2021-10-24 - 21. Sonntag nach Trinitatis - Pfarrerin Nicole Otte-Kempf

Predigt Röm 12,21 ) [ English Translation ] [ Abkündigungen668.62 KB ]


Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.

EINE EINLADUNG ZUM LEBEN, ZUR LIEBE, ZUM FRIEDEN

Liebe Gemeinde, wir haben die Bibelverse der Konfis gerade gehört. Und für mich und ich glaube, auch für viele von euch, sind diese Momente immer ein Highlight in diesen Konfirmandengottesdiensten. 

Der Wochenspruch umfasst all diese Sprüche und rundet sie ab. Deshalb habe ich beschlossen, heute etwas zu ihm zu sagen. 

In Röm 12,21 schreibt der Apostel Paulus: 

"Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem." (Römer 12,21). 

Dieses Wort, dieser kurze Satz steht am Ende eines Abschnittes, der sich mit dem Leben der Gemeinde, aber auch mit dem Zusammenleben von Christen mit anderen Menschen befasst. 

All die Mahnungen zum Frieden, zum Verzicht auf Rache, zur Liebe gipfeln in diesem Satz. 

Ein sogenanntes "goldenes Wort", wie wir oft sage, eine knappe und treffende Zusammenfassung christlicher Ethik.

Geht das überhaupt? Ist das nicht eine phantastische Vorstellung? 

Ein frommer Wunsch also, der mit der Wirklichkeit unseres Lebens nichts, aber auch gar nichts zu tun hat? 

Paulus sieht das anders. Er weiß auch um die Härten der Wirklichkeit, er leugnet ja nicht das Böse, sondern nennt es beim Namen. Aber er ist überzeugt: Christen können auch anders.

Der Wochenspruch ist verwandt mit dem Gebot der Feindesliebe. Kaum ein Satz, den Jesus gesagt hat, ist so anstößig und herausfordernd wie die Forderung, die Feinde zu lieben und für die Verfolger zu beten (Matthäus 5,44). Jesus ist überzeugt, dass die Liebe eine Himmelsmacht ist, die wir auf Erden gebrauchen können und müssen. Wenn wir das Unmögliche schafften, auch noch unsere Feinde zu lieben, dann wären sie ja keine mehr. Würde Feindesliebe gelebt von allen Menschen - dann hörte alle Feindschaft auf.

Einbildung! Natürlich, ja. Und doch gab es Menschen, die versucht haben, so zu leben. 

Paulus formuliert anders, allgemeiner, prinzipieller: Er spricht nicht von Feinden und Liebe, er redet vom Bösen und vom Guten. 

Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.

Was meint Paulus mit dem Bösen und dem Guten? Diese Formulierung ist sehr offen. Jeder versteht darunter doch etwas anderes. Und genau das, liebe Gemeinde, ist auch das Spannende daran. Was ist "das Böse"? Sind es andere Menschen, sind es Verhältnisse oder Katastrophen, oder ist es in mir selbst? Böse ist doch wohl in erster Linie das, was mit Liebe nichts zu tun hat, das Gegenteil davon ist und das Gegenteil davon bewirkt. Meinen, etwas Gutes zu tun, bedeutet keineswegs, dass es gut ist. Aber wenn die Absicht schon mal stimmt, dann ist das gut. 

Im Vaterunser beten wir um die Erlösung von dem Bösen. 

Böses gibt es. Und das Böse ist bedrohlich, es zieht uns hinunter, hinein in Spiralen von Kampf, von Rechthaben und Rechtbehaltenwollen, von Rache und Missgunst.

Ich kann das Böse leugnen oder kämpfen. „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ 

Paulus folgt keiner dieser beiden Möglichkeiten: Er benennt das Böse, es ist eine wirkliche Erfahrung, die wir machen. Aber er ruft nicht auf zum Kampf, er schickt uns nicht auf ein Schlachtfeld: Das Böse bekämpfen, vernichten zu wollen - das hieße, sich hineinziehen zu lassen in seinen Kreislauf. Ob es Menschen oder Völker, Rassen oder Staaten sind, die von anderen zu Mächten des Bösen erklärt wurden - Ausgrenzung, Krieg und Vernichtung haben nur immer mehr Böses in die Welt gebracht.

Überwinde das Böse mit Gutem - das ist die christliche Strategie im Umgang mit dem Bösen, wo und in welcher Gestalt es auch immer begegnet: Gottes Reich wird nicht erkämpft, es wird gesät und wächst, da wo Menschen sich den Teufelskreisen des Bösen verweigern und angesichts des Bösen Wege der Liebe und Wege zum Frieden suchen.

Können wir das? Wir wissen selbst: es ist schwer. Da wird über einen hergezogen und Lügen in die Welt gesetzt. Fakenews verbreitet. Da verletzt mich jemand mit bösen Worten, macht mich runter, kündigt mir die Freundschaft, verhält sich wie  mir rücksichtslos  . Da gibt es Situationen, in denen ich explodieren könnte. Und Auge um Auge, Zahn um Zahn liebend gerne leben würde. Was würde passieren? Ein Teufelskreis des Bösen würde eröffnet und zu keinem Ende finden. 

Wir Christen glauben an Gott, an seine Liebe, von der wir leben. Auf Vergebung sind wir immer wieder angewiesen. Von Gottes Liebe erfüllt und umfangen, kann ich auf Vergeltung verzichten.  

Funktioniert es denn? Ja, es kann funktionieren. Freilich wird es viel zu selten versucht. Beispiele aus der Geschichte wie Mahatma Gandhi in Indien oder Nelson Mandela hier zeigen die Kraft gewaltlosen Widerstandes in der Politik. 

Mediation als Weg zur friedlichen Beilegung von Konflikten… habe ich versucht, bei den 8Klässlern in Religion als Lösungsstrategie vorzustellen. 

Weil es so wichtig ist, dass es mehr davon in der Welt gibt. Wir brauchen Friedensstifter, die Wege heraus aus Hass und Gewalt zeigen.

Ich hoffe, Ihr habt es schon selbst erlebt, wie befreiend Gespräche und Begegnungen sein können, in denen Versöhnung geschieht, Vergebung ausgesprochen wird, Neuanfänge miteinander gewagt werden.

Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem. Eine phantastische Vorstellung und eine Einladung zum Leben, zur Liebe, zum Frieden. 

Amen