( Mt.25,40b, Mt.25,42f ) - [ English ]
Predigt (Meditation):
"Bleibet hier und wachet mit mir, wachet und betet", so spricht Jesus - und seine Jünger schlafen. Dann wird Jesus festgenommen und die Jünger verlassen ihn und fliehen, jeder für sich, jeder allein.
Was mag in ihnen vorgegangen sein in jener Nacht? Ich sehe sie vor mir, wie sie Jesus nachsehen. Ich höre sie vor sich hinsprechen.
"Bleibet hier und wachet mit mir, wachet und betet", so hatte Jesus sie gebeten. Laßt uns diese Worte singen.
Petrus
Wer bin ich, Simon Petrus, Fischer aus Bethsaida am See Genezareth?
Bin ich es noch wert, daß man mich Jesu Jünger nennt?
Meinen Bruder Andreas und mich hat Jesus als erste zu sich gerufen. Wir haben alles stehen und liegen gelassen und sind ihm nachgefolgt. Voll Hoffnung. Jesu Worte im Ohr:
Ich will euch zu Menschenfischern machen.
Petrus, das heißt: der Fels. Petrus, der Starke.
Auf mir wollte Jesus seine Kirche aufbauen. Wie stolz war ich!
Und jetzt habe ich Jesus verlassen.
Wieso mußte er auch nach Jerusalem gehen? Wieso mußte er sich in diese Gefahr begeben? Ich verstehe Jesus nicht mehr. Habe ich ihn je verstanden? Er ist mir fremd geworden.
Müde war ich heute Nacht. Müde vor Traurigkeit und Enttäuschung. Ich konnte nicht wachen und beten mit diesem fremden Jesus.
Meine Hoffnung ist verloschen. Vielleicht gehe ich wieder fischen wie die Jahre zuvor. Vielleicht gehe ich Jesus noch ein paar Schritte nach. Vielleicht.
Bin ich - sind wir es noch wert, daß man uns Jesu Jünger nennt?
Johannes
Wie stehen wir alle da! Jakobus, mein Bruder, die anderen
und ich, Johannes.
Ja, ich werde Jesu Lieblingsjünger genannt. Immer bin ich in seiner Nähe gewesen. Ich habe seinen Worten gelauscht. Seine Gebete habe ich gelernt. Nichts habe ich mir entgehen lassen.
Und jetzt, als es darauf angekommen ist, als es ernst geworden ist. Als Jesus uns brauchte. Als wir einmal geben sollten. Wir, die wir so viel von ihm hatten annehmen dürfen. Jetzt haben wir geschlafen. Ich habe geschlafen.
Da führen sie Jesus fort - und ich wische mir den Schlaf aus den Augen. Muß unser gemeinsamer Aufbruch in Gottes Reich so enden, so in dunkler Nacht?
Lieblingsjünger werde ich genannt.
Dürfen wir uns überhaupt noch Jesu Jünger nennen?
Simon, der Zelot:
Daß Jesu Sache einmal so enden würde, habe ich nicht gedacht. Ich hatte andere Pläne. Ich, Simon, genannt der Zelot, der Befreiungskämpfer.
Jesus sollte unser Anführer sein. Mit ihm wollten wir die Römer vertreiben und Israel befreien. Das lang ersehnte Friedensreich hätten wir errichtet. Gott war doch auf unserer Seite!
Oh ja, ich hätte gekämpft, ich hätte mich engagiert. Bis zum Umfallen hätte ich mich eingesetzt. Das Reich Gottes muß doch kommen! Schaut euch die Welt doch an! Es ist längst überfällig, das Friedensreich.
Wachen und beten - dafür bleibt dann ja noch Zeit.
Jetzt aber muß gearbeitet und gekämpft werden. So habe ich mich kurz zum Schlafen gelegt, um für den Kampf ausgeruht zu sein. --
Und jetzt läßt sich Jesus einfach so abführen. Er hat uns verboten, das Schwert zu ziehen und für das Neue Reich zu streiten. Das hatte ich nicht erwartet. Wie sonst soll den Gottes Frieden kommen? Wieviel Geduld muß ich noch haben?
Hat Jesus uns überhaupt noch etwas zu bieten? Jetzt! Neue Hoffnung? Neue Verheißung?
Ist es nicht sinnlos geworden, sein Jünger sein zu wollen?
Matthäus:
Wer bin ich, wenn diese Nacht sich durchsetzt?
Wer bin ich, der Zöllner Matthäus, wenn Jesus geht, und ich bleib hier?
Damals, als Jesus mich rief am Zoll, da war die Wende meines Lebens angebrochen. Als er mich rief, ließ ich die Arbeit liegen und ging mit ihm. Ich ließ die Vergangenheit zurück und öffnete mich einer neuen Zukunft. Und was für einer Zukunft!
Wißt ihr noch, Thomas und Philippus, wißt ihr noch, wie Jesus uns einmal fragte: "Wollt ihr weggehen von mir? Wollt ihr mich verlassen?" Und wißt ihr noch, wie Petrus damals antwortete: "Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens, und wir haben geglaubt und erkannt, daß du der Heilige Gottes bist." Genickt haben wir alle, zugestimmt, weil es unsere Antwort war, auch meine.
Freunde, wohin gehen wir heute Nacht? Gehen wir unsere eigenen Wege oder Jesu Weg? Gehen wir ihm nach oder lassen wir ihn im Stich? Ihn, den Heiligen Gottes?
Was sind uns seine Worte des ewigen Lebens noch wert? Was ist uns diese neue Zukunft noch wert? Wie können wir jetzt noch Jesus dienen?
Ob ich dir nützlich bin, Jesus, wenn ich schweige, fliehe, wenn ich mich unsichtbar mache, mich verstecke? Ob ich dir nützlich bin, wenn ich das Wort ergreife, Worte von den Dächern schreie, die du tief in meine Seele eingeschrieben hast?
Kannst du mich noch brauchen, Herr? Ich bin unsicher.
wir Christen heute:
Wie können wir Jesus dienen?
Wir Christen, fast 2000 Jahre später? --
Ich erinnere mich an die Worte, die Jesus wenige Tage vor seiner Verhaftung den Jüngern sagte:
"Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan."(Mt.25,40b)
Ich höre: Wo ich von Jesu geringsten Brüdern und Schwestern eine verlassen habe, da habe ich Jesus verlassen. Wo ich nicht mit ihnen und für sie gebetet habe, da habe ich nicht mit Jesus gebetet. Wo ich nicht mit ihnen gewacht habe, wo ich nicht bei ihnen war in schweren Zeiten, wo ich nicht wachen Verstand und offene Augen für sie hatte, da habe ich nicht mit Jesus gewacht.
Und ich höre Jesus sagen: "Denn ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mir nicht zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen, und ihr habt mir nicht zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen, und ihr habt mich nicht aufgenommen. Ich bin nackt gewesen, und ihr habt mich nicht gekleidet. Ich bin krank und im Gefängnis gewesen, und ihr habt mich nicht besucht."(Mt.25,42f)
Wachen sollten wir. Beten sollten wir. Und für die Menschen da sein, die uns brauchen. Haben wir das getan? Tun wir das? Sind wir es wert, Jesu Jünger genannt zu werden? Manchmal bin ich unsicher.