2024-03-10 - Lätare - (DE) - Ruth Schütz

( Lk 22,54-62 ) - [ English ]


Guten Morgen liebe Gemeinde,

die Lesepredigt für heute stammt von Pfarrer Harald Vogt. Erschrieb sie für den Sonntag Lätare in 2021.

Allem vorweg eine kurze Einleitung in den Kontext:

Jesus hat am Abend des Passahfestes gerade noch im Garten Gethsemane gebetet, da wurde er von Judas verraten und von der Tempelwache gefangen genommen.

Wir lesen bei Lukas, Kap. 22, Verse 54-62:


Sie ergriffen ihn aber und führten ihn ab und brachten ihn in das Haus des Hohenpriesters. Petrus aber folgte von ferne. Da zündeten sie ein Feuer an mitten im Hof und setzten sich zusammen; und Petrus setzte sich mitten unter sie. Da sah ihn eine Magd im Licht sitzen und sah ihn genau an und sprach: Dieser war auch mit ihm. Er aber leugnete und sprach: Frau, ich kenne ihn nicht. Und nach einer kleinen Weile sah ihn ein anderer und sprach: Du bist auch einer von denen. Petrus aber sprach: Mensch, ich bin’s nicht. Und nach einer Weile, etwa nach einer Stunde, bekräftigte es ein anderer und sprach: Wahrhaftig, dieser war auch mit ihm; denn er ist auch ein Galiläer. Petrus aber sprach: Mensch, ich weiß nicht, was du sagst. Und alsbald, während er noch redete, krähte der Hahn. Und der Herr wandte sich und sah Petrus an. Und Petrus gedachte an des Herrn Wort, wie er zu ihm gesagt hatte: Ehe heute der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen. Und Petrus ging hinaus und weinte bitterlich.


Liebe Gemeinde,

was ist Mut? Mut ist doch: nicht davonzulaufen, wenn es ernst wird. Mut – so sagt das Lexikon – befähigt dazu, sich gegen Widerstand und Gefahren für eine Sache einzusetzen, die wir als richtig und notwendig erkannt haben.

Wie oft waren wir schon mutig? Wenn ein Vorgesetzter ungerecht handelt, jemand Unwahrheiten verbreitet oder Feindbilder aufbaut gegen Menschen, die anders denken, anders glauben, anders sind.

Wie mutig sind wir? Was trauen wir uns zu? Wie wichtig sind uns unsere Überzeugungen? Was würden wir dafür einsetzen? Soviel wie Petrus? Petrus war mutig. Nicht ein Feigling und Verleugner Jesu, als der er manchmal dargestellt wird. Das waren die Jünger, die gleich ververschwanden als Jesus gefangengenommen wurde! Petrus lief nicht weg. Er lief hinterher – als einziger der uns bekannten Jünger. Er lief nicht nur hinterher, er begab sich sogar mitten hinein in die Höhle des Löwen. In den Innenhof des Palastes des Hohen Rates, wo man Jesus gefangen hielt bis zur Verhandlung. Er wollte Jesus nicht aus den Augen verlieren. Ihm vielleicht signalisieren: Mach dir keine Sorgen, deine Leute sind noch da. Und er mischt sich unter das Wachpersonal und das an der Gefangennahme beteiligte Fußvolk. Setzt sich einfach zu ihnen ans Lagerfeuer. Ganz schön mutig. Er wollte ausspionieren wie alles weitergeht, was sie mit Jesus vorhaben, wo sie ihn hinbringen.

Und da erkennt ihn eine Sklavin, die zum Hauspersonal gehört: „Du warst doch auch bei ihm!“ Du bist doch auch ein Mitglied seiner religions- und staatsfeindlichen Vereinigung.“ Wie hätten wir wohl reagiert? Wären wir aufgestanden und hätten gesagt: ‚Ja, das bin ich. Ich gehöre zu diesem Jesus.‘ ... Hier in Südafrika würden wir wenigstens nicht festgenommen werden, aber in vielen Ländern der Welt sieht es anders aus.

Nun könnte man denken: Petrus musste aber doch strategisch vorgehen. Er konnte seine Identität nicht aufdecken, wenn er weiter spionieren wollte; wirklich wissen wollte, wie es weitergeht. Niemandem war geholfen, wenn man ihn auch noch gefangen nahm. Wie oft machen wir das ... in Gesprächen, in Konflikten um möglichst unbeschädigt aus einer unangenehmen Sache herauszukommen. Wie oft verbergen wir unsere eigentliche Meinung, um keinen Ärger zu bekommen und nicht aufzufallen, nicht anzuecken?

„Frau, ich kenne ihn nicht.“ Diese Antwort verschafft Petrus Zeit und Spielraum für seine wahren Absichten. Aber es hilft nicht lange. Er wird auch von anderen erkannt: „Du bist auch einer von denen!“ Und nun wächst die Angst in Petrus. Seine Verteidigung wird hektischer, aggressiver: „Mensch, ich bin’s nicht!“ Als dann noch ein Dritter sich einmischt und bekräftigt: „Natürlich warst du auch bei ihm!“ da mischt sich Panik in seine Reaktion.

Alle vier Evangelien berichten von dieser Situation. Lukas schwächt diese letzte Reaktion des Petrus ab: ‚Mensch, ich weiß nicht, was du sagst.‘ Markus und Matthäus berichten, dass er anfängt schwören: ‚Gott soll mich strafen, wenn ich lüge! Ich kenne diesen Mann nicht!‘ ... Panik. In diesem Moment, so berichtet es Lukas, kräht der Hahn ... und der gefangene Jesus dreht sich zu ihm um ... und schaut ihm in die Augen. … Da bricht Petrus in sich zusammen, rennt fort und weint bitterlich.

Warum weint er? Weil er ein feiger Versager war, weil er Angst hatte, weil er in seiner Panik Jesus verleugnete? ... Lukas ist es wichtig zu berichten, dass Jesus ihn ansah. Dieses Sich-in-die-Augen-sehen lässt das, was Petrus wollte, in sich zusammenbrechen. Denn zwischen ihnen ... stand der Wunsch des Petrus, Jesus zu schützen, zu retten und mit ihm einen großen Weg fortzusetzen. Schon bei der Gefangennahme hatte Petrus ja versucht Jesus mit dem Schwert zu verteidigen – was Jesus sofort ablehnte. Petrus hatte die besten Absichten und er war mutiger als alle anderen. Aber er jagte seinen Vorstellungen nach und versuchte sie mit Gewalt, Mut und List durchzusetzen. Doch: Die gute Absicht, ... der Zweck heiligt nicht die Mittel!

Nicht bei diesem Jesus.

Auch die beste Absicht heiligt keine fragwürdigen Mittel. Sie müssen dem Wesen dieses Jesus entsprechen. Und das ist eine harte Nuss – für uns alle. Die Mittel, die ich für den Glauben, die Gemeinde, unsere Kirche, soziale Projekte, die Hilfe Notleidender, meine besten Absichten einsetze ... diese Mittel müssen dem Wesen Jesu, dem Klang Gottes entsprechen.

Das ist eine Herausforderung, der wir uns oft nicht stellen und die wir, wie wir in derer Geschichte sehen, erbärmlich oft mit Füßen getreten haben. Was wurde nicht alles verlangt von Menschen zur ‚Ehre‘ Gottes? Wieviel seelische und körperliche Gewalt wurde ihnen angetan - mit bester Absicht, nur um ihre Seelen zu retten. Denken wir an die ‚christliche‘ Erziehung früherer Jahre! Wie oft war die Form wichtiger als der Inhalt, egal wie es in den Menschen aussah. Wie oft mussten die richtigen Begriffe fallen, die richtigen Glaubensvorstellungen wiederholt werden um angeblich Gott zu schützen ... Aber: Der Zweck, die gute Absicht heiligt nicht die Mittel! Nicht bei diesem Jesus. Jesus will durch kein Schwert befreit werden und sich nicht durch List und verdeckte Aktionen durchsetzen. Er will auch keinen Rohrstock und kein Ohrenziehen, keine Zwangsmissionierung, keine Scheiterhaufen und keine Höllendrohungen. Jesus selbst rettet sich nicht. Er geht den Weg der Gewaltlosigkeit, des mutigen Einstehens für seine Botschaft, den Weg des Friedens mit Gott, den Menschen und dem eigenen Herzen.

Warum? Weil es für ihn ganz und gar um die Glaubwürdigkeit Gottes geht.

Es gibt den Satz: „Also ich bin ein herzensguter Mensch, aber wenn mir jemand so daherkommt, kann er mich auch anders erleben.“ ... Das ist kein Satz Gottes ... Die Wirklichkeit, die wir Gott nennen, will Licht in unsere dunklen Abgründe bringen, uns von unseren negativen Erfahrungen, die uns oft wie Stricke binden, befreien. Der, der uns ein liebendes Du ist, sucht und weckt das liebende Du in uns.

Und dieser Vorgang lebt von Wahrhaftigkeit.

Petrus weint, weil der Blick Jesu sein altes Messias- und Gottesbild endgültig zerbricht und ihn in das Herz Gottes blicken lässt. Später dann, an Pfingsten beginnt er – ganz ‚berauscht‘ - darüber zu reden. Den Blick Jesu suchen, immer wieder seinen Blick suchen und uns von diesem Blick finden lassen, das ist ein stiller, aufwühlender und beglückender Weg. Er verändert uns ganz tief innendrin. So hat es auch Albert Schweitzer erlebt, der Theologieprofessor, der plötzlich zum Urwaldarzt wurde. Er schrieb*: „Das Christentum ist nicht eine religiöse Lehre, sondern ein „Erleben“. Das Erleben der inneren „Zusammengehörigkeit mit ihm - Christus.“ Christensein, sagt auch eine Mutter Theresa, ein Jörg Zink, ein Richard Rohr lebt davon, dass ich mich öffne für ein inneres Erleben, es ist die Suche nach seinem Blick, der uns unser Wesen und unsere Bestimmung entdecken lässt.

Vielleich klingt das jetzt für manchen kryptisch und irrational ... Und genau das ist es auch: Etwas, das unsere Vernunft nicht fassen kann. So wie wir Vieles im Leben nicht fassen können. Blinde Zufälle, die gar nicht blind sind, überwältigende Erlebnisse in der Natur, der Musik oder mit Menschen, die uns zutiefst berühren und verändern. Situationen in denen uns bewusst wird, dass ER da ist ... der Auferstandene. Es geht um die Begegnung mit ihm. Und das unglaublich Schöne daran ist: Sein An-sehen bedeutet ... Fehler machen dürfen, weinen dürfen, lieben lernen und es lässt uns über das kleine begrenzte Ich hinauswachsen.

Das war, ist und bleibt sein Wunsch und Wirken.

So wie bei Petrus, der Jesus in die Augen blickte und sich ... und Gott neu fand.

Diesen Blick suchen und von diesem Blick gefunden werden, das geschehe uns ... Dir und mir immer wieder – damit wir die Angst vor der Zukunft verlieren, mutig werden und lebensfroh!

Amen

* (Albert Schweitzer, Die Ehrfurcht vor dem Leben, S.32)