2022-07-10 - 4. Sonntag nach Trinitatis (DE) - Pfarrerin Nicole Otte-Kempf

( Joh 8,3-11 ) - [ English ] - [ Akündigungen531.73 KB ]


Liebe Gemeinde,

3 Wochen war ich nun in einer Reha-Klinik auf Föhr und es tat mir sehr gut. Die Therapie, die Menschen und nicht zuletzt die Lage am Meer. Die Weite und der Wind, der einem beim Fahrradfahren immer von vorn kommt und den Sand aufwirbelt, der sich dann wie Peeling auf der Haut anfühlt. Sand fasziniert.

Die Füße im Sand einbuddeln oder in den Sand schreiben oder malen. Und nichts von dem bleibt. Anders als wie wenn etwas in Stein gemeißelt wird und für alle Zeiten besteht.

Ich denke an die Steintafeln, die Mose von Gott, darauf die 10 Gebote auf dem Berg Sinai erhalten hatte.  

Wir haben den Predigttext in der Lesung gehört. Jesus und die Ehebrecherin. So gab Luther diesem Text seine Überschrift. Und die Schriftgelehrten und Pharisäer hatten ja Recht. In Stein gemeißelt. Ehebruch. Auf frischer Tat ertappt. Nach jüdischem Gesetz hat die Frau ihr Leben verwirkt.

Nachdem also die aufgebrachte Menge diese halb nackte Frau, wehrlos, vor Jesus gezerrt hatten, in die Mitte gestellt, da heißt es im Text.

… Aber Jesus bückte sich nieder und schrieb mit dem Finger auf die Erde. 

Was mag er wohl geschrieben haben? Wir wissen es nicht.

Überhaupt… von Jesus ist uns gar nichts Schriftliches überliefert. Von Mund zu Mund haben die Jüngerinnen und Jünger von ihm weitererzählt. Vom Winde, vom Geist quasi in alle Welt geweht, was er getan und gesagt hat.

Die aufgebrachten Männer wollen die Lynchjustiz. Dabei dient die Frau ihnen nur zum Mittel für ihren Zweck. Und der besteht darin, Jesus auf die Probe zu stellen.

Ihre Frage: „Was sagst du dazu?“ ist eine Fangfrage.

Wie wird Jesus reagieren?

Er weiß, was seine Gegner vorhaben. Und wieder einmal verhält er sich anders als erwartet. Er antwortet ihnen gar nicht. Souverän und ruhig bückt er sich und schreibt auf die Erde. Alle warten auf sein Wort: die Gegner voll Selbstsicherheit, die Frau voll Angst, das Volk voll Spannung.

Allein durch das Niederbücken Jesu, durch das Zurückkehren auf den Boden der Tatsachen, die Erde, lässt Jesus die Fragen seiner Herausforderer in der Luft hängen. Nun stehen sie da mit ihren zu Stein gewordenen Herzen und zu Steinwurf werden wollenden Worten.

Soll das Schreiben auf die Erde seine Ruhe demonstrieren? Will er ihnen Zeit geben, über sich selbst nachzudenken? Schreibt er ihre Sünden auf? 

Vielleicht weist er auf ein Wort des Propheten Jeremia hin.

Bei ihm heißt es an einer Stelle:

„Alle, die Gott verlassen, werden in den Staub geschrieben, die von ihm abfallen, ihre Namen auf die Erde. Denn verlassen haben sie den Brunnquell lebendigen Wassers, den Herrn.“ 

Eines ist sicher: Jesus konfrontiert die Ankläger mit sich selbst.

Und damit auch uns mit uns selbst. Kalte Blicke, Herzen aus Stein. Und die Einladung, dass wir selbst mal auf die Spur gehen nach den zu Stein gewordenen Grundsätzen in uns, nach den Voraussetzungen, die wir nicht hinterfragen. Wie leicht ergreifen wir Partei bei Streitigkeiten ohne den Streit als solchen zu hinterfragen. Wie sehr können wir doch irren in unseren Überzeugungen und Werten. Menschen, die sich erheben und über andere hinweg sprechen, denen setzt Jesus einen sich erniedrigenden Menschen gegenüber, der schweigt. Worten, die Stein geworden sind, stellt er fließende Bewegungen im Sand gegenüber. Gegen die Worte, die zu fliegenden Steinen werden wollen, schreibt er Worte, die der Wind verweht. So werden seine Worte zu lebendigen Worten, die durch den Wind/den Geist überall hinkommen können.

Aber die aufgebrachte Menschenmenge bleibt hartnäckig. Nur kurz unterbricht Jesus sein Schreiben und richtet sich auf und spricht die Worte, die wie ich finde, zu den bedeutsamsten Worten Jesu überhaupt gehören: „Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie.“ 

Dieser wunderbare Satz schafft es, die Mauer der Ankläger aufzulösen. Jesus erinnert sie an ihre eigenen Verfehlungen. Können sie selbst ihre Hände in Unschuld waschen? Sind sie ohne Fehl und Tadel? Jesus möchte, dass sie einsichtig werden bis zu dem Punkt, dass jeder sich eingestehen muss: wer bin ich eigentlich, andere verurteilen zu dürfen.

„Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie.“  Und Jesu Wort trifft. Es trifft bis ins Innerste. Ohne Sünde, ganz und gar unschuldig, das ist keiner!

Keiner von den Anklägern wagt es, einen Stein zu werfen. Sie ziehen sich zurück, einer nach dem anderen. Jesus bleibt allein mit der Frau zurück. Jesus fragt: „Hat dich keiner verdammt?“

Nun spricht die Frau zum ersten Mal. Erleichtert und befreit antwortet sie: „Niemand, Herr!“

Und Jesus? Er, der als einziger das Recht dazu hätte … Er hält ihr keine Moralpredigt. Er stellt überhaupt nicht die Schuldfrage. Er registriert lediglich: niemand hat sie verdammt. Und er zeigt ihr eine neue Zukunft: Auch ich verdamme dich nicht; geh hin und sündige hinfort nicht mehr.

Hier wird ein Grundzug Jesu sichtbar: er fragt nicht nach begangenen Sünden. Er spricht Vergebung zu.

Die Ankläger hatten nur Steine bereit. Jesus aber hat ein Herz. Er schenkt ihr einen neuen Anfang.

Diese Geschichte gehört zu den Höhepunkten des Evangeliums. Jesus vertraut darauf, dass Sündenvergebung den Menschen im Innersten trifft und ihn zur Umkehr bewegt. Gottes Liebe ruft unsere Liebe!

Egal, wo ich bin.

Wenn ich am Meer stehe, den Sand spüre, dann mag mich das daran erinnern. Vom Winde, vom Geist quasi wird in alle Welt geweht, was Jesus getan und gesagt hat, wofür er gestorben und auferstanden ist. Über Mauern und Grenzen hinweg, damit die frohe und befreiende Botschaft alle Menschen in allen Erdteilen erreicht. Und auch mich. Immer wieder neu.

Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte vergehen nicht. So heißt ein Jesuswort an einer Stelle im Matthäusevangelium. Gerade, indem sich die Worte frei bewegen, bleiben sie für immer und ewig bestehen. Darauf ist Verlass. Amen