2022-04-14 - Gründonnerstag - Pfarrerin Nicole Otte-Kempf

1 Kor 10,16-17 ) - [ English ] - [ Akündigungen448.15 KB ]


Der Gründonnerstag hat ein großes und wichtiges Symbol: nämlich einen Tisch. Jesus und seine Jünger sitzen an einem Tisch und begehen das Passamahl – das Essen im Gedenken an den Auszug des Volkes Israel aus Ägypten. Sie feiern Jahwe-Gott, der sie aus der Sklaverei befreit hat. So tun es gläubige Juden auch heute noch.

Beim Essen von Jesus und seinen Jüngern überwiegt an diesem letzten Abend nicht unbedingt die Freude. Eher Anspannung, was passieren wird.

Noch sitzen sie alle an einem Tisch, auch Judas ist dabei, und hören, sehen und spüren, was dieses Essen an diesem Abend so besonders macht.

Im Urchristentum wurde das Abendmahl auch mit einem gemeinsamen Essen verbunden. Paulus weist in 1. Kor. auf den Kern und die lebensnotwendige Bedeutung von Brot und Wein hin.

Text

An einem Tisch, da trifft man sich in einer Gemeinschaft. Zusammen essen und trinken, das verbindet einander.

Was hier beim Abendmahl Besonderes hinzu kommt ist der Segen.

Brot und Wein bekommen eine neue Qualität. Zu der sichtbaren, leiblichen Seite kommt die unsichtbare, geistige Bedeutung hinzu. Jesus Christus selbst ist in den gesegneten Gaben präsent.

Paulus betont in diesem kurzen Abschnitt mehrfach den Aspekt der Gemeinschaft in Jesus Christus, die das Abendmahl bewirkt. Aus vielen wird ein Leib, der gesegnet und gerettet ist durch Jesu Tod am Kreuz.

2022 04 14 Gründonnerstag

Bild von Sieger Köder (1969)

Südlich von Rom befindet es sich in einem Landhaus in San Pastore, das zum Studienkolleg der Theologiestudenten gehört. Das Bild hängt im Speisesaal, wo die Studenten sich zu den Mahlzeiten treffen. Das Bild zeigt ein Abendmahl ganz besonderer Art. Denn:

Um den Tisch sitzen nicht die zwölf Jünger Jesu, sondern sieben Personen, die mir zunächst fremd erscheinen, drei Frauen und vier Männer. ‑ Nach Jesus suchen wir vergeblich.

Der Maler sieht ihn dort sitzend, wo wir sind, die wir das Bild anschauen. Alle um den Tisch Versammelten schauen auf ihn. Aber wir sehen nur seine Hände am unteren Bildrand.

Die linke Hand lädt ein oder weist auf den Becher, die rechte hält das Brot.

Zwischen diesen Menschen, die hier bunt zusammengewürfelt sind blüht auf dem Tisch etwas Zartes, Kostbares, ausgedrückt mit einer Rose.

Das Bild meditiert ein Kernstück der biblischen Botschaft, nämlich die Gemeinschaft an Jesu Tisch. Mit allen, gerade auch mit den Sündern, mit den Außenseitern der menschlichen Gesellschaft. Nicht nur damals. Sieger Köder holt die Tischgemeinschaft in die Gegenwart.  

Sieger Köder wählt eine Gruppe von Menschen, wie sie wohl kaum jemals wieder zusammensitzen wird. In ihren Gesichtern sehe ich die Sehnsucht nach einem, der sie frei macht.

Folgen wir der Runde von rechts nach links.

Da ist ganz rechts ein Schwarzer, mit verbundenem Arm, verwundet im Kampf um sein Lebensrecht, der nichts hat, den niemand braucht.

Da ist eine vornehme Dame, aus besseren Kreisen. Eigentlich will sie ja mit diesem Gesindel nichts zu tun haben.

Weiter: ein Intellektueller mit Brille und Bart, einer, der Fragen stellt, ein Zweifler und deshalb zum Ärgernis geworden ist.

Dann kommt ein Clown, ein Harlekin hinter der Maske verborgen: Traurigkeit, Sehnsucht, ein Mensch zwischen Lachen und Weinen ein Spiegel unseres Lebens.

Dann eine alte, blinde Frau, von Armut und Trauer gezeichnet, von schwarzem Tuch umhüllt.

Neben ihr die Hure. Für sie ist Liebe käuflich und verkäuflich, Ihr Körper ist ihr Kapital, ihr Geschäft. Ihr Leben ist ohne einen Ort, wo sie hingehört.

Ganz links dann der jüdische Rabbi. Sein Gebetsschal zeigt seine Treue zum Gesetz, das Gott gegeben hat. Sein Gesicht erinnert an die Gesichter, die man von den schrecklichen Bildern aus den Konzentrationslagern kennt.


Manch einer mag denken: was für Leute. Mit denen im Kreis möchte ich mich nicht Jesus zuwenden und an seinem Tisch sitzen.

Nur, wer so denkt, wird Jesus vergeblich suchen. Als Arzt finden wir ihn bei den Kranken, nicht bei den Gesunden, als Heiland bei den Sündern, nicht bei den Gerechten.

Solange nicht auch ich mich zu meinen Mängeln bekenne, solange ich meine eigene Bedürftigkeit und Armut nicht wahrnehme und mich damit zu jenen Gästen auf diesem Bild bekenne, habe ich keine Chance am Tisch Jesu zu sitzen.

Wie wäre es denn aber, wenn wir den achten Platz einnehmen würden, den Platz dessen auf den alle Blicke gerichtet sind?

Dann wären wir der Gastgeber und hätten jene sonderbaren Menschen an unseren Tisch geholt.

Der letzte Platz beim Mahl der Sünder ist eine Herausforderung.

Anteilnehmen - und - teilhaben - können ist nur möglich, wenn ich die Barrieren durchbreche, die uns alle umgeben.

Symbol jener Liebe, die Grenzen überwindet, ist die kleine Rose auf dem Tisch.

 

Im linken Teil des Bildes auf der Saalwand ist noch ein spannendes Motiv des barmherzigen Vaters und verlorenen Sohnes.

Der Vater umarmt den Heimgekehrten. In der Umarmung erfährt er Versöhnung und erlösende Befreiung aus aller Not.

Daneben aber sitzt der andere Sohn, der Bruder ohne Dreck am Stecken, gefangen in seinem Trotz. In dieser Gestalt findet das Bild seinen negativen Pol: der in sich selbst gefangene Mensch, der weder Versöhnung braucht, noch Versöhnung zulassen will.

Leicht zu übersehen auf dem Bild, aber dennoch da:

der Stein des Anstoßes auf der Türschwelle.

Anstoß, Ärgernis, Empörung, Skandal, das war Jesu Mahlgemeinschaft mit den Sündern für die Frommen.

Jesus: Anstoß zum Neuanfang, zum Umdenken.

Dieses Bild von Sieger Köder fragt mich, wie feiern wir eigentlich das Abendmahl? Feiern wir es einladend?

Ist es ein Mahl der Einheit oder der Trennung?

Heute, wenn wir das Bild malen würden, würde es sicher noch einmal anders aussehen.

Aber der Tisch ist und bleibt das Symbol für die Feier des Abendmahls.

Wir sind zusammen; wir gehören zusammen – auch wenn wir vielleicht auf eine andere Weise Abendmahl feiern als an einem Tisch, dafür rund um einen Altar.

Wir gehören zusammen an einen Tisch – und das auch mit denen, die uns nicht gefallen. Wer an einen Tisch mit Jesus will, gehört dazu. Und erfährt im gemeinsamen Essen und Trinken: du bist Gottes geliebtes Kind. Wir sind Viele und doch eins.

Ein Brot, ein Leib, an dem wir alle teilhaben. Ohne Ausnahme.

Und wenn wir nachher nach Hause gehen, sehen wir den Stein des Anstoßes auf der Türschwelle. Achtet darauf. Jesus will der Stein des Anstoßes sein.  

Und daran wird euch jedermann erkennen, dass ihr Jesu Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt.

Amen