2023-10-08 - 18. Sonntag nach Trinitatis - (DE) - Prädikantin Elke von Schlichting

2. Mose 20,1-17 ) - [ English ]


Wir kennen den Ausdruck ein “Stück Himmel auf Erden”.  Ein Ort/Erlebnis, so schön, dass man es ewig festhalten möchte. Wenn wir im Urlaub sind, haben wir diese Momente. Zurück im Alltag geraten sie jedoch schnell wieder in Vergessenheit.

Eine Legende erzählt von zwei Mönchen, die in einem Buch von einem Ort lasen, wo Himmel und Erde sich berührten. Eine Tür sei dort, an der man nur anzuklopfen brauchte und man befände sich bei Gott. Sie liefen um die ganze Welt, und als sie die Tür fanden, waren sie wieder in ihrer Klosterzelle.   Da begriffen sie: Der Ort, an dem Himmel und Erde sich berühren, ist an der Stelle, die uns Gott zugewiesen hat.

Wenn das so ist, leben wir hier tatsächlich im “Himmel auf Erden”, denn, man würde meinen, wir wären nicht hier, wenn  Gott uns nicht an diese Stelle gewiesen hätte. Aber wir leben bestimmt nicht immer im “Himmel auf Erden”.   Kardinal Henry Newman sagte einmal, dass Jesus in die Welt kam, um den Himmel auf die Erde zu bringen." Durch Heilung, Tröstung, Hoffnungspender aus bedingungslose Liebe. Und trotzdem gab es damals auch nicht immer einen “Himmel auf Erden”. Es gab Unfrieden und Streit, Krieg und Habgier, genau wie heute. Da dürfen wir schon verzweifelt fragen: “Gott, da stimmt doch etwas nicht?”

Schon als das Volk Israel mit Mose aus Ägypten zog und in die Wüste kam, erkannte Gott, dass die Menschen nicht allein verantwortungsbewusst mit ihrer Freiheit umgehen konnten.  Gott musste helfen, das Durcheinander zu bewältigen. Von dieser Rettungsaktion berichtet uns unser Predigttext im 2. Buch Mose, Kapitel 20, Verse 1-17.


1 “Und Gott redete alle diese Worte:

2 Ich bin der HERR, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt hat.  

3 Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.

4 Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist:

5 Bete sie nicht an und diene ihnen nicht! Denn ich, der HERR, dein Gott, bin ein eifernder Gott, der die Missetat der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern derer, die mich hassen,

6 aber Barmherzigkeit erweist an vielen Tausenden, die mich lieben und meine Gebote halten. 

7 Du sollst den Namen des HERRN, deines Gottes, nicht missbrauchen; denn der HERR wird den nicht ungestraft lassen, der seinen Namen missbraucht.

8 Gedenke des Sabbattages, dass du ihn heiligst. 

9 Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Werke tun.

10 Aber am siebenten Tage ist der Sabbat des HERRN, deines Gottes. Da sollst du keine Arbeit tun, auch nicht dein Sohn, deine Tochter, dein Knecht, deine Magd, dein Vieh, auch nicht dein Fremdling, der in deiner Stadt lebt.

11 Denn in sechs Tagen hat der HERR Himmel und Erde gemacht und das Meer und alles, was darinnen ist, und ruhte am siebenten Tage. Darum segnete der HERR den Sabbattag und heiligte ihn.

12 Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf dass du lange lebest in dem Lande, das dir der HERR, dein Gott, geben wird. 

13 Du sollst nicht töten.

14 Du sollst nicht ehebrechen.

15 Du sollst nicht stehlen.

16 Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten.

17 Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Frau, Knecht, Magd, Rind, Esel noch alles, was dein Nächster hat.


Merkt ihr, dass man hier viel “Du sollst” hört, aber das ganz zu Anfang kein “Du sollst nicht” steht. Im Gegenteil - Da stellt Gott zuerst einmal die Gebote in die richtige Perspektive. Er stellt sich den Israeliten als der rettende Gott vor, dem sie vertraut hatten und der sie aus der Gefangenschaft geführt hatte, aus Liebe, weil er seinem Volk ein freies Leben gönnte. Wer mit 600 000 Männern plus Frauen, Kindern und Tieren durch die Wüste zieht, dem sind die Menschen nicht egal. Gott tat es aus Liebe. Die 10 Gebote sind also strenge Anordnungen eines liebenden Gottes, die Mose dem Volk überbringt. Eine unglaubliche Liebesgeschichte zwischen Gott und seinem Volk verbirgt sich hinter diesen wenigen Worten: “Ich bin der Herr dein Gott”; Sie begann mit der Schöpfung und besteht immer noch. Eine Geschichte von Liebe, Vertrauen, Befreiung und Hoffnung auf ein Stückchen “Himmel auf Erden”. 

Hier passen die Tauftexte perfekt in das Bild des “Himmels auf Erden”. Gott hat euch durch die Taufe seine große Liebe erwiesen. Er spricht euch Jesu Begleitung für euer ganzes Leben zu, weil ihr seine Kinder seid. Das gilt auch uns. Wir brauchen diese Liebe nur auszupacken, anzunehmen und gleichzeitig zu erwidern. Dann können wir Gottes Liebe und sein Wort furchtlos in die Welt hinaustragen, weil er mit uns geht. Das ist die Aussage eurer Tauftexte. Ein Geschenk für eure Kinder und für uns. Das erinnert uns als Taufgemeinde an unsere Aufgabe, an einem “Himmel auf Erden” zu arbeiten.  Dazu gehört Gehorsam der 10 Gebote, auch wenn es nicht einfach ist. Der deutsche Dichter/Dramatiker Friedrich Hebbel sagte einmal “In der Kirche weiß jeder die 10 Gebote, aber auf der Straße weiß er immer nur 9, dasjenige, an das er sich gerade erinnern sollte, ist vergessen.”  Es läuft halt nicht jeder mit der Gebote-Checkliste in der Tasche herum, auf der er abtickt was er darf, bzw. was er nicht darf?

Als Checkliste waren die 10 Gebote jedoch nicht gemeint, eher als  Orientierungshilfe, wie so ein Leben mit Gott und dadurch ein freies Leben miteinander auf Erden möglich wäre. Zwei existenzielle Dinge werden angesprochen. Erstens, die Gebote, die auf das Verhältnis zu Gott weisen, zweitens die Gebote, die auf das Verhältnis zu den Mitmenschen weisen. Sie gehören ganz eng zusammen. Ohne den Gottesbezug kann man mit den Mitmenschen nicht gut auskommen, und der Gottesbezug nutzt wiederum nichts, wenn man mit den Mitmenschen nicht gut auskommt. 

Noch einfacher erklärt Jesus selbst die Gebote im Markusevangelium.  Dort steht:

„Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein, und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und mit all deiner Kraft“. Das andre ist dies: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“. Es ist kein anderes Gebot größer als diese beiden.

Es geht also um die Liebe.  Wenn ich dieses Geschenk der Liebe von Gott ausgepackt und angenommen habe, und Gott von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit ganzem Gemüt, mit aller Kraft lieben kann, und meinen Nächsten wie mich selbst, dann könnte ich die Gebote halten. Dann gäbe es wieder mehr “Himmel auf Erden”.

Aber wir sind sündige Wesen.  Es hilft zu wissen, dass die Gebote aus der Perspektive der Liebe gesprochen wurden und nicht etwa eine Rüge sind.  Gott schenkt die Gewissheit: “In meiner Nähe brauchst du dich von niemandem/nichts abhängig zu machen. So wie du bist, bist du in Ordnung und frei.”  In dieser Freiheit habe ich immer einen liebenden, segnenden, unterstütztenden Gott auf meiner Seite.

Diese Freiheit haben wir heute während der Taufe wieder gefeiert. Ihr als Eltern/ Paten akzeptiert die Verantwortung, die Liebe, die Gott in die Herzen eurer Kinder säht, wachsen zu lassen damit sie über alle Versuchungen und Zweifel herrscht, und euren Kindern dabei hilft, verantwortungsvoll in Freiheit zu leben.  Wir brauchen nicht durch die ganze Welt zu wandern, wie die zwei Mönche in der Legende am Anfang der Predigt, um den “Himmel auf Erden” zu finden. Wir können die Liebe und Freiheit, die Gott schenkt, hier und jetzt spüren und unseren Teil zum “Himmel auf Erden”  beitragen, z. B. durch ein nettes Wort, eine hilfreiche Hand, und unermüdliches Gebet. Denn ein Stück “Himmel auf Erden” motiviert, begeistert, fokussiert, inspiriert und vereint uns, damit wir ein gutes Miteinander erhalten können, jeder und jede an dem Ort, an den Gott uns gewiesen hat.    Amen.