2022-05-08 - Jubilate - Pfarrerin Nicole Otte-Kempf

( 1. Mose 1,1-4a.26-28.31a.und 2,1-4a ) - [ English ] - [ Akündigungen622.92 KB ]


Move 1 Jubilate – Lob der Schöpfung

Liebe Gemeinde, die erste Schöpfungserzählung in der Bibel ist ein Lobgesang. Sie gibt uns keine neutralen Informationen und gibt uns auch keine Antworten auf die Fragen: wie und wann ist die Welt entstanden. Sie drückt vielmehr aus, wie Menschen sich verstehen und empfinden: hineingesetzt in eine lebensermöglichende Ordnung der Welt, hervorgehoben und beauftragt als Geschöpfe Gottes. 

Heute am Sonntag Jubilate soll uns das bewusst werden, woher wir kommen und wohin wir gehen und welche Ordnungen Gott gesetzt hat. Wie die Welt aufgrund der Schöpfung aufgebaut ist. Darum geht es. Es geht also um die tiefsten Grundlagen unseres Daseins. Die der Schöpfer zu allen Zeiten auf der ganzen Welt gesetzt hat. Er ist Architekt und Baumeister der Schöpfung. 

Wer Gott als den Schöpfer bekennt, der bekennt damit auch, dass wir als seine Geschöpfe diese unglaubliche Schöpfung intellektuell nicht begreifen können. 

Move 2 Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde

Im Anfang. Schuf Gott Himmel und Erde.

Es geht um DEN Anfang. Als Fundament. So kann man es sich denken. Noch ehe irgendetwas war. Da schuf Gott Himmel und Erde. Aber wie können wir uns dieses Schaffen vorstellen? Wenn man sich das hebräische Verb anschaut, das hier für „schaffen“ steht, es kommt sonst im AT noch 46 mal vor, da steht es nur in Beziehung zu Gott. Es geht um Gottes Schaffen. Es ist kategorial von allem menschlichen Schaffen unterschieden. Und niemals wird ein Material benannt. Wir Menschen brauchen ein Material, Gott braucht es nicht.  

Und die Erde war wüst und leer. 

Wer in der Wüste steht, sieht Sand, soweit das Auge reicht. Kein Weg. Auch kein Ausweg. 

Wo ein Weg ist, da war schon einmal jemand vor uns an dem Ort. Alle Wege, die wir gehen, die ihr heute gekommen seid, verdankt ihr Menschen, die vor euch waren. Die Straßen ermöglicht haben. In dieser Geborgenheit bewegen wir uns. 

Wege behüten uns vor dem Chaos. 

Wie dankbar kann ich sein, dass Gott mir immer wieder Wege im Leben zeigt. Der die Wüste und Leere verwandelt. 

Wüst und leer. Tohuwabohu im hebräischen. Leere, gestaltlos, ein schwarzes dunkles Loch. 

Und Finsternis lag auf der Tiefe

Liebe Gemeinde, lasst dieses Bild bitte mal in eurem Kopf entstehen. Wüste und Leere und Finsternis. Kein Leben. Kein Raum, keine Orientierung. 

Das sind tiefe menschliche Erfahrungen, die in dieser Erzählung aufgenommen sind und diese Erfahrungen machen alle von uns. 

Im Anfang sind Tohuwabohu und Gottes Geist getrennt. Dunkelheit herrscht und dann heißt es: Und der Geist Gottes schwebte über dem Wasser. Jubilate kann ich da nur sagen: 

Nun kommt also Bewegung in diesen Zustand. Der Atem, der Wind Gottes kommt und das ist die Hoffnung, diesen Anfangszustand zu beenden. Ein Schalter wird sozusagen umgelegt. Allein, wenn Gott kommt, hinein in die Dunkelheit, in das Chaos, dann wird alles anders und herrlich und hell. 

Was für eine grandiose Vorstellung. Und wie oft hab ich das selbst erlebt in meinem Leben. Wenn Gott kommt, wenn ich mich ihm anvertraue, wenn sein Geist unter uns weht, dann wird es Licht in mir und zwischen Menschen. 

Move 3 Licht 

Gott bringt Licht. Ohne Mühe. Allein mit seinen Worten. Er bändigt das Chaos. Denn, es ward Licht. Gott ist das Licht. 

Und Gott sah, dass das Licht gut war

Menschen sind Lichtsucher und freuen sich an jedem noch so kleinen Licht. 

Licht ist die Grundlage, dass wir etwas wahrnehmen können, dass Leben entsteht. Es ist ein großes Geschenk an uns. Und Gott trennt das Licht von der Finsternis. Das heißt nicht, dass sie ganz verschwunden ist. sie ist immer noch da. Die Finsternis. Aber sie wird von Gott begrenzt. Wer keine Erfahrungen von Finsternis gemacht hat, kann auch das Licht nicht schätzen. 

Liebe Gemeinde, ich möchte euch noch eine Geschichte erzählen. Es geht um den bekannten französischer Maler Henri Matisse. Er lebte von 1869 bis 1954, die letzten Jahrzehnte meist in Nizza an der Côte d’Azur. Matisse gehörte zu den Gründerfiguren der modernen Malerei, die sich besonders für Licht. Er liebte es, Landschaften, Menschen und Dinge in unterschiedlichen Lichtverhältnissen zu zeigen. 

Ende der vierziger Jahre fragte eine Dominikanernonne den alt gewordenen Maler, ob er bereit sei, für ihr Kloster eine Kapelle zu gestalten. Die Kapelle sollte in Vence, einer Kleinstadt im Hinterland von Nizza, stehen. Matisse zögerte zuerst, dann ließ er sich auf den Auftrag ein.

Touristen und Glaubende können die Chapelle du Rosaire heute noch besuchen. Wenn sie den kleinen Raum betreten, sehen sie zuerst einmal eine Flucht von Glasfenstern. Sonnenlicht fällt von Süden und Westen ein. 

Wer die Kapelle zum ersten Mal betritt, wird überwältigt von gelben und blauen Farbtönen, vom Licht der Sonne, die das Licht Gottes widerspiegelt. Ich bin überzeugt, Matisse, der nicht an Gott glaubte, hatte trotzdem diesen Vers im Sinn: „Und Gott sah, dass das Licht gut war.“ Der Aufenthalt in diesem lichtdurchfluteten Raum wird zum Vorschein auf das Reich Gottes.

Wer sich nach dem ersten Staunen umdreht und zurückblickt, sieht an der Rückwand eine Darstellung des Kreuzwegs Jesu. Gefangennahme, Verrat, Folter, Hinrichtung, Todesurteil, Kreuz. Das ist die Welt, aus der die Gottesdienstbesucher in die Kapelle kommen. Sie suchen Schutz vor dem Grauen der Welt und müssen sie doch nach der Abendmahlsfeier wieder in dieser Richtung verlassen. Mit dieser Kapelle hat es Matisse geschafft, nur mit Hilfe von Licht und Farben das darzustellen, was die Glaubenden als beleuchtetes Reich Gottes erwartet.

„Und Gott sah, dass das Licht gut war.“

Liebe Gemeinde, dieser Sonntag heißt Jubilate. Jubelt alle! Darüber, dass Gott im Anfang da war. Sein Geist über uns ist und er sprach: es werde Licht.

Es tut gut, sich gelegentlich an das Licht zu erinnern, das Gott geschaffen hat, trotz allem, was uns und der Welt Leiden bereitet. 

Jauchzet Gott, alle Lande. Amen.