 

Und das ist ja immer die Kunst: das eine ist das geschriebene Wort, aber es reicht nicht, Texte aus der Bibel auswendig aufsagen zu können und zu versuchen, sie eins zu eins unkritisch in unsere Lebenswirklichkeit zu packen. Begreift man auch, was diese Worte bedeuten und gelingt es einem, dahinter zu blicken und sie mit dem Leben damals und heute und vor allem der Liebe in Verbindung zu bringen? Denn Gott ist die Liebe. Und daran ist mein Verhalten zu messen. Immer! 

Jesus war jemand, der das tat, was er lehrte und diesen Anspruch hatte und hat er auch an die Menschen. Das war und ist immer eine Herausforderung. Damals wie heute. 

Jesus war am Ende seiner wohl bekanntesten Rede, der Bergpredigt, angekommen. Er endet so. 

Text 

Liebe Gemeinde nach den vergangenen Wochen höre ich diese Worte anders. Sofort sehe ich die Bilder von Verwüstung und Verzweiflung vor mir nach den Flutkatastrophen in einigen Orten Deutschlands. Und ich sehe die Häuser, die am Hang in das reißende Wasser stürzen und sehe, Brücken und Straßen, die einfach einbrechen, erahne, was Wasser anrichten kann. Menschen stehen vor dem Nichts. Sie trauern um ihre Toten und um ihre Vermissten. Und pure Hoffnungslosigkeit ist da und auch große Hilfsbereitschaft und kleine Zeichen der Dankbarkeit. Kleine Lichtblicke in all dem Dunkel. Zeichen der Solidarität. 

Ob diese Katastrophe oder die Waldbrände, Hitze und Dürre andernorts, nun ein Umdenken in der Klimapolitik nach sich ziehen, bleibt abzuwarten. Wissenschaftler warnen seit Jahren davor, so weiter zu machen wie bisher. 

Mir wird klar: Das Bild vom Hausbau, das Jesus gebraucht, passt in unsere Wirklichkeit hinein. Es hat an Aktualität nicht verloren. 

Häuser sind gefährdet. Mein eigenes. Und das der ganzen Welt. Denn sie ist außer Rand und Band. So empfinden es viele, voller Sorge, mit denen ich spreche. Regelrecht auf Sand gebaut! Oder gar Treibsand. Corona wütet und lässt uns nicht los. Wir trauern um Freunde und Familienangehörige. Und zudem kommt Unfriede in den Familien über all diese Fragen nach dem Impfen und wie man sich und andere schützt, die Unruhen in Südafrika vor einigen Wochen und all die Not, die für viele dadurch nur noch größer geworden ist. Viele sind hoffnungslos, wo die Politik hin will. Und auf so vielen Orten der Welt Kriege, Angst und Terror und so viele Menschen auf der Flucht und lebensunwürdige Orte. 

Es fällt uns Menschen offensichtlich schwer, die Welt zu einem für alle (Mensch und Tier) lebenswerten Ort zu machen. Aber ein Grundbedürfnis ist es doch, einen Platz zu haben, wo man sicher wohnen und leben kann. Oder irre ich mich? 

Wie können wir unserem immer bedrohten Leben Sicherheit und Stabilität verleihen? 

Jesus sagt klar und eindeutig: Hört auf das, was ich euch sage und richtet euer Leben danach aus. Bei allem, was ihr tut, habt Gottes Willen im Blick und vertraut ihm. Er wird euch die Kraft geben, die ihr braucht, wenn ihr nach seinem Willen leben wollt.“ 

Und um die Ernsthaftigkeit seiner Worte zu untermauern, erzählt er dann von eben diesen zwei Männern aus unserem Predigttext, der eine klug, der andere dumm. Entscheidend ist, dass der eine den guten, steinigen Grund für sein Haus wählte, der andere den schlechten, sandigen. Von außen betrachtet, sieht man den beiden Häusern den Unterschied nicht an. 

Kommen aber Stürme und Überschwemmungen, wird das Haus auf Fels sicherer sein als das Haus auf Sand. Es liegt, sagt Jesus, am Fundament. Wenn das Haus auf stabilem Grund gebaut ist, wird es den Unwettern trotzen können. Jesus muss es ja wissen, er war Zimmermann. 

Sein Bild geht aber noch weiter. Denn er meint damit natürlich unser „Lebenshaus“ und fragt, auf welchem Fundament wir es errichten. Was trägt einen im Leben und im Sterben? Was gibt uns Sicherheit, wenn die Stürme des Lebens uns umzuwerfen drohen? Worauf können wir uns verlassen? Was gibt einem Schutz und Geborgenheit, wenn etwas Schlimmes passiert? Große oder kleine Dinge, die in mein Lebenshaus nicht eingeplant waren und alles aus den Fugen gerät? 

Dazu braucht es … ja sicher, ein Haus, einen Rückzugsraum. Eine Sicherheit, auch eine Gemütlichkeit, dieses „hier bin ich Mensch“ als Raum der Angstfreiheit und Zuversicht. Eine Lebensgrundlage über die Grundbedürfnisse hinaus. Etwas, wie Martin Luther gesagt hat, „worin du leben und sterben kannst“. 

Jesus sagt: das einzig sichere Haus zum Wohnen ist in dir drin. Deine Haltung, deine feste Grundlage, die dich befähigt zu dem Satz: „Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich doch heute noch mein Apfelbäumchen pflanzen.“ 

Jesus sagt: Nimm dir meine Worte zu Herzen – und lebe. 

Das ist nicht immer leicht, wenn ich an solche Anweisungen in der Bergpredigt denke wie: „Wenn dich einer auf die Backe schlägt, halt ihm auch die andere hin.“ Und dass ich meine Feinde lieben soll. 

Das mutet mir Jesus aber zu, natürlich reibe ich mich an solchen Forderungen. So gesehen: hartes Brot! Aber eben Brot, von dem ich leben, an dem ich kauen kann. Dass Verzicht auf Gewalt besser ist als der Gegenschlag. Dass Vergebung größer ist als Rache. Dass es Freude macht, die Welt ein freundlicherer Ort wird, wenn einer ein bessert, wenn einer ein friedlicher Mensch ist. 

Kein Mensch ist davor geschützt, dass Schlimmes passiert, was einen fast verzweifeln lässt. 

Es geschieht, und wir müssen sehen, wie wir damit klarkommen. 

„Vertraue Gott!“, rät Jesus. Wer das tut, ist wie der kluge Mann, der sein Haus auf Fels gebaut hat. Wenn die Stürme des Lebens kommen – und das werden sie – ist es gut zu wissen, worauf ich mich verlassen kann und was mich trägt. 

Ich habe es oft erlebt, dass Menschen aus ihrem Glauben Kraft schöpfen und mit Schickalsschlägen manchmal besser umgehen können. Ich erinnere mich nur immer wieder an meine Oma, die bis ins hohe Alter trotz sehr heftiger Verluste ihr Gottvertrauen niemals verloren hat. "Der Herr hats gegeben. Der Herr hats genommen. Gelobt sei der Name des Herrn." 

Wenn wir uns an Gottes Wort halten und uns auf ihn verlassen, handeln wir klug. Selbst wenn dunkle Wolken aufziehen, selbst wenn die ganze Welt durchdreht und verrückt spielt, wird dieses Fundament nicht wanken. Denn Gott selbst ist es, der uns trägt. 


Amen