2023-06-18 - 2. Sonntag nach Trinitatis - (DE) - Prädikantin Renate Switala

( Lukas 14,16-24 ) - [ English ]


Im März dieses Jahres bekam ich eine persönliche Einladung von einer Bekannten per Wattsap zu ihrer Hochzeit die Anfang Juli stattfindet. Ich habe mich sehr gefreut und sofort zugesagt und mich bedankt für die nette und schöne Einladung, die ich empfangen habe.

Vor 11 Tagen bekam ich noch eine Wattsapeinladung von einer unbekannten Person zu einem “Babytee”, der Mitte Juli, 250 Kilometer entfernt stattfinden soll. Ich habe mich zuerst geärgert über diese Einladung. Ich fing an Entschuldigungen aus zu denken,warum ich die Einladung nicht annehmen werde. Ich kenne die Person überhaupt nicht, die mich eingeladen hat, wohl aber die Eltern, die sich auf ihr Baby freuen.

Jesus wird von einem führenden Pharisäer zum Sabbatessen eingeladen, vermutlich am Mittag nach dem Gottesdienst. Er hat die Einladung angenommen. Es sind auch andere Pharisäer anwesend, die ihn aufmerksam beobachten, was häufig als feindselig gedeutet wurde. Jesus geht  im Gespräch auf die Rangfolge der Gäste bei einem Festessen ein, die im gesellschaftlichen Kontext klar geregelt ist: Der Vornehmste sitzt ganz oben. Jesus wendet sich dann direkt an seinen pharisäischen Gastgeber und geht noch einmal auf die Rangfolge bei einer Einladung zum Essen ein: Der Gastgeber soll nicht seinesgleichen einladen, sondern Menschen, die arm und behindert sind und bei denen er nicht mit einer Gegeneinladung rechnen kann.  Er sagt in Vers 14: “Dann hast du Menschen geholfen, die sich dir nicht erkenntlich zeigen können. Gott wird dich am Tage der Auferstehung dafür belohnen.

Einer der Mitgäste bestätigt diese Sicht und spricht eine allgemeine Seligpreisung aus für die, die im Reich Gottes zu Tisch sitzen werden. Doch was soll das konkret heißen? Jetzt antwortet Jesus darauf mit dem Gleichnis vom Gastmahl  .

Lukas 14,15-24


Einer von den Gästen, rief Jesus zu: »Was für ein Glück muss das sein, wenn man beim Festmahl in Gottes Reich dabei ist!« Jesus antwortete ihm mit einem Gleichnis: »Ein Mann bereitete ein großes Festessen vor, zu dem er viele Gäste einlud. Als alles fertig war, schickte er seinen Diener zu den Eingeladenen und ließ ihnen sagen: ›Kommt! Alles ist vorbereitet!‹ Aber jeder hatte auf einmal Ausreden. Einer sagte: ›Ich habe ein Grundstück gekauft, das muss ich unbedingt besichtigen. Bitte entschuldige mich!‹ Ein anderer: ›Es geht leider nicht. Ich habe mir fünf Gespanne Ochsen angeschafft. Die muss ich mir jetzt genauer ansehen!‹ Ein dritter entschuldigte sich: ›Ich habe gerade erst geheiratet und kann deshalb nicht kommen.‹ Der Diener kehrte zurück und berichtete alles seinem Herrn. Der wurde sehr zornig: ›Geh gleich auf die Straßen und Gassen der Stadt und hol die Bettler, Verkrüppelten, Blinden und Gelähmten herein!‹ Der Diener kam zurück und berichtete: ›Herr, ich habe getan, was du mir aufgetragen hast. Aber noch immer sind Plätze frei!‹ ›Geh auf die Landstraßen‹, befahl der Herr, ›und wer auch immer dir über den Weg läuft, den bring her! Alle sind eingeladen. Mein Haus soll voll werden. Aber von denen, die ich zuerst eingeladen habe, wird keiner auch nur einen einzigen Bissen bekommen.‹«


Es ist von einem Menschen die Rede, der viele Gäste zu einem Festessen eingeladen hatte.

Stellen wir uns einen Moment vor, wie das heutzutage so vor sich geht. Wir bereiten ein Fest vor, ein richtig schönes Zusammenkommen soll es werden. Eine große Gemeindeveranstaltung oder ein bedeutendes Familienfest. Wir rechnen und kalkulieren: Was können wir uns leisten? Wir bestellen den Raum und ganz mühevoll überlegen wir die Menüfolge, die Raumdeko, den Blumenschmuck. Oh je, und dann die schwere Überlegung: Wen lade ich ein, wen nicht, wen muss ich unbedingt einladen, weil er oder sie mich doch neulich auch eingeladen hatte. Wie kriege ich die schwierigen, ungeliebten und die lieben Verwandten unter einen Hut? Wen zähle ich zu meinen besten Freund_innen? Dann endlich die Gästeliste, die Save-the-Date-Karten, die WhatsApp-Nachrichten und unzählige Telefonate.

Und Wochen später ist es endlich so weit: Gleich werden die Tischdecken aufgelegt, die Blumen geordnet, die Kerzen angezündet. Die Unruhe im Herzen, ob sie den kommen und wie es sein wird, wenn …? Obwohl, wir hatten ja telefoniert: Ihr kommt doch, oder? Und dann?

Ein, zwei sind immer dabei, die ausfallen. Ihr Gesicht wird fehlen, ihr Lachen, ihre Anekdoten. Sie konnten nicht kommen, sie wurden plötzlich gehindert, zu krank, der Mann kann nicht allein gelassen werden, beruflich überfordert, die Kinder zu klein, zur Kur, im Urlaub, eine Freundin hat geheiratet, der Bruder ein Segelboot gekauft, das ausprobiert werden muss, oder noch schlimmer: das Ehrenamt in der Gemeinde oder im Sportverein. Es war eben etwas Anderes dringlicher, wichtiger.       Moment mal: Da war etwas wichtiger als ich? Ein Stich im Herzen schon bei den ersten Absagen – aber was erst, wenn alle nicht kommen?

Trotz der Einladungskarte, der Emails und all ihrer Zusagen?

Doch während ich beginne, mich so richtig über diese Freunde zu ärgern, merke ich: Einer von diesen könnte auch gut ich sein. Denn ihre Geschäftigkeit kenne ich auch ganz gut. Nicht, dass auf mich Vieh oder Acker wartet. Aber dass Tage so voll sind mit Aufgaben und Dingen, die noch zu erledigen sind, dass ich manchmal das Gefühl habe von einer zur anderen Sache  zu hechten. Das kenne ich. Und ich weiß, dass es vielen anderen auch oft so oder so ähnlich geht. Da sind die Aufgaben, die noch für die Arbeit zu erledigen sind – manchmal auch nach Feierabend. Und dann ist da noch der Arzttermin. Und die Termine der Kinder. Und der Eheabend, der schon so oft ausfallen musste. Ach ja, und die Schule wollte auch noch irgendetwas. Oh man, und der Abwasch ist dran und die Waschmaschine noch voll Kram. Manchmal weiß man da nicht, wo einem der Kopf steht. Und dann kommt da diese duselige Einladung ins Haus. Ne echt, das passt jetzt so gar nicht.

Ja, nicht auf jeden trifft diese Beschreibung zu. Für manch einen können Tage auch ganz schön lang werden, weil da nicht mehr viel zu tun ist. Da wäre so eine Einladung zu guter Gemeinschaft genau das Richtige: Endlich mal wieder unter Menschen sein. Zu dieser Einladung würde man nicht Nein sagen. 

All diejenigen aber, die das Gefühl der sog. Rush-Hour des Lebens kennen, lädt die heutige Geschichte des Evangeliums zu einer Unterbrechung ein. Lass dich unterbrechen. Denn wenn Du nur von Aufgabe zu Aufgabe hetzt, kann es sein, dass Du dabei das Wichtigste verpasst. Ja, dass Du das Leben selbst verpasst. Manchmal ist es wichtiger, sich Zeit zu nehmen für die Einladung eines guten Freundes als ständig zu schaffen. Und dann kann man erleben, dass man nach einem guten Abend zusammen, zufrieden in sein Bett fällt. Ganz egal, ob der Abwasch schon gemacht ist oder noch nicht. Ja, manchmal ist es gut, sich unterbrechen zulassen, um nicht das Beste zu verpassen.

Warum nur erzählt Jesus die Geschichte? Und wer sind wir darin? Welchen Platz sollen und wollen wir einnehmen? Jesus erzählt vom Reich GOTTes – und er erzählt vom Alltag, so wie er ihn erlebt. So wie auch wir ihn kennen. Wir laden die ein, die wir immer schon eingeladen haben und die uns gegeneinladen. Was aber ist, wenn der Gastgeber doch etwas von GOTT darstellen soll? Von GOTT, der enttäuscht wird, wenn wir seiner Einladung zum Fest nicht folgen, etwas Anderes wichtiger finden als die Gemeinschaft mit ihm, unsere Alltagsgeschäfte sind uns bedeutsamer, als satt und glücklich zu werden in seiner Nähe? Wie ich Jesus so kenne, weiß er schon beim Erzählen genau, welche Fragen die theologisch Gebildeten später umtreiben werden: Sie werden fragen, wie unser Alltagsgeschehen mit dem Reich GOTTes, verbunden wird. Wer wird hier mit wem verglichen in den Gleichnissen? Und: Warum werden sie überhaupt erzählt?

Jesus erzählt von Freude und Enttäuschung. Der Gastgeber will unbedingt feiern. Auch Jesus will feiern und alle an seinem Tisch haben. 

Die Letzten werden die Ersten sein – das ist Verheißung und bittere Wahrheit! Ich höre darin GOTTes Zuspruch der Vergebung für unsere Sünde, für die Enge, die uns festhält. Ich höre zugleich ihren kräftigen Anspruch auf unser ganzes Leben. Diese ReichGOTTes-Speise ist feste Nahrung, nicht leicht zu kauen, nicht sofort verdaulich, aber sie macht satt und bringt frohe Befreiung, um für Gerechtigkeit aufzustehen. Sie macht Lust auf  mehr Schmecken und Sehen ...

Welchen Platz habe ich in der Geschichte? Bin ich die Gastgeberin, die wartet und hofft und enttäuscht wird und dann neue Menschen einlädt? Bin ich eine nachträglich Eingeladene, die kaum glauben kann, wirklich gemeint zu sein, und sich unversehens in einem bunten und fröhlichen Fest wiederfindet? Oder bin ich eine von denen, die abgesagt haben: Da kam was dazwischen, so wichtig kann so eine Einladung auch wieder nicht sein.

Und das Evangelium erzählt uns von dem Allerbesten. Von der allerbesten Einladung des Lebens. Denn Jesus erzählt diese Geschichte  und macht deutlich: Der dich hier einlädt, das bin ich. Jesus Christus deckt uns seinen Tisch und steht mit offenen Armen da: „Sei herzlich eingeladen!“ Wie gut, wenn wir uns von dieser Einladung immer wieder unterbrechen lassen. Zum Beispiel, wenn die Kirchglocken uns Sonntag für Sonntag zum Gottesdienst rufen. Sie sagen uns: Gott macht seine Arme weit und will Gemeinschaft mit Dir. 

Und das Faszinierendste: Gottes offene Arme kennen keine Grenze. Als die Freunde ihm nach und nach absagen, da lässt der Gastgeber seinen Knecht noch einmal ausziehen. Bis an die Landstraßen und Zäune sendet er seinen Knecht. Am Ende sitzt er zusammen bei Brot und Wein mit den Armen, den Blinden und Lahmen, den behinderten und ausgegrenzten Menschen. Was für ein Bild, wenn ich mir das so vorstelle. In diesen Tagen, wo an vielen Orten Menschen aufstehen gegen Ausgrenzung und Rassismus, da zeigt uns dieses Bild ganz deutlich: Gott grenzt keinen aus. An alle Enden der Welt geht seine Einladung. Er unterscheidet nicht nach Arm und Reich, nicht nach Bildung oder Geschlecht, nicht nach Hautfarbe oder Herkunft. Alle Menschen sind gleich vor Gott. 

Uns allen gilt seine Einladung zum Leben: Kommt, denn es ist alles bereit. Wohl dem, der ihm vertraut. Amen.