( EG 96 ) - [ English ]
Predigt mit „Du schöner Lebensbaum des Paradieses“ EG 96

An manchen Orten gibt es den Brauch, am Karfreitag das Holzkreuz mit Stacheldraht vollständig einzuwickeln. Und während des Karfreitags-Gottesdienstes wird dieses Kreuz dann mit Blumen und frischem Grün geschmückt, so dass am Ende ein wunderschönes Gesteck entsteht, in Kreuzform.
Ich möchte gern mit Euch über diesen Brauch nachdenken. Das Kreuz erinnert uns als Symbol an den qualvollen Tod Jesu.
Und Stacheldraht erinnert uns an das Leiden vieler Menschen. Ich denke an die Trennung der Menschen damals in Deutschland Ost und West. Oder die Grenzen, die Länder um sich ziehen, auch heute noch, damit Flüchtlinge nicht rein kommen. Ich denke an Menschen, die – wie einst Jesus auch – Folter und Misshandlungen ertragen müssen. Der Stacheldraht als Zeichen des Leidens und des Schmerzes. Das leuchtet mir ein. Warum wird es dann mit Blumen geschmückt?
EG 96,1-2 Du schöner Lebensbaum des Paradieses
Im Lied wird gleich in der ersten Strophe das Kreuz Jesu „Du schöner Lebensbaum des Paradieses“ genannt. Und auf dem Bild wachsen Zweige aus dem Kreuzestamm heraus, in denen Vögel sitzen. Ist das nicht völlig unangebracht? Was bringt den ungarischen Dichter dieses Liedes und den Zeichner des Bildes dazu, Jesu Kreuz so darzustellen? Wie kann man das Hinrichtungswerkzeug des Kreuzes „schönen Lebensbaum“ nennen?
Offensichtlich soll der Kreuzesstamm, indem er diesen Titel erhält und der Brauch des Kreuz schmückens in einen bestimmten Zusammenhang gestellt werden. In den Zusammenhang: Anfang und Ende. Am Anfang, im Paradies, ist ja der Baum des Lebens die Mitte des Paradiesgartens. Wer vom Baum des Lebens isst, der wird ewig leben. Von diesem Baum weg werden Adam und Eva aus dem Paradies vertrieben. Weil sie Gottes Gebot übertreten haben, weil sie nicht so lebten, wie Gott es wollte. Der Baum des Lebens im Paradies ist das Symbol für das ewige Leben. Für das Leben in Gemeinschaft mit Gott. Für das Leben in Frieden mit uns selbst, in Frieden mit unseren Mitmenschen und mit allen Mitgeschöpfen. Der Baum des Lebens steht für die Sehnsucht nach dem vollen Leben, nach dem Glück, nach einem Leben in Zufriedenheit und Erfüllung.
Deswegen ist es kein Zufall, dass ganz am Ende der Bibel der Baum des Lebens noch einmal begegnet. In den letzten Versen der Bibel, wo die neue Welt beschrieben wird, die Gott am Ende der Zeit schaffen wird, ist wieder vom Baum des Lebens, oder besser: von den Bäumen des Lebens die Rede. Dann, wenn Gott alle Not überwunden, alle Tränen abgewischt haben wird, dann werden die von Gott gerecht Gesprochenen wieder Zugang haben zum Baum des Lebens. Die Tore des Paradieses werden wieder offen stehen, und Gottes Schöpfung wird endlich so sein, wie Gott es im Sinn hatte: niemand wird mehr leiden müssen, Krankheit und Schmerzen werden vergessen sein, der Tod wird nicht mehr sein, die Menschen leben in Frieden und Harmonie, Hass und Misstrauen gibt es nicht mehr. Die ganze Schöpfung atmet auf und die Freude ist unendlich.
Auf diese Zukunft hoffen wir. Für die Hoffnung steht der Baum des Lebens.
Aber dennoch: wieso wird das Kreuz als Baum des Lebens bezeichnet? Ist es nicht eigentlich genau das Gegenteil? Symbol des Todes und des Leidens nämlich?
Ja, das ist es, aber es ist noch mehr. Denn in Jesu Tod am Kreuz begegnen uns nicht nur die Mächte des Todes, dort werden die Mächte des Todes auch besiegt, wird der Sieg errungen über den Tod.
Sterbend am Kreuz erleidet Jesus die volle Wucht dieser Todesmächte: der Hass, den wir Menschen hervorbringen können, tobt sich an ihm aus. Menschen, die ihm gerade noch zujubelten, sie verfluchen ihn jetzt. Sie machen sich über ihn lustig. Sie setzen ihm eine Dornenkrone auf und beten ihn verächtlich als König an. Und dann rufen sie gehässig: andern hat er geholfen, jetzt helfe er sich selbst.
Die Gewalt, die Menschen einander antun können, Jesus erleidet sie. Der Tod am Kreuz ist ein quälender Tod. Er tritt ein durch Herzversagen aufgrund von Erschöpfung. Und diesem qualvollen Tod geht die Erfahrung voraus, von allen Freunden verlassen und sogar verraten zu sein. Einsam und verlassen stirbt Jesus am Kreuz. Verlassen von seinen Freunden, ja sogar von Gott verlassen. „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ ruft er. Seine letzten Worte. Jesus hatte Angst, wie uns die Szene mit seinem Gebet im Garten Gethsemane berichtet.
Was es an in dieser Welt an Schwerem durchzumachen gibt, Jesus hat es durchgemacht. Alles, was uns belastet, was uns die Kraft nimmt, Jesus hat es durchgemacht. Er hat den Kelch der Schmerzen, der Angst, des Todes ganz ausgetrunken. Wenn wir von diesem Kelch trinken müssen, dann können wir deshalb wissen, dass wir darin nicht allein sind. Jesus kann mit uns fühlen. Er weiß, wie es uns geht. Wenn uns keiner mehr zu verstehen scheint, Jesus kann es. Er sagt nicht: „Ist alles halb so schlimm. Du wirst schon sehen, bald geht es dir wieder besser.“ Er sagt: „ich weiß, wie es dir geht. Ich kenne die Angst. Ich kenne die Schmerzen. Ich habe auch aus diesem Kelch des Leidens getrunken.“
Aber mehr noch: Jesus hat nicht nur gelitten. Er hat das Leiden und den Tod auch besiegt. Gott hat ihn von den Toten auferweckt, er hat ihn nicht dem Tod überlassen. So wird das Kreuz Jesu, der Ort, an dem der Tod zunächst stärker zu sein schein, im Nachhinein zu einem Ort der Hoffnung. Weil wir von Jesu Tod am Kreuz und seiner Auferstehung wissen, deshalb können wir mitten im Tod, mitten in Schmerz und Verzweiflung, daran festhalten, dass Gott stärker ist als der Tod. Dass Gott in uns ein neues Leben schafft, ein Leben, das den Tod überwunden hat.
Deshalb, weil am Kreuz, mitten im Tod, Jesus den Sieg über den Tod erringt, deshalb ist es auch nachzuvollziehen, dieses Kreuz zu schmücken, es als Lebensbaum anzusehen. Hier wird sichtbar, dass Gottes Güte und Kraft stärker ist als die Macht des Todes. Dieses Kreuz ist das Zeichen der Hoffnung in allem Leiden.
Mit seinem Tod ist Jesus uns vorausgegangen. Jesus zeigt uns den Weg zum Leben. Er besiegt den Tod für uns, er zeigt uns aber auch, was es heißt, aus der Hoffnung zu leben. Amen
