2022-08-21 - 10. Sonntag nach Trinitatis (DE) - Pastorin Gertrud Tönsing

( 2.Mose 19,1-6 ) - [ English ] - [ Akündigungen391.4 KB ]


Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und unserem Herrn, Jesus Christus.
Amen

Der 10. Sonntag nach Trinitatis hat in besonderer Weise Israel zum Thema. In dem Lektionar, das ich zuhause auf Computer habe steht “Gedächtnis an die Zerstörung Jerusalems”. Es geht um die Beziehung, Juden und Christen, um die Frage, wie wir die Erwählung Israels verstehen, und um die Erinnerung an die Treue Gottes zu seinem Volk, wie wir es hören im Wochenspruch: “Wohl dem Volk, dessen Gott der Herr ist, dem Volk, das er zum Erbe erwählt hat.” Es ist ein umstrittener Tag, besonders natürlich in Deutschland. Das hat wohl auch zu Änderungen in der Textauswahl geführt. Ich möchte heute nicht den vorgeschriebenen Text nehmen, sondern einen anderen, der ermöglicht etwas mehr Allgemein über das Thema “Erwählung Israels” nachzudenken.

Ich lese aus dem 2. Buch Mose, Kapitel 19, 1-6.


Am ersten Tag des dritten Monats nach dem Auszug der Israeliten aus Ägyptenland, genau auf den Tag, kamen sie in die Wüste Sinai. Denn sie waren ausgezogen von Refidim und kamen in die Wüste Sinai und lagerten sich dort in der Wüste gegenüber dem Berge.

Und Mose stieg hinauf zu Gott. Und der HERR rief ihm vom Berge zu und sprach: So sollst du sagen zu dem Hause Jakob und den Israeliten verkündigen: Ihr habt gesehen, was ich mit den Ägyptern getan habe und wie ich euch getragen habe auf Adlerflügeln und euch zu mir gebracht. Werdet ihr nun meiner Stimme gehorchen und meinen Bund halten, so sollt ihr mein Eigentum sein vor allen Völkern; denn die ganze Erde ist mein. Und ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein. Das sind die Worte, die du den Israeliten sagen sollst.


Liebe Gemeinde

Wenn wir als Christen aufgewachsen sind und in den Kindergottesdienst gegangen sind, dann sind wir aufgewachsen mit dem Gedanken als Selbstverständlichkeit: Gott hat Israel als besonderes Volk auserwählt. Wir vergessen, was das für ein ungeheuerlicher Gedanke ist, und wie seltsam er eigentlich ist. Ein winziges Fleckchen Erde, kaum größer als unsere Provinz Gauteng, ein schwaches Volk, meist geknechtet von Großmächten ringsum, - dieses Volk soll für den Schöpfer des Universums irgendwie etwas Besonderes sein. Und tatsächlich ist es so dass bis heute das Schicksal dieses Volkes die Welt bewegt. Aber Erwählung, ein Volk herausgreifen- warum eigentlich? In Pietermaritzburg hatten wir eine indische Kollegin. Sie war christliche Theologin aber hatte Hindu Freunde und Familie. Sie erzählte mal wie eine Freundin etwas kopfschüttelnd sagte, “You people”- und damit meinte sie Juden, Christen und Muslime, “You people have a God who only reveals himself in the Middle East”. Stimmt das? Offenbart sich Gott nur in einem winzigen Fleckchen Erde, wo er doch die ganze Welt wunderbar vielseitig geschaffen hat? Warum hat Gott ein besonderes Volk ausgewählt? Und war das wirklich für Israel immer nur zum Segen?

Ich muss dabei an eine Szene von einem meiner Lieblingsfilme denken. Viele von euch kennen vielleicht den Film “Fiddler on the

Roof”. Der jüdische Milchmann Tevje aus dem russischen Dorf Anatevka hat gerade gehört, dass die Judenverfolgungen wieder zunehmen und demnächst auch seine Siedlung erreichen werden. Er guckt nach oben und fragt Gott: “ Ich weiss, Herr, wir sind dein auserwähltes Volk. Aber kannst du nicht mal zur Abwechslung jemand anderes auswählen??”

Erwählung gibt Privilegien aber auch Probleme. Das sehen wir ja schon in der Josephsgeschichte. Der erste Schuldige der Geschichte ist doch sicher der Vater Jakob. Warum hat er ein Lieblingskind? Das ist eine Weile schön für Joseph, aber letztlich schadet Jakob seinem Liebling doch gewaltig, weil der Neid der Brüder eigentlich unvermeidlich ist. Und dann geht es Joseph schlecht. Und dem Vater auch, der glaubt, dass er tot ist.

Einen Liebling haben, das ist doch auch die Ursünde eines Lehrers. Einen Schüler mit dem sie besonders gut können haben sicher die meisten Lehrer. Aber wenn man irgendwie diesen bevorzugt behandelt, dann muss der Lehrer wissen, dass dieser Schüler massiv drunter leiden wird. So etwas wird von Mitschülern schwer verziehen.

Ist Gott also ungerecht? Bevorzugt er ein Volk, schenkt ihm seinen besonderen Segen und Schutz, nur um dieses Volk dann in besonderer Weise dem Hass anderer Völker und Kulturen auszusetzen? Ist Israels Geschichte die Geschichte Josephs, aber wo ein Happy End noch lange nicht abzusehen ist? Ist etwas “Besonderes” sein denn wirklich eine “besonders” gute Sache? Hatten nicht alle die Menschen die einen besonderen Ruf hatten auch besondere Probleme? Abraham, Mose, die Propheten?

Gott sucht sich ein Volk aus. Und dann – wenn man der traditionell

christlichen Interpretation folgt, schickt er in dieses Volk hinein seinen Sohn, der so agiert, dass er völlig aus dem Rahmen fällt und scheinbar alles in Frage stellt, was dieses Volk glaubt. Während seines Lebens, und noch mehr noch nach seiner blutigen Kreuzigung und angeblichen Auferstehung wollen die meisten ihm nicht glauben. Ist das eigentlich verwunderlich? Aber nun zieht Gott seinen Segen ab, und legt ihn stattdessen auf die Menschen die diesem rebellischen Juden glauben, und verstößt die, die verständnislos daneben stehen, und bei den alten Glaubensmustern bleiben wollen. Hat Gott sein Volk verstoßen nachdem sie Jesus nicht anerkannt haben? Manche Texte scheinen das zu sagen, und der Apostel Paulus ringt darum in seinem Brief an die Römer. Christen in den letzten Jahrhunderten haben das immer wieder behauptet, und sich im Recht gesehen, wenn sie dieses verstoßene Volk verfolgten oder gar ausrotten wollten. Einige kennen vielleicht noch das Lied “Jerusalem, Jerusalem” aus der Missionsharfe. Es nimmt das Thema auf vom “weinen über Jerusalem”, das in der alten Perikopenordnung noch Evangelienlesung für diesen Tag war. Es ist klare Verstoßungstheologie, die ihren Teil getan hat die Judenverfolgung zu rechtfertigen.

Jerusalem, Jerusalem, die du so hoch gethront, du Wohnung Gottes lieb und wert, du Himmel unterm Mond; jetzt mit den Deinen unterm Fluch, geknechtet jämmerlich: Jerusalem, Jerusalem, stets weinen wir um dich!

Jerusalem, Jerusalem, bis du dich einst bekehrst, und unser Lamm, das du durchbohrt, mit wahrer Buße ehrst; bis du dich vor dem Heiland beugst, vor seinem Seitenstich: Jerusalem, Jerusalem, stets weinen wir um dich!

Ja, so steht es noch in meiner Missionsharfe, die ich in St Peter regelmäßig gebrauche. So ein Denken war Jahrhunderte lang völlig normal. Erst nach den Schrecken der Nazizeit hat man angefangen zu fragen, dürfen Christen das so sehen? Der Anti-Semitismus längst noch nicht aus der Welt geschafft. Aber der Gegenschlag ist auch nicht hilfreich – das Argument, dass man Israel überhaupt nicht kritisieren darf, egal was sie tun. Ist jede Kritik am Staat Israel auch gleich Anti-jüdisch? Muss man das nicht trennen?

Israelsonntag ist also ein höchst brisantes theologisches und politisches Thema, und gerade bei der Geschichte Israels kann man Theologie und Politik kaum auseinanderreissen. Wer sich hineinwagt ergibt sich in ein Minenfeld. Ich will es trotzdem heute einmal wagen – Volldampf hinein, weil ich vor einigen Jahren eine Einsicht hatte, die mir in diesem Thema sehr weitergeholfen hat. Ich werde sie also weitergeben, freue mich über Rückmeldungen.

Als ich mich vor einigen Jahren mit einer Predigt zum Israelsonntag herumschlug – ich hatte Vertretung in Nordrand, also eine rein deutsche Gemeinde vor mir, kam plötzlich eine Erinnerung bei mir hoch: Sie hatte mit Israel und Palästina gar nichts zu tun. Es war ein Artikel den ich mal gelesen hatte über Robben Island und die Internationale “Free Mandela” Bewegung.

In den 80er Jahren gab es immer mehr Gruppen, vor allem in Groß Brittannien, die sich den Slogan “Free Nelson Mandela” auf die Fahnen geschrieben hatten. Das brachte einiges an Unruhe auf Robben Island. Einige der Inhaftierten, besonders die von der jüngeren 76er Generation ärgerten sich darüber, dass sie Mandela als Individuum so herausstrichen. Es gab doch auch viele andere Häftlinge, und alle hatten viel geopfert, viel eingebüßt. Auch Mandela selber wollte nicht als Individuum herausgelöst werden aus dem Kollektiv. Aber irgendwann schlief der Protest ein. Alle sahen

ein: Um Menschen zu mobilisieren, braucht es ein Gesicht. “People relate to a cause with a face”. “End Apartheid in South Africa” der Slogan liess die meisten Menschen in Europa ziemlich kalt. “Freiheit für Mandela” zündete. Das Konzert zu Mandelas 70. Geburtstag in London wurde schätzungsweise von 600 Millionen Menschen weltweit gesehen. Auch heute, wenn jemand nichts über Südafrika weiss, würde ich ihnen eher Mandelas Autobiographie in die Hand drücken als ein abstraktes Geschichtsbuch. Schulen haben das auch schon seit langem erkannt. Um Schüler einzuführen in die Problematik der Nazizeit fängt man an mit Anne Frank. Die Welt wurde hineingezogen in die Geschichten um den Taliban durch Malala Yousafzai. Ich habe Malalas Buch verschlungen.Wenn jemand ein Zeugnis braucht, dass man nicht alle Muslime über einen Kamm scheren kann – da ist es. Greta Thunberg gab der weltweiten Umweltbewegung ein Gesicht. Warum sie, warum nicht unzählige andere, die sich auch eingesetzt haben? Das sind die großen Geheimnisse. Warum Israel? Warum Abraham oder Elia? Nicht weil sie Helden waren, immer Glaubensstark, ohne moralischen Fehler. Alle waren ziemlich komplexe Menschen, und je mehr wir auch das verstehen und sehen lernen, desto mehr ziehen sie uns hinein in ihre Geschichte.

Gott, der uns Menschen geschaffen hat, weiss sicher auch recht gut, wie wir funktionieren. Er ruft also immer wieder Einzelne, und versammelt um sie eine Gruppe, ein Volk, das die Wahrheiten weitertragen kann. Aber es geht immer um viel mehr als nur diese Einzelnen oder diese Gruppen. Es geht bei Mandelas Geschichte um ganz Südafrika, bei Malala um die Frage der Rolle der Frau im Islam, um die Bildung von Mädchen, um die Frage, was der Islam im 21 Jahrhundert sein will. Bei Greta geht es um die Zukunft unseres ganzen Erdballs. Und bei Israel? Geht es nur um Israel, oder um Gottes Geschichte, um die Rettung der ganzen Welt? Was heisst es denn, das Israel erwählt ist?

Dieses ist jetzt natürlich meine Interpretation – Aber ich denke Gott schreibt seine Geschichte mit dem Volk Israel auf jeden Fall weiter. Sie sind nicht einfach abgehängt, auch wenn der Hauptschauplatz sich wegbewegt hat. Es geht Gott um die Rettung aller Menschen, um die ganze Welt. Muss vielleicht gerade da in Israel und Palästina, im größten Konflikt, etwas Neues passieren, was Frieden zwischen den Religionen eröffnet und ermöglicht, vielleicht auch Muslimen und Juden einen neuen Zugang gibt zur Botschaft von der Liebe Gottes in Christus? Vielleicht eine neue Reformation, die Leute zusammenbringt und nicht auseinandertreibt? Das können wir alle noch nicht wissen. Möglich ist natürlich auch, dass der Durchbruch von ganz woanders kommt – vielleicht von China oder Afrika. Aber irgendwo wird eine neue Bewegung Israel nicht unberührt lassen. Da bin ich mir ganz sicher. Gott schreibt weiter, und ich ahne, dass es wieder nicht ohne Leid und Schmerz abgeht, aber im größten Dunkel wird Gottes Zusage wieder weiterführen.

Was heisst das jetzt für unsere Beziehung zu Israel? Erstens, dass wir merken, wieviel Segen von diesem kleinen Volk ausgegangen ist und das dankbar anerkennen. Zweitens, dass wir merken, wieviel wir immer noch von ihren Traditionen und besonders aus ihren Schriften lernen können, auch aus ihren Sitten und Gebräuchen jetzt, die immer noch einiges an Respekt verdienen. Und drittens, dass wir dran denken, dass es um die ganze Welt geht und nicht um eine Vorrangstellung. Das heißt, dass wir sie behandeln wie wir andere Nationen auch behandeln würden: Unterstützen, da wo das angebracht ist, und da in Frage stellen, wo Unrecht geschieht. Und das gilt für alle ihre Nachbarn genauso. Und zum Schluss natürlich immer wieder: Beten um eine friedliche Lösung im Nahen Osten, immer wieder beten für Frieden in Israel. Ein Sprichwort sagt, es wird keinen Weltfrieden geben ohne Frieden zwischen den Religionen. Solche Wege kann Gott schenken. Wir dürfen dafür beten.

Gottes Geschichte braucht ein Gesicht. Dieses Gesicht heisst Israel, und dann der jüdische Mann aus Nazareth, Jesus, der uns auch in das Gottesvolk hineingezogen hat. Was ist das nächste Kapitel? Das weiss keiner, aber ich bin mir ganz sicher, dass der Autor dieser Geschichte ein barmherziger Gott ist, der immer noch Gnade walten läßt, viel mehr als wir ahnen oder je verstehen werden. Trotzdem ist es nicht egal, welche Rolle wir in dieser Geschichte spielen. Ich bete, dass wenn ein neuer Durchbruch kommt, eine neue Reformation oder egal wie man es nennen wird, ich es erkennen werde als Werk Gottes und mich nicht dagegen stellen werde, so dass spätere Generationen um mich oder uns weinen müssen, weil wir Gottes Stunde nicht erkannt haben.

Auch uns hat Gott auf Adlersflügeln getragen. Wir singen es oft im Lied, “Lobe den Herren”. Er hat uns gesegnet und in Christus sind wir ein Volk von Priestern geworden, die anderen den Segen Gottes weitertragen können. Das schöne Wort Schalom wird so zum Ruf und Auftrag. Schalom euch allen, Schalom für Israel.

Amen
Und dieser Friede Gottes, der höher ist als alle menschliche Vernunft bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus unserem Herrn.

Amen