2024-01-14 - 2. Sonntag nach Epiphanias - (DE) - Prädikantin Elke von Schlichting

Hebräer 12, 12-18; 22-25a ) - [ English ]


Ich habe Gäste eingeladen.  Die Türglocke klingelt, und ich öffne. Wer steht vor der Tür?  Es sind Elia, Jona, Sara und Petrus.  Schon bei der Haustür kann ich sehen:  sie sind müde, erschöpft, am Ende.  Warum wohl? Das ist mir fremd. Sie sind doch gläubige Menschen – ihnen sollte es doch gut gehen.  Ich lade sie ein ins Haus zu kommen und sich zu setzen.  Aber die Neugierde plagt mich und ich frage, “Warum seht ihr so müde aus?”. Sie schweigen, sehen sich unsicher an.  Fehlt ihnen der Mut zu antworten?  Warum wohl?  Weil sie selbst glauben, dass man keine Schwäche zeigen kann, vorallem als Christ, weil man ja Gott an seiner Seite hat, der einem immer hilft? 

Schließlich erzählen sie:  Sie sind müde, körperlich und geistlich erschöpft - Elia ist müde weil er Angst und Selbstzweifel hat. Jona - weil er burnout nach beruflichen Erfolg hat, Sara - weil sie keine Hoffnung mehr auf ein Kind hat und weil sie in der Gesellschaft Anfeindungen erfährt, und Petrus, weil er immer wieder von seinen Mitjüngern enttäuscht wird und wiederholt Jesus verteidigen muss. 

Liebe Gemeinde

In meinen Gedanken versetze ich mich einfach mal mehr als 2000 Jahre in die Vergangenheit, in die Zeit des Alten und Neuen Testaments.  Es gab viel Krieg, Uneinigkeit, Streit und Unfrieden –ganz so wie heute auch.  Es gab viele Menschen, die müde und erschöpft waren.  Es gab sogar ganze Völker, denen der Mut für die Zukunft fehlte.  Solch ein Volk waren die Hebräer.  Die Glaubensbegeisterung der ersten Christengeneration hatte sich gelegt. Alles war ein bisschen lahm geworden.  Die Hebräer wurden glaubensmüde, träge, vielleicht auch gleichgültig gegenüber der Sache mit Gott. Man war nicht mehr mit dem Herzen dabei.

Im 12. Kapitel des Hebräerbriefes spricht der Verfasser diese Müdigkeit an. In den Anfangsversen des Kapitels macht er den Christen deutlich, dass Christsein nicht nur Himmel auf Erden ist.  Der Weg des Christen geht nicht nur durch das Paradies, sondern oft eher durch die Wüste, wie das Gottesvolk nach dem Auszug aus Ägypten. Die Wüste ist Kampfzone. Giftige Schlangen, Knappheit an Wasser und Essen, extreme Wetterbedingungen und jede Menge Feinde  machen sie zur Todeszone.   Die Hebräer sind müde, und der Autor des Briefes möchte ihnen im Predigttext Mut machen und ihre Aufmerksamkeit wieder auf ihre wesentliche geistliche Aufgabe lenken.  Er schreibt folgende Worte.  Ich lese aus dem Brief an die Hebräer Kapitel 12, die Verse 12-18 und 22-25a.


12 Darum stärkt die müden Hände und die wankenden Knie

13 und tut sichere Schritte mit euren Füßen, dass nicht jemand strauchle wie ein Lahmer, sondern vielmehr gesund werde.

14 Jagt dem Frieden nach mit jedermann und der Heiligung, ohne die niemand den Herrn sehen wird,

15und seht darauf, dass nicht jemand Gottes Gnade versäume; dass nicht etwa eine bittere Wurzel aufwachse und Unfrieden anrichte und viele durch sie verunreinigt werden;

16 dass nicht jemand sei ein Hurer oder Gottloser wie Esau, der um der einen Speise willen sein Erstgeburtsrecht verkaufte.

17Ihr wisst ja, dass er hernach, als er den Segen ererben wollte, verworfen wurde, denn er fand keinen Raum zur Buße, obwohl er sie mit Tränen suchte.

18 Denn ihr seid nicht zu etwas gekommen, das man anrühren konnte und das mit Feuer brannte, nicht zu Dunkelheit und Finsternis und Ungewitter 

22 Sondern ihr seid gekommen zu dem Berg Zion und zu der Stadt des lebendigen Gottes, dem himmlischen Jerusalem, und zu den vielen tausend Engeln und zur Festversammlung

23 und zu der Gemeinde der Erstgeborenen, die im Himmel aufgeschrieben sind, und zu Gott, dem Richter über alle, und zu den Geistern der vollendeten Gerechten

24 und zu dem Mittler des neuen Bundes, Jesus, und zu dem Blut der Besprengung, das besser redet als Abels Blut.

25 Seht zu, dass ihr den nicht abweist, der da redet.


Auch Christen werden müde, weil ihnen die Illusionen genommen werden. Mit Jesus erleben sie nicht unbedingt einen leichteren Alltag. Die Probleme sind nicht alle mit einem Schlag gelöst, Christen haben nicht automatisch alles im Griff.  Auch Christen müssen die richtigen Entscheidungen treffen.  Und das ist manchmal nicht einfach, denn die Alltagsthemen sind des öfteren einfach überwältigend, und das Ziel wird verdeckt.  Kennt ihr das?  Manchmal ist es sinnvoll seinen eigenen Glauben zu untersuchen.  Wo befindet sich euer Glauben zur Zeit, wenn ihr ihn auf einer Scala von 1-10 bewerten müsstet?  Bei 1, also noch im Tiefschlaf?  Bei 5, also da wo der Kaffee wirkt, oder bei 10, da wo ihr Bäume ausreisen könntet?

Während man sich die Antwort überlegt, stellt mancher sich vielleicht aber die Frage: “Dürfen wir als Christen überhaupt glaubensmüde werden?  Sollten wir nicht immer mit einem  Lächeln auf dem Gesicht und positiver Ausstrahlung der Welt in die Augen sehen, weil es uns doch eigentlich super gut geht:  immerhin haben wir Jesus als Retter – unser Weg nach vorne ist doch zweifellos geklärt?  Hat Glaubensmüdigkeit da denn überhaupt einen Platz?”

Ja, auch Gottesmenschen dürfen müde sein.  Niemand ist perfekt, wir sind eben Menschen.  Aber Gott liebt uns trotz allem, auch wenn unser Glauben so vor sich hinschnarcht, oder wir den Gedanken an Gott mit dem Besen vor die Haustür kehren wollen.  Gott lässt uns nicht im Stich.  Er schafft Mittel, uns aus der Müdigkeit heraus zu holen, und unsere Glaubensscala wieder zu balanzieren.  Auch damals schon bei Elia, Jona, Sara und Petrus:

Elija kam aus der Müdigkeit heraus, weil ihn ein Engel berührte, weil er einen Befehl bekam aufzustehen, und weil ihm eine Wanderung mit einem Ziel bevorstand. 

Jona kam aus der Müdigkeit heraus, weil er wiederholt mit Gott haderte und Einsicht bekam.

Sara kam aus der Müdigkeit heraus, weil sie, trotz allen Zweifels  geduldig wartete auf die Erfüllung eines Versprechens.

Und Petrus kam aus der Müdigkeit heraus durch die Verklärung Christi, die als Vorahnung auf die Ostererfahrungen diente um den bevorstehenden Leidensweg Jesu als Weg in die Herrlichkeit zu verstehen.  

Erkennt sich jemand in einer dieser , oder vielleicht anderen Bibelfiguren?  Hat jemand schon eine Glaubensdürre oder starke Erschöpfung erlitten?  Gab es für dich einen Weg daraus?  Oder steckst du noch mitten drin.  Vielleicht hast auch du Angst dir diese Krise selbst einzugestehen, oder anderen davon zu erzählen. 

In unserem Predigttext hört es sich fast so an, als sei es den Hebräern selbst überlassen aus der Glaubensmüdigkeit hinaus zu kommen, und ihnen ihren Auftrag für ihre Gemeinde nocheinmal vor Augen zu führen: “Stärkt die müden Hände und die wankenden Knie und tut sichere Schritte mit euren Füßen, damit ihr dem Frieden nachjagen könnt und Heiligung erfahren könnt durch den dreieinigen Gott – die Gottheit des Neuen Bundes die ihr nicht sehen oder berühren könnt, sondern die in eure Herzen kommen und darinnen wohnen will.” Hier fällt uns auf, das diese Worte an die Mehrzahl gerichtet werden – mit anderen Worten, der eine unterstütze den anderen in diesem Auftrag, wer stärker ist helfe dem anderen, wer schwächer ist, nehme die Hilfe an.  Das ist ein Konzept, dass in der modernen Welt nicht mehr selbstverständlich ist.  Und ich denke mir, wie schön wäre es, einfach so von selbst Kraft in die müden Glieder zu bekommen, damit dieser Zug der Verantwortung losfahren kann – Kräftige dich, jage Frieden und Heiligung nach, und versichere dass niemand diesen Gnadenzug verpasst.  Wenn das bloß so einfach wäre. 

Bei müden Menschen ist es eine Herausforderung, aus eigener Kraft wieder auf die Beine zu kommen, um diese zu stärken.  Auch glaubensmüde Menschen sind meist nicht im Stande, selbst wieder auf die Beine zu kommen.  Denn es gibt ja Gründe für die Glaubensmüdigkeit.   Vielleicht sind sie enttäuscht von Gott, vielleicht nicht mehr überzeugt von ihm, vielleicht haben sie vergeblich gehofft und nun aufgegeben. Oder vielleicht gehören sie zu den Menschen die sagen, “Solch negative Bewertungen von oder über Gott darf ich nicht aussprechen.  Gott ist doch Liebe, wie darf ich da denken oder gar sagen dass er mich vergessen hat?  Oder das er mich in all meiner Not nicht sieht?”

So leicht schwimmen wir mit dem Strom der Gemeinde und sagen und machen was alle anderen tun. So schützen wir uns selbst und vermeiden Konflikte. Aber spätestens in Krisenzeiten sind wir gezwungen um einmal in den eigenen Spiegel zu schauen und zu merken dass wir vielleicht gar nicht mehr glauben was die anderen uns vorsagen.  Plötzlich müssen wir erneut auf die Suche gehen.  “Was glaube ich eigentlich? Wovon bin ich überzeugt?”  Es ist einfacher kritischen Fragen aus dem Weg zu gehen, weiterzumachen wie bisher, und die Wahrheit zu verleugnen. 

Aber ist es das, was Gott möchte?   Alle positiven Veränderungen beginnen doch eigentlich damit, ehrlich zu werden. Und Gott möchte dass wir auch vor ihm ganz ehrlich sind. Das ist ja eigentlich logisch: Er weiß ja längst, wie es in unserem Herzen aussieht und was unsere wirklichen Gefühle, Einstellungen und Ansichten sind. Nichts bleibt ihm da verborgen.  Erst wenn wir schonungslos unseren eigenen Zweifeln ins Gesicht sehen, kommen wir Gott näher. Dann öffnet sich unser Herz für die Kraft und die Liebe Gottes.  Und erst dann erfahren wir Stärkung in unseren müden Händen und wankenden Knien.  Dann können wir sichere Schritte mit unseren Füßen tun, damit wir nicht straucheln. Dann können wir auch Gottes Auftrag erfüllen und Frieden und Heiligung nachjagen, ohne die wir den Herrn niemals sehen werden. Und dann werden wir zu Gott kommen, dem Richter über alle und alles und zu Jesus, dem Mittler des neuen Bundes.  Dann kann Gott uns für sein Reich gebrauchen.

Darum geht es in unserem Text:  Seid ehrlich zu euch selbst und schaut der Wahrheit Gottes ins Gesicht.  Hört auf euch selbst zu belügen und vertraut auf Gott.  Das ist der einzige Weg zu Jesus, unserem Retter, den ihr noch nicht gesehen habt, aber dessen ewige Liebe ihr bereits jetzt spüren könnt, wenn ihr dafür offen seid.  Der Text ist ein Ausdruck der Gnade und der Liebe Gottes die sagt: 

“Du bist in allem, was auf dich zukommt, nicht allein. Ich bin für dich da. Ich trete für dich ein - gerade für das, was nicht so gut in deinem Leben läuft, für deine Fehler, deine Zweifel, deine Schuld.” Nur durch den Mittler des neuen Bundes, Jesus und sein Blut, ist das möglich.  Er hilft uns aufzutanken und neue Kraft zu schöpfen. An Gott festhalten und auf seine Kraft vertrauen ist unser Weg aus den Widrigkeiten.  Dann können wir dem Frieden nachjagen und auf unsere Mitmenschen achten, dass sie nicht von Weg abkommen, dass sie Gottes Gnade nicht versäumen oder an ihr vorbei leben!

Im Jahre 1964 schrieb Margaret Fishback Powers das bekannte Gedicht “Spuren im Sand”.  Ich möchte es zum Abschluss lesen, und meinen Gästen, Elia, Jona, Sara und Petrus diesen Mutmacher mit auf den Weg geben.  Auch für euch ist das Gedicht gedacht und wer sich davon eine Kopie mit nach Hause nehmen möchte, darf sie sich am Ausgang am Informationstisch zur Ermutigung und Heilung mitnehmen.

(leise Musik spielen)

“Spuren im Sand“

Eines Nachts hatte ich einen Traum:

Ich ging am Meer entlang mit meinem Herrn.

Vor dem dunklen Nachthimmel erstrahlten,

Streiflichtern gleich, Bilder aus meinem Leben.

Und jedes Mal sah ich zwei Fußspuren im Sand,

meine eigene und die meines Herrn.

Als das letzte Bild an meinen Augen vorübergezogen war,

blickte ich zurück. Ich erschrak, als ich entdeckte,

daß an vielen Stellen meines Lebensweges

nur eine Spur zu sehen war. Und das waren gerade

die schwersten Zeiten meines Lebens.

Besorgt fragte ich den Herrn: „Herr, als ich anfing,

dir nachzufolgen, da hast du mir versprochen,

auf allen Wegen bei mir zu sein. Aber jetzt entdecke ich,

dass in den schwersten Zeiten meines Lebens

nur eine Spur im Sand zu sehen ist.

Warum hast du mich allein gelassen,

als ich dich am meisten brauchte?“

Da antwortete er:

„Mein liebes Kind, ich liebe dich

und werde dich nie allein lassen,

erst recht nicht in Nöten und Schwierigkeiten.

Dort, wo du nur eine Spur gesehen hast,

da habe ich dich getragen.“

(Text: Margaret Fishback Powers)

Und der Friede Gottes, der alle Vernunft übersteigt, beware eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, Amen.