2022-09-04 - 12. Sonntag nach Trinitatis (DE) - Pfarrerin Nicole Otte-Kempf

Apostelgeschichte 9,1-20 ) - [ English ] - [Abkündigungen668.39 KB ]


Leben ist Veränderung. Dieses Zitat wird dem griechischen Philosophen Heraklit (um 520 bis 460 v. Chr.) zugeordnet und es ist Satz, der mich bewegt. Veränderungen haben eine bedrohliche und eine verheißungsvolle Seite. Verheißungsvoll sind Veränderungen deshalb, weil sie mir sagen, dass nichts bleiben muss, wie es ist, dass sich immer wieder neue Türen öffnen und dass Dinge, die mir nicht gefallen, mich nicht für ewig ärgern müssen. Bedrohlich sind Veränderungen deshalb, weil das Gewohnte, Eingeübte, das Liebgewordene infrage gestellt wird. Eine Routine zu haben, gibt mir Sicherheit im Alltag. Bei dem Mann, von dem wir heute im Predigttext hören, war der Anfang der Veränderung auch bedrohlich. 

Lesen des Textes 

Saulus, der uns eher mit seinem römischen Namen Paulus bekannt ist, war ein entschiedener, ja irgendwie schon fanatischer Gegner der Christen. Mit allen Mitteln versuchte er, Christinnen und Christen zu bekämpfen. Noch waren Judentum und Christentum keine getrennten Religionen, aber Paulus sah in den Christen und Christinnen Abweichler, die in seinen Augen den wahren Glauben verraten hatten. Die Christen sahen in Jesus den Messias, den Retter der Welt. Genau das machte Paulus offensichtlich Angst – es bedrohte ihn. 

Jedenfalls Paulus macht sich mit dieser Einstellung auf den Weg nach Damaskus, ausgerüstet mit der Erlaubnis, christliche Abweichler zu bekämpfen. In den dortigen Synagogen wollte er für Ordnung sorgen und die Christen und Christinnen zurückdrängen. 

Seine Reise nach Damaskus wird aber bald unterbrochen, auf ziemlich heftige Weise. Ein helles Licht umstrahlt ihn. Paulus fällt hin, vielleicht sogar vom Pferd.

Hinfallen als erwachsener Mensch führt oft in eine Krise hinein. Das Hinfallen ist mit zunehmendem Alter für viele Menschen ein wirklich einschneidendes Erlebnis. 

Nach seinem Fall hört Paulus eine Stimme. Und es ist Jesus, der mit ihm redet. 

Dann ist Paulus auch noch blind, hilflos, er muss an der Hand geführt werden bis Damaskus. Das können seine Begleiter für ihn tun, aber es muss eine verwirrende Erfahrung sein. Eben noch der Anführer, dann muss er geführt werden, ist auf Hilfe angewiesen. Nichts ist nun mehr übrig von seinem Plan, Christen und Christinnen zu verfolgen. 

Paulus sieht nichts, er braucht eine Pause. Er muss sich neu sortieren und zieht sich in Damaskus zurück. Es bleibt ihm auch nichts anderes übrig. Paulus isst und trinkt nichts. Er ist komplett raus aus seinem Alltag, aus seinem gewohnten Leben, aus seiner Routine. 

Drei Tage lang geht das so. Drei Tage, so lange, wie Jesus im Grab war. Drei Tage, so lange wie Jona im Bauch des Walfischs war. Drei Tage, so lange, wie Lazarus tot war, bevor Jesus ihn auferweckte. Veränderung geht nicht über Nacht. Es braucht Zeit. Drei Tage wohl mindestens.

Das kenne ich aus meinem Leben. Veränderungen brauchen Zeit. Aus manchen Brüchen und schmerzhaften Veränderungen, aus manchem Hinfallen ist nach der ersten, schlimmen Krise etwas Gutes geworden. Brüche können auch zu einem Neuanfang werden, sie können Routinen und festgelegtes Verhalten aufbrechen. Es ist schmerzhaft, wenn Träume und Hoffnungen zerplatzen, aber dennoch kann darin auch eine Chance stecken. Die man erst selbst irgendwann vielleicht entdeckt. Aber es dauert und selten schafft man das allein.  

Für Paulus braucht es auch die Hilfe eines anderen Menschen, um die Sache in einem neuen Licht zu sehen, um die Veränderung anzugehen, um aus der Krise herauszufinden. Hananias kommt. Er wird von Jesus beauftragt, hat eigentlich sehr viel Angst vor Paulus, aber macht es trotzdem. Hananias vertraut auf Jesus, erzählt Paulus, was er glaubt und zu wissen meint über Jesus. Hananias hofft dabei, dass alles gut geht. Sobald er zu Paulus kommt, kann dieser wieder sehen. 

Das erste Licht ist ihm schon aufgegangen. Paulus isst und trinkt wieder und gewinnt neue Kraft. Hananias bringt Paulus alles bei, was er glaubt über Jesus Christus und das, was er gesagt und getan hat. Schließlich tauft er ihn wahrscheinlich sogar. Später hört man über Hananias nichts mehr, aber in dieser Zeit wäre es ohne ihn, den Begleiter und Seelsorger nicht gegangen. Paulus verdankt ihm viel.

Paulus beginnt sofort zu predigen über Jesus, dass dieser Gottes Sohn sei. Seine Veränderung von einem, der Christen verfolgt, zu einem, der begeistert predigt, ist in vollem Gang. Seine Krise ist überwunden. Er hat ein neues Lebensthema gefunden, sein Glaube verändert sich. Statt Hass auf die Christen nun Liebe zu Christus. Aus dem, was zerbrochen ist, entsteht etwas kostbares Neues. 

Mit Paulus verändert sich auch das junge Christentum. Paulus prägt Gemeinden und inspiriert auch viele Jahrhunderte später Menschen zu Veränderungen, zu einem neuen Verständnis des Evangeliums, so wie Martin Luther und viele andere. Das Hinfallen, die Krise, die Veränderung ist zur Verheißung geworden. Es ist nichts geblieben, wie es war. Etwas Neues ist geworden und das ist wunderbar. 

Liebe Gemeinde, das Leben ist Veränderung. 

Aber durch jede Veränderung nimmt man sich selber mit, seine Geschichte und Gaben, auch Verletzungen und Schwachpunkte. Für Paulus ist seine Begegnung mit Jesus zu einem Wendepunkt im Leben geworden. Mit derselben Inbrunst, mit der er Christen verfolgte, kann er nun von dem berichten, was sein Leben grundlegend verändert hat und für ihn der Grund aller Hoffnung ist. Und Paulus gelingt es, die zu verstehen, die anders denken und noch nichts wissen von Jesus Christus.

Durch jede Veränderung nimmt man sich selber mit. Paulus Leben hat sich dramatisch, erheblich und grundlegend geändert. Es hat eine neue Basis bekommen. Gott nutzt Paulus‘ Talente und Gaben. Gott nimmt also Menschen in seinen Gebrauch und mutet uns immer wieder Veränderungen zu. Gleichzeitig wird bewahrt, was Paulus schon gut konnte. Aber nun verbindet sich sein Eifer mit Gottes Liebe. Das Evangelium bricht sich Bahn und erobert viele Herzen.

Damit sich die Liebe Gottes in unserem Leben ausbreiten kann, braucht es Veränderungen. Immer wieder. In meinem Leben und in dem einer christlichen Gemeinde. Manchmal sind es große Veränderungen, manchmal aber auch nur kleine Schritte. 

Manchmal tun Veränderungen richtig weh und werden abgewehrt, manchmal werden sie geradezu herbeigesehnt. 

Es muss nicht alles bleiben, wie es ist. Das Leben, der Glaube, unsere Beziehung zu Gott darf sich verändern, wachsen und reifen. Gottes Liebe darf in uns mehr und mehr Raum einnehmen. Und ich bin sicher, Gott findet auch für mich Wege für seine Veränderung der ganzen Welt. Gottes Liebe bewegt, versöhnt und eint die Welt. Veränderungen können der Beginn einer wunderbaren Verheißung sein. Leben ist Veränderung. Gott sei Dank. Amen