( 2. Könige 5,9-15.19a ) - [ English ]
In Christus gilt nicht Ost noch West, nicht Nord noch Süd. Von Grenzüberschreitungen singen wir und hören wir heute. Christus macht uns alle eins, in jedem Land und Ort. Das neue Testament erzählt uns davon in vielen Geschichten. Jesus hat das gelebt, auch wenn einige das gar nicht gut fanden. Aber, liebe Gemeinde, schon das Alte Testament weiß vom Glauben der grenzenlos ist. Mehrmals überschreitet die alttestamentliche Legende, die heute unser Predigttext ist, traditionelle Grenzen: einmal eine politische Glaubensgrenze – und dazu noch eine theologische Glaubensgrenze – und dann auch noch eine persönliche Grenze. „Naaman“ ist der Name des Grenzgängers, dem wir heute Morgen folgen. Naaman ist ein aramäischer Heerführer – und zwar ein erfolgreicher und berühmter Soldatenhauptmann. Der Krieg hat ihn reich gemacht und ihm außerdem ein israelitisches Sklavenmädchen ins Haus gebracht. Dabei bedeutet sein Name „Freundlichkeit“. Das würde man nun nicht erwarten, dass ein ausländischer Kriegsgewinnler in der hebräischen Bibel diesen besonderen Namen bekommt: „Naaman, sozusagen die Freundlichkeit in Person“. Mit diesem Namen werden die gewohnten Grenzen von Anstand und Moral überschritten – aber das ist erst der Anfang dieses grenzüberschreitenden Predigttextes. Aber es geht weiter: Die hebräische Haussklavin hat nämlich Mitleid mit ihrem Besitzer und Benutzer. Sie erzählt ihm von Elisa, einem israelitischen Propheten, der heilen kann. Naaman wiederum findet das einen guten Hinweis und hat keine Scheu, sein Heil in einer anderen Religion zu suchen – genauer gesagt: bei einem feindlichen und auch von ihm selbst schon besiegten Gott. Damit sind wir angekommen in der politischen und religiösen Grenzüberschreitung. Naaman macht sich auf den Weg in Feindesland und sucht dort Heil und Heilung. Aber um doch wenigstens ein wenig sicherzugehen, achtet er auf korrekte Form. Also fragt er bei seinem eigenen König nach einem Empfehlungsschreiben für den Nachbarkönig, damit er wiederum ihn an den empfohlenen Propheten weiterleitet. Man achtet auf protokollarische Feinheiten und möchte sich auf Augenhöhe begegnen. Der israelitische Nachbarkönig aber hält gar nichts von dieser Art, ihm zu nahe zu kommen. Es ist eine Grenze, die hier wiederum seinem Gefühl nach überschritten wird und er fühlt sich auch angegriffen und bloßgestellt. Als könne er töten und wieder lebendig machen. Er ist sauer. So ist das, wenn traditionsreiche Grenzen überschritten werden: Man empfindet das leicht als Unverschämtheit oder sogar als Angriff – „weil eben nicht sein kann, was nicht sein darf“, und „Wo kämen wir denn hin, wenn das jeder machte?“ Wir sind doch nicht zuständig für die Probleme der Nachbarn. Soll doch jede und jeder vor der eigenen Haustür kehren. Man möchte nur in Ruhe gelassen zu werden. Und man hat Angst vor Neuerungen und Veränderungen.Der biblische Text möchte uns aber Mut machen, die eigenen Grenzen zu überdenken. Das muss nicht wirklich schlimm sein, wenn ein Fremder zu uns kommt und um Hilfe bittet. Deswegen kommt nun der Prophet Elisa ins Spiel.
9So kam Naaman mit Rossen und Wagen und hielt vor der Tür am Hause Elisas. 10Da sandte Elisa einen Boten zu ihm und ließ ihm sagen: Geh hin und wasche dich siebenmal im Jordan, so wird dir dein Fleisch wieder heil und du wirst rein werden.
11Da wurde Naaman zornig und zog weg und sprach: Ich meinte, er selbst sollte zu mir herauskommen und hertreten und den Namen des Herrn, seines Gottes, anrufen und seine Hand über der Stelle bewegen und mich so von dem Aussatz befreien. 12Sind nicht die Flüsse von Damaskus, Abana und Parpar, besser als alle Wasser in Israel, sodass ich mich in ihnen waschen und rein werden könnte? Und er wandte sich und zog weg im Zorn. 13Da machten sich seine Diener an ihn heran, redeten mit ihm und sprachen: Lieber Vater, wenn dir der Prophet etwas Großes geboten hätte, würdest du es nicht tun? Wie viel mehr, wenn er zu dir sagt: Wasche dich, so wirst du rein! 14Da stieg er ab und tauchte unter im Jordan siebenmal, wie der Mann Gottes geboten hatte. Und sein Fleisch wurde wieder heil wie das Fleisch eines jungen Knaben, und er wurde rein.
15Und er kehrte zurück zu dem Mann Gottes samt seinem ganzen Gefolge. Und als er hinkam, trat er vor ihn und sprach: Siehe, nun weiß ich, dass kein Gott ist in allen Landen außer in Israel; so nimm nun eine Segensgabe von deinem Knecht. 19Er sprach zu ihm: Zieh hin mit Frieden!
Wir hören von Elisa, der seinen König schont und schützt und das Problem Naaman übernimmt. Was muss das für ein Bild gewesen sein, als Feldhauptmann Naaman mit seinem ganzen Gefolge, das eigentlich für einen königlichen Staatsbesuch vorgesehen war, vor dem Prophetenhaus von Elisa vorfuhr. Schon wieder eine Grenzüberschreitung.Der Prophet Elisa lässt sich von diesem grandiosen Aufmarsch nicht beeindrucken und auch nicht herauslocken, sondern schickt seinen Boten. Was für ein Fehler in den Augen des fremden Hauptmanns. Es braucht einige Zeit und Erklärungen, bis der Hauptmann einsieht, dass sein Heil und seine Heilung nicht von politischer Macht abhängt und er auf einen einfachen Propheten angewiesen sein soll. Darüber schmunzle ich jedenfalls. Aber die eigentliche Sensation ist: Der fremde und andersglaubende Bittsteller wird von Gottes Propheten geheilt – und zwar ohne Wenn und Aber und ohne jede Bedingung. Der biblische Gott kennt keine Grenzen. Unser Gott kümmert sich grenzenlos. Gott fragt nicht nach Religion oder Konfession und auch nicht nach Taufbescheinigung oder Kirchensteuerbescheid oder Kollekten- und Spendenbereitschaft. Gott heilt. Gott macht heil. Gott hilft sofort und ziemlich unkompliziert: Fast schon zu einfach für den Hauptmann: siebenmal waschen im Jordan, und der Aussatz ist weg.
Bibelwissenschaftler haben schnell gemerkt, dass diese Jordanwaschung als Taufhinweis gedeutet werden kann. Und dann wäre diese Legende von Naaman und Elisa eben nicht mehr eine grenzüberschreitende Heilungs- und Erlösungs- und Befreiungsgeschichte, sondern ein früher, weil schon alttestamentlicher Taufbefehl. Aber eine Taufe ist es in meinen Augen nicht. Vor allem auch nicht, weil Naaman gleich dafür bezahlen möchte.
Damit folgt die nächste Grenzüberschreitung: Der Gottesprophet lehnt Bezahlung ab – und im selben Atemzug auch gleich noch ein nettes Trinkgeld für seinen Diener. Denn statt solcher kleinen Gefälligkeiten geht es in Wahrheit ja um ein großes Problem: Was soll der Hauptmann nach seiner Gotteserfahrung am Jordan denn am heidnischen Heimathof machen? Weiter anbeten wie bisher oder seinem König und Vorgesetzten und Arbeitgeber die notwendige religiöse Loyalität verweigern?
Der Prophet Elisa zeigt sich in seiner Antwort grenzenlos großzügig: „Zieh hin mit Frieden!“ Das kann man kaum oft genug wiederholen: „Zieh hin mit Frieden!“ Das sagt der Prophet der einen Religion zum geheilten Hauptmann einer anderen Religion: „Zieh hin mit Frieden!“ Alle Religionskriege und alle konfessionellen Konflikte und alle spirituelle Rechthaberei verpuffen in dieser Entgrenzung und Erlösung: „Zieh hin mit Frieden!“ Das hätte Jesus kaum besser sagen können. Der Diener des Propheten jedenfalls fand solche Großzügigkeit auch sehr fehl am Platze– besonders, was die Bezahlung betrifft. Deswegen macht sich der Diener doch noch auf den Weg und erbittet sich vom geheilten Hauptmann ein Trinkgeld. Er bekommt doppelt so viel wie gedacht, was es ihm noch schwerer macht, dies vor seinem Propheten zu verschweigen. Der durchschaut sofort diese Heimlichkeit und bestraft ihn mit Aussatz. Und zwar mit genau solchem Aussatz, wie er ihn kurz zuvor noch weggeheilt hatte.
Ich verstehe den Legendenabschluss als Hinweis an uns– und vielleicht sogar als Warnung. Warum fällt es uns manchmal schwer, großzügig mit anderen umzugehen? Denn wenn wir es eigentlich doch nicht aushalten können, wie großzügig von Gott und Gnade und Glauben erzählt wird, dann droht uns Unheil.
Gott und Gnade und Glaube können uns heil machen– wie eben bei Naaman zu bestaunen.. Aber Missgunst und die Gier, immer mehr haben zu wollen kann krank machen, wie eben bei dem Prophetendiener zu sehen.
Ich wünsche mir, dass der Diener des Propheten wieder heil geworden ist, innerlich und äußerlich. Und ich wünsche uns, dass wir über Gottes grenzüberschreitende Großzügigkeit und Gnade immer wieder neu staunen können und sie manchmal auch selbst genießen – dass wir Gott immer wieder selbst darum bitten, dass er uns hilft, Grenzen zu überschreiten. Davon singen wir im nächsten Lied. Amen