2022-05-22 - Rogate - Pfarrerin Nicole Otte-Kempf

( Lk 11,5-13 ) - [ English ] - [ Akündigungen459.41 KB ]


Liebe Gemeinde, Jesus erzählt Gleichnisse, um seinen Jüngerinnen und Jüngern von Gott zu erzählen. In Bildern veranschaulicht er, wie Gott sich den Menschen zuwendet und sie zu ihm finden können. Deshalb hört jetzt den Predigttext. Da geht es um Türen, offene und geschlossene und um Freundschaft und um das Bitten. Text vorlesen

Stellt euch vor, Ihr habt einen Freund oder eine Freundin. Eine, zu der man mit allen Sorgen und Nöten gehen kann, sogar mitten in der Nacht. Sie ist einfach für dich da. Es ist gut, wenn man einem anderen Menschen so fest vertrauen kann! Vielleicht lässt es sich mit vernünftigen Worten gar nicht erklären, aber man fühlt es im Herzen. 

Es gibt aber auch Momente im Leben, wo solch ein Freund gefehlt hat. Vielleicht waren da schon Freunde und Bekannte um einen rum, aber es war niemand dabei, dem man sich im wirklich schwachen Moment anvertrauen konnte oder wollte. 
Jesus, wie geht das eigentlich richtig zu beten, wollen seine Freunde wissen. Am liebsten hätten sie vielleicht so eine ganz präzise Anleitung, um bloß nichts falsch zu machen und Gott damit zu gefallen. Ihr kennt das: wie schön wäre es manchmal, klare Regeln zu bekommen und Schritt für Schritt eine To Do Liste abzuarbeiten. 

Nun, seine Jüngerinnen und Jünger befragen Jesus über die Dinge, die ihnen unklar sind, wo sie gern eine eindeutige Antwort hätten, nämlich

Wie geht das: richtig beten? Und Jesus antwortet ihnen:

In Gott hast Du einen echten Freund. Und wie sich diese Freundschaft gestaltet, dafür gibts keine klare Bedienungsanleitung. Sei einfach Du selbst. Du darfst bei ihm anklopfen zu jeder Tages- und Nachtzeit. Lass nicht locker, bedränge ihn. Un-verschämt, also ohne Scham! Es gibt nichts, wofür Du Dich vor Gott schämen musst. Es gibt nichts, wofür bei Gott kein Platz ist. 

Jesus weiß um die Kraft des Gebetes. Und um die Kraft des „unverschämten Drängens“. Darum wissen auch die Beter der Psalmen, die – einzeln oder als Gruppe, als Volk – Gott immer wieder ihr Leid klagen, bis der sie endlich erhört. Dann schlägt ihre Klage in Jubel um. 

Die Kraft des Gebetes ist, dass es geschieht. Dass Menschen sich von sich wegwenden und sich hinwenden zu dem, der Himmel und Erde geschaffen hat und den Tod überwand. Ihm will ich meinen ganzen Schmerz ausbreiten, alle meine Tränen. Er wird sich meiner annehmen. Die Kraft des Gebetes ist es, dass es geschieht. So oft wie möglich. Zu jeder Zeit. An jedem Ort.

Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan.

Manchmal kann man das vielleicht nicht spüren. Da hat man von Gott etwas erbeten. Und trotzdem passiert es nicht, es kommt nicht die erhoffte Hilfe. 

Ein Gebet, liebe Gemeinde, ist keine Bestellung wie bei Takelot. Bestellt und geliefert. Beim Beten geht es erst einmal darum, etwas von Gott zu erbitten. Also darum, dass man sich traut, zuzugeben, dass die eigenen Möglichkeiten begrenzt sind. Und auch darum, überhaupt zuzulassen, dass das, was man vielleicht niemandem sonst sagen kann und was ganz tief in einem schlummert, einen Ort findet. 

Und dass man nicht aufhört zu suchen. Und anklopft an Gottes Tür der Möglichkeiten, die größer sind, als die, die einem selbst vor Augen stehen. 

Im Gottesdienst finden unterschiedliche Gebete ihren Platz. 

Am Anfang beten wir zusammen einen Psalm. Worte, aus längst vergangenen Zeiten, die manchmal fremd für unsere Ohren klingen. 

Wenn wir die zusammen sprechen, dann verbinden wir uns mit den Menschen aus der Vergangenheit, die Platz für ihre Sehnsüchte, Hoffnungen, Enttäuschungen und auch ihre Hilflosigkeit und Klage gemacht haben. Es tut gut, sich in diese Worte fallen lassen zu können, auch wenn es vielleicht gerade in dem Moment nicht meine Gedanken sein mögen. 

Und so ähnlich ist es auch mit dem Glaubensbekenntnis. Worte, die Menschen gefunden haben, um auszudrücken, was sie im Leben und Sterben trägt. Auch vor uns gab es Menschen, die nach Worten gesucht haben, für das, was sie geglaubt und gefühlt haben. Und wir gehören zu dieser Gemeinschaft der Suchenden und denen, die finden, dazu. 

Im wieder neu formen sich Gebete in unseren Gedanken und manchmal sprechen wir sie laut aus. Im Gottesdienst mache ich das für uns alle. Für manch einen mag dieses Gebet gerade richtig kommen, für andere vielleicht nicht. Aber in der Gebetsgemeinschaft verbinden wir uns miteinander und öffnen uns zusammen, für Gott. In der Fürbitte nehmen wir die ganze Welt und all ihre Grausamkeiten und unsere Schuld, all die Menschen in ihrem Leid mit hinein und bringen sie vor Gott. damit zeigen wir: Wir gehören zusammen und sind manchmal hilflos. Aber es verbindet uns die Hoffnung, dass es auch anders sein könnte und sein soll.

Auch wenn Gott nicht direkt eingreift und die Dinge in Ordnung bringt, so wie wir es vielleicht gern hätten: Zusammen beten heißt, zusammen Möglichkeiten suchen. Und ihnen einen Platz zu schaffen. Dass Mut und Hoffnung lebendig sind.

Beten ist eine höhere Art der Gewissheit. Ein Mensch, der betet, traut sich nicht alles zu – traut aber Gott alles zu. Ein Mensch, der betet, kann sich durchaus seiner selbst gewiss sein, hat aber dann auch noch eine höhere Art der Gewissheit. So sieht und sagt es Jesus, erstaunlich klar. Gott gibt, sagt er; Gott lässt euch Gesuchtes finden und tut euch auf. Bei Jesus gibt es keinen Zweifel, dass Gott Gebete erhört und sie auf seine Weise erfüllt – auf seine Weise eben. 

Ich glaube, dann können Möglichkeiten, die man selbst nicht sehen und beherrschen kann, Wirklichkeit werden, sodass sich Türen öffnen. 

Und auch wenn man alleine betet, in der Stille im Gottesdienst oder zuhause oder unterwegs. 

Dann ist da ein Ort für Sehnsucht. Für Traurigkeit. Für Zorn. Für das, was mein Inneres zum Schwingen bringt. Für Träume und Tränen.

Und ein Freund, der die Tür aufmacht, für alles, was un-verschämt ist. Denn dafür hat er Platz bei sich, dass ich das alles bei ihm ausbreite.

Und dann weitergehe oder hüpfe oder tanze.

Auf leichteren Füßen. Und neue Türen finde, die aufgehen. 

Und der Vater im Himmel wird seinen Hl. Geist geben, wenn wir ihn darum bitten. Der uns führt – und das ohne Einschränkung und Bedingung. 

Amen

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