2022-03-13 - 2. Sonntag in der Passionszeit - Reminiszere - Pfarrerin Nicole Otte-Kempf

( Mt 26, 36-46 ) - [ English ] - [ Akündigungen389.64 KB ]


Bleib doch noch bei uns im Kinderzimmer. Bitte Mama. Und ich bleibe. Will nicht nein sagen, weil ich gern bei ihnen bin und es mir Freude macht mit ihnen zu spielen. Aber ich bin müde am Ende des Tages. Schaue heimlich auf die Uhr, wann Bettgehzeit ist und ich aufs Sofa kann. Und hab sofort ein schlechtes Gewissen. 

Bleib noch ein bisschen dran, ruft mir meine Arbeit zu, da geht doch noch mehr. Da ist doch noch so viel drin. 

Und ich bleibe dran, versuche weiter zu denken. Aber ich bin müde nach den vielen Mails und To dos und Gesprächen. Und es ist schon spät und es geht doch nicht mehr. 

Bleib hier, bleib wach, es gibt so so viel zu tun…alle erwarten und brauchen doch jetzt wieder – und dann – ist da noch dieser neue Krieg. Ja, von uns weit weg. Aber vielen doch sicher trotzdem nah. 

Begleitet von so vielen Nachrichten, Informationen, Ereignissen 

Bleib hier! Bleib wach! Bleib dran – bleib! 

Für Deine Kinder, Deine Eltern, Dein Partner, Deine Freunde, Deine Schülerinnen, Deine Berufung, Deine Arbeit, Dein Herzensprojekt,  die Menschen, die Not leiden auf dieser Welt, die Umwelt, all die vielen Baustellen, sie brauchen Dich. Und du willst auch alles gut und gewissenhaft erledigen. 

Und alles ruft: Bleib hier! Sei wach. 

Aber manchmal kannst du die Augen kaum offenhalten, bist Du einfach müde. Es ist anstrengend geworden, manchmal fühlst Du Dich beinah gefangen… 

…38 Da sprach Jesus zu ihnen: Meine Seele ist betrübt bis an den Tod; bleibt hier und wachet mit mir! 

Mein Herz wird traurig, als könnte ich spüren, wie schwer alles auf Jesus lastet. Wir erahnen vielleicht, wie es ihm geht. Wie er leidet und sehen, wie er sich in den Garten fortschleppt. 

Wir erkennen doch noch heute seine vielen Gesichter wieder, 

wir wissen um die vielen, die einsam sind, voller Trauer und voll Angst und Einsamkeit, wir hören von denen, die verfolgt werden und gerade ihr Leben riskieren, die in Todesnot sind, ob wegen Hunger oder wegen Krieg und Verfolgung. 

Wir sehen und hören doch die Stimme: Bleibt jetzt wach, bleibt jetzt bei mir, wachet, und betet! 

Aber manchmal ist es, so denke ich, auch einfach eine Überforderung. 

Uns fallen die Augen zu. 

40Und er kam zu seinen Jüngern und fand sie schlafend 

Wie es wohl den Jüngern gegangen ist? 

Am Ende ihrer langen Reise mit Jesus? 

Dass etwas Schweres und Schreckliches sich ereignen soll, hatte er ihnen immer wieder gesagt. Manchmal ist die Reaktion auf große Angst einfach Schlafen. Ich kann es nachvollziehen. 

Wenn die Angst zu groß ist, kommt es zur ultimativen Verdrängung. Und auch zum Eigenschutz. Unsre Kräfte sind begrenzt. 

Ich kann die Jünger gut verstehen. Ich weiß nicht, wie es euch geht. Im Angesicht der weltpolitischen Lage und den ganz persönlichen Auswirkungen der letzten 2 Jahre. Ich höre von Gefühlen, die einzelne in der Gemeinde haben: Neben der Freude darüber, dass alles nun lockerer gehandhabt wird mit Corona und Sommer und viele Einladung zu Braais ist da eben auch: 

Viel Arbeit, viel Stress, viel Sorge um die Zukunft, hohe Spritpreise und Lebensmittelpreise, wie soll man sich das alles bald noch leisten können? Hilflosigkeit. Wut, Traurigkeit. Angst. Müdigkeit. Erschöpfung. 

Und Jesus sprach zu Petrus: Konntet ihr denn nicht eine Stunde mit mir wachen? 

Wachet und betet, dass ihr nicht in Anfechtung fallt! 

Der Geist ist willig; aber das Fleisch ist schwach. 

Gut, dass Jesus sieht, wie es ist. 

Dass manchmal schon das Kleinste uns überfordert. 

Dass wir manchmal nicht können, selbst wenn wir wollen. 

Gut auch, worum wir bitten sollen. 

…betet, dass ihr nicht in Anfechtung fallt! 

Da geht es nicht drum, Superkräfte zu entfalten im oder durch das Gebet. 

Noch mehr zu tun. Uns noch mehr zu fordern. 

Das Gebet ist vielmehr der Ort, der uns hilft, nicht auseinanderzufallen.…betet, dass ihr nicht in Anfechtung fallt! 

Anfechtung, das ist ein altes Wort für ein Gefühl, das wir vielleicht in diesen Tagen auch kennen. 

Ein Gefühl der Zerrissenheit, des Unfriedens. 

Der Zweifel am Guten in dieser Welt, ja, der Zweifel, ob Gott da ist. 

Wir sollen nicht verzweifeln. Und nicht mutlos werden 

Anfechtung ist die Versuchung, diesen Gedanken nachzugeben: Es wird ja doch nicht gut, ich kann ja doch nichts tun, es macht ja doch alles keinen Sinn. 

Darum legt Jesus seinen Jüngern das Gebet ans Herz: 

Wendet euch jetzt nicht ab. Wo alles dunkel wird, kehrt euch nicht ab von dem Licht, das euch von Gott her leuchtet. 

Bleibt in seiner Gegenwart. Lasst die Liebe und Gnade Gottes in euer Herz. 

Während Jesus selbst mit seinem Schicksal ringt, mit seiner Todesangst, bittet er die Jünger nur um das: 

sich nicht abzuwenden vom Gebet, von Gott. 

Die Jünger schlafen in der Zeit. 

Ich weiß nicht, ob das ganz falsch ist. 

Manchmal kann man sich auch schlafend in Gottes Hände legen. 

Vielleicht können wir wenigstens das tun in diesen Tagen. 

Kraft schöpfen bei Gott, der uns seinen Geist schenken will. 

Ruhen in ihm, der unser Trost und Friede ist. 

Wieder erwachen und uns neu auf den Weg machen, 

auf unsren eigenen Weg und ja, auch auf den Weg mit anderen, 

die es gerade schwer haben. 

Wir sind in der Passionszeit angekommen. 

Passionswege werden viel gegangen in diesen Tagen. 

Und wir sind miteinander unterwegs. Seid wachsam und betet. 

Für den Frieden und die Menschen, die leiden. Für die Machthabenden und diejenigen, die Regeln zu befolgen haben. 

Für unseren neuen KV und die Jugendarbeit in unserer Gemeinde. 

Unsre Kraft ist wohl nicht viel größer als die der Jünger. 

Wenn wir auf Jesus schauen, dann sehen wir: er war ein Mensch wie wir und doch ganz anders. Er ging nach Golgatha und in seinem Leiden lebt er vor, was wirklich im Leben und Sterben trägt und hält. 

Das stärkt mich, jeden Tag aufs Neue. 

… ja… Ostern kommt. Amen.