2022-04-24 - Quasimodogeniti - Bischof i.R. Dieter Lilje

( Kol. 2: 12 – 15 ) - [ English ] - [ Akündigungen536.18 KB ]


Mit ihm seid ihr begraben worden durch die Taufe; mit ihm seid ihr auch auferstanden durch den Glauben aus der Kraft Gottes, der ihn auferweckt hat von den Toten. Und er hat euch mit ihm lebendig gemacht, die ihr tot wart in den Sünden und in der Unbeschnittenheit eures Fleisches, und hat uns vergeben alle Sünden. Er hat den Schuldbrief getilgt, der mit seinen Forderungen gegen uns war, und hat ihn weggetan und an das Kreuz geheftet. Er hat die Mächte und Gewalten ihrer Macht entkleidet und sie öffentlich zur Schau gestellt und hat einen Triumph aus ihnen gemacht in Christus.

Liebe Gemeinde!
Heute feiern wir den Sonntag Quasimodogeniti, d.h. „Wie die neugeborenen Kindlein“. Dieser Sonntag wird auch „Weisser Sonntag“ genannt: An diesem Sonntag gingen in alter Zeit die Erwachsenen, die am vorigen Sonntag, am Osterfest getauft wurden, noch einmal mit ihren weissen Taufgewändern zum Gottesdienst. Bei uns liegt unser Tauftag sehr viel weiter zurück als nur eine Woche. Wir wollen uns heute mit der Bedeutung und Wirkung unserer Taufe befassen. Was ist an uns durch unsere Taufe geschehen, was hat sie uns geschenkt? Wir können mit dem Namen des Sonntags sagen: Wir sind durch unsere Taufe noch einmal geboren. Wir wollen unseren Text in 3 Teile einteilen: 1) Die Taufe schenkt uns neues Leben, 2) Sie entlastet, befreit uns von unserer Schuld und 3) Sie befreit uns zu Gott hin.

1.

Die Taufe schenkt neues Leben.

Hier ist nicht in erster Linie eine moralische Verbesserung des Lebens gemeint, sondern in der Taufe entsteht neues Leben. Als Nikodemus bei Nacht mit der Frage nach dem ewigen Leben zu Jesus kam, erwartete er neue Ordnungen und Gesetze, neue Vorschriften, neue Regeln nach denen er nun leben sollte, das ewige Leben zu verdienen. Jesus aber sagte ihm, dass der Mensch neu geboren werden muss. Es geht also nicht um ein neues Denken, Wollen und Tun, sondern um ein neues Sein, eine neue Existenz. Der alte Mensch von Fleisch und Blut muss sterben, damit das neue Leben der Auferstehung beginnen kann.

Stimmt das denn, dass wir durch unsere Taufe anders geworden sind? Wir erleben doch täglich, dass der alte Mensch in uns, unser alter Adam, wie Luther es nennt, immer noch lebt, dass wir immer wieder versagen und verfehlen, dass wir immer wieder lieblos sind und auch böse Gedanken haben. Unser Text sagt uns aber, dass wir durch die Taufe begraben sind. Durch die Taufe bekommen wir Anteil an Jesu Leiden und Sterben und damit Anteil an seinem Heilswerk. Wir werden neu durch Christus, nicht durch unsere Anstrengung! Es ist wie bei einem neugeborenen Kind. Dieses Kind hat viele Fähigkeiten bei der Geburt mitbekommen. Nur, das Kind weiss das noch nicht. Die Fähigkeiten sind also schon da und müssen entdeckt und gelebt werden. So ist das mit der Taufe. Hier geht es nicht darum, ob wir als Säugling oder Erwachsene getauft sind, ob wir viel oder wenig glauben. Es geht darum, dass wir Anteil bekommen in dem was Christus für uns getan hat. Es hat nichts damit zu tun was wir sind. Der Anteil an Jesu Heilswerk wird uns geschenkt – wir werden hinein getauft. Wir aber müssen im Glauben wachsen diese Gnadengabe Gottes immer tiefer zu erkennen und zu leben. In der Taufe bin ich etwas Neues geworden. Wenn ich aber nach dem Fleisch, d.h. in Sünde lebe, dann nur weil ich vergesse, wer ich eigentlich in Gottes Augen bin. Als Getaufter leben heisst: Ich nehme meine Taufe ernst; ich denke daran, dass ich in Christus neu geworden bin, ein neues Leben habe – ich darf mich daran freuen! Es genügt nicht, dass wir über unsere Schwachheiten im Leben sagen, so bin ich eben, sondern Gott schenkt uns durch seinen Geist, die Kraft auch daran zu arbeiten. So kann ein Alkoholiker oder ein Drogensüchtiger auch davon befreit werden; die Lieblosigkeit kann in Liebe, die Gleichgültigkeit in Fürsorge, die Sorge und das Selbstbemitleiden zu einem Sorgen für und ein Mitleiden mit dem anderen werden. Die Taufe schenkt uns neues Leben und dieses Geschenk zu entdecken und es zu leben, das ist unsere Aufgabe, in dem wir Gottes Weisung in seinem Wort und durch das Gebet suchen. Es geht also darum, dass wir uns immer wieder darean erinnern, dass wir zu ihm gehören.

2.

Die Taufe entlastet und befreit von der Schuld.

Durch die Taufe bekommen wir Freiheit von der Vergangenheit. Durch die Taufe, durch die Verbindung mit Jesus Christus, wird unsere schuldhafte Vergangenheit begraben. Der alte Adam stirbt und mit Christus steht der neue Mensch auf. Ist das denn nötig, brauchen wir Vergebung? Lässt es sich trotz Schuld und Übertretungen in der Vergangenheit nicht ganz gut leben? Es ist aber so, dass eine Schuld, die nicht vergeben ist und unterdrückt wird, uns nicht in Ruhe lässt. Es kann kein gesundes, ungestörtes Verhältnis zu Gott und zu den Menschen geben, solange alte Schuld unbereinigt ist. Wenn wir kein tiefes und offenes Verhältnis zu Gott haben und zu einem Menschen haben, hat es meistens damit zu tun, dass wir Gott unsere Schuld nicht bekannt haben – wir wollen bestimmte Aspekte unseres Lebens ihm nicht zeigen und verschliessen uns. So ist das auch bei einem Mitmenschen. Was einer dem anderen angetan hat, muss das Verhältnis beider solange belasten, bis diese schuldhafte Trennung oder dieser Schmerz durch Vergebung ausgelöscht ist. Die unvergebene Schuld belastet und macht unfrei, missmutig, misstrauisch und gemeinschaftsunfähig – das gilt für beide, dem, der sich schuldig gemacht hat und dem, der verletzt wurde. Eine Schuld, ob die eigene oder die eines anderen kann sogar körperlich krank machen.

Unser Text spricht von Übertretungen. Auch im Leben eines Christen ist das sündhafte, lieblose und boshafte Leben nicht vorbei. Was ist nicht alles selbst unter Christen möglich! Erschrecken wir uns denn nicht manchmal über unsere eigenen Gedanken? Die Sünde und das Böse des anderen sehen wir oft sofort, nur mit der eigenen ist es meist sehr viel schwerer. Wir machen täglich vieles kaputt, schon in der Ehe und Familie, im beruflichen Alltag, in Gesellschaft und Kirche. Es fällt uns schwer das eigene Fehlverhalten zu erkennen und noch schwerer es zu bekennen. Soll unser Verhältnis zu Gott und unseren Mitmenschen von Schuld entlastet werden, dann muss Gott uns viel vergeben!

Liebe Gemeinde, in Jesus Christus hat er es getan!

Unser Text braucht das Bild vom ausgelöschten Schuldbrief. Das Dokument auf dem unsere Schuld aufgelistet wird, die Schuld, die uns belastet, hat Gott selbst ans Kreuz genagelt. Man hatte damals am Kreuz von einem zum Tode Verurteilten einen Zettel angehängt, der beschrieb woran sich der Verbrecher schuldig gemacht hatte. Nun hängen unsere Schuldzettel an dem Kreuz Christi. Unsere Schuldzettel sind die Quittungen für Jesu Tod. So sollten wir nach jedem Tag unsere Schuld anderen Menschen und Gott gegenüber auf einen Zettel schreiben und sie sinnbildlich zum Kreuz Jesu bringen, zumindest in Gedanken und im Gebet. Und Jesus nimmt uns diese Zettel ab. Sein Werk am Kreuz ist vollbracht! Nur wir müssen unsere Schuld täglich bei ihm in Reue ablegen – das gleiche gilt auch bei unserem Mitmenschen an dem wir schuldig geworden sind. Wer es tut, der wird eine grosse Befreiung erleben. Das Abendmahl hat die gleiche Funktion. Auch da bringen wir unsere Zettel an das Kreuz Jesu und sie werden uns abgenommen.

Durch unsere Taufe bekommen wir Anteil an das Sterben Jesu am Kreuz. Seine Worte: „Es ist vollbracht!“ werden für uns gültig! Wir sollen uns darum immer wieder an unsere Taufe erinnern, immer wieder zum Kreuz gehen. Wir sollen das grosse Geschehen und das Geschenk unserer Taufe ernst nehmen.

3.

Zum Schluss in V. 15 heisst es: Gott hat den Mächtigen und den Gewaltigen die Macht genommen. Was sind denn diese Mächte und Gewalten? Es kann eine Ideologie sein, oder eine Versklavung oder die Macht der Werbung. Das sind die Mächte in unserem Leben, die uns von Gott entfremden, die Dinge die unsere Selbstsucht, Selbstbereicherung fördern auf Kosten anderer uns von Gottes Liebesgebot wegführen und uns schuldig machen. Unser Text aber sagt uns, das wir durch unsere Taufe dieser Schuld durch Christus begraben sind. Wir sind befreit. Der Schuldbrief ist ans Kreuz gehängt. Darum immer wieder zurück zu Christus.

Uns sagt das, dass uns keine Macht, keine Sorge und Last dieser Welt mehr kaputt machen oder anklagen kann, denn wer gewiss ist, dass er zuletzt auf jeden Fall gewinnt, wird unterwegs zwar schwere Zeiten und einen steinigen Weg überwinden müssen, aber er bekommt dazu die Kraft, denn er sieht am Ende schon den Sieg. In Christus hat Gott allen Mächten, die uns einengen und erdrücken wollen, die uns von Gott trennen wollen, die Macht genommen und damit ist uns der Weg zu Gott und unseren Mitmenschen geöffnet.

Und nun brauch ich in meinem Leid nicht mehr nur auf mich selbst zu schauen, sondern kann mit dem anderen leiden; nun brauch nicht mehr ich getröstet werden, sondern ich kann den anderen trösten; nun brauch nicht mehr mir ein Licht angezündet werden, sondern ich kann anderen ein Licht anzünden.

Das Ziel und der Sieg sind uns gegeben. Lasst uns mit Luther, besonders dann, wenn es um uns droht dunkel zu werden ausrufen: „Ich bin getauft!“ Das soll uns auf unserem Lebensweg begleiten. Durch unsere Taufe haben wir Teil an dem Heilswerk Jesu. Lasst uns als Erlöster leben. Amen.