2021-08-22 - 12. Sonntag nach Trinitatis - Pfarrerin Nicole Otte-Kempf

Predigt MK 7,31-37 ) [ English Translation ] [ Abkündigungen535.35 KB ]


Taub zu sein, liebe Gemeinde, kann mehrere Ursachen haben

Ich bin entweder taub, weil es eine medizinische Ursache gibt

Oder Ich bin taub, weil die Aufmerksamkeit woanders ist

Und Ich bin taub, weil ich nicht hören will.

Die Worte, die ein anderer zu mir sagt, kommen nicht an. Eine Verständigung untereinander ist so nicht möglich.

Manchmal braucht es mehr als nur Worte. Das beste Beispiel dafür ist Saulus, einst ein Verfolger der Christen. Taub für die Gute Nachricht über Jesus Christus.

Manchmal, da braucht es noch andere Zeichen. Ein Licht vom Himmel blendet Saulus, woraufhin er nichts mehr sehen kann. Körperlich geschieht an ihm das, was er innerlich schon ist: blind für Jesus. Ein Bote Jesu legt ihm die Hände auf, sodass er sehend wird und vom Hl. Geist erfüllt. Sieht und noch tiefer sieht, als das, was vor Augen ist.

Saulus, der zu Paulus wird, ist ein Beispiel dafür: Gott verändert einen Menschen.

Ein weiteres Beispiel begegnet uns im Predigttext für heute.


Die Heilung eines Tauben

31 Und als er wieder fortging aus dem Gebiet von Tyrus, kam er durch Sidon an das Galiläische Meer, mitten in das Gebiet der Zehn Städte.

32 Und sie brachten zu ihm einen, der taub war und stammelte, und baten ihn, dass er ihm die Hand auflege.

33 Und er nahm ihn aus der Menge beiseite und legte ihm die Finger in die Ohren und spuckte aus und berührte seine Zunge

34 und sah auf zum Himmel und seufzte und sprach zu ihm: Hefata!, das heißt: Tu dich auf!

35 Und sogleich taten sich seine Ohren auf, und die Fessel seiner Zunge wurde gelöst, und er redete richtig.

36 Und er gebot ihnen, sie sollten's niemandem sagen. Je mehr er's ihnen aber verbot, desto mehr breiteten sie es aus.

37 Und sie wunderten sich über die Maßen und sprachen: Er hat alles wohl gemacht; die Tauben macht er hören und die Sprachlosen reden.


Glaubst du an Wunder? Diese Frage steht im Raum, wenn ich in der Schule von Jesus erzähle. Wie er Menschen geheilt hat, über das Wasser lief, Wasser zu Wein machte. 

Wie heißt es so schön in einem Lied: Wunder geschehn, ich habs gesehn. Es gibt so vieles, was wir nicht verstehn.

Liebe Gemeinde, so ist es doch.

Wunder sind zum Wundern da, nicht zum Verstehen. Sie sind nicht logisch zu erklären und ereignen sich doch. Immer mal wieder, ohne dass wir das beeinflussen könnten. Sie brechen ein in die Wirklichkeit, sind nicht berechenbar.

Sicher, wie oft wünschte ich mir, dass ein Wunder geschehen möge. Im Blick auf mein eigenes Leben oder das meiner Familie. Wenn ich die schlimmen Nachrichten sehe aus Afghanistan, die Waldbrände, Flut und Erdbeben. Aber es geschieht nicht. Aber nur, weil ich es nicht erlebe, so, wie ich es erwarte, heißt es nicht, dass es sie nicht gibt.

Hört, wie der Taubstumme sein persönliches Wunder erlebt hat.


Ich komme aus dem Gebiet der 10 Städte. Heidnisches Land ist das. Ich konnte nicht hören und kaum sprechen, nur stammeln und komische Laute von mir geben. Es war schwer für mich, weil andere mir natürlich aus dem Weg gingen. Das Menschlichste , die Fähigkeit mit auszudrücken und von anderen gehört zu werden, war mir nicht möglich. Ich war oft für mich allein, in meinen eigenen Gedanken unterwegs. „Irgendwas muss er ja verbrochen haben, dass er diese Strafe erhalten hatte bei seiner Geburt – oder vielleicht seine Eltern? Verachtet von Gott – und deshalb auch von den Menschen. So lebte ich mit anderen Außenseitern am Stadtrand und bettelte. Was blieb mir sonst anderes übrig? Wenn Du Dich nicht verständigen kannst, dann hast du es schwer. Ungesehen, ungeliebt, unumsorgt war ich ohne eine Ahnung, warum ich überhaupt auf der Welt war. Bis Jesus kam. Was ich natürlich nicht hörte. Aber einige andere Leute dachten an mich und brachten mich zu Jesus und baten ihn, dass er mir die Hand auflege. Ganz ehrlich: Die haben mir das Leben gerettet, denk ich jetzt im Nachhinein. Und was für ein Vertrauen die in Jesus hatten. Die wussten: wenn einer heil machen kann, dann ist er es.

Mein eigener Glaube spielte da überhaupt keine Rolle.

Ihr müsst euch vorstellen, da war eine Menschenmenge versammelt. Und Jesus wendete sich mir zu. Sah mich an und nahm mich beiseite. Nur er und ich. Für andere Augen nicht sichtbar, was jetzt geschah.

Es tat fast weh, so heftig drückt er mir in die Ohren, so als sollten sie sich öffnen, er spuckte aus, so als wolle er zeigen, wie sehr er die bösen Mächte, die die Welt quälen und kaputt machen, verabscheut. Und dann berührte er meine Zunge.

Jesus sah zum Himmel. Es war mir klar, dass er Gottes Hilfe sucht, mit ihm im Gespräch ist und er seufzte schließlich.

Ja, so wie ich auch. Ein Stammeln, ein Seufzen „Hephata“ „tu dich auf“.

Und was soll ich euch sagen: meine Ohren öffneten sich und meine Zunge wurde befreit und ich konnte richtig reden. Mich der Welt endlich mitteilen. Ich war nicht länger Außenseiter, sondern endlich ein Teil der Gemeinschaft.


 Liebe Gemeinde, sie wunderten sich über die Maßen heißt es im Bibeltext. Das, was passiert war, ließ sich nämlich nicht einordnen in das, was die Leute erwartet hatten. Es hinterlässt Irritation, löst Erstaunen aus. Und so ist der Moment des Staunens und Erschreckens bei Wundererzählungen jeweils zentral.

Und wir, wir sollen uns selbst einordnen. Wie stehe ich zu dem, was sich nicht rational erklären lässt und doch geschieht. Sich zu wundern, hat produktive Funktion. Es kann zur Erkenntnis führen: Gott hat alles wohl gemacht; die Tauben macht er hören und die Sprachlosen reden

Weil er barmherzig ist.

Und er schickt Jesus seinen Sohn, der Heiland ist, nicht nur des inneren Menschen, sondern auch der heilende Arzt für leibliche Krankheiten. Und wir wissen, denke ich, wie sehr Leib und Seele zusammenhängen. Wer körperlich krank ist, muss auf seine Seele achten. Und wer seelisch krank ist, kann auch körperlich erkranken. Glaubenserfahrungen sind oft auch körperliche Erfahrungen

Jesus heilt, indem er berührt

Ja, ich glaube, dass Gott Wunder wirkt.

Jesus zeigt mit seinem Leben in Wort und Tat, dass Gottes Reich kommt.

Es ist schon da, hier und da können wir es sehen.

Aber es steht auch noch aus.

Menschen wenden sich einander zu, verstehen sich, hören und reden. Sehen und sehen tiefer. Und wo es gelingt, finden wir den Vorgeschmack dessen, was uns verheißen ist: Verbundenheit mit ihm, Heil und Heilung in Ewigkeit.


Amen