( Predigt Jesaja 38,9-20 ) [ English Translation ] [ Abkündigungen682.92 KB ]
„Es tut mir sehr leid, ich kann Ihnen nur wenig Hoffnung machen“, sagt der Arzt am Krankenbett. „Sie werden sehr wahrscheinlich nicht wieder gesund.“
So eine Nachricht zu überbringen, das stelle ich mir als das Schwerste im Berufsleben eines Arztes oder einer Ärztin vor.
Im biblischen Text, den wir in der Lesung gehört haben, ist es König Hiskia, der diese Prognose erhält. Hiskia lebte am Ende des 8. vorchristlichen Jahrhunderts in Jerusalem. Fast 30 Jahre lang war er König von Juda. Den biblischen Berichten war er fromm und gottesfürchtig. Er setzte sich dafür ein, dass in seinem Land nur ein Gott, der Gott Israels, verehrt wurde. Kurz gesagt: Hiskia war einer von den Guten. Aber ein Leben im Einklang mit Gott zu führen, war und ist keine Garantie für Gesundheit. Diese Erfahrung muss Hiskia machen, als er eines Tages schwer erkrankt. So schwer, dass am Ende nur das Schlimmste zu befürchten ist. Mit vierzig. In der Mitte oder besser: auf der Höhe seines Lebens.
Das hilft ihm nun nicht. Auch ein junges oder relativ junges Alter ist kein Garant dafür, dass man gesund bleibt.
Hiskia ist krank, und seine Krankheit kann nicht aufgehalten werden. Sie schreitet immer weiter fort. Seine Kräfte schwinden von Tag zu Tag. Bis nichts mehr geht. Bis aus seinem Krankenlager ein Sterbebett wird. Bis am Ende sein Leben am seidenen Faden hängt. „Ich habe mein Leben zu Ende gewebt wie ein Weber“, schreibt Hiskia in seinem sehr offenen und persönlichen Rückblick. „Er schneidet mich vom Faden ab!“ Gemeint ist damit der letzte Faden, der abgeschnitten wird, wenn ein Tuch fertig gewebt ist. Er ist die letzte Verbindung zum Webstuhl. Wird dieser letzte Faden abgetrennt, kann das Tuch nicht mehr weitergewebt werden. Kein Faden kommt mehr dazu. So glaubt Hiskia, am Ende seines Lebens zu sein.
Dabei hat er offenbar große Schmerzen. Völlig zerschlagen kann er am Ende nicht einmal mehr schreien oder rufen. Entkräftet klingt seine Stimme wie das „Zwitschern einer Schwalbe oder das Gurren einer Taube.“ (V. 14) Nur noch mit seinen Augen kann er flehen und um Hilfe bitten.
Wer in seinem Leben einmal Sterbende begleitet hat, weiß, wovon Hiskia schreibt. Von den Schmerzen am ganzen Körper, vom gurgelnden Röcheln, von flehenden Augen.
Die richtet Hiskia sehnsüchtig in den Himmel. „Herr, ich leide Not. Tritt für mich ein. … Lass mich Leben!“ (V. 14.16) beten seine Augen. Dabei weiß er, dass Gott allein der ist, der ihm jetzt noch helfen kann. Er ist seine letzte Hoffnung. Gott allein ist Herr über Krankheit und Heilung. Krankheit war und ist ein Ort der Begegnung mit Gott.
Daran hat sich bis heute nichts geändert. Wir wissen uns bis heute geworfen auf Gott als den, der Leben schenkt und gewährt – oder nicht. Gott lässt sich nicht in die Karten schauen.
Dabei wird Hiskia die körperliche Not Anlass, über sein Leben nachzudenken. Er erinnert sich an seinen Lebensweg. An Gelungenes, aber auch an Verfehlungen und Sünden. Sucht er vielleicht auch darin den Grund für seine Situation? Hat er seine schwere Erkrankung selbst verschuldet? Hat er Schuld auf sich geladen, für die er jetzt bestraft wird?
Weder das Alte noch das Neue Testament kennt eine automatische Verbindung von Schuld und Krankheit. Und auch bei Hiskia wird diese Verbindung nicht hergestellt. Hiskia ist nicht schwer erkrankt und liegt nicht im Sterben, weil er Fehler gemacht hätte oder weil er mit Gott nicht im Reinen wäre. Im Gegenteil. Hiskia vertraut auch im Sterben auf Gott, der vergibt und liebt und rettet. Er weiß: „Du wirfst alle meine Sünden hinter dich!“ (V. 17) Im Sterben weiß sich Hiskia mit Gott im Reinen. Er kann abtreten ohne offene Rechnungen. Ohne ein geplagtes Gewissen. Gott selbst hat das hinter sich geworfen, was seine Gottesbeziehung stören könnte.
So hat Hiskia mit allem abgeschlossen. Er fühlt sich an der Schwelle zum Totenreich und erwartet seinen Tod. „Hinabgestiegen in das Reich des Todes“, bekennen wir bis heute im apostolischen Glaubensbekenntnis. Leben heißt: zu Gott ein Verhältnis haben. Tod bedeutet Verhältnislosigkeit und Getrenntsein von Gott. In der Totenwelt findet das Lob Gottes keinen Raum mehr. „Nur die Lebenden können dich loben!“ (V. 19), weiß Hiskia.
Ob er Gott damit überzeugen will, dass er ihn im Reich der Toten nicht mehr wird loben können?
Und zugleich ist Hiskia völlig verzweifelt. Es ist ein allerletzter Strohhalm, an den sich Hiskia klammert. Ob Gott sich damit hat umstimmen lassen? Wir wissen es nicht. Was wir aber wissen ist: Hiskia ist nicht gestorben! In allerletzter Sekunde, als alles zu Ende schien, wird Hiskia auf wundersame Weise geheilt. Gott erhört sein Gebet, sein Flehen und sein Bitten. Gott schenkt Hiskia 15 weitere Lebensjahre.
Nicht nur Hiskia war überrascht. Sie erregte nationale und internationale Aufmerksamkeit. Und dass wir nach mehreren Jahrtausenden noch von seiner Krankheit und seiner Heilung reden, zeigt, dass hier etwas Seltenes, Besonderes geschehen ist. Bis heute. Denn: Ja, auch heute gibt es diese seltenen Momente der wundersamen Heilung. Dass Menschen vom Sterbebett wieder aufstehen und ins Leben zurückkehren. Dass Gott gegen alle medizinischen Wahrscheinlichkeiten auf wundersame Weise Leben erhält. Immer ist und bleibt da Hoffnung. Ich darf mit Hiskia hoffen, dass Gott Wunder tun kann. Dass er Möglichkeiten hat, die meine Vorstellungskraft, mein Denken und Tun übersteigen.
Damals jedenfalls hat Gott Hiskia es geschenkt, gesund zu werden. Sein Leben weiter zu weben. Und Hiskia kann sein Glück kaum fassen. Er weiß genau, wem er das zu verdanken hat. „Der Herr hat mir geholfen!“ (V. 20), singt er am Ende seines Gebets. Er will Gott dafür danken, ihm „singen und spielen, solange wir leben im Hause des Herrn“. (V. 20)
Heute lädt Hiskia uns ein, in seinen Lobpreis einzustimmen. Sich mit ihm zu freuen und Gott zu danken für das Leben, das er ihm geschenkt hat. Es ist ein Loblied auf das Leben. Wir sollten es jeden Tag singen. Auf Gott, der mir Leben schenkt. Vielleicht ist es so, dass man diesen Wert erst richtig schätzen lernt, wenn man Krankheiten durchgestanden hat, Therapien überwunden, Beistand erfahren, Gottes Nähe gespürt hat.
Dankbar sein für jeden Tag, den er mir schenkt. Den ich gesund erleben darf. Das ist alles andere als selbstverständlich!
Trotzdem werden Ärztinnen und Ärzte immer wieder in der Situation stehen, Patienten eine traurige Diagnose überbringen zu müssen.
Aber auch wenn Gottes Wunder einer Heilung ausbleibt, führt mein Weg mich nicht in das Reich des Todes. Wenn mein Leben am seidenen Faden hängt und ich das Gefühl habe, mein Leben zu Ende gewebt zu haben. Dann darf ich da noch einen Faden sehen, den Gott mit in mein Leben eingewebt hat. Dieser Faden heißt Jesus Christus. Mit mir verwoben. Mir gleich im Leben und Sterben.
Er kennt meine Ängste, meine Krankheit, meine Not.
Sie hatten auch seinen Lebensfaden abgeschnitten auf Golgatha damals. Aber Gott hat ihn nicht im Tod gelassen.
Und er wird auch uns nicht im Tod lassen.
Dafür ist Jesus Christus gestorben und auferstanden.
Er lässt mich hoffen, durch ihn und mit ihm für immer in Gottes Herrlichkeit zu leben.
Amen