2024-02-25 - Reminiszere - (DE) - Pfarrerin Susanne Liechti

( 4. Mose 21,4-9 ) - [ English ]


Liebe Gemeinde

Das Reich Gottes ist mitten unter euch, mitten in euch (vgl. Lk 17,21), sagt Jesus. Das bedeutet Gottes Handeln bestimmt unsere Gegenwart. Das hat zur Folge, dass wir im Einklang mit Gott mit uns selbst und mit unserer Nächsten leben. Es gibt keine Unterdrückung. Alle kommen zu ihrem Recht. Niemand wird übervorteilt. Alle haben genug. Das Reich Gottes wird wahr, wenn Gemeinschaft mit allen stattfindet, gerade auch mit den Schwachen, Armen und Ausgegrenzten.

Das Reich Gottes ist mitten unter euch, mitten in euch. Das würde ich gerne glauben, dass dies Wirklichkeit wäre. Aber, auch wenn ich es mir noch so einrede und wünsche, hier versagt sogar die selbsterfüllende Prophezeiung, und jeder noch so platte Spruch, wie ‘du kannst alles erreichen, wenn du es nur gaaaanz fest willst’, zerschellt an den realen Begebenheiten. Ich bin doch nicht naiv. Ich lese die Zeitung, höre Nachrichten, spreche mit Menschen. Ich lese, dass Millionen von Menschen im Ostkongo ihre Häuser und Arbeitsplätze verloren haben, und sie sagen: ‘Wir fühlen uns machtlos unsere Umstände zu ändern’. Ich höre, dass Südafrika eine der höchsten Arbeitslosenquoten der Welt hat. Und durch persönliche Gespräche weiss ich um Menschen, die betrogen, verlassen und gedemütigt wurden, gerade von dem Menschen, den sie am meisten liebten.

Wo ist das Reich Gottes unter uns und in uns? Wo?

Diese Frage lässt mich zweifeln, zweifeln an Gott, seinen Zusagen und Versprechen. Ist das Risiko zu glauben nicht zu hoch? Lassen wir uns zum Narren halten? Es ist doch alles hoffnungslos verloren.

Mit gleichen und ähnlichen Fragen haben Menschen aus dem Volk Israel gerungen und gekämpft. Was hatten sie alles schon hinter sich: Deportationen, Zeiten im Exil und die Rückkehr in die sogenannte Heimat, wo es dann doch anders war, als sie es sich erhofft hatten. Nicht alle hatten das gleich erlebt. Wie die Vergangenheit und die Gegenwart gedeutet wurden, hat man sehr kontrovers diskutiert.

Wie haben sie Gott erlebt? Wie eine Henne, die ihre Küken unter ihre Fittiche nahm (vgl. Ps 91,4). Wie einen Hirten, der sie auf grünen Auen weiden liess (vgl. Ps 23). Aber auch wie einen gewaltvollen Angreifer, der sie verletzte, wie wir es aus dem Kampf am Jabok kennen (vgl. Gen 32). Wie haben sie diese ermutigenden, tröstenden, aber auch heraus- und auch überfordernden Erfahrungen mit ihrem Gott zusammengebracht? Mit diesem Gott, an den sie glaubten, auf den sie hofften, mit dem sie sich aber auch immer rieben und rangen. Wie brachten sie die Ambivalenz ihrer Existenz, ihres Lebens zusammen mit ihrem Selbst- und Gottesverständnis?

Eine Geschichte, die von diesen Auseinandersetzungen erzählt, haben wir in der Lesung gehört. Das Volk Israel ist in der Wüste. Seit 40 Jahren wandern sie in dieser lebensfeindlichen Öde umher. Zwar erleben sie Gottes Nähe, Gottes Umsorgen und Gottes Rettung immer wieder, aber eigentlich hatten sie sich das anders vorgestellt. Sie erinnern sich daran, was ihre Eltern und Grosseltern ihnen erzählten: Gott hat sie aus der Sklaverei in Ägypten herausgeführt, hat sie auf wunderbare Weise durch das Schilfmeer hindurch gerettet. ‘Ich bin euer Gott und ihr seid mein Volk’ (vgl. Ex 6,7/Lev 26,12). ‘Ich werde euch hinaufführen in ein schönes und weites Land, in ein Land, wo Milch und Honig fliessen’ (vgl. Ex 3,7). Diese schönen grossen Worte. Bald vierzig Jahre ist es nun her, und dieser Hoffnung, diesem Glauben haben sie ihr ganzes Leben untergeordnet. Dieser Sehnsucht sind sie gefolgt. Aber was sollen diese Worte, wenn alles, was sie sehen, Sand ist; wenn alles, was sie unter ihren Füssen spüren Sand ist, wenn es bei jedem Bissen, den sie essen, immer auch der Sand zwischen den Zähnen knirscht. Sie hatten wirklich gedacht, dass sich die Verheissung Gottes erfüllen wird. Sie haben so geglaubt, so gehofft. Aber jetzt ist genug. ‘Wieso habt ihr uns aus Ägypten heraufgeführt? Damit wir in dieser Wüste sterben? Denn es gibt kein Brot und kein Wasser’ (Num 21,5). Gestehen wir uns ein, dass wir uns zum Narren hielten. Lasst uns zurückkehren nach Ägypten, solange wir noch können und unsere Kinder noch nicht umgekommen sind in dieser lebensfeindlichen Umgebung. So dachten sie.

Oft wird der Grund dieser Reaktion beschrieben mit ‘das Volk wurde ungeduldig oder verdrossen’ (Num 21,4). Diese Übersetzung ist m.E. missverständlich. Im Hebräischen steht etwas, das man wohl nur umschreiben kann, nämlich: zu klein wurde ihre sprudelnde Lebensenergie, ihre Leidenschaft. Martin Buber hat es mit ‘kleinmütig’ übersetzt. Kleinmut überkam sie. Ein nicht sehr geläufiges Wort, aber es beschreibt wohl ziemlich genau, was geschehen ist. Kleinmütig werden, bedeutet Angst zu bekommen vor der eigenen Courage, gänzlich die Hoffnung aufzugeben; nicht mehr an das zu glauben, was man erreichen kann. Es geht hier nicht um Grössenwahnsinn, nein, es geht um die Kraft und die Stärke, die einem zugesprochen und verliehen wird.

Sie waren bereit, zurück nach Ägypten zu gehen und, wie ihre Grosseltern damals, als Sklavinnen und Sklaven zu arbeiten und zu leben. Wer freiwillig in die Unfreiheit will, wer zurück will zu seinen Peinigern, der hat wirklich alle Hoffnung verloren. Jegliche Zukunftsperspektiven sind dem Volk abhandengekommen. Damit machten2 sie sich klein, zu einem Nichts. Und damit machten sie ihren Gott klein, der ihnen diese Kraft zugesprochen hatte und an sie glaubte.

Und wir kennen das Sprichwort: Die Hoffnung stirbt zuletzt. Aber wenn die Hoffnung stirbt, dann ist alles verloren. Dann ist da nur noch das Ende, der Tod. Und auch das musste das Volk erfahren. Der Tod kam für viele.

‘Da sandte der HERR feurige Schlangen unter das Volk; die bissen das Volk, dass viele aus Israel starben. (Num 21,6).

Den Menschen, die keine Hoffnung mehr haben, blüht der Tod – und nun, im Angesicht des Todes machen sie etwas, das ich faszinierend, aber auch verstörend finde. Sie bringen ihre hoffnungslose Lage direkt mit Gott in Verbindung. Als sie den Tod sehen, können sie nicht anders, als diesen Tod direkt mit Gott in Verbindung zu bringen. Und der Tod, den sie sahen, die Hoffnungslosigkeit, die um sich griff, bewirkte etwas in ihnen, was ich nicht beschreiben kann. Es steht auch nichts darüber in der Überlieferung. Aber in dieser Todesangst, im Bewusstsein des endgültigen Endes möchten sie doch nicht sterben, doch nicht in die Unfreiheit zurück, doch nicht Sklavinnen und Sklaven sein. Sie möchten glauben und hoffen können. Und sie kehren um.

Und Gott, mit dem die Menschen den Tod, ihr Ende zusammengebracht haben, ist auch derjenige, der sie rettet, sich erbarmt, neues Leben, neuen Glauben und neue Hoffnung schenkt. Und dies geschieht in sehr merk-würdiger Weise.

Gott lässt sie ansehen, was ihnen Angst machte, ansehen, was sie tötete und ihnen den Mut zur Hoffnung und den Glauben raubte. Gott lässt sie es aber nicht nur ansehen, sondern aufblicken. Damit kommt zum Ausdruck, dass sie sich aufrichten müssten, wegsehen von sich selbst. Um diese schreckliche Situation zu überwinden, mussten sie aufblicken, sich ausrichten auf etwas Anderes. Von aussen kam ihnen Hilfe.

Im zweiten Lesungstext aus dem Matthäusevangelium (Mt 26,36-46) treffen wir auf eine ähnliche Situation. Wir begegnen Jesus, der im Wissen darum, was ihm geschehen wird, von grosser Angst gequält wird. Er scheint die Hoffnung zu verlieren, dass er die Kraft haben wird, das ihm Bevorstehende auszuhalten. Er wird kleinmütig. Er hat Angst vor seiner eigenen Courage. In seiner Todesangst wendet er sich – Gott sei Dank – nicht weg von Gott, sondern Gott zu und klagt ihm seine Angst. Jesus wird in dieser Hoffnungslosigkeit, die sich auch in seinem Tod manifestiert, von Gott gestärkt, so dass er dem, was ihm geschieht, entgegentreten kann. Denn, auch wenn für die Jüngerinnen und Jünger die Hoffnung mit dem Tod Jesu gestorben war; der Tod, die Hoffnungslosigkeit hatte nicht das letzte Wort.

Liebe Gemeinde, ja, wir haben Angst. Wir spüren oft, dass uns Hoffnungslosigkeit überfällt, und wir ringen um unseren Glauben, dass Gottes Reich mitten unter uns ist – mitten in dir und mitten in mir.

Was können wir dem entgegenhalten? Wie kommen wir zu diesem Glauben und der Hoffnung, dass in unserer Welt Gottes Reich schon da ist, dass über unserer Welt Gottes Ja steht? Was lässt uns dennoch glauben und trotz allem hoffen?

Ich glaube die Antwort liegt in einem Du, in einem Gegenüber. Darin, dass der Mensch zuallererst ein Wesen ist, dass aus und in Beziehungen lebt und durch sie erst lebendig wird.

Die Hoffnungslosigkeit der Israelitinnen und Israeliten begann zu schwinden, als sie sich aus ihrer Abkapselung lösten und mit ihrer Umgebung wieder in Kontakt traten. Sie baten Mose um Hilfe, sie hörten auf Gott, als dieser ihnen sagte, was sie tun sollten und sie wurden wieder hoffnungsvoll, als sie aufblickten und aufrecht standen.

Jesus suchte in seiner Verzweiflung nicht einen einsamen Ort auf, nein, er suchte die Gemeinschaft mit seinen Jüngern. Er bat sie, ihn nicht allein zu lassen. Und neben der menschlichen Nähe suchte er Gott und klagte ihm seine Verzweiflung. Und das wirklich tröstende und hoffnungsvolle an dieser Geschichte ist, dass das menschliche Unvermögen, das Fehlen der menschlichen Gemeinschaft – die Jünger schlafen immer wieder ein – nicht das Ende war. Gott selbst tröstete Jesus und gab ihm Glaube und Hoffnung, was seinen Kleinmut vertrieb.

Glaube und Hoffnung, davon bin ich überzeugt, finden wir in der Gemeinschaft mit Menschen und Gott.

Ich lerne hoffen, wenn ich sehe, dass es trotz Verletzungen in einer Beziehung weiterhin eine gemeinsame Zukunft gibt.

Ich lerne zu glauben, wenn ich sehe, wie Menschen mit einer Krebsdiagnose und schlechten Aussichten Zuversicht verbreiten, wenn das Hier und Jetzt an Wichtigkeit gewinnt und das Leben auf Erden doch nicht alles ist.

Ich lerne zu glauben und zu hoffen, wenn ich mir zusagen lasse, dass Gottes Reich, das heisst Gottes Gegenwart, schon in mir ist. Und wenn ich sehe, dass Gottes Gegenwart in dir ist.

Amen