2023-05-14 - Rogate - (DE) - Pfarrerin Nicole Otte-Kempf

( 1. Tim 2,1-6a ) - [ English ]


Liebe Gemeinde, liebe Tauffamilie, nun haben wir Dietrich getauft. 

Er ist Gottes Kind und gehört zu ihm. Gottes Liebe gilt Dietrich und Laurike und uns allen unbegrenzt - ohne Vorbedingung. - Wie herrlich. Aber - damit diese Liebe für Dietrich auch spürbar wird im Leben und er sich in diese Liebe fallen lassen kann, - das liegt auch in unseren Händen und ganz besonders natürlich in euren - liebe Eltern und Großelter und lieber Pate.  Es geht um die Frage: wie kann ich meinem Kind zeigen, dass Gott es liebt. Oder anders gefragt: wie kommt Gott ins Kinderzimmer? 

Nun, ich spreche da aus eigener Erfahrung, wie es meine Eltern und Großeltern gemacht haben bei mir und wie ich es selbst nun mache bei meinen Kindern. Ich bete mit Ihnen, es gehört zum allabendlichen Ritual: eine gemeinsame Andacht, ein Gespräch, was der Bibelvers im eigenen Leben bedeutet, Freuden und Sorgen und Ängste kommen zur Sprache, und dann falten wir die Hände und beten miteinander. 

Das Gebet ist unsere Verbindung zu Gott. 

Paulus im 1. Timotheusbrief im 2. Kapitel sagt über das Gebet folgendes: 


1So ermahne ich nun, dass man vor allen Dingen tue Bitte, Gebet, Fürbitte und Danksagung für alle Menschen, 

2für die Könige und für alle Obrigkeit, damit wir ein ruhiges und stilles Leben führen können in aller Frömmigkeit und Ehrbarkeit. 

3Dies ist gut und wohlgefällig vor Gott, unserm Heiland, 

4welcher will, dass alle Menschen gerettet werden und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen.

5Denn es ist ein Gott und ein Mittler zwischen Gott und den Menschen, nämlich der Mensch Christus Jesus, 

6der sich selbst gegeben hat als Lösegeld für alle


Liebe Gemeinde, 

Ohne das Gebet kann ich mir unsere Kirche nicht vorstellen. Paulus auch nicht. Alle sind freundlich aber bestimmt aufgefordert zu beten. Ich ermahne euch, heißt es im Text. Beten ist wichtig. Und zwar soll nicht nur einer für alle beten, sondern alle für alle!

Und das Beten kann sehr unterschiedlich sein. 

Gleich vier Begriffe benutzt der Apostel hier für das Beten. Er ermahnt zu Bitte, Gebet, Fürbitte und Danksagung. 

Ich gehe im Kopf die Menschen durch, die mir nahe stehen, die ich kenne und von bestimmten Sorgen und Nöten weiß. Aber es geht hier noch um etwas mehr als meinen eigenen Horizont und um die, die mir nahe sind. Es geht darum, für alle Menschen zu beten.

Das bedeutet und das ist immer wieder sehr herausfordernd, auch für die zu beten, die ich nicht leiden kann; mit denen ich einen Konflikt habe. Die mich verletzt haben. 

Von meiner persönlichen Situation einmal abgesehen, heißt für alle beten, auch für Menschen zu beten, die Fehler gemacht haben, die verantwortlich sind für das Leid anderer. Es erfordert die Fähigkeit, beim Beten von meinen eigenen Befindlichkeiten und Bedürfnissen absehen und weitersehen zu können.  Darum kann ich Gott auch bitten. 

Und eine Gruppe von Menschen erwähnt Paulus noch einmal besonders. 

Es zeigt, dass es auch für die Christen damals nicht selbstverständlich war, diese Menschen einzubeziehen in ihre Gebete, hatten sie doch auch immer wieder unter ihnen zu leiden. Man soll für alle beten und insbesondere auch für die Obrigkeit, für die da oben, für die, die an der Macht sind, für die, die das Sagen haben. Das ist wirklich zu viel verlangt, könnte der ein oder die andere damals gedacht haben. Da ist eine Grenze erreicht, könnte der ein oder die andere heute sagen.

Aber: es ist wichtig. Sie sind Menschen, geliebte Kinder Gottes. Sie haben eine besondere Verantwortung, je nachdem, welche Funktion sie haben. 

Sie haben es nötig, dass man für sie betet, denn sie müssen vielleicht Entscheidungen treffen, die unser Leben betreffen. Und wir hängen von diesen Entscheidungen mit ab. Ob wir ein freies und selbstbestimmtes Leben führen können, oder wie es in der Sprache des Neuen Testaments heißt: ein ruhiges und stilles Leben, kommt stark auf die Obrigkeit in unserem Land an. Die Anweisungen zum Beten sind klar formuliert. Aber bringt das denn etwas, das Beten? 

Bringt es etwas, dafür zu beten, dass meine Eltern sich nicht trennen, fragen sich Jugendliche.

Bringt es etwas, dafür zu beten, dass es Frieden gibt auf der Welt, wenn doch immer neue Krisenherde dazu kommen, fragen sich junge Erwachsene.

Bringt es etwas, dafür zu beten, dass ich meinen Job nicht verliere, fragen sich Angestellte.

Bringt es etwas, dafür zu beten, dass ich wieder gesund werde, fragen sich Kranke. Und ich sage: Ja. Mir bringt das Beten immer etwas. Ich komme zur Ruhe, dieser Moment gehört nur Gott und mir und dieser Gemeinschaft, die sich zum Beten trifft. Sei es am Bett meiner Kinder oder hier in der Gemeinde. Beim Gebet sammle ich meine Gedanken und spreche mit Gott wie mit einem Freund. Mir wird einiges oft selbst viel klarer dabei und ich habe danach das Gefühl, es geht jetzt wieder weiter. Mit neuer Kraft, mit einer Wende so manches Mal. Mit einem Licht auf meinem Weg. 

Aber um diese, für uns so wichtige Frage, ob das Beten etwas bringt, geht es im Text gar nicht. Es heißt schlicht und ergreifend: Das Beten ist gut und wohlgefällig vor Gott, unserem Heiland.

Beten ist unsere Art, uns gegenüber Gott zu verhalten, so sieht es der Verfasser des Textes. Und es ist deshalb wichtig, weil es uns an etwas Entscheidendes erinnert: Wir verdanken unser Leben nicht uns selbst, sondern Gott. 

Beten, vor allem das Beten für andere, für alle anderen, verhindert Egoismus. Es macht deutlich: Ich bin nicht allein auf dieser Welt. Auch andere Menschen haben Probleme und Sorgen und Bedürfnisse. 

Das rückt mich in einen größeren Zusammenhang, manchmal sehe ich meine eigenen Probleme und Sorgen in einem anderen Licht, auf alle Fälle verbindet es mich mit anderen Menschen und macht mir deutlich, dass ich für andere Verantwortung übernehme. 

Denn Gott will, dass allen Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen; und zwar dadurch, dass sie füreinander beten. 

Die Theologin Dorothee Sölle, vor etwa zwei Wochen war ihr 20. Todestag, hat es einmal so ausgedrückt: Beten ist Revolte. Wer betet, sagt nicht: „So ist es und Amen!“ Er sagt: „So ist es! Und so soll es nicht sein!“ Und das und das soll geändert werden! Beten ist eine intensive Vorbereitung auf das Leben.

Auf das Leben vorbereiten - das ist mein Wunsch meinen Kindern gegenüber. Und dazu gehört es, Gott in ihr Kinderzimmer zu bringen. Ich wünsche Euch, liebe Tauffamilie, dass Euch das gelingt. 

Amen