2022-09-11 - 13. Sonntag nach Trinitatis (DE) - Pfarrerin Nicole Otte-Kempf

Lk 10,25-37 ) - [ English ] - [Abkündigungen657 KB ]


Irgendwann, liebe Gemeinde, in nicht allzu ferner Zukunft möchte ich Israel bereisen. Dorthin, wo sich die Geschichten der Bibel zugetragen haben. All die Orte sehen, die Jesus vor Augen hatte, wenn er Geschichten erzählte.
Jesus nutzte die bildhafte Sprache: damit alle Zuhörerinnen und Zuhörer ihn verstehen konnten.

Es ging ihm nie ums Theoretisieren oder philosophieren über die letzten Fragen mit hochrangigen Leuten, sondern um die Anwendung im Alltag all dessen, was er im Namen Gottes verkündigte.
So auch die Geschichte, die heute unser Predigttext ist.

TEXT

Ich möchte euch nun auch wenn auch nur gedanklich: mitnehmen an diesen Ort, wo Jesus diese Geschichte sich ereignen lässt.

Es war ein Mensch, der ging von Jerusalem hinab nach Jericho und fiel unter die Räuber; die zogen ihn aus und schlugen ihn und machten sich davon und ließen ihn halb tot liegen.

So leitet Jesus die Geschichte ein. Ein Mensch. Im hebräischen: Adamah. Wir erfahren nichts von ihm: man nimmt an, es war ein Mann, weil Frauen in der Antike nur in Gruppen unterwegs sind. Ein Mensch wie Du und ich.

Eine kurze Einleitung. Die ganze Geschichte: ohne Gefühle, nüchtern und doch voll tiefer Emotionen und Dramatik, meisterhaft erzählt.

Jerusalem liegt etwa 800 m über dem Meeresspiegel und es kann da sehr kalt werden, sogar schneien. Jerusalem ist weltberühmt und die zentrale jüdische Stadt. Es gibt am Ostrand von Jerusalem einen Trampelpfad, heute immer noch, der nach 30 km nach Jericho führt und er schlängelt sich durch eine Stein- und Geröllwüste, die judäische Wüste. Dort ist es tagsüber sehr heiß und nachts, wenn die Sonne nicht scheint, eiskalt. Jericho liegt 250 m unter dem Meeresspiegel und ist eine Oasen- und Palmenstadt, damals wohl schon sehr schön.

Der Weg zwischen Jerusalem und Jericho führt stetig bergab. Über 1000 Höhenmeter Unterschied zwischen den beiden Städten. Unbequem zwischen Steinen und Geröll. Hier gibt es nie Regen.

Über eine sogenannte Blutsteige kommt man auf den Trampelpfad und unterwegs gibt es kein Dorf, kein Baum, kein Schatten. Völlig unbewohnt, einsam. Man ist dort eigentlich nicht allein unterwegs, denn dieses Gebiet lädt zum Überfall ein. Und doch: in dem Gleichnis geht jeder allein. Das fällt auf.

Was noch zu beachten ist: in einer einsamen Gegend ist eine Begegnung intensiver. Man grüßt sich, wenn man sich trifft. Das habt ihr sicher auch schon erlebt auf Wanderungen. Vielleicht redet man auch kurz miteinander. Und in einer einsamen Gegend ist man viel mehr auf Hilfe angewiesen. In einer einsamen Gegend sieht aber auch keiner, wenn Du nicht hilfst. Du bist nur deinem eigenen Gewissen verpflichtet.

Zu den Räubern möchte ich sagen: es waren Menschen der unteren Schicht, wie es sie in Palästina im 1. Jh. Viele gab, die immer ärmer und ärmer geworden waren. 30 Prozent der Bevölkerung war verelendet. Sie konnten betteln gehen oder sich ihr Hab und Gut stehlen. In der Wüste, im Jenseitsgelände haben sie im hinteren Bereich von Höhlen gehaust, sodass die Römer sie nicht finden konnten und sich auch nicht dort hinein gewagt hatten.

Die Räuber zogen diesen Menschen, den einsamen Wanderer aus. Weil sie nämlich seine Kleidung brauchten. Und dann schlugen sie ihn und ließen ihn halbtot zurück. Es ist kein Unglück, was diesem Menschen geschieht. Es ist ein Raubüberfall, ein Gewaltverbrechen.

Und keiner weiß, wo die Räuber danach sind. Aus welcher Höhle sie einen beobachten und bei Gelegenheit wieder zuschlagen.

Nächstenliebe ist hier also ein Wagnis, es ist riskant, diesem Menschen zu helfen. Es geht um Tod und Leben.

Die Räuber sind weg. Wir als Hörerinnen und Hörer, Zuschauerinnen und Zuschauer bleiben mit dem Verwundeten zurück an dem Ort und schauen den Räubern hinterher. Und hoffen und bangen, dass nun jemand kommen muss zu helfen.

Und es kommt auch einer. Sogar zwei.

31 Es traf sich aber, dass ein Priester dieselbe Straße hinabzog; und als er ihn sah, ging er vorüber.

32 Desgleichen auch ein Levit: Als er zu der Stelle kam und ihn sah, ging er vorüber.

Priester und Levit sind sich sehr ähnlich. Was sie tun, identisch. Wir erfahren ihre Berufe. Die sind Jesus offensichtlich sehr wichtig, sonst hätte er auch sagen können: ein Mann oder ein Handwerker oder einer aus dem Volk oder irgendetwas anderes. Warum aber Priester und Levit?

Beide gehören zum Tempelpersonal in Jerusalem, wo sie gerade ihren Dienst getan haben und nun nach Hause wollen nach Jericho, wo die meisten von ihnen wohnen. Sie haben hauptberuflich mit Religion zu tun. Und sie tragen die ihnen im 3. Buch Mose vorgeschriebene Berufsbekleidung. Sie waren von weitem erkennbar, auch für die Räuber.

Was als Hintergrund wichtig ist zu wissen: Priester und Levit konnten sich ihren Beruf nicht aussuchen. Man wurde so geboren als Sohn von…. Ich bin von Gott dazu erwählt. Das ist es, was ihnen ihre Eltern von Klein auf beigebracht hatten. Und ihr wisst selbst: das Elternhaus hat einen großen Einfluss darauf, was ich denke und ob und wie ich ethisch handle.

In der hl. Schrift finden sich auch die Reinheitsvorschriften für Priester und Leviten sind. Sie müssen sich fernhalten von unreinen Dingen und dazu gehören: Aussatz, Blut und Tote, sonst werden sie selbst für Wochen und Monate unrein.

Kurz gesagt: Priester und Levit gehen beide vorüber, weil…. Ihr Glaube, ihr Erwählungsbewusstsein, ihre religiöse Prägung verhindert, dass sie dem Halbtoten helfen. Sie unterlassen die Hilfe aus religiösen Gründen, weil sie so die Heilige Schrift lesen und verstehen, weil ihr religiöses System eigentlich zu ihrem Gefängnis geworden ist.
Und der Überfallene bleibt liegen. In der Hitze. Halbtot.

33 Ein Samaritaner aber, der auf der Reise war, kam dahin; und als er ihn sah, jammerte es ihn;

34 und er ging zu ihm, goss Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie ihm, hob ihn auf sein Tier und brachte ihn in eine Herberge und pflegte ihn.

35 Am nächsten Tag zog er zwei Silbergroschen heraus, gab sie dem Wirt und sprach: Pflege ihn; und wenn du mehr ausgibst, will ich dir’s bezahlen, wenn ich wiederkomme.

Jesus erzählt nun etwas ausführlicher vom Samaritaner. Kein Beruf, eine Nationalität. Eine eigene Religionsgemeinschaft, die als Andersgläubige und Abgefallene von den Juden auch liturgisch verflucht wurde.

Oder um es uns selbst besser vorzustellen:

Die Hilfe kommt in dieser Geschichte also aus einer Ecke , die den damaligen Zuhören sehr geärgert haben muss.

Und die euch heute ärgern würde.

Es jammert den Samaritaner, heißt es. Wörtlich: er hatte Erbarmen mit ihm, empfand Mitleid. Ethisches Handeln, liebe Gemeinde beginnt damit, dass man etwas passiv erleidet.

Der Samaritaner hilft. Auch am nächsten Morgen steht er ein für seine Tat und bereut sie nicht. Er setzt andere, in dem Fall den Wirt, kreativ für ihn ein.

Weil der Samaritaner tief berührt ist, überwindet er die Grenzen der religiösen Herkunft. Er handelt im Geist der Nächstenliebe … aber am anderen Tag setzt er seine Reise fort. Er bringt sich nicht um aus Nächstenliebe. Denn es heißt ja: liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Selbstliebe ist auch wichtig.

Das vergessen wir manchmal auch. Und opfern uns auf für andere.

Meister, was muss ich tun, dass ich das ewige Leben ererbe?

Das war die Ausgangsfrage des Gesetzeslehrers.

Und Jesus antwortet ihm mit dieser vergleichenden Geschichte: also mit etwas, was so nicht geschehen ist, aber etwas Wichtiges zeigen kann: Liebe auch die, die Du Dir nicht aussuchst. Die Du nicht magst, die nicht zu deiner Gemeinschaft gehören. Lass dich anrühren von dem, der Hilfe sucht. Egal, wer er ist.

Das ist eine Herausforderung. Der Nächste ist der Ungesuchte. Der oder die, die gerade jetzt da sind – gerade dann, wenn ich es überhaupt nicht brauchen kann, es eilig habe, selber genug Sorgen habe, nicht die gleiche Frömmigkeit haben oder an denselben Gott glauben oder was auch immer es für Ausreden gibt.

Das ewige Leben beginnt mit ungesuchter und getaner, also mit fragloser Liebe. Mit einer Liebe, die ich tue, weil sie zu mir, zu meinem Herzen gehört.
Unter allen Umständen.

Und der Friede Gottes sei in eurem Herzen und breite sich aus. Hier. Und überall in der Welt.

Amen