2023-01-08 - 1. Sonntag nach Epiphanias - (DE) - Pastor Dieter Lilje

( Johannes 1: 29 - 34 ) - [ English ]


Liebe Gemeinde!

Was ist der Grund dafür, dass wir uns immer so schnell verteidigen, wenn uns jemand kritisiert oder wenn wir einen Fehler gemacht haben? Sofort versuchen wir uns in ein besseres Licht zu stellen. Wir als Erwachsene sind nicht anders als unsere Kinder. Immer wieder zeigen wir von uns weg und geben jemandem oder etwas anderem die Schuld. Warum ist das so? Könnte es sein, dass wir die Last, Schwächen zu haben, schuldig zu sein, etwas falsch gemacht zu haben zu schwer finden, um es zu zugeben und es selbst zu verantworten? Steckt dahinter vielleicht die Furcht davor, dass wir durch unsere Fehler oder Schuld nicht mehr geliebt oder angenommen werden könnten? Wenn wir angeklagt werden, fühlen wir uns verworfen, schlecht oder minderwertig. Beobachten wir uns doch einfach mal selbst oder andere, wie wir oder die anderen reagieren, wenn wir angegriffen oder beschuldigt werden. Es ist erstaunlich zu beobachten, wie schnell wir versuchen unser Verhalten zu rechtfertigen oder einen Grund dafür zu finden, denn in dem Moment, in dem wir jemandem oder etwas anderem die Schuld geben können, sind wir frei, unschuldig, gut und annehmbar. Wir mögen es nicht, beschuldigt zu werden oder der Schuldige zu sein. Ja, wir brauchen und suchen einen Sündenbock. Manchmal nennen wir diesen Sündenbock unsere falsche Erziehung, unsere Eltern oder Lehrer, die Umstände, in denen wir aufgewachsen sind, die Ungerechtigkeiten im Leben, die Ungleichheiten, die Unfreundlichkeit oder Unehrlichkeit anderer, eine Verletzung durch eine andere Person oder z.B. unsere Regierung; weil der Staat korrupt ist, bin ich es auch z.B. in der Steuererklärung. Mit anderen Worten, jemand anderes wird für meine Unehrlichkeit oder meine Unfreundlichkeit verantwortlich gemacht - dann sagen wir: Weil diese Person mir das angetan hat, bin ich gemein oder rachsüchtig und reden Böses über sie. Wir können oder wollen die Last unserer Schwächen oder Schuld nicht allein tragen. Schon im Alten Testament hören wir von einem Sündenbock. Am jüdischen Versöhnungsfest hatten die Juden zwei Ziegenböcke. Der eine wurde als Opfer für ihre Sünden geschlachtet und dann als Opfer für Gott verbrannt, um ihn zu sühnen. Auf den zweiten Ziegenbock legte der Hohepriester stellvertretend für das ganze Volk seine Hände auf den Kopf des Bocks um damit symbolisch all ihre Schuld, Sünde, Ungerechtigkeit und Übertretungen ab zu geben. Als Träger all dieser Sünde und Schuld wurde er in die Wüste gejagt, um nie wieder zurückzukehren. Die Sünden des Volkes wurden weggenommen, ihnen wurde vergeben.

Für unser Wohlbefinden ist es wichtig, dass wir sauber, anständig und schuldlos dastehen und nicht als Angeklagte und Unvergebene. Wir suchen Anerkennung, wir brauchen die Annahme des anderen und deshalb versuchen wir, uns zu rechtfertigen. Deshalb brauchen wir einen Sündenbock, einen Sündenbock, den man beschuldigen kann oder der unsere Schuld wegnehmen und uns reinigen kann.

So kam Johannes der Täufer und sagte: "Kommt und seht, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt wegnimmt!"  Johannes erkannte Jesus zunächst nicht. Erst bei der Taufe Jesu wurde ihm offenbart, dass Jesus aus Nazareth der Sohn Gottes war, als der Geist Gottes über ihn kam. Darum wurde er Zeuge für ihn. Kommt und seht das Lamm Gottes. Hier ist jemand, der bereit ist, der Sündenbock für dich zu sein, der bereit ist, die Last der Schuld, der Schwäche für dich zu tragen und zu erleiden.

Als Jesus diese Last, dieses Kreuz, den Berg hinauf nach Golgatha trug, brach er unter ihrer Last zusammen, ähnlich wie er im Garten Gethsemane zusammenbrach, als er zu seinem Vater bat, diesen Kelch von ihm zu nehmen. Gott hat ihm diese Last nicht abgenommen, sondern ihm die Kraft gegeben, weiter zu tragen, damit es für uns einen Menschen gibt, der die Last unserer Schwäche, Schuld und Versagen, unseres Egoismus und unserer Lieblosigkeit für uns zu tragen, damit wir wieder leben können. Ja, auch, damit wir wieder mit Gott leben können, denn all diese Dinge in unserem Leben trennen uns von Gott - unsere Arroganz, unser Verurteilen anderer, unsere scheinbare Überlegenheit gegenüber anderen, unsere Schwächen und Schuld.

Im Ersten Weltkrieg wurde ein Offizier, der an der Front kämpfte, schwer verletzt. Um ihn herum explodierten die Handgranaten. Einer seiner Soldaten, der gesehen hatte, dass er von Granatsplittern getroffen worden war, kroch langsam auf dem Bauch zu ihm hin und verband seine Wunden. Als er damit fertig war, legte er sich neben den Offizier und sagte zu ihm: Hab keine Angst, jetzt liege ich zwischen den explodierenden Granaten und dir, sie müssen mich erst treffen: Ein Bild für unsere heutige Botschaft. Das Kreuz auf Golgatha, das Lamm Gottes, steht nun zwischen Gott und uns. Das Lamm Gottes sagt uns: Fürchte dich nicht, sei nicht traurig, ich stehe zwischen dir und deiner Schuld - sie muss mich zuerst treffen - ich trage deine Last für dich und öffne dir die Tür zu Gott und zu dem Nächsten. Ich trage sie für dich, damit du frei bist, wieder ehrlich zu sein, deine Schwäche oder deinen Fehler einzugestehen, damit du dich mit der anderen Person versöhnen kannst, die du verletzt oder betrogen hast, oder mit der Person, die dich betrogen, belogen oder verletzt hat. Zu wissen, dass du angenommen und dir vergeben ist, gibt dir die Kraft, es auch zu tun.

Siehe, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt wegnimmt. Deshalb brauchen wir uns nicht mehr ständig zu rechtfertigen und so zu tun, als wären wir besser, als wir wirklich sind. Was wir brauchen, ist, das Lamm zu sehen, aufzustehen und zu dem Lamm zu gehen und unsere Last zu ihm zu bringen und sie auf ihn zu legen - sie an sein Kreuz zu bringen. Jetzt brauchen wir auch nicht mehr über andere zu urteilen und sie zu verurteilen oder auf ihre Fehler und Schwächen hinzuweisen und damit zu versuchen, uns selbst in ein besseres Licht zu rücken.

Ich erinnere mich an eine junge Frau - sie ging einen falschen und bösen Weg und fiel tief in Sünde und Schuld. Viele Menschen lehnten sie wegen ihrer Taten ab. Sie bemerkte die vielen unfreundlichen und urteilenden Augen und Finger, die auf sie gerichtet waren. Folglich sah sie sich gezwungen, sich zu rechtfertigen - also wurde sie in ihrer Not arrogant und stur - jetzt konnte sie sich wenigstens selbst akzeptieren. Dadurch war sie nicht mehr in der Lage, auf Jesus zu schauen - sie stand sich selbst im Wege und zog sich als Verletzte zurück. Man kann auch sagen, dass die Menschen, die sie verurteilt haben, verhindert haben, dass sie Versöhnung erleben konnte. Wir dürfen und können nicht über einen anderen Menschen urteilen. 

Weil wir um die Vergebung und Annahme durch das Lamm Gottes wissen, ist es unsere Aufgabe, es selbst zu leben und auf ihn hinzuweisen, wie es seine Jünger taten. Wer aber über den anderen urteilt, zwingt ihn die Last seiner Schuld selbst zu tragen, sich zu rechtfertigen. Was hat Jesus getan? Er hat z.B. die Ehebrecherin nicht verurteilt; er hat sie nicht angeklagt, er hat sie nicht zurückgewiesen, obwohl sie gesündigt hatte. Er empfing sie mit Liebe und Vergebung und sagte ihr erst danach: Nun sündige hinfort nicht mehr! Bei uns ist es so leicht umgekehrt. Wir sagen: Zuerst musst du dich benehmen, dich ändern, dich besseren und dann werde ich dich annehmen. Das Lamm Gottes ist anders! Wir brauchen nicht zu urteilen und zu richten, wir sollen lieben und annehmen.

Eine bekannte Frau hatte im Krieg schreckliche Dinge erlebt. Ihr Freund fragte sie eines Tages, was sie von den Menschen hält, die sie gequält haben? Sie antwortete und sagte: All diese Dinge sind vergeben und vergessen. Haben Ihre Peiniger Ihre Vergebung angenommen, fragte der Freund? Nein, antwortete sie, sie leugneten ihre Schuld und behaupteten, es gäbe nichts, was vergeben werden müsse. Dann ging sie zu ihrem Bürotisch und sagte: Hier, alle Briefe, ich kann beweisen, dass sie schuldig waren. Ihr Freund legte seine Arme um ihre Schultern und fragte: Sind dir deine Sünden nicht vergeben und sind sie nicht ins tiefste Meer geworfen worden, aber du bewahrst diese Briefe und die Schuld deiner Peiniger in deinem Schreibtisch und im Herzen auf? Da musste sie zugeben, dass sie Gottes Vergebung für sich selbst wollte, aber nicht wirklich vergab. Dann nahm sie alle ihre Briefe und verbrannte sie.

Seht, das Lamm Gottes, das uns befreit, befreit uns von uns selbst und dem anderen gegenüber. Wir dürfen dieses Geschenk für uns selbst empfangen und das anderen gegenüber leben, was das Lamm uns schenkt.   Amen.

 

 

covid 19

Logo and link provide as required by Government Notice No. 417 of the
South African Department of Telecommunications and Postal Services