2022-01-30 - Letzter Sonntag nach Epiphanias - Pfarrerin Nicole Otte-Kempf

( Exodus 34,29-35 ) - [ English ] - [ Akündigungen473.75 KB ]


Liebe Gemeinde, es ist der letzte Sonntag nach Epiphanias. Der Lichterglanz von Weihnachten geht kirchenjahreszeitlich heute zu Ende. Gefühlsmäßig ist Weihnachten vielleicht für einige schon lange vorbei. Und ich gehe davon aus, jeder von Euch hat den Weihnachtsbaum weggepackt. Die glitzernden Kugeln. Den Stern oben auf der Spitze und die Lichterkette. Die Krippe.

Für mich war dieses Jahr Weihnachten anders. Einmalig. Viel Zeit… aber ohne Kirche. Weil wir ja alle krank waren. Aber virtuell konnten wir mitfeiern, Atmosphäre von den Gottesdiensten in unser Haus holen.

Und auch sehen, was an Heiligabend immer geschieht: Alle Jahre wieder: viele Menschen, kleine und große, glänzende Augen, weil sich das Licht der Kerzen und der Krippe in den Gesichtern widerspiegelt.

Gott begegnet den Menschen, das feiern wir an Weihnachten und der Glanz spiegelt sich in unseren Gesichtern.

Und dieser Glanz erhellt die Gesichter. Junge und Alte. Wie Goldstaub. Ein Leuchten, von innen heraus, nach außen wärmend, vielleicht sogar grell. Und dieser Glanz trägt dann auch einige Stunden, Tage… Wochen vielleicht.

Dieser Glanz ist auch auf dem Gesicht von Mose, als er vom Berg Sinai herabsteigt.

Er kommt noch völlig erfüllt von seiner Begegnung, die er mit Gott. hatte.

Trägt das Leuchten von Gottes Angesicht als Glanz auf der eigenen wettergegerbten Haut über Staub und Schweiß.

Mose hält die Worte Gottes, die 10 Gebote in seinen Händen. Sie sollen für Gottes Volk ein Licht im Alltag werden.

Mose ist erfüllt von dem, was ihm passiert ist. Doch schnell merkt er: in der normalen Welt, zwischen den Menschen, die ihm nun schon seit vielen Jahren folgen, da wird er auf einmal anders wahrgenommen. Die Menschen erschrecken über den Glanz auf Moses Gesicht. Senken ihre Blicke. Sie spüren: mit Mose ist etwas Besonderes passiert. Da ist etwas von Gott zu ihnen gekommen. Das macht ihnen Angst. Gott mitten bei ihnen? Dann kann es nicht so bleiben, wie es jetzt ist. Dann verändert sich etwas. Müsste sich etwas verändern. Wollen sie das überhaupt? Dass Gottes Leuchten ihre ganze graue Alltagswelt durchdringt? Ihre Welt ausleuchtet bis in den letzten Winkel? Dass Gottes Leuchten und sein Wort ihr Denken und Tun bestimmt?

Mose begreift schnell: selbst dieser Wiederschein von Gott auf seinem Gesicht wird den Menschen zuviel. Sie haben Angst davor. Er muss ihnen erst Mut machen, sich ihm zu nähern. Kommt, habt keine Angst! Ich habe Worte von Gott für Euch. Ich möchte meine Begegnung mit Gott mit euch teilen.

Der Glanz auf Moses Gesicht.

Die glänzenden Augen der Menschen an Heiligabend.

Momente, in denen Du etwas von Gottes Leuchten in deinem Leben spüren kannst.

Sie sind kostbar und selten. Vielleicht auch so kostbar, gerade weil sie selten sind. Und Du sie dir nicht selber geben kannst.

Momente, in denen Du Gott nahe bist.. Vielleicht hast Du so einen Moment auch schon einmal erlebt …

Wenn Du abends endlich wieder am Meer stehen darfst und sich das Licht der untergehenden Sonne in deinen Augen spiegelt.

Wenn du dein Kind oder Enkelkind zum ersten Mal im Arm hältst und vor Dankbarkeit überschäumst.

Wenn Du, kurz bevor du mit deinem Auto auf der Autobahn ausscheren willst, das Blitzen der Scheibe des von hinten kommenden Fahrzeugs siehst und in deiner Spur bleibst und denkst: Gott, sei Dank!

Momente, in denen sich etwas in deinem Leben verändern kann – bis in den kleinsten Winkel. Weil Du spürst: Gott hat dich angesehen. Gesegnet. Und gibt seinen Segen wie Goldstaub auf deiner Kleidung in dein Alltagsgrau hinein.

Hinein in Ehestreitigkeiten und schlaflose Nächte mit zahnenden Kindern. Hinein in das Gefühlswirrwarr der Pubertät. Hinein in dein Alltagsleben, wo Du schnell von A nach B und immer weiter musst.

Mose erzählt den Frauen und Männern um ihn herum, was Gott ihm gesagt hat. Erzählt ihnen von den 10 Geboten und dass Gott es gut mit ihnen allen meint.

Mose bringt Gott zu den Menschen. Bringt Gottes Glanz auf seinem Gesicht in ihre Welt.

Ich stelle es mir vor wie bei einem Weihnachtsgottesdienst vor einigen Jahren. Da habe ich Goldglitzer in die Gemeinde gestreut. Er legte sich mit der Botschaft: Gott ist Mensch geworden! auf die Gesichter. Auf Haare, Mantelkrägen, Hände. Die Menschen nahmen den Glanz mit nach Hause. Und die Botschaft auch. Der Glitzer war hartnäckig, manche haben ihn noch Wochen später aus ihrer Kleidung oder Handtasche geschüttelt. Haben sich an diesen Moment von Heiligabend erinnert und an den Glanz. Und es tat gut.

Als Mose mit den Menschen gesprochen hat, verhüllt er sein Gesicht mit einem Tuch. So, als wolle er den Rest Glanz bewahren. Die Begegnung mit Gott bedeckt halten und in seinem Herzen beschützen, bis er Gott wieder begegnet.

Den Glanz bewahren. Und die Erfahrung: Gott ist in meinem Leben und meint es gut mit mir. Das ist auch für Dich und mich wichtig. Denn – wie gesagt – diese Gotteserfahrungen sind selten und kostbar. Wir müssen manchmal lange davon zehren. Wie kann es uns da gelingen, den Glanz, diese Erfahrung von Gottes Nähe in uns zu bewahren?

Vielleicht bist du eine, die Gottes Glanz weitergeben möchte.

Vielleicht ist es Deine Art, die Stille zu suchen und das Gebet und dir dazu deinen Ort zu suchen.

Vielleicht hältst Du Deine Erfahrung mit Gott, diesen besonderen Moment, mit ein paar Worten in Deinem Tagebuch fest.

Oder Du nimmst aus deiner Kiste mit dem ganzen Weihnachtsschmuck einen Stern wieder heraus und hängst ihn Dir – gut sichtbar – in deinem Haus auf. Und wenn Du magst, tippst Du ihn zwischendurch an und nimmst etwas von dem Glitzer mit.

Und erinnerst Dich:

Daran, dass Gott Dir nahe war.

An Deinen ganz eigenen Moment mit Gott.

An die Freude an Heiligabend und den Glanz auf den Gesichtern der Menschen. Und diese Erinnerung trägt dich. Über Weihnachten hinaus, mitten in das Jahr hinein und alles, was kommt… kann dich nicht schrecken, weil du weißt: Gott ist bei mir, komme, was da wolle.


Amen.