2023-02-12 - Sexagesimä - (DE) - Pfarrerin Nicole Otte-Kempf

( Jesaja 55, 8-12a ) - [ English ]


Liebe Gemeinde, Worte wirken. Nicht alle wirken. Und Worte wirken nicht alle gleich. Das wissen wir, das erleben wir jeden Tag. Über Worte verständigen wir uns hauptsächlich miteinander. Sie zaubern einem ein Lächeln aufs Gesicht, können einen aufbauen, aber auch unendlich traurig machen oder gar zerstören. Sie können heilen und verletzen. Sie können erleichtern und beschweren. Menschenworte. Ihre Wirkung kennen wir - die gute, Leben fördernde und - die schlechte, zerstörerische.

An diesem 2. Sonntag vor der Passionszeit dreht sich alles um Gottes Wort. In der Schriftlesung, im Evangelium hörten wir, dass das Wort Gottes Saatgut ist, das, vom Sämann ausgestreut, Frucht trägt oder eben nicht.

Und in unserem Predigttext aus dem Jesajabuch heißt es so: 


8Denn meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der Herr, 

9sondern so viel der Himmel höher ist als die Erde, so sind auch meine Wege höher als eure Wege und meine Gedanken als eure Gedanken.

10Denn gleichwie der Regen und Schnee vom Himmel fällt und nicht wieder dahin zurückkehrt, sondern feuchtet die Erde und macht sie fruchtbar und lässt wachsen, dass sie gibt Samen zu säen und Brot zu essen, 

11so soll das Wort, das aus meinem Munde geht, auch sein: Es wird nicht wieder leer zu mir zurückkommen, sondern wird tun, was mir gefällt, und ihm wird gelingen, wozu ich es sende.

12Denn ihr sollt in Freuden ausziehen und im Frieden geleitet werden. 


Gottes Wort wirkt. 

Es kehrt nicht leer zu ihm zurück, sondern bewirkt, was er will. Was ist Gottes Wort? In der hebräischen Bibel ist Gottes Wort das Wort, mit dem Wirklichkeit geschaffen, gesetzt wird: Gott sprach, es werde und es ward. In persönlichen Begegnungen, wie immer wir uns das vorstellen mögen, spricht Gott mit Menschen, Abraham und Mose und anderen, die weitersagen, was sie empfangen haben. Bei Jesaja und den anderen Propheten ist Gottes Wort das, was als Botschaft durch den Mund der Propheten ausgesprochen die Menschen erreicht. Es sind Worte, die etwas bewirken, Ziele setzen, Machtordnungen fördern oder ihren Untergang ansagen, Worte, die Wirklichkeit verändern. In den verschiedensten politischen und sozialen Umständen ergehen diese Botschaften und weder die Propheten noch ihre Hörerinnen und Hörer können sich der Wirkung entziehen. 

In den Evangelien spitzt sich alles auf Jesus Christus zu - „Wort Gottes” ist hier das "Eu- Angelion", die Gute Nachricht, die Gott durch Jesus Christus in diese Welt und zu den Menschen gebracht hat, dass Gott es gut mit uns meint, wir ihm wichtig sind, dass er uns liebt, damit wir einander und ihn und uns selber lieben und wertschätzen können.

Der Hebräerbrief, eine der späten Schriften in unserer Bibel, betrachtet die ganze Schrift des alten und des neuen Bundes als das „Wort Gottes”, das lebendig und kräftig und schärfer als jedes Schwert zu den Menschen spricht - mit allen Geschichten, Gesetzen und Verheißungen.

In meinem Leben und bestimmt auch in deinem gibt es solch ein Wort Gottes. Bei mir ist es mein Konfirmationsspruch, der mir immer wieder in den Sinn kommt, mir Mut macht, mich tröstet, mich anschubst, wenn Christus spricht "Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an.“ 

Es gibt viele Geschichten, Figuren, Ereignisse aus der Bibel, die mir helfen, bestimmte Lebenslagen zu begreifen.

Ja - das Wort Gottes wirkt, es schafft etwas, setzt Wirklichkeit, indem es auf Menschen trifft, die es hören, auf sich wirken lassen, sich von ihm befragen oder anstoßen lassen, es weitersagen. Gottes Wort wirkt, aber es wirkt nicht unabhängig von denen, die es hören und der Wirklichkeit, in der sie leben.

Die ersten Hörerinnen und Hörer der Botschaft Jesajas lebten fern ihrer Heimat in Babylon. Viele Jahre waren vergangen, seit sie zwangsweise umgesiedelt worden waren. Sie hatten sich eingerichtet in der Fremde. Sicher hatten manche auch schon fast vergessen, woran ihre Vorfahren einst geglaubt hatten und waren der Anziehungskraft der fremden Religion erlegen. Und nun kommt der Prophet Jesaja. Der spricht von einer bevorstehenden Rückkehr, nicht nur in die geographische, sondern auch in die religiöse Heimat: Es gibt nur einen Gott, der Vertrauen verdient, nur ihm, dem Gott der Väter und Mütter, ihm, der fast schon vergessen war, sollten sie trauen. Auf seine Worte sei ebenso Verlass, wie darauf, dass Schnee und Regen die Erde feucht und fruchtbar mache. Und er fordert sie auf, erneut aufzubrechen, das Exil zu verlassen, in dem sie sich gerade so eingerichtet hatten. 

Man spürt beim Lesen dieser Kapitel im Jesajabuch bis heute, wie sehr der Prophet um Vertrauen mühen und werben muss bei denen, die sich fragen: Wer sagt uns, dass das gut geht? Dass Gott so verlässlich ist? 

Niemand anders als Gottes Wort selber sagt es.

Und so erinnert der Prophet seine zweifelnden Hörerinnen und Hörer an zweierlei: Er ruft ihnen die Geschichte wach, der Israel überhaupt seine Existenz verdankt: Die Geschichte vom Ausbruch aus der Sklaverei in Ägypten, in der die Israeliten, geführt durch Gottes Wort und Zeichen, endlich ein eigenes Land erreichten. Seht ihr, sagt er: Gott ist verlässlich. Sein Wort wirkt und hält, was es verspricht. Das ist das eine.

Das andere: Er macht ihnen deutlich, dass Gott anders denkt, plant und handelt, als sie es in ihrem engen Horizont verstehen können. 8Denn meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der Herr, 9sondern so viel der Himmel höher ist als die Erde, so sind auch meine Wege höher als eure Wege und meine Gedanken als eure Gedanken.

Gottes Wege und Gedanken sind nicht unsere, aber vor allem scheint mir, dass Gottes Tempo nicht unser Tempo ist. Das Bild vom Regen und Schnee macht uns die Wirkungsweise der Gottesworte und Gedanken deutlich. Das Bild sagt: So wenig wie der Schnee und der Regen für sich allein Fruchtbarkeit bewirken, sondern nur in Verbindung mit der Erde, so wirkt auch Gottes Wort in Verbindung mit Menschen, die es aufnehmen, sich öffnen und bewegen lassen. Wo das geschieht, können wir, unsere Kraft sei begrenzt wie sie auch sein mag, zu Mitarbeiterinnen und Botschaftern der Zukunft Gottes werden. Zu Gottes Bodenpersonal. Und so wie das Wachsen in der Natur ein langsamer Vorgang ist und nicht von heute auf morgen geschieht, so vollzieht sich auch die Verwirklichung von Gottes Zukunft mit langem Atem.

Wir kennen den Weg nicht, auf den wir gerufen werden. Das war noch bei jedem Aufbruch, bei jedem Auszug so.

Was uns dabei Mut schenken und auf Durststrecken Trost geben kann, ist die die Gewissheit, dass Gottes Wort wirkt und nicht leer und unwirksam zu ihm zurückkehrt. Mit seinen Worten ist das nicht anders als mit manch gutem Menschenwort, das uns im Laufe unseres Lebens gesagt wird. 

Manchmal fallen sie uns erst nach vielen Jahren wieder ein, nachdem wir sie einfach vergessen hatten, dann wenn wir sie ganz besonders nötig brauchen, und entfalten dann ihre Wirkung. So ist das auch mit Gottes Wort: Wenn wir in Not und Enge geraten, fallen sie uns ein und setzen uns auf die Spur, die in Gottes Zukunft führt.

 

Amen