( Predigt Lukas 17,5+6 ) [ English Translation ] [ Abkündigungen687.68 KB ]
5 „Die Apostel sprachen zu dem Herrn: stärke uns den Glauben!“
Eine eindringliche Bitte hören wir hier, einhellig formuliert von Jesu engsten Begleitern, die Lukas, der Evangelist und Geschichtsschreiber, Apostel nennt.
Ausgesprochen wird sie irgendwo auf dem langen Weg von Galiläa nach Jerusalem. Je näher das Ziel kommt, desto dichter werden die Themen. Vieles ist ihnen auf ihrem Weg schon begegnet. Manche beeindruckende Rede ihres Meisters haben sie gehört. Immer wieder macht Jesus seinen Jüngern und allen, die zuhören deutlich, dass ihm nachzufolgen und nach seinen Grundsätzen zu leben kein Spaziergang ist, sondern ein harter Weg werden kann. „Sorget nicht!“ – sagt Jesus! Ihr könnt euch nicht auf alles vorbereiten, was kommt. Vieles im Leben können wir nicht planen, das Reich Gottes bleibt unvorhersehbar!
Doch Jesus hält doch immer Heilsames bereit: Er sucht das Verlorene und warnt vor der Abhängigkeit von irdischen Reichtümern. Aufrichtige Freundlichkeit und Barmherzigkeit legt Jesus den Menschen nahe.
Das alles haben die Apostel gehört bis hierher. Der Weg ist nicht leicht. Das braucht Kraft, nicht nur in den Beinen. Das haben sie verstanden.
Ich stelle mir vor, sie machen gerade Rast von den Strapazen des Weges und den vielen Eindrücken, froh, eine Weile im Schatten eines Baumes Zuflucht zu finden. Und da – während die Gedanken über alles Erlebte vorbeiziehen – sagen sie: „Stärke uns den Glauben“.
Eine beeindruckende Bitte, die die Jünger hier, wie aus einem Munde, zu formulieren scheinen. Gib uns mehr davon, mehr vom Glauben, wir können es brauchen!
6 „Der Herr aber sprach: Wenn ihr Glauben hättet wie ein Senfkorn, würdet ihr zu diesem Maulbeerbaum sagen: Reiß dich aus und verpflanze dich ins Meer!, und er würde euch gehorsam sein.“
Die Jünger haben sicher gestutzt bei dem seltsamen Bild und erhofft hatten sie sich sicher etwas anderes. Sie, die doch so nah an Jesus dran waren.
Ob Jesu Zuhörende irritiert den Kopf geschüttelt oder geschmunzelt haben? Ob sie vielleicht laut gelacht haben bei der Vorstellung des fliegenden Baumes? – Wir wissen es nicht. Aber ich stelle mir vor, dass mit dieser komischen Antwort etwas in Bewegung gekommen ist in den Jüngern, die sich doch so sehr einen unerschütterlichen und bärenstarken Glauben wünschten. Und wer wünscht sich den nicht. Denn so unerschütterlich ist der eigene Glaube dann doch nicht immer.
Einen Glauben wie Mutter Teresa müsste man haben, die sich berufen sah, Armen und Kranken in Kalkutta beizustehen, oder wie Paul Gerhardt, der inmitten von Krieg und Not so glaubensstarke und tröstliche Lieder schrieb. Oder Dietrich Bonhoeffer, der in der Bekennenden Kirche gegen den Nationalsozialismus kämpfte und diesen Einsatz mit dem Leben bezahlte. Die Jünger Jesu haben vielleicht an Abraham gedacht, der, trotz aller biologischen Unmöglichkeiten, die Sache mit den Sternen und der Zahl seiner Nachkommen glauben konnte.
Aber Jesus sagt den Jüngern nicht: Glaubt wie Abraham, macht etwas Tolles wie Mose oder seid so mutig wie David gegen Goliath! Nein, stattdessen lässt er einen Baum durch die Luft schweben, der all‘ unsere Wunschvorstellungen davonfliegen lässt. Alles Eindrückliche und Großartige, das man dem Glauben andichten könnte, wird mal eben im Meer versenkt.
Nein, ihr braucht keinen größeren oder stärkeren oder besseren Glauben!
Der Glaube funktioniert nicht mit Krafttraining und einer Messlatte, an der wir uns hocharbeiten können. Mit einem Glaubenswettkampf oder Glaubensstress kommen wir nicht weiter.
Ich kann mir gut vorstellen, dass sich die Jünger ziemlich unter Druck gesetzt fühlten, nach allem, was Jesus geredet hatte, bei aller Selbstgerechtigkeit, der sie bisher begegnet waren und allen Zweifeln, die einem auf allzu langen Wegen kommen können. Immer wieder begegnen einem solche Vorstellungen von Menschen, ob zu wenig Glaube daran schuld sei an dieser Corona Pandemie oder an einer Krankheit überhaupt. Ob man nicht einfach mehr glauben müsste und nach außen strahlen, dann würden die Menschen in Massen in die Kirche rennen.
Aber, liebe Gemeinde, und das ist jetzt wichtig: es geht im Glauben nicht um unsere Leistung!
Vielleicht ist es gut, sich bewusst zu machen, dass aus den Tagebüchern der Mutter Teresa ihre ganz schweren Zeiten des Zweifels an Gott bekannt sind und Dietrich Bonhoeffer neben „Von guten Mächten wunderbar geborgen“ auch immer wieder dem Zweifel in seinen Texten Ausdruck gab mit Worten wie: „Wer bin ich – Suchendes Fragen treibt mit mir Spott“.
Auch bei den „ganz Großen“ gehört der Kleinglaube dazu.
Gott hat keinen Glaubenswettkampf ausgerufen und schickt uns auch keinen Virus als Glaubensprüfung. Vielmehr geht es um unsere Bereitschaft zu vertrauen.
Erzwingen lässt sich das aber nicht. Üben kann man es vielleicht und dabei am ehesten von kleinen Kindern lernen, die sich anvertrauen, ohne groß darüber nachzudenken. Um ein solches Vertrauen geht es: aufrichtig und echt – egal ob groß oder klein!
Wir brauchen keinen großen Glauben, sondern den Glauben an einen großen Gott. Wer sich also zu viel um seinen Glauben kümmert, verliert leicht den aus dem Blick, dem der Glaube gilt, nämlich Gott! Und dem ist nichts unmöglich.
Ich könnte mir vorstellen, Gott freut sich über jeden klitzekleinen Glauben, – wenn er nur den lebendigen Kern des Samenkorns in sich trägt! Der kann und wird wachsen zu seiner Zeit und sich zu dem entfalten, was er werden soll. Dann darf kommen, was kommt.
Das, was kommt, können auch schmerzliche Erfahrungen sein, wie es sie auch in den Leben mancher „Glaubensheldinnen“, mancher „Glaubenshelden“ gegeben hat.
Es macht nichts, wenn der Glaube sich klein anfühlt in solchen Zeiten, aber es ist unendlich wertvoll, wenn er ausreicht, darauf zu vertrauen, dass Gott nichts zu klein und nichts zu groß ist und dass Gott seine Menschen liebt – dich und mich – und nicht ohne uns sein will. Die Aufgaben, die uns das Leben zumutet oder noch zumuten wird – wir kennen sie nicht. Mögen sie sich im Alltäglichen erschöpfen oder Herkulesaufgaben sein – wenn wir sie nur angehen im senfkornartigen Vertrauen auf den lebendigen Gott. Ob uns dann Kraft zuwächst zum „Bäume ausreißen“ oder doch lieber, um neue zu pflanzen – das wird sich zeigen.
Amen