( Johannes 17, 1-8 ) - [ English ] - [ Akündigungen425.67 KB ]
Liebe Gemeinde (Münze in der Hand halten)
Jede Münze hat zwei Seiten. Ich bin eigentlich noch nie auf die Idee gekommen, mir statt einem Lesezeichen eine Münze in meine Bibel zu legen. Aber beim Bearbeiten des heutigen Bibeltextes, kam mir der Gedanke, dass das eigentlich gar nicht so falsch wäre.
Münzen haben nicht nur geldlichen, sondern auch historischen Wert. Die ältesten Münzen Europas kann man etwa 3000 Jahre alt schätzen. Auch die Geschichte Jesu ist auf fünf handgeschlagenen Unikaten, die etwa 2000 Jahre alt sind, abgebildet: 5 biblische Geschichten aus dem Neuen Testament – und damit gleichzeitig fünf wichtige Stationen im Leben von Jesus von Nazareth: seine Geburt im Stall zu Bethlehem, den grausamen Kindermord durch König Herodes, seine Predigten im Tempel, den Verrat durch Judas und schließlich auch seine Kreuzigung. Ein antiker Schatz. Die Münzen stellen das irdische Leben Jesu dar, parallel zu seiner göttlichen Seite. Wie die zwei Seiten einer Münze sind die menschliche und die göttliche Seite Jesu unlöslich miteinander verbunden. In diesem Licht lese ich den Predigttext für den heutigen Sonntag aus dem Johannesevangelium: Das hohepriesterliche Gebet in
Kapitel 17, Verse 1-8.
1 Solches redete Jesus und hob seine Augen auf zum Himmel und sprach: Vater, die Stunde ist gekommen: Verherrliche deinen Sohn, auf dass der Sohn dich verherrliche;
2 so wie du ihm Macht gegeben hast über alle Menschen, auf dass er ihnen alles gebe, was du ihm gegeben hast: das ewige Leben.
3 Das ist aber das ewige Leben, dass sie dich, der du allein wahrer Gott bist, und den du gesandt hast, Jesus Christus, erkennen.
4 Ich habe dich verherrlicht auf Erden und das Werk vollendet, das du mir gegeben hast, damit ich es tue.
5 Und nun, Vater, verherrliche du mich bei dir mit der Herrlichkeit, die ich bei dir hatte, ehe die Welt war.
6 Ich habe deinen Namen den Menschen offenbart, die du mir aus der Welt gegeben hast. Sie waren dein, und du hast sie mir gegeben, und sie haben dein Wort bewahrt.
7 Nun wissen sie, dass alles, was du mir gegeben hast, von dir kommt.
8 Denn die Worte, die du mir gegeben hast, habe ich ihnen gegeben, und sie haben sie angenommen und wahrhaftig erkannt, dass ich von dir ausgegangen bin, und sie glauben, dass du mich gesandt hast.
Im ersten Augenblick überwältigt mich der Text. Er ist mir zu kompliziert, zu verwirrend. Ich versuche ihn wörtlich aus menschlicher Sicht zu verstehen und stelle fest, dass das nicht geht.
Wenn man ein wenig über das Johannesevangelium nachforscht, stößt man auf interessante Unterschiede, die im Kontrast stehen zu den anderen 3 Evangelien. Matthäus, Markus und Lukas betonen z. B. in der Passionsgeschichte den erschütternden Leidensweg Jesu, seine Ohnmacht, seinen elenden Tod am Kreuz. Sie wollen uns zeigen, wie sehr Jesus Mensch gewesen ist, wie unglaublich nahe er uns gekommen ist, wie er mit den Tiefen seiner Lebens umgegangen ist – Ja, wie er als Mensch ähnlich verzweifelt, fragend, und beängstigt gewesen ist wie wir es oft sind.
Im Gegenzug dazu, beschreibt Johannes den Leidensweg Jesu nicht in seinem menschlichen Elend und in seiner Not, sondern als einen Weg der Erfüllung vor Gott, als einen Weg des Lichtes und des Triumphes. Durch Johannes wird die Kreuzigung angedeutet als "Verherrlichung" und nicht als Opfertod. Jesus wird hier nicht „gekreuzigt“, sondern er wird am Kreuz „erhöht zum König der Welt“. Sein Tod ist die Tür zum Reich Gottes. Die Tür in die Ewigkeit. Und so steht im Zentrum dieser Verherrlichung die Einheit Jesu mit Gott, seinem Vater, in göttlicher Gestalt.
Wenn ich da meine Jesusmünze betrachte, sehe ich also auf der einen Seite Jesu Menschlichkeit, seine Angst vor der Folterung und der Kreuzigung und auf der anderen Seite seine Göttlichkeit, die Verherrlichung Gottes, die uns das Ewige Leben verspricht.
Um das besser zu begreifen schauen wir uns zuerst die menschliche Seite Jesu in dieser Geschichte an: Matthäus, Markus und Lukas berichten ziemlich eindeutig den gleichen Verlauf der Passionsgeschichte, die mit dem Einzug nach Jerusalem, den wir heute gedenken, beginnt. Es ist der Beginn der Karwoche, der Beginn des Leidensweges Jesu. Der Verrat des Judas und das letzte Abendmahl folgen. Und dann geht Jesus mit den Jüngern in den Garten Gethsemane. Dort will er alleine sein und beten, denn er ist zu Tode betrübt. Er bittet seine Jünger zu wachen aber sie haben vieles hinter sich, sie sind müde und es ist spät. Sie schlafen ein, statt zu wachen. Menschlich! Jesus ist enttäuscht. Er fühlt sich alleingelassen, auch das ist menschlich! Aber besonders der Inhalt des Gebetes, wie die ersten 3 Evangelisten ihn schildern, ist menschlich. „Abba, Vater, alles ist dir möglich, nimm diesen Kelch von mir, doch nicht was ich will, sondern was du willst.” Jesus verspürt echte Angst, vor der schwersten Stunde seines Lebens, und vor dem Tod – menschliche Panik! Hier finden auch wir uns wieder – wenn wir in der Stille beten “Vater, heile mein Kind. Vater, schaffe Frieden auf unsere Welt. Vater, hilf dass ich meine Arbeit nicht verliere”. Menschliche Angst, menschliche Verzweiflung, menschliches Suchen nach Gnade bei unserem Gott und einem guten Ausweg, ein Happy End. Auch Jesus erfährt das in diesen letzten Stunden – und so kommt er uns in seiner Menschlichkeit am Ende seines irdischen Lebens noch einmal ganz nah, hier spüre ich bei ihm Verständnis und Nähe in manch einer schweren Situation, die ich meistern muss.
Johannes hingegen führt uns die göttliche Seite vor Augen:
Vater, die Stunde ist gekommen: Verherrliche deinen Sohn, auf dass der Sohn dich verherrliche; 2 so wie du ihm Macht gegeben hast über alle Menschen, auf dass er ihnen alles gebe, was du ihm gegeben hast: das ewige Leben. Das ist aber das ewige Leben, dass sie dich, der du allein wahrer Gott bist, und den du gesandt hast, Jesus Christus, erkennen.
Wenn wir die Erzählung des Abschiedgebetes der ersten 3 Evangelisten als menschlich empfinden, dann können wir die Schilderung dieses Gebets bei Johannes nur als göttlich begreifen. Welcher Mensch denkt schon an Verherrlichung, wenn er in solch einer kritischen Lage ist, wie Jesus bei seiner Kreuzigung. Jesu Göttlichkeit dringt durch diese Worte ans Tageslicht. Er bittet nicht darum, dass Gott das Schlimmste abwenden möge, wenn das möglich wäre, sondern er spricht ohne Jammer und Weinen zu seinem Vater: „Verherrliche deinen Sohn, damit der Sohn dich verherrliche;" (Joh 17,1).
Hier mag mancher sich einen kurzen Augenblick fragen, ob überhaupt von der gleichen Situation die Rede ist. Bei Johannes wirken Jesu Worte so kontrastierend zu den anderen Evangelien. Aber tatsächlich ist die Situation dieselbe denn in allen 4 Evangelien wird diese angedeutet mit den vier Worten: “Die Stunde ist da!”
Die Stunde ist da, aber bei Jesus ist keine Angst zu spüren. Kein Bitten um Verschonung kommt über seine Lippen, und der Verweis auf des Vaters göttlichen Willens ist nicht nötig, da das, was Vater und Sohn wollen, im völligen Einklang stehen. Jesus bittet Gott um seine Verherrlichung, und im Gegenzug dazu verherrlicht er den Vater. Wie ist das denn möglich? Wie können überhaupt Gott und Jesus auf Verherrlichung von einander angewiesen sein? Ist das nicht unsere Aufgabe, sie zu verherrlichen? Sie zu Loben und zu Preisen, sie auf den Thron der Welt zu setzen und ihnen demütig zu Füßen zu liegen, und zu bekennen “Wir haben gesündigt, und ihr holt uns so unverdient aus dieser Sünde heraus – Ehre sei Gott in der Höhe!”. Nein, stattdessen herrscht bei uns Krieg, Uneinigkeit, Völkerhass, Neid, Bitterkeit und noch vieles mehr. Wir starren uns blind gegen das, was um uns herum geschieht, wir denken das wir Antworten haben und wir versuchen auf eigene Faust die Tragödien der Welt zu lösen. Wir lassen uns ablenken vom Weltgeschehen und den Erfolgen anderer, wir bewundern sie und beneiden sie für das was sie schaffen, wir streben ihnen nach und himmeln sie an.... Statt auf das Kreuz zu sehen – Statt den dreieinigen Gott dort zu verherrlichen. Denn nur das Kreuz hält das Heil, das ewige Leben für uns bereit. Kein anderer Sieg, kein anderer König. Die Vorrausstezung für das Ewige Leben ist minimal: wir brauchen Gottes- und Christuserkenntnis, aber nicht nur das Wissen, dass es Gott gibt, sondern viel mehr noch die persönliche Beziehung, die Gemeinschaft mit Gott und mit Jesus und das Vertrauen und die Zuversicht, das Jesus das Werk, das ihm von Gott auferlegt wurde, vollendet hat.
Jesus spricht: Ich habe dich verherrlicht auf Erden und das Werk vollendet, das du mir gegeben hast, damit ich es tue. Und nun, Vater, verherrliche du mich bei dir mit der Herrlichkeit, die ich bei dir hatte, ehe die Welt war.
Jesus weiß, dass seine Aufgabe auf Erden vollendet ist, noch bevor er ans Kreuz genagelt wird. Sein Werk, seine Aufgabe, ALLEN Menschen der Erde Gottes Heil und ein Leben bei ihm in Ewigkeit zu verkündigen, ist erfüllt. Immer wieder, meistens geduldig und liebevoll aber manchmal auch heftig – eben menschlich – verkündigte er Gottes Wort, und seine großzüge Vergebung unserer Schuld durch seinen Sohn Jesus Christus. Dafür erniedrigte sich Jesus, um uns auf Augenhöhe zu begegnen. Um mit uns Mensch zu sein, damit unser Leben sein Leben, unsere Sorgen seine Sorgen, unsere Freude seine Freude sein konnten. Und er fragte nie nach Anerkennung, Dank oder gar Verherrlichung. Im Gegenteil, in seinem Abschiedsgebet laut Johannes, empfindet er sein Opfer dass er den Menschen brachte, nicht als Erniedrigung, sondern als Beginn der Verherrlichung, den Weg zurück zum Vater. Jesus macht in dieser Stunde einen Rückblick auf seine Sendung. Er analysiert nicht, wie wir es nach Vollendung einer wichtigen Aufgabe gerne tun, dieses “hier hätte ich anders handeln sollen, da wäre ich lieber anders vorgegangen” Menschliches Überlegen, ob es anders nicht besser gewesen wäre.
Er sagt nur: “Ich habe meinen Auftrag erfüllt. Und damit ist es gut”.
Auch Jesus konnte sich, vom äußeren Gang der Ereignisse her, damals in Jerusalem nicht sicher sein, ob seine Mission tatsächlich erfolgreich war. Wie sollte aus seiner Jüngerschar, die er auf seinem Erdenweg gewonnen hatte eine weltweite Kirche entstehen? Wie sollte Gottes Wort sich nur durchsetzen können? Wie sollte das Evangelium seinen Weg finden durch diese Welt und dann noch durch Jahrtausende hindurch? Jesus konnte sich – mit menschlichen Augen betrachtet – nicht sicher sein, dass sein Auftrag tatsächlich gelungen und erfüllt war. Und doch war er im Reinen mit seinem Wirken und dem, was er bis hierher erreicht hatte. Er überließ Gott das Wachsen und Wirken seines Tuns. Ein wunderbares Beispiel von göttlichem Vertrauen.
Ich blicke noch einmal auf meine Münze und erkenne, dass beide Seiten untrennbar zusammengehören. Jesus ist wahrer Mensch und wahrer Gott. Er ist das sichtbar gewordene Wort Gottes, des Vaters. Durch ihn dürfen wir Gottes Herrlichkeit erkennen, seine Vergebung erfahren und das größte Geschenk aller Zeiten empfangen - das ewige Leben. Jesus weiß, dass der Weg des Leidens vor ihm liegt. Menschliche Angst darf da schon aufkommen. Aber sein göttlicher Blick geht über das menschlich Schwere hinaus. Er richtet seinen Blick auf das Ziel und darauf das er nach all dem Elend und dem Dunkel des Todes auferstehen wird, um mit Gott, dem Vater, wieder eins zu sein, in seiner Herrlichkeit. In einer Welt des Lichts und der Liebe, des Friedens und der Geborgenheit.
Das macht mir Mut. Selbst wenn ein schwerer Weg und ein finsteres Tal vor mir liegt. So kann ich dennoch getrost meinen Weg, mein Leben, in Gottes Hand legen und gewiss sein: Am Ende alles Schweren stehen Herrlichkeit und Freude, Erfüllung und Leben, Vergebung und Neuanfang. Er erwartet mich dort mit offenen Armen. Und ich darf mich umfangen wissen von Gottes Herrlichkeit, in der ich teilhaben darf an der Ewigkeit im Licht des Ostermorgens.
Amen
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem menschlichen und göttlichen Herrn. Amen.