2022-08-28 - 11. Sonntag nach Trinitatis (DE) - Pfarrerin Nicole Otte-Kempf

2 Sam 12,1-10.13-15a ) - [ English ] - [ Akündigungen466.64 KB ]


Denn aus Gnade seid ihr gerettet durch Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es, nicht aus Werken, damit sich nicht jemand rühme.

Wir feiern heute Jubelkonfirmation.

Wir werden gleich noch Fotos sehen von damals. Vieles ist passiert in diesen Jahren und hat sich verändert. Und doch ging die Zeit wie im Flug, wird so manch einer denken. Der Blick wandert zurück, die eine mag feststellen: es war ein gutes Leben bis hierher. Vielleicht war es aber auch bei dem ein oder der anderen anders: eine Beziehung ist gescheitert, geliebte Menschen sind gestorben, Krankheit belastet einen, die Zeit rast und ich hinterher.

Denn aus Gnade seid ihr gerettet durch Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es, nicht aus Werken, damit sich nicht jemand rühme.

Vor 25 Jahren und viele mehr habt ihr Ja gesagt zu Eurer Taufe. Wolltet den Weg mit Gott an der Seite weiter gehen. Wir haben am Mittwoch beisammen gesessen und einige haben erzählt von der Zeit damals und auch davon, was danach kam. Z.T. große Konfirmanden-Gruppen und viel Auswendiglernen, einige hatten Freude daran und sahen auch den Sinn darin, andere nahmen das nicht so ernst. Es gab andere wichtige Dinge.

Das hat sich bis heute nicht geändert.

Und mit Sicherheit war es damals strenger als es heute ist. Aber damals wie heute gilt:

Denn aus Gnade seid ihr gerettet durch Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es, nicht aus Werken, damit sich nicht jemand rühme.

Bei Gott geht es nicht darum, was wir leisten oder was wir nicht leisten.

Wir können Gottes Liebe nicht verdienen, nur dankbar empfangen.

 Aber so ganz insgeheim, da schleichen sich und ich glaube, das ist bei jedem von uns so, diese Gedanken ein: eigentlich verdiene ich Gottes Gnade mehr als andere. Wie gut, dass ich anders bin, so fromm und gerecht. Ja, ich mache alles richtig.

… Lukas erzählt in dieser wunderbaren Geschichte vom Pharisäer, die wir in der Lesung gehört haben, dass dieser sehrsehr auf dem Holzweg war: denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden: und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.

Ja, mit dem Urteilen über andere Menschen, dem Verurteilen… ist es nicht so einfach. Auch im Alten Testament ist uns dazu eine Geschichte überliefert. Ich lese den Predigttext aus dem 2. Samuelbuch 12

David, der große König. Geboren als jüngster Sohn im kleinen Bethlehem.

Ein Hirtenjunge, der mit seinem Harfenspiel König Saul beruhigt.

Der später unerwartet den Riesen Goliath besiegt: David, dem die Liebe von Sauls Sohn Jonathan mehr bedeutete als die Liebe der Frauen.

David, der nichtsdestotrotz auch die Frauen mochte.

Vor allem Batseba. Dabei geht er über Leichen. In diesem Fall über die Leiche von Uria. David bekommt Besuch vom Propheten Nathan.

Und dieser erzählt ihm diese Geschichte von einem reichen und einem armen Mann. Der Reiche hat viele Schafe und Lämmer; der Arme nur ein einziges kleines Lämmlein, das er wie seine Tochter hütete.

Der Reiche stiehlt das Lämmlein des armen Mannes.

So eine Frechheit! David sieht das genau so wie wir. Er gerät in Zorn und ruft: “Der Mann ist ein Kind des Todes, der das getan hat!”

Und wir schmunzeln über Davids Wut. Als informierte Zuhörerinnen wissen wir schon längst, was David noch nicht weiß zu diesem Zeitpunkt.

“Du bist der Mann!” sagt Nathan zu ihm. Ja, du bist der Mann.

Du weißt genau, wie andere sich zu benehmen haben.

Blind bist du aber für deine eigenen Schwächen.

Selbstgerecht bist du, lieber David.

Die Geschichte von David und Nathan zeigt, dass wir Menschen leicht mit zweierlei Maß messen. Natürlich ist es eine Frechheit, dass der reiche Mann das einzige kleine Lämmlein des armen Mannes verspeist!

Der Tod des Urias und das Eindringen in eine andere Beziehung ist aber ein blinder Fleck für ihn. David entdeckt auf harte Weise, dass er sein Gegenüber und sich selbst nicht anhand der gleichen Maßstäbe beurteilt.

“Du bist der Mann!” sagt Nathan. Und führt ihm sein Leben vor Augen.

Gott hat dich zum König salben lassen.

Dir alles und noch mehr geschenkt, was dein Herz begehrte.

Trotzdem war es dir nicht genug. Nathan öffnet David die Augen.

“Ich habe gesündigt gegen den Herrn.” Sagt David. Er, der große König. Er, der weite Vorfahr von Jesus. Er, der Ungerechte.

Er, dessen Gottesbeziehung so sehr gestört ist. Voller Reue bricht er zusammen.

“Ich habe gesündigt gegen den Herrn.”

David und Nathan. Der Pharisäer und der Zöllner.

Sehr konfrontative und lehrreiche Erzählungen.

David zeigt, dass wir Menschen leicht blind sind für unsere eigenen Schwächen. Das gilt auch für Euch. Für mich auch.

Klar, es ist gut, ein gesundes Selbstbewusstsein zu haben.

Habe aber auch deine anderen Seiten im Blick.

Der reiche Mann, der das einzelne kleine Lämmlein verspeist, steckt auch in dir. Niemand ist nur gerecht. Erhebe dich deswegen nicht über andere.

Mach dich nicht groß, indem du andere klein machst.

Denke nicht, dass nur du die Weisheit mit Löffeln gegessen hast.

Sei offen, vor allem wenn du denkst zu wissen, wie es läuft.

Es gibt mehr Meinungen als deine. Und für jede Ansicht gibt es Gründe.

Schaue nicht hochmütig und herablassend auf andere hinunter.

Beschäftige dich mit deiner, nicht mit der Sünde der anderen.

Schlag dich mit dem Zöllner auf die Brust und sprich:

Gott, sei mir Sünder gnädig. Darüber freut er sich. So entsteht eine ungestörte, gerechte Beziehung zu Gott.

Denn aus Gnade seid ihr gerettet durch Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es, nicht aus Werken, damit sich nicht jemand rühme.

Diese Einsicht macht frei:

Das Leben ist ein Geschenk.

Der Glaube ist ein Geschenk.

Gottes Gnade ist ein Geschenk.

Immer.  Amen