( Predigt 2.Mose 19.1-6 ) [ English Translation ] [ Abkündigungen564.51 KB ]
„Ich sehe, wie die Welt allmählich in eine Wildnis verwandelt wird. Ich höre den nahenden Donner, der auch uns vernichten wird. Ich kann das Leiden von Millionen spüren. Und dennoch glaube ich, wenn ich zum Himmel blicke, dass alles in Ordnung gehen und auch diese Grausamkeit ein Ende finden wird. Dass wieder Ruhe und Frieden einkehren werden.“— Dieses Zitat von Anne Frank spricht von greifbarer Angst und hilfloser Ohnmacht, aber auch bleibender Hoffnung und baldigen Frieden. Es spricht mich an, vorallem wenn ich auf die vergangenen Monate der Einschränkungen, Alleinsein, Verzweiflung, Angst und Panik zurückblicke. Wie gut kann ich ihre Gefühle und Ängste nachvollziehen und wie sehr bewundere ich ihre Zuversicht auf ein besseres Morgen. Dieses genannte Zitat stammt aus Anne Franks Tagebuch, eingetragen am 14. Juli 1944. Anne Frank war eine Deutschgeborene Jüdin, die im Alter von 5 Jahren mit ihrer Familie in die Niederlande auswanderte, um der Verfolgung der Nationalsozialisten zu entgehen. Zum 13.Geburtstag bekam Anne ein rot-weißes Tagebuch geschenkt. Ab Juli 1942 musste sie sich mit ihrer Familie vor den Nazis in einem Hinterhaus in Amsterdam verstecken. Ihr Tagebuch wurde zu ihrer einzigen Freundin in dem sie die Ereignisse im Hinterhaus aber auch ihre Gefühle und Gedanken festhielt. Am 4. Juli 1944 wurde das Hinterhausversteck aufgedeckt und die Familie wurde von den Nazis gefangen genommen. Anne und ihre Schwester kamen in verschiedene Durchgangslager und Gefängnisse bis nach Bergen-Belsen. Dort starb Anne Frank, im Alter vom 16 Jahren 1945 an Fleckfieber. Ihr Tagebücher aus dem Hinterhaus waren erstaunlicherweise gefunden worden und wurden von ihrem Vater, der als einziger der im Hinterhaus-Untergetauchten den Krieg überlebte, 1947 veröffentlicht.
Warum erzähle ich gerade diese Geschichte? Weil Anne Frank Jüdin war und unsere Kirche heute den Israelsonntag feiert. Und weil Anne Frank eine junge Frau war. Und morgen, am 9.August wird hier in Südafrika Women’s Day gefeiert. Während der Corona pandemie bezeichnete President Ramaphosa Diskrimination und Gewalt gegen Frauen und Kinder in unserem Land als eine 2e Pandemie. Bis zu 51% aller Frauen sind in Südafrika von dieser 2en Pandemie schwer betroffen. Häusliche Gewalt, Vergewaltigung und Diskriminierung am Arbeitsplatz zählen zu den kriminellen Verstößen gegen die Frauen unseres Landes.
Aber ich wählte Anne Frank auch noch aus einem dritten Grund. Sie war als junges Mädchen mit ihren 13 Jahren in Gefangenschaft, weggesperrt in einem Hinterhaus in Amsterdam. Ich selbst habe vor 2 Jahren dieses Haus besucht. Seine beklemmende Enge, bedrückende Dunkelheit und Mangel an frischer Luft liegen mir heute noch schwer auf dem Herzen. Unter diesen schweren Umständen schrieb sie ihre Geschichte auf, wie es ihr in ihrer Gefangenschaft im Hinterhaus erging, wie sie die Kriegssituation außerhalb ihres Verstecks erlebte, und wie sie auf Freiheit hoffte, zuversichtlich auf das Morgen blickte und dem Neuanfang entgegensah, auch wenn alles um sie herum dunkel war.
Unser Predigttext schenkt uns den Einblick in das Leben eines anderen Volkes, das nicht wie Anne Frank noch mitten in der Gefangenschaft steckte, sondern das gerade die Gefangenschaft hinter sich gebracht hatte. Es geht um das Volk Israel, dass auf der Flucht aus Ägypten, nach der sensationellen Rettung aus dem Schilfmeer, in der Wüste Sinai am Berg Horeb angekommen war. Auch dieses Volk blickte in die Zukunft, unsicher aber doch unter Moses Leitung zuversichtlich. Ich lese aus 2 Mose 19, 1-6:
Am ersten Tag des dritten Monats nach dem Auszug der Israeliten aus Ägyptenland, genau auf den Tag, kamen sie in die Wüste Sinai. Denn sie waren ausgezogen von Refidim und kamen in die Wüste Sinai und lagerten sich dort in der Wüste gegenüber dem Berge. Und Mose stieg hinauf zu Gott. Und der HERR rief ihm vom Berge zu und sprach: So sollst du sagen zu dem Hause Jakob und den Israeliten verkündigen: Ihr habt gesehen, was ich mit den Ägyptern getan habe und wie ich euch getragen habe auf Adlerflügeln und euch zu mir gebracht. Werdet ihr nun meiner Stimme gehorchen und meinen Bund halten, so sollt ihr mein Eigentum sein vor allen Völkern; denn die ganze Erde ist mein. Und ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein. Das sind die Worte, die du den Israeliten sagen sollst.
Ein wichtiges Ziel ist erreicht. Gottes Volk ist angekommen, am Gottesberg, und Gott erwartet sie bereits. Ausgesetzt an Wüstenzustände, die die meisten von uns schon mal selbst erlebt haben, warten die Israeliten gespannt auf das, was ihr Gott ihnen sagen will. Durch Mose bekommen sie die wunderbare Zusage, die Gottes Ziel und damit die ganze Zukunft des auserkorenen Volkes in 3 Versen zusammenfasst. Und wir stehen mit in dieser Tradition. Als Christen dürfen wir durch Jesus Christus Anteil haben an dieser Zusage. Vor allem jetzt in diesen schwierigen Zeiten der Pandemie, der dritten Welle die uns alle direkt oder indirekt trifft und im Bezug auf die Unruhen in unserem Land. Auch viele Menschen in unserem Land sind sprichwörtlich in einer Wüste gelandet, wo die lebenswichtigen Dinge wie Essen, Sicherheit, Familienzusammenhalt, Nachbarschaft und viel mehr einfach nicht vorhanden sind, wo der Ausweg und unsere Zukunftshoffnung noch nicht mal ein kleiner Punkt am Horizont sind. Und trotzdem, auch in dieser Wüste unseres Leben, schenkt Gott uns diese Worte, die uns Mut machen sollen weil wir uns getragen wissen, weil wir Richtlinien empfangen wie wir als Gotteskinder leben sollen, und weil wir durch Gottes Gnade die Verantwortung übernehmen können, sein Reich zu verkünden und damit wir in eine hoffnungsvolle Zukunft blicken dürfen.
Einige Frauen aus unserer Gemeinde unterstreichen diese drei Verse mit ihren Gedanken.
1. Vers 1 „Ihr habt gesehen, was ich mit den Ägyptern getan habe und wie ich euch getragen habe auf Adlerflügeln und euch zu mir gebracht.“
(Video-einlage: 1.Daniela (1,11min) 2.Petra (1,23min))
Ich stelle mir diese Adlerflügel vor: wie der Adler sie über seine Jungen breitet. Wenn eines zu schwach ist selbst den Abflug zu wagen, nimmt der große mächtige Vogel es auf und trägt es solange auf seinen starken Flügeln bis es selbst den Flug schaffen kann. Was heißt das für mich? Auf Adlerflügeln getragen zu werden heißt für mich, ganz auf Gottes Fürsorge vertrauen zu dürfen, in guten Zeiten wenn ich in der Höhe kreisen, und in Zeiten wenn es mir nicht so gut geht, wenn ich am Abstürzen bin, denn auch dann fängt Gott mich wieder auf und lässt mich nicht allein. Diese Sicherheit und Hoffnung ist Gottes Verheißung für sein Volk.
2. Der 2.Vers: „Werdet ihr nun meiner Stimme gehorchen und meinen Bund halten, so sollt ihr mein Eigentum sein vor allen Völkern; denn die ganze Erde ist mein.“
(Video-einlage: 3. Ingrid (1,16min), 4. Astrid (1,36min))
(Ingrid hat eine Tonaufnahme geschickt und 3 Photos die dazu benutzt werden können)
Der Israelsonntag bietet die Gelegenheit gemeinsam mit dem Volk Israel an Gottes verlässliche Zusage, dass sie sein Eigentum sind, zu denken, sie zu feiern und dankbar darüber zu sein, denn in ihr liegt die Wurzel seiner bedingungslosen Zusage auch für uns, für die Christenheit. Wir leben in einer Gemeinschaft miteinander und es liegt an jedem von uns unsere Einstellung dazu zu betrachten und falls nötig auch zu ändern. Es besteht leider immer noch Uneinigkeit, Neid oder Hass zwischen Völkern oder Bevölkerungsgruppen, sei es in Israel, in Deutschland, in Südafrika oder sonstwo in der Welt. Gottes Zusage versichert uns, dass er alle seine Völker liebt, und das er mit uns geht, auch in diesen schweren Zeiten. Und gerade deshalb, gerade wegen seiner bedingunslosen Liebe, sind wir beauftragt, Gottes Wort zu halten und ihm gehorsam sein, damit wir unserem Nächsten Gottes Gnade, Vergebung und Liebe entgegenbringen können und sie für sein Königreich gewinnen können.
3. Und zum Schluss der 3.Vers „Und ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein.“
(Videoeinlange 5. Renate (1,17min), 6. Marit (1,25min))
Alle Völker der Erde sollen erfahren, was dem Volk Israels damals zugesagt wurde: Gott hatte seine Macht und Fürsorge gezeigt und dem Volk offenbart, dass auch sie allen Völkern seine Macht, Güte und Liebe bezeugen konnten.
Wie leicht vergessen wir in Zeiten wenn es uns gut geht den Auftrag Jesu „Machet zu Jüngern alle Völker“. Wie leicht beten wir nur dann, wenn wir in Not sind. Wie leicht packen wir Gott in die Kirchenwände am Sonntag aber sonst kommt sein Name in unserem Vokabular nicht vor. Wäre es nicht gut, wenn wir diese Krisenzeiten dazu nutzen täglich mit Gott ins Gespräch zu kommen und sein Wort in die Welt zu tragen. Nur so können wir die Krisen bewältigen. Nur so können wir einen Neuanfang machen und nur so können wir Frieden schließen unter den Völkern, unter den Nachbarn und in der Familie.
Im Mittelpunkt von allem, was in diesem Text gesagt wurde, ist der HERR. Jahwe. Der da ist, der bei uns ist. Von ihm ging damals in der Wüste die klare Zielsetzung hervor. Wir als Erben dieser Zielsetzung haben den Auftrag, bewusst an seinem Königreich zu arbeiten. Wir tragen Verantwortung für die Welt. Damit wir auch hier schon spüren, dass Gottes Reich und damit Frieden Wirklichkeit wird.
Auch Anne Frank wünschte sich die heile Welt. Am 6 Juli 1944 schrieb sie in ihr Tagebuch:
„Wie schön und gut würden alle Menschen sein, wenn sie sich jeden Abend vor dem Einschlafen die Ereignisse des ganzen Tages vor Augen führten und überlegten, was gut und was schlecht gewesen ist.“
Denn wenn das geschieht, kann man daraus auch Konsequenzen für den morgigen Tag ziehen und versuchen, besser zu machen, was mir heute noch nicht gelungen ist.
Amen
Und der Friede Gottes, der alle Vernunft übersteigt, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, Amen.
Amen