2. Kor 12, 1-10
Liebe Gemeinde,
Einige von euch haben sicher schon Michelangelos etwas über 5m hohe Statue von David besichtigt in Florenz. Es ist einer der bekanntesten Werke der Renaissance-Skulptur, und ein Symbol für menschliche Stärke und Schönheit. David ist hier, der Jüngling mit dem Stein in der Schlinge im Kampf gegen den Philister, Goliath.
Starke, gesunde, gut-aussehende Menschen haben eine Anziehungskraft und wir neigen sie als kompetent, erfolgreich und als Leiter oder Führer einzustufen. Sind sie es aber? Warum sind wir so empfänglich dafür und eifern Stärke und Schönheit so nach?
Die Predigt, die ich heute lese, stammt von Elisabeth Tobaben, aus Moringen mit dem Predigttext aus 2. Kor 12,1-10. Wir lesen schon ab Kapitel 11, 18 - 30
Im Zentrum von 2. Korinther 11 und 12 steht die Auseinandersetzung zwischen Paulus und seinen Gegnern, von denen der Apostel sich in die zweifelhafte Rolle des Rühmenden drängen lässt. Vermutlich haben seine Gegner ihn angegriffen, weil er auf die Versorgung und Unterstützung von seiner Gemeinde verzichtet hat. Nach ihrem Verständnis könnte er dann wohl nicht ein vollgültiger Apostel sein, wenn er meinte er müsse weiterhin seinen eigenen Unterhalt verdienen – das kann einem ja einleuchten; höchst wahrscheinlich war Zeltmacher nicht einer der angesehensten Jobs.
Wir lesen weiter in Kapitel 12, 1-10
Liebe Gemeinde,
in vielen Bibelausgaben ist dieser Text mit „Narrenrede“ überschrieben. Was ist nun so närrisch an dieser Rede? Und wo steckt die tiefe Wahrheit, die ja eigentlich immer in Narrenreden satirisch vorkommt?
Sicherlich würden wir jeden komisch finden, der sich heute hinstellt und sagte: „Ich rühme mich meiner Schwachheit“.
Paulus auch? Man lacht wohl nicht über das, was Mose, Paulus oder Jesus gesagt hatten. Es kommt vor, dass alles, was sie gesagt haben, hochstilisiert wird, zu einer Art christlichen Grundwert; einer Handlungs- oder Gesinnungsanweisung für unser Leben. Gerade bei Paulus haben kluge Leute aus seinen Lebenserfahrungen eine Menge dogmatischer Lehrsätze herauszusieben versucht. Ein Extract das bei unserm Text ungefähr so klingen könnte wie: „Als Christ muss man sich der eigenen Schwäche rühmen, denn nur darin ist Gott wirksam.“ Wie würde das an einem Krankenbett oder für eine Trauerfamilie klingen? Dafür taugt die paulinische Lebensweisheit nicht! Und das hat Paulus bestimmt auch nicht gewollt! Er erzählt gerade mit Bedacht aus seiner ganz eignen Biografie. Rückblickend sagt Paulus: Ich möchte mich am liebsten meiner Schwachheit rühmen. Warum? Schon häufiger hat es Streit gegeben mit der Gemeinde in Korinth. Wanderprediger sind aufgetaucht die sich „Engel des Lichtes“ oder „Diener der Gerechtigkeit“ nennen. Und vor allem werfen sie Paulus vor, er sei ja eigentlich gar kein echter Apostel! So wie er in Korinth aufgetaucht sei, sagen sie, demütig und unbedeutend, kränklich und schwach, so benehme sich kein echter Apostel.
Sie dagegen hätten die eigentlichen Führungsqualitäten für die Leitung der kleinen Gemeinde in der riesigen Hafenstadt. Sie könnten mit der nötigen Sicherheit und Durchsetzungskraft von den Dingen des Glaubens reden. Am besten sei, er, Paulus, würde sich nicht wieder blicken lassen in Korinth.
Hört sich sowas nicht bekannt an? Es gibt immer wieder Leute, die meinen, sie könnten Konflikte zu ihren Gunsten entscheiden, wenn sie die andere Position abqualifizieren oder den Gegner auszustechen versuchen.
Paulus scheint erstmal mit den gleichen Mitteln zurückzuschlagen: „Ich muss ja verrückt sein“, sagt er. „Wieso verteidige ich mich überhaupt? Denn: was euch so imponiert an den andern, das kann ich schon lange bieten! Ich bin schließlich auch Hebräer, Israelit, Sohn Abrahams, habe lange genug versucht, mit aller Kraft das Gesetz zu erfüllen! Und dann habe ich noch mein Bekehrungserlebnis vor Damaskus zu bieten, bin zum Diener Jesu Christi geworden. Was wollt ihr also noch? Und dann zählt er die Abenteuer auf, die er bei seinen Missionsreisen erlebt hat, Schiffbruch, Gefangenschaft, Schläge, Steinigung, Überfälle und vieles mehr. Alles das könnte ich in die Waagschale werfen, sagt Paulus, aber das will ich gar nicht!
Denn meine Erfahrung ist: gar nicht immer da, wo ich so toll war, und Erfolg hatte, ist die Gemeinde gewachsen, sondern oft gerade da, wo ich mich so unendlich schwach vorkam, wo ich ganz und gar nicht das Gefühl hatte, besonders überzeugend geredet zu haben, mich krank und elend fühlte.
Man hat viel darüber spekuliert, was Paulus gefehlt haben mag. Möglicherweise litt er an epileptischen Anfällen, vielleicht plagten ihn Depressionen, man weiß das nicht. Und trotzdem ist durch diesen Mann, kränklich und anfechtbar, vermutlich auch cholerisch und von nicht ganz einfachem Charakter, Gott wirksam gewesen.
Paulus kennt seine Schwäche; er vertusch oder versteckt sie nicht, sondern steht genauso verblüfft davor und entdeckt Gott gerade mitten in seiner Schwäche.
Dieser Brief für uns alle doch ein Hoffnungstext. Und auch wenn es immer nur im Rückblick möglich ist, in Erfahrungen der Schwäche Gottes Kraft zu spüren, kann ein Satz uns Mut machen für die Gegenwart, ein Satz wie:
„Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in
der Schwachheit mächtig.“
All dieses kann ich aus Paulus‘ Lebensgeschichte nehmen, um mich anregen zu lassen, mir meine eigene Geschichte anzusehen und manches, was ich bisher erlebt habe, besser zu verstehen. Da kann es denn schon sein, dass ich gerade in Momenten großer Schwäche Gottes Macht sehr deutlich gespürt habe. Möglich ist es schon, dass gerade da, wo ich nichts mehr erreichen kann, wo ich sehr deutlich an meine Grenzen stoße, Gott etwas in Bewegung setzt.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinnen in Christo Jesu, Amen
