2021-08-15 - 11. Sonntag nach Trinitatis - Pfarrerin Nicole Otte-Kempf

Predigt Eph 2,4-10 ) [ English Translation ] [ Abkündigungen403.76 KB ]


„Da muss doch noch Leben ins Leben“.

An Tagen, die einfach so dahin plätschern. Oder ich einem Termin nach dem anderen hinterher jage. Wenn es anstrengend ist und nichts ohne Hetze und Mühe geht. Oder in Zeiten, wo gar nichts geht aus eigener Kraft. Alles in mir still steht.

„Da muss doch noch Leben ins Leben.“

Singt der alte Liedermacher und Lyriker Wolf Biermann. An ihn erinnere ich gerne am Ende einer Woche, wo sich der Mauerbau zwischen Ost- und Westdeutschland zum 60. Mal jährt. Wo Menschen und Familien auseinandergerissen wurden für fast 30 Jahre.

Wolf Biermann gilt als scharfer Kritiker der SED und der DDR. Seine Gedichtbände zählen zu den meistverkauften der dt. Nachkriegsliteratur und wurde mit vielen Preisen ausgezeichnet.

„Da muss doch noch Leben ins Leben“. Und Wolf Biermann singt vom Alltag, von Überstunden und abends vor der Glotze sitzen und das Paradies anschauen. vom Schaffen und Raffen und Husten und Hast. Soll es das gewesen sein?

Wolf Biermann singt von dem Wunsch, lebendig zu sein.

Im Brief an die Gemeinde in Ephesus im Predigttext für heute finden sich Zeilen, die auch von Lebendigkeit erzählen. Und das hört sich hier so an.

Text

Liebe Gemeinde, Gott ist barmherzig und voller Liebe zu uns. Und er hat uns lebendig gemacht mit Christus. Das ist für mich der Vorsatz von allen folgenden Versen. Das ist für mich die Botschaft.  

Und wenn ich es mir recht überlege, das ist für mich die Botschaft des christlichen Glaubens überhaupt. Lebendig gemacht. Im Leben. Im Tod.

In das Lied Biermanns übersetzt und seine Liedzeile leicht abgewandelt, ist der Vorsatz ein Zuspruch. Und er ist ein Versprechen: Dann heißt es nicht: da muss doch noch Leben ins Leben, sondern es heißt: Da kommt doch noch Leben ins Leben.

Wie das geschieht? Wo das geschieht?

es geschieht durch Berührung und Angerührt werden.

So wie diejenigen, von denen in der Bibel erzählt wird, dass sie durch Berührungen wieder hören, beten und sprechen, sich wieder bewegen und gehen können.

Da kommt doch noch Leben ins Leben.

Wie das geschieht? Wo das geschieht?

Wenn jemand aufgerichtet wird. So wie die gekrümmte Frau, die nicht mehr nur auf den Boden und ihr Füße starren muss, sondern deren Blick sich hebt, die aufrecht steht, von Angesicht zu Angesicht und in die Weite schauen kann.

Da kommt doch noch Leben ins Leben.

Wie das geschieht? Wo das geschieht?

Wenn wir wieder gemeinschaftlich zusammen sind und etwas miteinander teilen – Essen, Gedanken, Gefühle, Versprechen.

Da kommt doch noch Leben ins Leben.

Wie das geschieht? Wo das geschieht?

Wenn ich mich zurückziehen kann. Auf den Berg, in die Natur, raus aus der Menge und dem Alltagsstress. Wo es gelingt, einen Rückzugsort zu finden bei sich und in sich.

Da kommt doch noch Leben ins Leben.

Verkümmertes richtet sich wieder auf. Totes kann wieder auferstehen.

Ein tiefer Atemzug.

…Da kommt Leben ins Leben. Damals in der Gegenwart Jesu haben Menschen das gespürt. So wie hier und heute auch. Und das, liebe Gemeinde, ist ein Geschenk. Es kommt mir zugute, ohne dass ich dafür etwas tun müsste oder tun kann.

Und auch wenn manche meinen, zuerst wäre meine Leistung als christlicher Mensch gefragt und ich müsse Regeln befolgen. Jesus wendet sich denen zu, die nichts zu bringen haben. Die Fehler gemacht haben und sich ihrer Schwäche bewusst sind.

Tu dies und mach das.

Wenn man Menschen unter Druck setzt oder sie gar bedroht und hinter Mauern einsperrt, dann entspricht das nicht dem Willen Gottes.  

Unser Gott ist ein Gott der Freiheit und er steht für Lebendigkeit. Der Auszug aus Ägypten hat Israel gezeigt: Gott will, dass alle befreit leben und bleiben können. Damit Leben ins Leben kommt.

Es ist ein Geschenk unseres Gottes Jahwe. Ich bin bei euch. Ich gehe mit euch. Im Leben und im Sterben. Ich gehe mit dir mit.

Dieser Zuspruch gilt mir. Bekräftigt in meiner Taufe. Das Fest des Lebens schlechthin.

Ganz gleich wie es mir gerade geht und wie leer ich mich manchmal fühle. Ich bin in Gottes Hand und da darf ich ich sein und glücklich sein. Gott meint es gut mit mir. Neben all dem Alltäglichen, was geschieht, was wir leisten müssen, gibt es in unserem Leben die Freundlichkeit Gottes, das, was die Bibel mit Gnade bezeichnet. Wir dürfen unter Gottes Schutz und Segen leben. Ich muss nichts leisten. Kein Gewinner sein. Ich bin von Gott geliebt. Er schaut weder auf Leistung, noch Gewinnmaximierung. Errungenschaften wie „Mein Haus, mein Auto, mein Boot“ zählen vor Gott nichts. So wie ich bin, bin ich gut. Kind Gottes. Unfertig und unendlich geliebt. Einfach so. Und unverdient.

Und je mehr ich das fühle, desto mehr Leben kommt in mein Leben. Ganz von selbst. Ohne mein Zutun. Da merke ich, wie meine Lunge voll wird mit der frischen Luft, die Gott mir gibt. Atem des Lebens. Lebensodem.

Geschenk Gottes ist das, wenn ich erkenne:

(Vers 10)

Solch ein Zuspruch bringt Leben in mein Leben.

Und ich möchte, dass andere auch das erfahren.

Ich bin vorbereitet, um gut zu sein zu anderen. Das ist lebenslange Übung und Aufgabe. Ich weiß, dass es mir nicht immer gelingt. Das weiß ich als Geschöpf Gottes. Es kommt mir immer wieder was dazwischen: wenn ich mich doch besser fühle als die anderen und auf sie herabsehe, wenn ich mein Licht unter den Scheffel stelle und nichts tue, wo ich helfen sollte. Und noch vieles mehr.

Das nennt man dann Sünde. Sünde hemmt immer wieder daran, am Leben teil zu haben so wie Gott es will. Sünde macht auch Leben kaputt. Und sie kommt uns immer wieder in die Quere und sie ist einfach nicht rauszukriegen aus der Welt.

Im Großen nicht und im Kleinen auch nicht.

Jesus kam in die Welt für uns, damit wir gemeinsam als Kinder der Liebe und himmlische Mitmenschen wirken. Jesus kam in die Welt, die Sünde zu tragen, weg zu tragen. Uns weiterzutragen, wenn es uns mühsam ist, einen Schritt vor den anderen zu setzen.

Das ist Gottes Gnade: sein Werk zu sein und seinen Willen zu tun.

Und Gott macht es uns vor und hat es längst für uns gemacht. Er hat mit uns gelebt, gelitten, geliebt und gestritten. Hat Höhen und Tiefen, Freude und Sünde durchgemacht und ist schließlich daran gestorben. Und wieder lebendig geworden und geht als der Auferstandene mit uns. Und mein Leben kommt neu zu mir, immer wieder neu, wenn ich mich sehe, wie er mich sieht.

Wenn andere mich so ansehen, wie er. Gerade in den Zeiten, die schwer für mich sind.

Und wenn ich die anderen auch so ansehe, wie er. Unverdient.

Da kommt doch noch Leben ins Leben. Immer wieder. Immer neu.

Geschaffen, geliebt und bestimmt zum guten Miteinander. 

Ich will noch ein bißchen was Blaues sehen
Und will noch ein paar eckige Runden drehen

So endet der Liedermacher Wolf Biermann.

So ende auch ich für heute.

Lebendig. Hoffnungsvoll. Kreativ. Bestimmt zum Guten.


Amen