2024-02-11 - Estomihi - (DE) - Pfarrerin Nicole Otte-Kempf

( Amos 5,21-24 ) - [ English ]


Liebe Gemeinde, Ich mag Menschen, die ehrlich sind. Zu sich selbst und zu anderen. Manchmal trifft es einen hart und und vielleicht auch zu direkt. Auch die Juenger wollen es nicht wahrhaben, wir haben das Evangelium gehoert, was Jesus ihnen ankuendigt, dass er leiden und sterben wird. Jesus nimmt kein Blatt vor den Mund. Er steht da in einer guten Tradition mit Propheten, die vor ihm aufgetreten waren und das Gericht ankuendigten. Heute hoeren wir auf das, was Amos zu sagen hatte. Der war ein Schafzuechter aus Tekoa bei Jerusalem und wirkte als Prophet im Nordreich in der Zeit Jerobeams II. um 760 v.Chr.

In diesem Jahrhundert ging es den meisten Menschen in Israel relativ gut. Sie feierten grandiose Feste, sie opferten praechtige Masttiere. Und der Geruch stieg zum Himmel auf, um Gott damit zu gefallen. Und während der Feierlichkeiten wurde gesungen und eine Vielzahl von Musikinstrumenten wurde gespielt. 

Aber einer verweigerte sich dem ausgelassenen Treiben; und das war Amos. Der hielt im Namen und Auftrag Gottes eine Festrede ganz eigener Art. Lesen des Bibeltextes Amos 5,21-24


21Ich hasse und verachte eure Feste und mag eure Versammlungen nicht riechen – 22es sei denn, ihr bringt mir rechte 
Brandopfer dar –, und an euren Speisopfern habe ich kein Gefallen, und euer fettes Schlachtopfer sehe ich nicht an. 

23Tu weg von mir das Geplärr deiner Lieder; denn ich mag dein Harfenspiel nicht hören!

24Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.


Liebe Gemeinde, man muss es sich mal vorstellen: Da sind die Menschen zusammen und feiern ein Fest. Die Menschen bringen ihre Opfer vor Gott und erwarten, dass Gott sie dafuer segnet. Aber sie vergessen: man kann Gott nicht kaufen. 

Amos steht auf und unterbricht diese Zeremonie. Er macht seinen Mund auf und verkuendigt Gottes Wort. Und er redet mit Vollmacht und Anspruch. Klar und deutlich sind seine Worte. Und seine Botschaft ist eindeutig. 

Was? Gott gefaellt das nicht? Haben sich die Feiernden vielleicht gefragt. 

Aber vielleicht haben einige bei sich auch gedacht: Amos hat doch Recht. 

Amos hat Visionen. Und die sind alles andere als zum Wohlfuehlen. 

Die sind eher wie ein Aufschrei, ein Weckruf, eine Warnung vor dem Untergang. Amos sieht und hoert und redet. Er sieht genau hin. Und darum sieht er – es liegt ziemlich viel im Argen in seinem Land. Die Menschen gehen nicht gut miteinander um. Es gibt zu viele Arme, die ausgebeutet werden und nicht genug zum Leben haben. Und es gibt auch zu viele, die auf Kosten von anderen leben und die genau das ueberhaupt nicht interessiert. Keinen kuemmert es. 

Die religioesen Rituale sind hohl, weil sie getan werden, doch ohne dass sie wirklich etwas mit dem Alltag der Menschen zu tun haben. Die Menschen gehen nach den Gottesdiensten nicht erneuert nach Hause, sie machen alle so weiter wie bisher. Da ist kein Sinneswandel, ihr Leben aendert sich nicht. Es gibt keine Neuausrichtung des Lebenswandels. Man feiert die Religion, aber sie hilft nicht zu einem guten Leben für alle Menschen. 

Der Predigttext heute ist mehr als nur eine Rede bei Gelegenheit. Er ist eigentlich eine Totenklage. Ein Klagelied. Ich hoere darin Wut und ein Nicht hinnehmen wollen und Enttaeuschung. Amos nimmt kein Blatt vor den Mund. Geradezu unverschaemt redet er, klagt er, ruft und mahnt er.

Der Theologe Fulbert Steffensky schreibt in seinem Buch „Fragmente der Hoffnung“: „Ich wuensche mir eine Kirche und religioese Gruppen von radikaler Deutlichkeit, die ihre eigenen Traditionen, Geschichten und Lieder kennen und nicht verschweigen. Ich wuensche mir religioese Gruppen mit Konturen. Zugleich wuensche ich mir eine Religion, die Gott unendlich sein laesst und auf ihre eigene Unendlichkeit verzichtet. Erst sie ist faehig zum Zwiegespraech.“

Gott ist so viel groeßer, so viel mehr – als ich es fassen und glauben kann. 

Wenn ich das glaube, wo suche ich ihn? Wo finde ich ihn? Wie kommt er in mein Leben? Wie hoere ich, was er mir sagt – ohne dass dies alles zu einem leeren Ritual wird. Wann sehe ich, was er mir zeigt? Wie sieht Nachfolge aus?

Amos ist einer, der festhaelt an dem, was Gott ihm sagt und zeigt.

Vielleicht ist das einer der ersten Schritte auf dem Weg des Glaubens: 

ein Still-Werden, in sich gehen. Und dann die Ohren aufmachen, die Augen oeffnen und wirklich hoeren, wirklich sehen. Ehrlich zu mir sein. Es kann beim Beten passieren. 

Für mich ist das eine Quelle, um Jesus nachzufolgen. Daraus ziehe ich Kraft für mein Leben, um zu versuchen, nach Gottes Willen zu handeln. 

Von der eigenen Hoffnung reden, aus dem eigenen Glauben heraus reden und leben. Das ist das Anliegen des Sonntags heute.

Mit Amos bekommt dieser Lebensweg eine besondere Ausrichtung: Beten und Tun des Gerechten gehoeren zusammen, das eine ist nicht ohne das andere, beides gehoert zusammen. Und dann fallen mir die großen Heldinnen und Helden unserer Traditionsgeschichte ein. Wir koennen ja nur dankbar sein, dass es immer wieder solche mutigen Menschen gab und gibt. Sie machen mit ihrem Leben einen Unterschied. Sie haben aus ihrem Glauben heraus ihr Leben gelebt. Wenn ich doch auch so mutig sein koennte. 

Wer hat euch gepraegt auf eurem Glaubens- und Lebensweg? Liebe Gemeinde.Wer ist fuer dich so eine Art Vorbild, gibt dir Orientierung? 

Es sind Menschen, die glaubwuerdig sind, bei denen Glauben und Leben zusammenstimmen, Reden und Tun zusammenpassen. Es sind Menschen, die wahrhaftig sind. 

Solche, die immer wieder den Finger in die Wunde legen und mahnen und warnen, können wirklich unangenehm sein. 

Das ist nicht der einzige Weg von Gott zu reden und den Glauben zu leben. Paulus schlaegt in seinem Brief an die Gemeinde in Korinth einen anderen Ton an. Wir haben die Lesung gehoert. Auch sie redet vom Leben aus dem Glauben. Das Hohelied der Liebe weist den Weg. 

Amos sieht und hoert Gott, er rechnet mit ihm und traut ihm alles zu.  Es stroeme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach. Recht und Gerechtigkeit. 

Das gehoert zusammen. Das eine ist nicht ohne das andere. Beide sind wie Raeume, in denen Leben gelingen kann. Und zwar fuer alle Menschen. 

Das waere traumhaft schoen. Und auch moeglich.  

Recht und Gerechtigkeit, wie lebendiges Wasser, das sprudelt und erfrischt. Aus Tod wird Leben. Das ist die Hoffnung. Und so wird aus der Totenklage das Lied, das vom Leben singt.

Es wird uns offenbar zugetraut, dass wir so miteinander leben koennen. Ja – das ist ein Anspruch an uns. Und ein großes Zutrauen. Darauf vertrau ich. Das glaube ich. Amen