( Lukas 17,20-24 ) - [ English ] - [Abkündigungen542.99 KB ]

Ein Sommertag in den Bergen. Auf der Startwiese sehen wir einen Paraglider. Wir beobachten ihn. Und er fängt an wie frei und leicht durch die Luft zu schweben. Der weite Blick über die Berge, komplette Stille in diesem Raum zwischen Himmel und Erde. Unendliches Glück. So stelle ich es mir vor.
Oder ist da doch eher Herzklopfen und das Gefühl, sich zu überwinden? Dieser Schritt hinein in die Luft– würde ich ihn wagen?
Mein Glaube an Gott ist wie ein Gleitschirmflug. Will ich den Glauben wagen? Oder bleibe ich lieber mit beiden Beinen fest auf der Erde stehen? Glauben und Vertrauen, das braucht Mut.
Und wenn ich an das Thema des Sonntags denke, nämlich dass jene Menschen selig sind, die Frieden stiften, dann ist das ähnlich wie mit dem Glauben und dem Vertrauen.
Es ist wieder einmal Dietrich Bonhoeffer, der sich dazu Gedanken gemacht hat. Nämlich, dass auch der Friede Mut braucht.
Immer wieder müssen wir ihn wagen. Denn Friede ist das Gegenteil davon, eine Sicherheit zu haben. Sicherheiten fordern, heißt Misstrauen haben, und dieses Misstrauen lässt Krieg entstehen. Sicherheiten suchen heißt, sich selber schützen wollen. Friede heißt, sich gänzlich ausliefern dem Gebot Gottes, keine Sicherung wollen, sondern in Glaube und Gehorsam dem allmächtigen Gott die Geschichte der Völker in die Hand legen und nicht selbstsüchtig über sie verfügen zu wollen.
Das entlastet mich erstmal, traue ich mir doch nicht zu, den Frieden in der Welt zu stiften. Aber gleichzeitig kann ich mich nicht zurücklehnen und denken: das sei die Aufgabe der anderen.
Was im großen Weltgeschehen passiert, das finden wir auch im Kleinen, privaten. Und jeder ist dafür verantwortlich, zu überlegen, was er oder sie tut. Konkret.
Stellt euch vor, dass alle Menschen in Frieden miteinander leben. Die Sehnsucht nach weltweitem Frieden für alle Menschen ist eine uralte Hoffnung. Sie ist gerade deshalb so stark, weil Menschen aller Generationen erleben: Diese Welt ist kein friedlicher Ort. Immer wieder führen Menschen Krieg und fügen anderen Leid zu. Oder scheinbar grundlos trifft uns ein Unglück, das uns den Boden unter den Füßen wegzieht.
Beispiele dafür gibt es unendlich viele: Die eine wünscht sich sehnlichst ein Kind und kann nicht schwanger werden. Ein anderer begleitet einen todkranken Angehörigen und muss aushalten, dass es ein langer und schwerer Weg sein kann, bis jemand endlich sterben kann. Aber es sind nicht nur Fragen von Leben und Tod, auch eine enttäuschte Liebe oder ein Unrecht, das wir einfach nicht geraderücken können, löst bei uns die Frage nach Gott aus: Wo ist Gott jetzt? Wie kann ich an ihn glauben, wenn ich ihn in meinem Leben nicht spüre?
Wo Gott ist, da muss doch Frieden sein!
In unserem biblischen Text zu diesem Sonntag geht es um diese Frage, sie wird nur etwas anders gestellt.
Ich lese bei Lukas im 17. Kapitel, was Jesus sagt auf die Frage der Pharisäer, wann denn das Reich Gottes komme:
20 »Das Reich Gottes kommt nicht so,dass man es an äußeren Anzeichen erkennen kann.
2 1Man wird auch nicht sagen: ›Schau her, hier ist es!‹,oder: ›Dort ist es!‹Nein, das Reich Gottes ist schon da –mitten unter euch.«
Diese kurze Szene wurde einige Zeit nach dem Tod Jesu aufgeschrieben. Der Tempel in Jerusalem war zerstört. Es gab keine Augenzeugen mehr, die Jesus von Nazareth persönlich begegnet waren. Stattdessen wurden Christinnen und Christen unter dem römischen Kaiser Domitian wegen ihres Glaubens verfolgt. Es muss eine Zeit der Verunsicherung gewesen sein, als diese Frage gestellt wird: Wann kommt Gott endlich vom Himmel herab auf die Erde, um Frieden und Gerechtigkeit zu schaffen? Und dieser Frage gebe ich in meinen Gedanken auch zuweilen Raum. Und auch Jüdinnen und Juden haben diese Frage im Lauf der Geschichte so oft gestellt, meist voller Verzweiflung und Hoffnung.
Und die Antwort Jesu darauf ist „Das Reich Gottes ist mitten unter euch!“ Das Reich Gottes ist mit Jesus bereits angebrochen und seine Spuren sind sichtbar. Wo Leben von Gottes Reich etwas weiß, tun sich neue Möglichkeiten auf, atmet das Leben auf einmal Weite, da kommen Großzügigkeit, Vertrauen und Nähe ins Spiel. Nicht am Ende aller Tage, sondern schon jetzt, schon heute. „Das Reich Gottes ist mitten unter euch“. – und doch steht es zugleich auch noch aus. An diesem „Ja, aber“ arbeiten wir uns wieder und wieder ab. Einfache Lösungen gibt es dafür nicht. Im zweiten Teil unseres Predigttextes aus dem Lukasevangelium warnt Jesus seine Jünger davor, denen zu glauben, die einfache Lösungen versprechen:
22 Dann sagte Jesus zu den Jüngern:»Die Zeit wird kommen, in der ihr euch danach sehnt,unter der Herrschaft des Menschensohns zu leben –nur einen einzigen Tag lang,aber ihr werdet ihn nicht erleben.
23 Die Leute werden zu euch sagen:›Seht doch, dort!‹, oder: ›Seht doch, hier!‹Dann geht nicht hin, lauft ihnen nicht nach.
24 Denn wenn der Menschensohn an seinem Tag kommt,wird es sein wie bei einem Blitz:Unübersehbar leuchtet er auf,von einem Ende des Himmels bis zum anderen.
In Jesus Christus begegnen wir Gottes Frieden, den er für uns will.
Er hat keine einfachen Antworten und keine schnellen Lösungen für uns und für unsere Welt. Noch nicht. Eines Tages wird er wiederkommen als Menschensohn, hell wie ein Blitz, für alle sichtbar. Dann wird unsere Welt eine andere werden. Aber wir brauchen nicht auf diesen Tag zu warten, darauf, dass Gott eingreifen wird. Denn Gottes Reich ist schon da, mitten unter uns. Es ist dort, wo wir Ausschau halten nach Gott. Und Gott öffnet mir den Horizont und nimmt mich hinein in seine Wirklichkeit.
Und was ich, auch wenn ich mich als klein und begrenzt fühle, zum Frieden in der Welt beitrage, steht nicht für sich. Ich stehe nicht alleine da. Zum Glück.
Wenn ich in einigen Momenten auch verzweifelt bin, wütend oder hilflos, dann trägt mich der Glaube an Gott, der Frieden für alle Menschen und Geschöpfe dieser Erde will und ihn schaffen wird: durch Jesus Christus, durch dich und mich.
Wie bei einem Gleitschirmflug ist es: Ich lege mein Leben in Gottes Hand und lasse alles hinter mir, was mir schwer auf den Schultern liegt. Die Sorgen– ich streife sie ab und fliege zwischen Himmel und Erde. Jubelnde Freude über diese Welt und über mein Leben, sich aufgehoben fühlen, getragen wissen. So möchte ich Gott spüren und ihm vertrauen. Ich wünsche es Dir Tristan auch, und ich wünsche es euch allen. Du bekommst einen Kompass geschenkt. Bei den Flügen, die du hoffentlich wagst in deinem Leben, ist es gut, dass du dich daran erinnern lässt, dass Gott immer einen Weg für dich findet.
Amen