( Joh 13,1-15.34-35 ) - [ English ]
DIE FUSSWASCHUNG
Ganz oben – ganz unten
Liebe Gemeinde,
da wohnt ein Sehnen tief in uns. Das fühlen wir, darüber singen wir.
Und das glaube ich auch, dass in jedem von uns diese Sehnsucht wohnt: geliebt zu werden und zu lieben, dazu zu gehören, so sein zu können, wie man ist.
Manchmal ist es so, dass diese Sehnsucht so tief drin in einem wohnt, dass man schlecht Zugang dazu bekommt ...und im Alltag muss man funktionieren. Und dann bekommt man auch oft von außen suggeriert, meine Sehnsucht müsste eine andere sein. Hübsch sein und schlank und erfolgreich und jung. Wer kann sich davon ganz ausnehmen, dass man nicht auch schon mal den Wunsch hat oder gehabt hätte, etwas darzustellen, groß rauszukommen, von anderen erkannt oder anerkannt zu werden.
Eines ist, denke ich, klar. Niemand sehnt sich danach, vor anderen buckeln zu müssen. Sich zu erniedrigen.
Weil das so ist, kommt einem die Geschichte von Jesus heute am Gründonnerstag auch ein wenig komisch vor.
Ich lese aus Joh 13,1-15.34-35
Liebe Gemeinde, Jesus, der Sohn Gottes, zieht sich die Schürze an und wäscht seinen Jüngern die Füße. Und das ist sicher nicht lecker. Man ist damals barfuß gegangen, vielleicht auch in offenen Sandalen – über staubige Straßen, durch den Dreck und den Kot der Dorfstraßen und Karawanenwege.
Ihr könnt euch vorstellen, wie die Füße aussehen. Und wie sie riechen.
Jesus bückt sich und wäscht seinen Freunden die Füße.
Jesus legt selbst Hand an – auch an den schmutzigsten Stellen.
Warum?
Weil er seine Freunde liebt.
Dem Petrus ist das mega peinlich. Nicht, weil er die schmutzigsten Füße hatte. Nein, seine Vorstellungen von Jesus kommen durcheinander.
Jesus war doch gerade dabei, groß rauszukommen. Nachdem er in Jerusalem eingezogen war, alle haben Hosianna dem Sohn Davids gerufen. Er würde das Ruder an sich reißen, alles ganz anders machen, die Verhältnisse ändern. Die Menschen würden sich bessern, Liebe und Gerechtigkeit würden siegen. Alle Sehnsucht nach Frieden würde mit ihm gestillt werden. Jesus war doch der Messias, der Sohn Gottes.
Und jetzt – der Sohn Gottes bückt sich und tut die Arbeit eines Dieners. Der Gottessohn soll doch aufrecht stehen und gehen, nicht gebückt wie ein Diener.
Von Gott erwarten wir große Dinge und keine Fußpflege.
Große Wunder und keine kleinen Liebesdienste.
Jesus hat doch niemals die Knie gebeugt – nicht vor den Mächtigen und nicht vor den Reichen. Aber hier vor seinen Freunden geht er in die Knie, um diesen so niedrigen Dienst zu tun.
Damit macht er sich doch zum Idioten.
Der große Gott – ganz klein.
Das geht doch einfach nicht – das widerspricht doch allen Vorstellungen, die wir von Gott haben.
Darum ist es Petrus peinlich und er will nicht. Er sträubt sich gegen diese Fußwaschung von Jesus.
Deshalb versucht es ihm Jesus zu erklären: „Was ich jetzt tue, das verstehst du nicht. Aber später wirst du es begreifen. Nur wenn ich dir die Füße wasche, hast du Anteil an mir und an dem, was ich bringe.“ Und da schlägt Petrus über die Stränge. „Ok, wenn das mit dem Waschen so wichtig ist, dann aber richtig. Dann auch bitte Hände und Kopf, Vollbad bitte – nicht nur Fußbad.
Aber Jesus lehnt ab: wer vorher schon gebadet hat, ist schon rein und braucht sich nur noch die Füße zu waschen.
Ihr merkt es: Jesus geht es eigentlich um etwas ganz anderes als um schmutzige Füße. Er wäscht seinen Jüngern die Füße – das tut er als Zeichen. Damit will er ihnen etwas Wichtiges zeigen.
Die Füße waschen, das ist damals in Israel gerade mal ziemlich sinnlos. So wie Fenster putzen, Essen kochen, Abspülen, Betten machen. Jetzt wäscht Jesus den Jüngern die Füße und dann gehen sie wieder auf die Straße und nach wenigen Metern sind die Füße wieder schmutzig.
Die Fußwaschung ist eigentlich eine Predigt: immer wieder werden deine Füße schmutzig. Immer wieder müssen sie gewaschen werden. Immer wieder werden wir schuldig, verletzen andere, richten Schaden an, und brauchen Vergebung – von unseren Mitmenschen und von Gott.
Und kaum ist uns vergeben worden, werden wir schon wieder schuldig – immer wieder. Wie der Dreck zur Straße, gehört die Schuld zu unserem Menschenleben – wir werden sie einfach nicht los.
Und da setzt Jesus dieses Zeichen: Immer wieder dürfen wir zu Gott kommen und uns vergeben lassen, wenn wir schuldig geworden sind.
Und dann kommt dieser Jesus und bückt sich ganz tief und wäscht mir den Dreck der Schuld weg. Der ganze eingefangene Schmutz verschwindet und die schmutzige Brühe versickert unter dem Kreuz auf Nimmerwiedersehen. Was für eine Wohltat.
Ganz klein macht sich der Gottessohn, um seinen Freunden den Schmutz abzuwaschen – um ihnen die Schuld zu vergeben.
Andere sind ganz oben und kommen groß raus. Aber er macht sich ganz klein, damit seine Freunde sauber dastehen; weil er sie liebt. Weil er mich liebt. All meine Sehnsucht will er stillen auf seine Weise....
Maßstäbe drehen sich um, die ersten werden die Letzten sein. Wer groß sein will, soll dienen.
14Wenn nun ich, euer Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe, so sollt auch ihr euch untereinander die Füße waschen.
15Denn ein Beispiel habe ich euch gegeben, damit ihr tut, wie ich euch getan habe.
34Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch geliebt habe, damit auch ihr einander liebhabt.
35Daran wird jedermann erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt.
Jesus verlangt von uns nichts, was er nicht bereits in seinem Leben und durch seinen Tod für uns getan hat.
Er lädt uns an seinen Tisch ein, und er schenkt uns sich als Speise.
Gestärkt sollen wir werden und dann unsere Schritte wieder in die Welt setzen. Schritt für Schritt.
Und immer wieder dürfen wir zurückkommen, an den Ort, wo Jesus auf uns wartet, um uns zu dienen, damit wir einander dienen können.
Amen