2022-09-18 - 14. Sonntag nach Trinitatis (DE) - Pfarrer Dr Markus Beile

Apostelgeschichte 17, 16-28a ) - [ English ] - [Abkündigungen712.43 KB ]


Was Sie gerade gehört haben, ist der Anfang der berühmten Areo­pag­re­de. Der Evangelist Lukas komponiert diese Rede des Paulus als wichtigen Wen­depunkt in seiner Tätigkeit als Apostel. Was ist das Besondere an dieser Rede? Bis­her hat Paulus auf seinen Mis­sions­reisen vor allem zu gläu­bigen Juden ge­sprochen und diese von der neu­en Lehre überzeu­gen wollen. Jetzt, in Athen, da spricht er mit allen möglichen Leu­ten, die sich täglich auf dem Markt einfin­den. Und wir können uns vorstellen: Das ist eine bunte Schar, die sich auf dem Markt­­platz aufhält. Ein paar Spötter, so hören wir, sind na­tür­lich auch da­bei. Für Paulus ist das eine ganz andere Situation als bis­her: Ih­nen etwas von dem zu ver­mitteln, was ihm wichtig ist. Das ist un­gleich kom­plizierter, härter, he­r­aus­for­dernder.  

Noch in einer an­deren Hin­sicht lässt sich Paulus auf etwas Neues ein: Bisher war er un­ter­wegs in eher kleinen Land­städt­chen. Jetzt wagt er sich sozu­sagen in die Höhle des Lö­wen: Athen, das ist neben Rom das kultu­relle Zen­trum des Römischen Rei­ches. Eine Stadt mit eini­gen tau­send Ein­woh­nern, mit altehr­wür­digen Tradi­tio­nen, mit berühmten philosophi­schen Schu­len, mit ei­nem ungeahn­ten kultu­rellen Reich­tum, aber auch mit allem Schnick­schnack, der zu solch ei­ner Stadt eben dazu­gehört. Das kennt Pau­lus so nicht. Und wir können uns vorstel­len, wie er sich erst einmal zu­rechtfinden muss in dem quirli­gen Trei­ben dieser berühmten Stadt. Und wie er so durch die Stra­ßen läuft, ist er überrascht, was für ein fieberhaf­ter re­ligiö­ser Markt sich hier einge­nistet hat. Hier, in Athen, gibt es schlicht­weg alles, was man sich im religiösen Sektor überhaupt vorstellen kann. Pau­lus blickt erstaunt um sich und kann es gar nicht fassen: Da gibt es die gewal­ti­gen Tempel für alle mögli­chen Götter. Da gibt es Stand­bilder, Kult­stelen, Opfer­stätten. Da gibt es alle mög­lichen Zau­berer, Pro­phe­ten, Magier, Gu­rus, reli­giöse Volksredner, Scharlata­ne, As­ke­ten. Jede Form von Ver­eh­rung und Kult findet sich. Nichts fehlt, stellt Paulus grimmig fest. Die Athe­ner haben an alles ge­dacht. Und sogar für den Fall, dass sie einen Gott vergessen haben, haben sie Vorsorge getroffen: Ein Heiligtum trägt die Auf­schrift: Dem unbe­kann­ten Gott. Man weiß ja nie.  

Es ist Mode, gleich an mehre­ren Kulten teil­zuneh­men. Viel­leicht bringt’s ja etwas. Bloß nichts ver­pas­sen. Je­der mischt sich da­bei seinen eigenen reli­giö­sen Cock­tail. Ein bisschen Zeus und Athe­ne: aus Traditions­grün­den. Eine Prise philo­sophi­sche Skepsis, das schadet nie. Ein bisschen öst­licher My­ste­rienkult, ist zur Zeit “in”. Ein Schuss Meditati­on, tut ein­fach gut. Und dabei immer Aus­schau hal­ten nach etwas Neuem. Denn so ein reli­giöser Cocktail schmeckt nach einer Weile schon wie­der abge­stan­den und muss neu gewürzt werden. Ganz klar, Paulus ist verärgert. Kein Wun­der, denkt er sich, dass ein paar Athener sich für mich inte­ressieren. Könn­­te ja was Neu­es sein. Mal hingehen. Zu­hö­ren, was ich so zu erzäh­len habe.

Ja, unserem Paulus ist gar nicht wohl. Er ärgert sich über das, was er ge­se­hen hat. Er will für das, was er da sieht, kein Verständnis aufbrin­gen. Für ihn ist das alles ein Gräuel. Die Götter wer­den hier abgebildet, als ob sie Porträt gestan­den hätten. Man baut ih­nen Tempel, dass sie sich darin wohl­fühlen. Man bedient sie und opfert ihnen, damit sie gut gelaunt sind. Und im Letzten nimmt man sie und sich selbst nicht sonderlich ernst da­bei. Was will er, denkt sich Pau­­lus, was will er bei diesen übersättigten, reizüberflute­ten, ge­lang­weil­ten Leu­ten? Sie wollen ihm zwar zuhö­ren, aber ihre Motivation ist zweifel­haft: “Kön­nen wir erfah­ren, was das für eine neue Lehre ist, die du lehrst? Denn du bringst et­was Neues vor un­sere Oh­ren; nun wol­len wir ger­ne wissen, was das ist.” Eigentlich lässt Paulus sich un­gern missbrau­chen als amüsan­te Ab­wechs­lung. Am liebsten würde er ja aus der Haut fah­ren und ein Donner­wetter loslassen. Aber er weiß: Das bringt gar nichts. Und die Leute, die mit ihm auf den Are­opag­hügel gehen wollen, sind ja nicht di­rekt bösartig. Sie sind halt nur ein bisschen neugierig. Und so lässt er sich, wenngleich wi­der­wil­lig, über­reden. Und geht mit ihnen auf den Areopag­hü­gel, zu die­ser alt­ehr­wür­dige Stätte, Sitz der atheni­schen Behörde für Erzie­hung und Wis­sen­schaft. Keine leichte Auf­gabe wartet auf Paulus, wenn er mehr bieten will als eine vergnügli­che, unverbindli­che Ab­wechslung. Wie soll er es anstel­len, ihnen das na­hezubrin­gen, was doch so anders ist, als das, was er in Athen gesehen hat. Pau­lus weiß: Man muss die Leu­te dort abho­len, wo sie stehen. Es ist wichtig, den richtigen Anknüp­fungs­punkt zu fin­den, um an die Leute erst ein­mal heranzukommen. Aber gibt es diesen Anknüp­fungs­punkt über­haupt? Zu dieser Schwie­rigkeit kommt noch dazu, dass er sich nicht viel Zeit in seiner Einlei­tung las­sen darf. Der Anfang ei­ner Rede, das weiß auch Paulus, ist nämlich besonders wichtig. Schaffst du es nicht, in den ersten 2 Mi­nuten für Interesse zu sorgen, dann schlafen dir die Leute ein. Darauf kommt es also für Paulus an: Einen kur­zen, griffi­gen, passen­den Auf­hänger zu finden, der die Neugierde der Athener positiv ausnutzt.   

Und wie macht es Paulus, als er oben auf dem Are­opag seine Rede be­ginnt? Ich lese nochmals den Be­ginn seiner Re­de: “Ihr Männer von Athen, ich sehe, dass ihr die Göt­ter in jeder Weise besonders eif­rig verehrt. Ich bin umherge­gangen und habe eure Heiligtü­mer an­ge­sehen und fand ei­nen Altar mit der Aufschrift: Dem unbekannten Gott. Nun ver­kün­dige ich euch diesen Gott, den ihr unwissend ver­ehrt.”

Ein außerordentlich gelungener Beginn der Rede, wie ich finde. Da ist eine Menge drin in diesem Anfang: Paulus beginnt mit einer wür­zigen Prise Ironie: “Ich sehe, dass ihr die Göt­ter in jeder Weise be­sonders eif­rig verehrt”. Aber man kann diese Aussage auch verste­hen, als ob Paulus den Athenern auch positiv echtes Inter­esse und ehrliches Sich-Mühen unterstellt.

Paulus fährt fort mit einem ge­schickt ge­wählten Aufhänger: “Ich fand einen Altar mit der Aufschrift: Dem un­bekann­ten Gott.” Die­ser Aufhänger bietet ihm die Möglich­keit, sein eigenes theologisches Konzept zu ent­falten, ohne sich an die religi­ösen Vor­stellungen der Athener anzu­hängen. Diese stellt er ja auch im weite­ren Ver­lauf kri­tisch in Frage. Aber zugleich kann er ihnen positiv un­terstellen, dass sie im­mer schon die­sen unbe­kannten Gott verehrt haben. Sie taten es, ohne etwas über ihn zu wissen. Und das ist da­mit die Legiti­mation des Paulus, nun über diesen un­bekannten Gott etwas zu sagen.

Paulus verkündigt den unbekannten Gott. So beginnt er also seine Rede. Und da hat er nicht nur ei­nen geschickten Anknüpfungspunkt gefunden für die Leute in Athen. Da hat er auch ziemlich genau un­se­re religiöse Situati­on knapp 2000 Jahre später getroffen. Denn er ist uns unbekannt gewor­den, der Gott, von dem die Bibel spricht; das ist eine unbestreit­bare Tatsa­che. Viele wissen mit diesem Wort nichts mehr an­zufangen, legen es ab wie ei­nen abgetragenen Man­tel, der seinen Dienst getan hat. Er wärmt nicht mehr und man schämt sich ein bisschen für ihn, weil er schon so ab­getra­gen aus­sieht.  Vor einein­halb Wochen hatte ich mit Jugendlichen das Thema “Gottes­glaube” als Diskussionsthe­ma. In den Schwie­rig­keiten, die die Ju­gend­lichen bei diesem Thema hatten, spie­geln sich mei­nes Erach­tens die Probleme, die wohl viele Men­schen mit diesem Thema haben: Der Gott der Kinder­tage, der Freund, den man sich häufig vorstellt wie ei­nen alten weiß­haarigen Mann auf ei­ner Wol­ke sitzend. Er ist nicht mehr da. Er scheint sich verflüchtigt zu haben. Wir er­kennen als Älterwerdende: Es waren ja nur Bil­der, die wir hat­ten. Und die Wirk­lichkeit ist doch eine ganz andere. Die Wol­ken, sie sind doch nur Wasserpartikel, die sich ir­gend­wann abregnen. Sie eignen sich nicht mehr als Wohnstätte. Der Gott der Kindertage, er findet keinen Platz mehr in unserer Erwach­senenwelt. Er ist ort-los gewor­den. Und so zer­bre­chen die Bilder, die wir uns als Kin­der ge­macht haben. Zurück bleibt ein Trümmer­haufen, weiter nichts. Es ist schmerzhaft für uns, nur noch Scherben in den Händen zu halten, die ihre Leuchtkraft und Faszi­nation verloren haben. Zurück bleibt ei­ne gewis­se Weh­mut, eine ungestillte Sehn­sucht nach etwas, das be­ständiger ist als das, was uns unter der Hand zerbro­chen ist. Und diese Sehnsucht ist es, die den Nährbo­den bereitet für die reli­giösen Märkte damals in A­then wie heute bei uns. Es ist diese Sehn­sucht, die Menschen an Heiligabend Jahr für Jahr in die Got­tes­dienste treibt. Es ist diese Sehn­sucht, die uns Menschen su­chen lässt nach einem Er­satz für das, was unter der Hand zerbrochen ist.

Nach dem taktisch gewählten Beginn seiner Rede, die Paulus es er­laubt, bei der religiösen Sehnsucht der Menschen heute wie da­mals anzu­knüp­fen, haut nun Paulus ziemlich auf den Putz. Er zer­bricht die Götter­bilder, die sich die Athener gemacht haben. Es sind kindli­che Bilder, die nicht mehr tragen, nicht mehr stimmen. Kein Wunder, dass die Athener auf der Suche sind nach anderem. Paulus wendet sich gegen diese einfa­chen, zu einfachen Gottes­vorstel­lun­gen in aller Deutlichkeit: “Gott wohnt nicht in Tem­peln, die mit Hän­den ge­macht sind. Auch lässt er sich nicht mit Men­schenhänden be­die­nen, als ob er irgendetwas nötig hätte.” Mit der glei­chen Entschie­denheit hätte sich Paulus auch gegen die Vor­stellung vom alten weißhaari­gen Mann auf der Wolke gewendet. Das sind alles Bilder, die uns unter der Hand zerbrochen sind, meint Paulus. Die Athener wer­den ihm kaum wider­spro­chen haben. Und auch wir werden kaum et­was dagegen sagen können. Im Gegenteil, ist es nicht befreiend, wenn das ein­mal einer ehrlich und offen ausspricht, was wir insge­heim doch alle wissen?

Paulus zerbricht in seiner Rede diese Bilder und er richtet damit kei­nen Scha­den an. Denn die Bilder sind uns auf dem Weg in die Er­wachse­nen­welt vorher schon zerbrochen.

Für viele hat sich mit dem Zusammenbrechen ihrer Kinderbilder das The­ma “Religion” erledigt. In der Erwachsenenwelt gibt es keinen Platz mehr für derartige Dinge. Nur manchmal holen sie ihre religi­ösen Bilder aus der Kindheit hervor und betrachten sie wie alte Kin­derfotos.

Zur Religion einen neuen Zugang finden dagegen nur wenige. Meist ist es dahin ein weiter, mühsamer Weg. Wie findet man ihn, diesen Weg, zu­rück zur Religion?

Paulus deutet es an, was uns dabei helfen könnte: Dass wir wieder ler­nen, staunen zu können und nicht alles selbstverständlich neh­men. Paulus spricht vom Geheimnis des Lebens. Und in der Tat: Ist es nicht ein Wun­der, dass es “Leben” überhaupt gibt, mit seinen ganzen Merkwür­digkeiten und auch seinen Abgründen? Das Leben, es ist uns gegeben, wir haben es uns nicht genommen. Und ist nicht auch die Geburt eines Kin­des ein Wunder? Aus einer winzi­gen befruchteten Zelle entsteht ein ganzer Mensch, mit seinen Gefühlen und Träumen. Aus einer winzigen Zelle! Paulus erwähnt außer­dem die Grenzen des Lebens, die uns gesetzt sind. Und in der Tat: Ist es nicht auch etwas Merkwür­diges, dass wir irgend­wann einmal sterben müs­sen, dass wir nur für eine bestimm­te Zeit beste­hen, dass wir in die Welt ge­worfen werden ohne unser Zutun, und dass wir ir­gendwann einmal ster­ben müssen? Grenzen sind uns gesetzt, die wir nicht hintergehen kön­nen. Vie­les gibt es, meint Paulus, worü­ber es sich zu Staunen lohnt. Auch über un­serer Er­wachsenenwelt liegt ein Ge­heimnis, das wir nicht ergrün­den kön­nen. Aber wir Erwachsene haben zumeist kei­ne Spra­che mehr da­für.

Vielleicht erinnern wir uns dann wieder an unsere kindlichen Gottes­bil­der, die uns unter der Hand zerbrochen sind. Wenn wir die Scher­ben wieder herausholen. Dann sind wir vielleicht gar nicht mehr so sicher, dass das alles nur Kinderkram war. Dann merken wir viel­leicht, dass diese Bilder auf ihre kindliche Weise das ausdrücken wollten, für das wir keine Spra­che mehr haben. Sie zerbrachen, mussten vielleicht zer­brechen, als wir aus un­serer Kinderwelt heraus­wuchsen. Aber wer weiß, vielleicht be­gin­nen dann die alten blinden Scherben mit einem Mal wieder zu leuch­ten. Weil sie etwas durch­scheinen lassen von dem, was wir nicht messen, nicht greifen, nicht fassen können. Was uns aber trägt und bewahrt. So dass wir wieder eine Ahnung bekom­men von der geheimnis­vollen Ord­nung, die hin­ter allem steht. Wir hatten uns davon entfernt. Und jetzt ist es uns mit einem Mal wieder nahe. “Denn es ist wahr”, so sagt es Paulus von Gott, “er ist nicht ferne einem jeden von uns. Denn in ihm le­ben, weben und sind wir.”

Liebe Gemeinde, damit ist noch nicht alles gesagt. Paulus weiß, dass das nur ein Anfang ist. Und deshalb fährt er auch mit seiner Rede fort, erzählt von den Bildern, die ihn tragen, erzählt von Jesus Chri­stus und von seiner Auferstehung. Doch darum geht heute nicht. Heute geht es darum: Un­ru­hig zu werden und sich wieder neu auf die Suche zu machen. Die weite­ren Fragen - und Antworten - kom­men dann von selbst.