( Hesekiel 18,1–4.21–24.30–32 ) - [ English ] - [ Akündigungen421.92 KB ]
Und die Gnade unseres Herrn Jesus Christus sei mit euch allen, Amen.
Liebe Gemeinde
Wir alle kennen die email oder sms Botschaften die uns mitteilen dass wir etwas geerbt hätten. Ein entfernter Verwandter, der uns allerdings vollkommen unbekannt war, hätte uns tausende Pfunde oder US Dollar hinterlassen. Wenn wir uns bei dieser oder jener Nummer meldeten, und einen kleinen Betrag überwiesen, würde man uns das Erbe auszahlen – der schnellste Weg zum Reichtum. Zum Glück wissen wir alle, dass das nur ein Jux ist, denn selbst die engsten Verwandten, die uns schon lange bekannt sind, wären wohl kaum so großzügig.
Aber Erben und Vererben ist schon so eine Sache. Seinen eigenen Kindern würde man gerne etwas hinterlassen; die antike Komode der Großtante, die Münzensammlung von Opa, den Diamantring von Oma, die Familienfarm oder vielleicht sogar ein beachtlicher Betrag auf dem Konto – Etwas wovon die Kinder profitieren würden, etwas was ihnen auf den Weg helfen könnte, etwas was allerdings vielleicht auch nur in der Schublade liegen würde, aber wo man stolz sagen könnte, “Das habe ich geerbt”.
Es gibt aber nicht nur “Dinge” die geerbt oder vererbt werden, sondern auch Angewohnheiten, Lebenseinstellungen, Geschmäcker, Sitten. Man hofft dass die meisten davon positive Auswirkungen auf uns haben, aber das ist leider nicht immer der Fall. Es gibt leider das Erbe mit negativen Folgen: Geldschulden, Familienstreit, der über Generationen hinweg nicht gelöst wurde, Fehler der Vergangenheit so wie die Judenverfolgung oder die Apartheit. Solch ein Trauma, dass nicht selbst verschuldet ist, belastet uns dennoch. Eine Generation gibt der anderen ihre Verletzungen weiter, oft bewusst, aber noch öfter unbewusst, ohne dass es jemand will, ohne dass es jemand merkt. Diese Verletzungen prägen den Menschen: der eine steigt darüber hinaus und macht es mit seinem Leben besser, trotz, oder vielleicht gerade wegen der schwierigen Umstände; der andere geht daran zugrunde, weil das Ausmaß des Traumas der Vergangenheit einfach größer ist als der Willen, das Leben gelingen zu lassen. Und noch andere reiten förmlich auf den Fehlern ihrer Vorfahren, und benutzen sie als Ausrede für ihren eigenen Lebenstrümmerhaufen, in dem sie die Scherben nicht weder zusammengefegt noch zusammengeklebt bekommen.
So sind die Auswirkungen, die ein “Erbe” auf den Menschen haben kann, doch ganz vielseitig.
Es ist kein neues Thema, gewiss nicht. Der alttestamentliche Prophet Hesekiel, hört und vermittelt Gottes Wort zu diesem ernst zu nehmenden Thema im 18.Kapitel. Als Antwort auf die Urfrage: Wer hat woran Schuld und wie gehen wir mit Schuld um, damit unser Leben gelingen kann, hören wir folgendes Wort Gottes:
1 Wieder empfing ich eine Botschaft vom HERRN. Er sprach:
2 »Was denkt ihr euch dabei, wenn ihr Israeliten dieses Sprichwort verwendet: ›Die Väter essen saure Trauben, und den Söhnen werden die Zähne davon stumpf‹?
3 Ich, Gott, der HERR, schwöre, so wahr ich lebe: Keiner von euch soll dieses Sprichwort jemals wieder gebrauchen!
4 Begreift doch, dass alle Menschen mir gehören – die Väter wie die Söhne! Ich habe jeden Einzelnen in der Hand. Und so lege ich Folgendes fest: Nur wer Schuld auf sich lädt, soll sterben!
21 Wenn sich aber ein Mensch, der mich verachtet hat, von allen seinen Sünden abwendet, wenn er von da an auf meine Weisungen achtet und für Recht und Gerechtigkeit eintritt, dann wird er nicht sterben, sondern sein Leben behalten.
22 Alle Schuld, die er vorher auf sich geladen hat, rechne ich ihm nicht mehr an. Weil er nun tut, was in meinen Augen gut und richtig ist, wird er leben.
23 Ich, Gott, der HERR, frage euch: Meint ihr, es würde mir Freude machen, wenn ein Gottloser sterben muss? Nein, ich freue mich, wenn er von seinen falschen Wegen umkehrt und lebt!
24 Wenn aber ein rechtschaffener Mensch von mir nichts mehr wissen will, wenn er die gleichen bösen und abscheulichen Dinge treibt wie jemand, der mich verachtet, sollte ich ihn dann etwa verschonen? Nein, alles Gute, was er bisher getan hat, soll vor mir nicht mehr gelten! Weil er mir die Treue gebrochen und Schuld auf sich geladen hat, wird er sterben.
30 Darum sage ich, Gott, der HERR: Ich gehe mit euch ins Gericht, ihr vom Volk Israel; ich spreche jedem Einzelnen das Urteil, das er verdient. Kehrt um, wendet euch ab von allem Unrecht, das ihr getan habt, damit ihr euch nicht weiter in Schuld verstrickt!
31 Werft alles Böse von euch ab! Ändert euch von Grund auf, ja, erneuert euer Herz und euren Geist! Warum wollt ihr sterben, ihr Israeliten?
32 Mir macht es doch keine Freude, wenn ein Gottloser sterben muss. Darauf gebe ich, Gott, der HERR, mein Wort. Kehrt um von euren falschen Wegen, dann werdet ihr leben!«
“Die Väter essen saure Trauben, und den Söhnen werden die Zähne davon stumpf”? In moderner Sprache würde es eher lauten: "Die Kinder müssen die Suppe auslöffeln, die ihnen ihre Väter eingebrockt haben." Oder: "Wir müssen ausbaden, was andere angerichtet haben.” Eine bittere Pille zu schlucken.
Solche Klage und Spott gegen die Vorfahren gab es schon vor mehr als 2000 Jahren bei den Verbannten des jüdischen Volkes im babylonischen Exil. Heimatlos und verunsichert erlebten dort heranwachsende Söhne und Töchter ihre Lage als Strafe für die Schuld der Eltern, als Folge für deren Hochmut und Eigensinn, dass ihnen ihr Erbe, ihre Heimat, kostete.
Die Klage ist aber auch aktuel in unser modernen Welt. Auch wir spüren Fehler der Vergangenheit am eigenen Leibe. Als Deutschstämmige Südafrikaner wurden unsere Kinder nicht selten an ihren Englischen Schulen im Bezug auf den 2.Weltkrieg gemobbed und verspottet. Als weiße Südafrikaner werden sie immer noch, fast 30 Jahre nach Anfang der Demokratie in Südafrika, mitverantwortlich gehalten, für die Fehler der Apartheid. Viele unserer Jugendlichen bekommen keinen Arbeitsplatz, aus politischen Gründen, bei denen Herkunft, Hautfarbe und Geschlecht die Hauptkriterien sind, und sie wandern ins Ausland
aus. Auch Armut und Arbeitslosigkeit scheinen vererbbar zu sein. Für viele in unserem Lande gilt – wer einmal unten war, bleibt es auch. Im Verhältnis kommen nur wenige aus dieser Sackgasse raus. Die Vergangenheit steht der Zukunft vieler im
Wege. Saure Trauben und stumpfe Zähne. Eine bittere Koppelung die viele Menschen immer noch erleben.
Bedeutet das, dass wir uns tatsächlich für immer die Schuld der Vergangenheit tragen und sie abarbeiten müssen? Ganz bestimmt nicht! Das sagt uns unser Predigttext heute. Gott hat einen Ausweg für uns bereit. Er lädt uns persönlich ein, diesen Weg mit ihm zu gehen. “So wahr ich lebe, verwirft Gott das Sprichwort über die Sauren Trauben und Stumpfen Zähne - es soll dieses Sprichwort nicht mehr unter euch in Israel geben. Kehrt um und werft eure Übertretungen ab. Hört auf, euch selbst Schuld aufzuladen! Macht euch ein neues Herz und einen neuen Geist. Nur wer sich selbst Schuld auflädt wird sterben. Bekehrt euch, so werdet ihr leben.“
Gott schenkt uns hier nicht nur ein neues Herz, er öffnet uns sein liebendes Vaterherz, dass zerbricht wenn Gottlose sterben müssen und nicht mit ihm in der Ewigkeit vereint werden. Gott bettelt zum wievielten Male bei seinem Volk dass sie sich umkehren mögen, dass sie die Schulden abwerfen sollten. Er steht wartend mit ausgestreckten Armen da, und hofft auf die Umkehr aller Menschen – den Platz ist für alle da. Er hat alles vorbereitet, er weiß genau wie wir das ewige Leben Erlangen können. Aber der endgültige Entschluss liegt bei uns: Wendet euch ab von den Schulden, den Sünden, und reinigt euer Herz! Jede und jeder soll für sich selbst gerade stehen und sich nicht in der missglückten Vergangenheit suhlen. Jede und jeder ist vor Gott für sich selbst verantwortlich, sagt Hesekiel, jede Generation wieder neu für sich. Die Kinder, die Enkel müssen nicht die Fehler der Eltern, die Fehler der Weltgeschichte abarbeiten. Aber sie sind verantwortlich für die Fehler, die sie selbst machen. Die müssen sie selbst tragen.
Das gilt auch für uns. Die Schuld unserer Vorfahren, können wir nicht abtragen. Wir können das Unrecht von damals nicht ungeschehen machen. Aber wir können und müssen nach dem Gestern fragen, die Verantwortung heute tragen und alles dafür tun, dass wir morgen nicht die gleichen Fehler machen. “Saure Trauben, Stumpfe Zähne” soll es nicht mehr geben! Umkehr, Verantwortung und das Erwerben des neuen Herzen, das alles spornt Gott an. “Ich schenke euch ein neues Herz und einen neuen Geist”, so heißt es im 36.Kapitel, Vers 26. Was für ein Geschenk! Etwas besseres gibt es nicht, da kann keine Erbschaft mithalten, auch wenn sie noch so groß ist – ein neues Herz und einen neuen Geist – die Vorraussetzung für ein ewiges Leben bei ihm – was will man mehr?
Grund uns zu ändern haben wir reichlich, aber wenn wir realistisch darüber nachdenken, wissen wir auch das dieses Umkehren nicht selbstverständlich oder einfach ist. Wir Wissen, dass das sündige Wesen in uns ist. Das kann man nicht mal eben beim Ärmel herausschütten .
Ein Zitat von Martin Luther macht mir Mut meine Schulden Schritt für Schritt abzulegen damit ich sein Geschenk, das neue Herz annehmen kann. Er schreibt:
Das Leben ist nicht ein Frommsein, sondern ein Frommwerden, nicht eine Gesundheit, sondern ein Gesundwerden,
nicht ein Sein, sondern ein Werden, nicht eine Ruhe, sondern eine Übung. Wir sind's noch nicht, wir werden's aber.
Es ist noch nicht getan oder geschehen, es ist aber im Gang und im Schwang. Es ist nicht das Ende, es ist aber der Weg.
Ein frischer Anfang bei Gott ist mir möglich. Ich bin sein geliebtes Kind und darf jeden Tag mit seiner Liebe und Vergebung rechnen. Das macht mich froh und gibt mir die Kraft mit meinem “Erbe”, den Lasten die mir aus der Vergangenheit auferlegt wurden aber auch mit den Schulden, die ich mir selbst auferlege, umzugehen. So kann ich lernen zu verzeihen und immer wieder zu versuchen, mit meinen eigenen Brüchen und denen anderer umzugehen. Gott ist das Zentrum meines Daseins, seine Arme sind weit geöffnet und er ruft mich zu sich, immer wieder neu. Das gibt mir den Mut mein Leben nach seinem Willen zu gestalten und weckt in mir Verlangen und Vorfreude auf das “Erbe”, dass er uns bereit hält, ein Leben in Ewigkeit, bei ihm. Amen.
Und der Segen Gottes, der alles menschliche übersteigt, bewahre und erhalte uns in Christus Jesus, Amen