( Markus 10,35-45 ) - [ English ] - [ Akündigungen629.55 KB ]
Liebe Gemeinde, ich komme heute mit einer großen Frage.
Aber ich denke, das darf ich auch, immerhin ist es der letzte Sonntag vor Palmsonntag, wenn Jesus dann in Jerusalem einzieht und alles seinen Lauf nimmt, das letzte Abendmahl am Gründonnerstag, der Verrat in der Nacht, die Kreuzigung am Karfreitag – und natürlich dann auch die Auferstehung an Ostern.
Wir wissen es ja: Jesus überwindet den Tod und nimmt ihm seinen Schrecken und das letzte Wort.
Heute aber ist der letzte Sonntag, bevor all das geschieht. Jesus ist noch bei seinen Jüngern und mit ihnen im Gespräch über die großen Fragen des Lebens. Es geht im Kern um die große Frage: Worum geht es im Leben eigentlich?
Sicher hat jeder ganz eigene Antworten darauf. Und sicher ändert es sich im Leben auch immer mal, worum es gerade geht.
Ich schaue gern die Reportage-Reihe „37 Grad – Geschichten aus dem Leben“ des ZDF in Ergänzung zu dem, was ich in meinem Amt als Pfarrerin glücklicherweise sowieso schon erleben darf. Für mich ist das Gnade. Nämlich: Ich höre Geschichten von Menschen, ihre Lebenswege, besondere Herausforderungen oder Lebensziele. Und ich höre davon, wo sie sich engagieren, was ihnen wichtig ist, wie sie dem Tod begegnen und dahinter läuft immer die Frage mit: Worum geht es in deinem Leben eigentlich?
3 Menschen antworten auf die Frage so:
„Natürlich geht es darum, die Erde zu retten!“, ruft Luisa von Fridays for Future während einer Demo in das Mikrofon. „Es geht um die Zukunft, um das Leben! Wir müssen endlich alle Verantwortung übernehmen für unseren Planeten, there is no planet B!“
„Es geht darum, in Beziehung zu leben. Sich umeinander zu kümmern, besonders dann, wenn ein anderer mich braucht. Momentan sind es die Enkelkinder.“ Sagt mir eine Frau, die ich lange kenne von der Kirche her, immer ansprechbar, wenn es um ehrenamtliche Tätigkeiten geht. Die erst ihren Mann gepflegt hat und jetzt für ihre Enkelkinder da ist.
„Es geht darum, unser Dorf zu einem friedlichen Raum zu machen, wo unterschiedliche Menschen sich engagieren für die Herausforderungen der Zeit.“ So habe ich den Mann kennen gelernt, der mindestens einmal im Jahr an Weihnachten einsame Menschen einlädt und für sie kocht. Und er ist ein guter Koch. Der einen Hilfsverein „Maulburg hilft“ gegründet hat, um Flüchtlingen 2015 und auch jetzt aus der Ukraine direkt und unbürokratisch unter die Arme zu greifen.
Menschen und ihre unterschiedliche Themen, die ihr Leben bestimmen.– die Rettung der Erde, für die Familie da sein im Fall, sich zu engagieren für den Ort, wo man lebt und Ausbreitung von Frieden.
Auch die Bibel hat unterschiedliche Antworten darauf, worum es im Leben gehen soll. Gleich zu Beginn, als der Mensch geschaffen ist, segnet Gott ihn und gibt ihm einen wichtigen Auftrag mit auf den Weg.
Je weiter wir blättern, desto mehr Aufträge Gottes an den Menschen, Gebote und Regeln finden sich.
Abraham zum Beispiel soll ein großes Volk werden, Mose das Volk aus Ägypten führen, und Josua soll es dann ins gelobte Land bringen.
Als Jesus nach dem höchsten Gebot, nach Gottes Auftrag an den Menschen gefragt wird, wiederholt er, dass der Mensch Gott lieben soll, und fügt noch hinzu: und deinen Nächsten wie dich selbst.
Die Jünger, die mit Jesus zogen, müssen all diese Antworten gekannt haben. Sie wussten aus der Thora, den fünf Büchern Mose und von Jesus, dass Gott bestimmte Menschen in bestimmte Aufgaben hineinruft.
Und selbst hatten sie es ja auch erfahren.
Der biblische Text für den heutigen Sonntag, den Sonntag Judika, erzählt von einem Gespräch, das Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, man könnte sagen: die Kerngemeinde Jesu, mit ihm darüber führen:
Lesen des Textes
Unter den Zwölfen war es unruhig geworden; und das schon vor dem Gespräch zwischen Jakobus, Johannes und Jesus. Meinte Jesus das wirklich ernst mit dem Leiden und Sterben, wenn sie nach Jerusalem kommen? Würde Jesus wirklich getötet?
Erst verdeckt und dann doch immer offensichtlicher brach ein Rangstreit unter den Jüngern aus.
Jakobus und Johannes wollen nicht länger warten, sie fragen Jesus einfach direkt: Gib uns, dass wir sitzen einer zu deiner Rechten und einer zu deiner Linken in deiner Herrlichkeit!
„Wir haben alles aufgegeben… das soll sich doch auch lohnen.“ So werden sie gedacht haben. „Außerdem waren wir ja fast von Anfang an mit dabei.“
Ich finde, das sind gar nicht so abwegige Gedanken der beiden. Und Hand aufs Herz, uns doch gar nicht so fremd. Wie oft denken Menschen so, dass für einen selbst was rausspringen muss.
Aber Jesus entspricht ihrer Bitte nicht.
Sie folgen ihm nach, aber dass Jesus, der Christus nicht von dieser Welt ist, das ist ihnen noch verschlossen. Sie gehen von einem Tauschgeschäft aus, das nach ganz irdischen Regeln funktioniert: Zeitlicher Einsatz in der Nachfolge gegen einen guten Platz in Gottes Herrlichkeit. Dabei verkennen sie, dass Jesus als der Christus gerade nicht nach irdischen Maßstäben handelt: ihre Frage allein ist ja schon frech und er könnte sauer auf sie sein. Sie merken nicht, dass die Frage ganz absurd ist. Aber Jesus reagiert gelassen und macht ihnen einmal mehr deutlich: Wenn ihr etwas Großes tun wollt, dann macht euch klein, dient und schielt nicht auf eigenen Gewinn. So ist Gott und so werde ich auch sterben: Ich selbst habe nichts davon, gar nichts, und ich werde im Tod auch kein Held, sondern einfach nur verzweifelt sein. Aber ich tue es aus Liebe zu euch, die ihr nicht einmal versteht, dass ihr diese Liebe nötig habt.
Wir erfahren nicht, wie Jakobus und Johannes reagieren, ob sie sich wütend abwenden oder ob sie ihr Lebensziel vielleicht noch einmal überdacht haben. Wir erfahren nicht, ob sie in diesem Moment spüren, dass Jesus als Christus Gott unter Menschen ist, der uns unseren Platz zuweist und nicht wir ihm. Und wir auch nicht einander.
Konkurrenzgerangel ist bei Jesus überhaupt nicht nötig und auch nicht möglich. Wer groß sein will, der soll euer Diener sein. Bei Gott gelten andere Maßstäbe, als wir es von so vielen anderen Situationen kennen.
Prof Dr., Präsident, Vorstandsvorsitzender, Bankdirektor, General
All diese Positionen und Titel… mögen in unserer Welt wichtig sein…
Bei Jesus sind sie das nicht.
Worum gehts im Leben?
Um das Dienen. Jeder hat eine Aufgabe von Gott bekommen oder auch mehrere im Laufe des Lebens. Wir können damit hadern, daran zweifeln, aber nicht entkommen. Die Verantwortung bleibt, die Gott für uns bestimmt hat. Das tun, was er mir zuweist, darauf kommt es doch letzten Endes an.
Die Menschen, deren Aufgabe und Lebensthemen ich zu Beginn kurz skizziert habe. Sie tun es vielleicht nicht öffentlich, stehen auch in keinem Rampenlicht. Sie stehen aber dafür, dass es sich lohnt, die eigenen Ziele in „Gottes Ziel mit uns“ einzuordnen. Und anzunehmen, was mir jetzt als Aufgabe vor die Füße fällt. Gott will und braucht uns, so wie wir sind. Damit wir die werden können, als die wir gemeint sind. Amen