( Römer 1,13-17 ) - [ English ]
Römer 1,13-15 vorlesen
Der biblische Text führt uns in das Jahr 55 oder 56 nach Christus. Der Apostel Paulus hält sich in Korinth auf und schreibt dort einen Brief an die Gemeinde in Rom – glanzvoller Mittelpunkt der damals bekannten Welt. Er möchte sie besuchen.Das Rom der Jahre 55/56 ist das Rom Neros, der 54 Kaiser wird. Die ersten fünf Jahre seiner Herrschaft gelten als glücklich: Nero ordnet das Rechtswesen, senkt Getreidepreise und erfreut das Volk mit Spielen. Glückliche Jahre in Rom, von deren Glanz vielleicht auch etwas in die christliche Gemeinde hineingestrahlt hat. Obwohl sie nicht davon profitierten. Die meisten von ihnen besaßen nicht das römische Bürgerrecht, sondern waren Freigelassene und Sklaven, rund ein Drittel wahrscheinlich Frauen.
Ihnen schreibt nun Paulus, um einerseits ein Licht zu setzen gegen den kaiserlichen Glanz und andererseits den Unbeachteten, Geknechteten Trost und Ermutigung zu geben.
Aus dem Jahr 55 entführe ich euch nun rund 1.460 Jahre aus dem Mittelmeerraum in die deutsche Provinz, nach Wittenberg. Der Augustinermönch und künftige Reformator Martin Luther quält sich mit seiner Schuld. Obwohl er ein strenges, einwandfreies Leben führt, fühlt er sich vor Gott als Sünder, hat Angst vor dessen strengen Urteil. Es sind Seelenqualen, die Luther durchmacht und von denen ihn sein sogenanntes Turmerlebnis erlöst. Er bezeichnet es später als eine große Befreiung und es stand am Ende eines theologischen Ringens.
Die Paulusstelle, die der Apostel der Gemeinde in Rom schrieb und die für Luther zum Ausgangspunkt seiner Rechtfertigungslehre und damit seines reformatorischen Wirkens wurde, möchte ich euch vorlesen. Zwei Verse, die den zweiten Teil des heutigen Predigttextes bilden:
Römer 1,16-17
Der promovierte Doktor der Theologie und Professor für Bibelauslegung Martin Luther wird diese Verse schnell verstanden haben. Ich weiß nicht, ob die Christen in Rom gleich verstanden haben, was Paulus ihnen da geschrieben hat. Für unsere Ohren klingen die Verse etwas fremd – „aus Glauben in Glauben“ – deshalb möchte ich euch diese nicht nur für den Römerbrief, sondern für die ganze Theologie des Paulus zentralen Verse in einer anderen Übersetzung aus der „Gute Nachricht Bibel“ vorlesen:
„Zur guten Nachricht bekenne ich mich offen und ohne Scheu. In ihr ist die Kraft Gottes am Werk und rettet alle, die der Botschaft glauben und sie im Vertrauen annehmen – an erster Stelle die Menschen aus dem jüdischen Volk und dann auch die aus den anderen Völkern. In der Guten Nachricht macht Gott seine Gerechtigkeit offenbar: seine rettende Treue, die selbst für das aufkommt, was er vom Menschen fordert. Nur auf den vertrauenden Glauben kommt es an, und alle sind zu solchem Glauben aufgerufen. So steht es ja in den Heiligen Schriften: »Wer durch Glauben vor Gott als gerecht gilt, wird leben.«“
Wir alle sind gerettet. Für unsere Rettung können und müssen wir nichts tun. Sie ist ein Geschenk der Gnade Gottes. Ein Geschenk, das dann wirkt, wenn wir daran glauben. Diesen Glauben, das Vertrauen auf Gottes Gnade kann ich mir aber auch nicht selbst machen, sondern wird mir geschenkt. Ich erlebe mein persönliches Turmerlebnis, wenn ich Gottes Gnade, seiner rettenden Liebe zu mir vertraue. Ich werde von Gott mit ganz anderen Augen angesehen, als ich es mir vorstellen kann.
Die ersten Hörenden des Römerbriefes galten in den Augen der damaligen Gesellschaft nichts.
Und nun schreibt Paulus: Gott schaut ganz anders auf euch. Mit Gnade und Liebe. Und deshalb seid ihr keine an den Rand Gedrängten, sondern von Gott Gerettete. Martin Luther sah die strengen Augen Gottes auf sich gerichtet, die nur seine Sünden sahen. Bis er erfahren hat: So schaut Gott gar nicht auf mich, sondern er blickt mit Gnade und Liebe auf mich: ich bin gerettet.
Wir sind eher keine an den Rand Gedrängten und fürchten auch nicht so sehr Gottes Strafe. Dennoch können wir viel aus den Worten des Paulus für uns hören.
Gottes Liebe ist bedingungslos.
Obwohl sich Menschen immer wieder von ihm abgewendet haben, erwartet er keine Vorleistung. Es heißt bei ihm nicht: „Wenn sich jemand bekehrt hat oder ein durch und durch guter Mensch geworden ist, dann werde ich sie erlösen.“
Seine Liebe kennt kein Wenn und Aber.
Kann ich das glauben, obwohl unser menschliches Miteinander oft so ganz anders ist, auch die Liebe an Bedingungen geknüpft wird oder enttäuschte Liebe sich abwendet?
Und wenn ich es glauben kann, was bedeutet das für mein Leben?
Das Eine ist: Ich darf mich so akzeptieren, wie ich bin.
Wenn Christus die Menschen so liebt, dass er für sie stirbt, als sie noch Sünder waren, brauche ich mich selbst nicht zu verurteilen – und darf auch niemand anderen verurteilen.
Und das Andere: Ich darf mir Gottes Liebe zum Vorbild nehmen – unerreichbares Vorbild, aber eine gute Orientierung.
Dass meine Wenns und meine Abers, die so oft der Liebe im Weg stehen, kleiner werden.
Dass auch in mir Grenzen abgebaut werden, sodass es mir möglich ist, auf Menschen zuzugehen, die so ganz anders sind als ich. Dass ich nicht vorschnell urteile über Menschen, die anders aussehen und anders leben.
Weil Gott mich so sehr liebt, kann es mir doch leichter fallen, auch zu lieben. Darum tue nun die rechten Taten; trage des andern Last, so wirst du das Gesetz Christi erfüllen (Gal. 6,2).
Unsere Liebe zur Schöpfung, zu Geschöpfen, zu den anderen Menschen ist keine Leistung, sondern ein Dankeschön an Gott. Danke für das Leben auf der Erde; Danke für die Menschen, die mit uns leben und uns beim Leben helfen; Danke für die Frohe Botschaft, dass der Tod kein Nichts aus uns macht. Also: Danke, dass es Gott für uns gibt und er auf uns achtgibt im Leben und im Sterben.
Wir lieben einander, weil wir danken.
So sieht es Paulus. So schreibt und predigt er es immerzu und kann sogar schreiben (Röm 13,10): „Die Liebe ist des Gesetzes Erfüllung.“
Liebe ist keine besondere Leistung, sondern der besondere Dank an Gott. Das ist Glaube. Glaube ist Liebe aus Dankbarkeit.
Amen