( Apostelgeschichte 17, 16-28a ) - [ English ] - [Abkündigungen712.43 KB ]
Was Sie gerade gehört haben, ist der Anfang der berühmten Areopagrede. Der Evangelist Lukas komponiert diese Rede des Paulus als wichtigen Wendepunkt in seiner Tätigkeit als Apostel. Was ist das Besondere an dieser Rede? Bisher hat Paulus auf seinen Missionsreisen vor allem zu gläubigen Juden gesprochen und diese von der neuen Lehre überzeugen wollen. Jetzt, in Athen, da spricht er mit allen möglichen Leuten, die sich täglich auf dem Markt einfinden. Und wir können uns vorstellen: Das ist eine bunte Schar, die sich auf dem Marktplatz aufhält. Ein paar Spötter, so hören wir, sind natürlich auch dabei. Für Paulus ist das eine ganz andere Situation als bisher: Ihnen etwas von dem zu vermitteln, was ihm wichtig ist. Das ist ungleich komplizierter, härter, herausfordernder.
Noch in einer anderen Hinsicht lässt sich Paulus auf etwas Neues ein: Bisher war er unterwegs in eher kleinen Landstädtchen. Jetzt wagt er sich sozusagen in die Höhle des Löwen: Athen, das ist neben Rom das kulturelle Zentrum des Römischen Reiches. Eine Stadt mit einigen tausend Einwohnern, mit altehrwürdigen Traditionen, mit berühmten philosophischen Schulen, mit einem ungeahnten kulturellen Reichtum, aber auch mit allem Schnickschnack, der zu solch einer Stadt eben dazugehört. Das kennt Paulus so nicht. Und wir können uns vorstellen, wie er sich erst einmal zurechtfinden muss in dem quirligen Treiben dieser berühmten Stadt. Und wie er so durch die Straßen läuft, ist er überrascht, was für ein fieberhafter religiöser Markt sich hier eingenistet hat. Hier, in Athen, gibt es schlichtweg alles, was man sich im religiösen Sektor überhaupt vorstellen kann. Paulus blickt erstaunt um sich und kann es gar nicht fassen: Da gibt es die gewaltigen Tempel für alle möglichen Götter. Da gibt es Standbilder, Kultstelen, Opferstätten. Da gibt es alle möglichen Zauberer, Propheten, Magier, Gurus, religiöse Volksredner, Scharlatane, Asketen. Jede Form von Verehrung und Kult findet sich. Nichts fehlt, stellt Paulus grimmig fest. Die Athener haben an alles gedacht. Und sogar für den Fall, dass sie einen Gott vergessen haben, haben sie Vorsorge getroffen: Ein Heiligtum trägt die Aufschrift: Dem unbekannten Gott. Man weiß ja nie.
Es ist Mode, gleich an mehreren Kulten teilzunehmen. Vielleicht bringt’s ja etwas. Bloß nichts verpassen. Jeder mischt sich dabei seinen eigenen religiösen Cocktail. Ein bisschen Zeus und Athene: aus Traditionsgründen. Eine Prise philosophische Skepsis, das schadet nie. Ein bisschen östlicher Mysterienkult, ist zur Zeit “in”. Ein Schuss Meditation, tut einfach gut. Und dabei immer Ausschau halten nach etwas Neuem. Denn so ein religiöser Cocktail schmeckt nach einer Weile schon wieder abgestanden und muss neu gewürzt werden. Ganz klar, Paulus ist verärgert. Kein Wunder, denkt er sich, dass ein paar Athener sich für mich interessieren. Könnte ja was Neues sein. Mal hingehen. Zuhören, was ich so zu erzählen habe.
Ja, unserem Paulus ist gar nicht wohl. Er ärgert sich über das, was er gesehen hat. Er will für das, was er da sieht, kein Verständnis aufbringen. Für ihn ist das alles ein Gräuel. Die Götter werden hier abgebildet, als ob sie Porträt gestanden hätten. Man baut ihnen Tempel, dass sie sich darin wohlfühlen. Man bedient sie und opfert ihnen, damit sie gut gelaunt sind. Und im Letzten nimmt man sie und sich selbst nicht sonderlich ernst dabei. Was will er, denkt sich Paulus, was will er bei diesen übersättigten, reizüberfluteten, gelangweilten Leuten? Sie wollen ihm zwar zuhören, aber ihre Motivation ist zweifelhaft: “Können wir erfahren, was das für eine neue Lehre ist, die du lehrst? Denn du bringst etwas Neues vor unsere Ohren; nun wollen wir gerne wissen, was das ist.” Eigentlich lässt Paulus sich ungern missbrauchen als amüsante Abwechslung. Am liebsten würde er ja aus der Haut fahren und ein Donnerwetter loslassen. Aber er weiß: Das bringt gar nichts. Und die Leute, die mit ihm auf den Areopaghügel gehen wollen, sind ja nicht direkt bösartig. Sie sind halt nur ein bisschen neugierig. Und so lässt er sich, wenngleich widerwillig, überreden. Und geht mit ihnen auf den Areopaghügel, zu dieser altehrwürdige Stätte, Sitz der athenischen Behörde für Erziehung und Wissenschaft. Keine leichte Aufgabe wartet auf Paulus, wenn er mehr bieten will als eine vergnügliche, unverbindliche Abwechslung. Wie soll er es anstellen, ihnen das nahezubringen, was doch so anders ist, als das, was er in Athen gesehen hat. Paulus weiß: Man muss die Leute dort abholen, wo sie stehen. Es ist wichtig, den richtigen Anknüpfungspunkt zu finden, um an die Leute erst einmal heranzukommen. Aber gibt es diesen Anknüpfungspunkt überhaupt? Zu dieser Schwierigkeit kommt noch dazu, dass er sich nicht viel Zeit in seiner Einleitung lassen darf. Der Anfang einer Rede, das weiß auch Paulus, ist nämlich besonders wichtig. Schaffst du es nicht, in den ersten 2 Minuten für Interesse zu sorgen, dann schlafen dir die Leute ein. Darauf kommt es also für Paulus an: Einen kurzen, griffigen, passenden Aufhänger zu finden, der die Neugierde der Athener positiv ausnutzt.
Und wie macht es Paulus, als er oben auf dem Areopag seine Rede beginnt? Ich lese nochmals den Beginn seiner Rede: “Ihr Männer von Athen, ich sehe, dass ihr die Götter in jeder Weise besonders eifrig verehrt. Ich bin umhergegangen und habe eure Heiligtümer angesehen und fand einen Altar mit der Aufschrift: Dem unbekannten Gott. Nun verkündige ich euch diesen Gott, den ihr unwissend verehrt.”
Ein außerordentlich gelungener Beginn der Rede, wie ich finde. Da ist eine Menge drin in diesem Anfang: Paulus beginnt mit einer würzigen Prise Ironie: “Ich sehe, dass ihr die Götter in jeder Weise besonders eifrig verehrt”. Aber man kann diese Aussage auch verstehen, als ob Paulus den Athenern auch positiv echtes Interesse und ehrliches Sich-Mühen unterstellt.
Paulus fährt fort mit einem geschickt gewählten Aufhänger: “Ich fand einen Altar mit der Aufschrift: Dem unbekannten Gott.” Dieser Aufhänger bietet ihm die Möglichkeit, sein eigenes theologisches Konzept zu entfalten, ohne sich an die religiösen Vorstellungen der Athener anzuhängen. Diese stellt er ja auch im weiteren Verlauf kritisch in Frage. Aber zugleich kann er ihnen positiv unterstellen, dass sie immer schon diesen unbekannten Gott verehrt haben. Sie taten es, ohne etwas über ihn zu wissen. Und das ist damit die Legitimation des Paulus, nun über diesen unbekannten Gott etwas zu sagen.
Paulus verkündigt den unbekannten Gott. So beginnt er also seine Rede. Und da hat er nicht nur einen geschickten Anknüpfungspunkt gefunden für die Leute in Athen. Da hat er auch ziemlich genau unsere religiöse Situation knapp 2000 Jahre später getroffen. Denn er ist uns unbekannt geworden, der Gott, von dem die Bibel spricht; das ist eine unbestreitbare Tatsache. Viele wissen mit diesem Wort nichts mehr anzufangen, legen es ab wie einen abgetragenen Mantel, der seinen Dienst getan hat. Er wärmt nicht mehr und man schämt sich ein bisschen für ihn, weil er schon so abgetragen aussieht. Vor eineinhalb Wochen hatte ich mit Jugendlichen das Thema “Gottesglaube” als Diskussionsthema. In den Schwierigkeiten, die die Jugendlichen bei diesem Thema hatten, spiegeln sich meines Erachtens die Probleme, die wohl viele Menschen mit diesem Thema haben: Der Gott der Kindertage, der Freund, den man sich häufig vorstellt wie einen alten weißhaarigen Mann auf einer Wolke sitzend. Er ist nicht mehr da. Er scheint sich verflüchtigt zu haben. Wir erkennen als Älterwerdende: Es waren ja nur Bilder, die wir hatten. Und die Wirklichkeit ist doch eine ganz andere. Die Wolken, sie sind doch nur Wasserpartikel, die sich irgendwann abregnen. Sie eignen sich nicht mehr als Wohnstätte. Der Gott der Kindertage, er findet keinen Platz mehr in unserer Erwachsenenwelt. Er ist ort-los geworden. Und so zerbrechen die Bilder, die wir uns als Kinder gemacht haben. Zurück bleibt ein Trümmerhaufen, weiter nichts. Es ist schmerzhaft für uns, nur noch Scherben in den Händen zu halten, die ihre Leuchtkraft und Faszination verloren haben. Zurück bleibt eine gewisse Wehmut, eine ungestillte Sehnsucht nach etwas, das beständiger ist als das, was uns unter der Hand zerbrochen ist. Und diese Sehnsucht ist es, die den Nährboden bereitet für die religiösen Märkte damals in Athen wie heute bei uns. Es ist diese Sehnsucht, die Menschen an Heiligabend Jahr für Jahr in die Gottesdienste treibt. Es ist diese Sehnsucht, die uns Menschen suchen lässt nach einem Ersatz für das, was unter der Hand zerbrochen ist.
Nach dem taktisch gewählten Beginn seiner Rede, die Paulus es erlaubt, bei der religiösen Sehnsucht der Menschen heute wie damals anzuknüpfen, haut nun Paulus ziemlich auf den Putz. Er zerbricht die Götterbilder, die sich die Athener gemacht haben. Es sind kindliche Bilder, die nicht mehr tragen, nicht mehr stimmen. Kein Wunder, dass die Athener auf der Suche sind nach anderem. Paulus wendet sich gegen diese einfachen, zu einfachen Gottesvorstellungen in aller Deutlichkeit: “Gott wohnt nicht in Tempeln, die mit Händen gemacht sind. Auch lässt er sich nicht mit Menschenhänden bedienen, als ob er irgendetwas nötig hätte.” Mit der gleichen Entschiedenheit hätte sich Paulus auch gegen die Vorstellung vom alten weißhaarigen Mann auf der Wolke gewendet. Das sind alles Bilder, die uns unter der Hand zerbrochen sind, meint Paulus. Die Athener werden ihm kaum widersprochen haben. Und auch wir werden kaum etwas dagegen sagen können. Im Gegenteil, ist es nicht befreiend, wenn das einmal einer ehrlich und offen ausspricht, was wir insgeheim doch alle wissen?
Paulus zerbricht in seiner Rede diese Bilder und er richtet damit keinen Schaden an. Denn die Bilder sind uns auf dem Weg in die Erwachsenenwelt vorher schon zerbrochen.
Für viele hat sich mit dem Zusammenbrechen ihrer Kinderbilder das Thema “Religion” erledigt. In der Erwachsenenwelt gibt es keinen Platz mehr für derartige Dinge. Nur manchmal holen sie ihre religiösen Bilder aus der Kindheit hervor und betrachten sie wie alte Kinderfotos.
Zur Religion einen neuen Zugang finden dagegen nur wenige. Meist ist es dahin ein weiter, mühsamer Weg. Wie findet man ihn, diesen Weg, zurück zur Religion?
Paulus deutet es an, was uns dabei helfen könnte: Dass wir wieder lernen, staunen zu können und nicht alles selbstverständlich nehmen. Paulus spricht vom Geheimnis des Lebens. Und in der Tat: Ist es nicht ein Wunder, dass es “Leben” überhaupt gibt, mit seinen ganzen Merkwürdigkeiten und auch seinen Abgründen? Das Leben, es ist uns gegeben, wir haben es uns nicht genommen. Und ist nicht auch die Geburt eines Kindes ein Wunder? Aus einer winzigen befruchteten Zelle entsteht ein ganzer Mensch, mit seinen Gefühlen und Träumen. Aus einer winzigen Zelle! Paulus erwähnt außerdem die Grenzen des Lebens, die uns gesetzt sind. Und in der Tat: Ist es nicht auch etwas Merkwürdiges, dass wir irgendwann einmal sterben müssen, dass wir nur für eine bestimmte Zeit bestehen, dass wir in die Welt geworfen werden ohne unser Zutun, und dass wir irgendwann einmal sterben müssen? Grenzen sind uns gesetzt, die wir nicht hintergehen können. Vieles gibt es, meint Paulus, worüber es sich zu Staunen lohnt. Auch über unserer Erwachsenenwelt liegt ein Geheimnis, das wir nicht ergründen können. Aber wir Erwachsene haben zumeist keine Sprache mehr dafür.
Vielleicht erinnern wir uns dann wieder an unsere kindlichen Gottesbilder, die uns unter der Hand zerbrochen sind. Wenn wir die Scherben wieder herausholen. Dann sind wir vielleicht gar nicht mehr so sicher, dass das alles nur Kinderkram war. Dann merken wir vielleicht, dass diese Bilder auf ihre kindliche Weise das ausdrücken wollten, für das wir keine Sprache mehr haben. Sie zerbrachen, mussten vielleicht zerbrechen, als wir aus unserer Kinderwelt herauswuchsen. Aber wer weiß, vielleicht beginnen dann die alten blinden Scherben mit einem Mal wieder zu leuchten. Weil sie etwas durchscheinen lassen von dem, was wir nicht messen, nicht greifen, nicht fassen können. Was uns aber trägt und bewahrt. So dass wir wieder eine Ahnung bekommen von der geheimnisvollen Ordnung, die hinter allem steht. Wir hatten uns davon entfernt. Und jetzt ist es uns mit einem Mal wieder nahe. “Denn es ist wahr”, so sagt es Paulus von Gott, “er ist nicht ferne einem jeden von uns. Denn in ihm leben, weben und sind wir.”
Liebe Gemeinde, damit ist noch nicht alles gesagt. Paulus weiß, dass das nur ein Anfang ist. Und deshalb fährt er auch mit seiner Rede fort, erzählt von den Bildern, die ihn tragen, erzählt von Jesus Christus und von seiner Auferstehung. Doch darum geht heute nicht. Heute geht es darum: Unruhig zu werden und sich wieder neu auf die Suche zu machen. Die weiteren Fragen - und Antworten - kommen dann von selbst.