2024-07-07 - 6. Sonntag nach Trinitatis - (DE) - Pfarrerin Nicole Otte-Kempf

Apg 8,26-39


predigt english


Liebe Gemeinde,

"Er zog aber seine Straße fröhlich" – so endete die Lesung aus der Apostelgeschichte und damit auch die Geschichte für den Kämmerer aus Äthiopien. Etwas Besseres hätte ihm ja gar nicht passieren können. Etwas Besseres kann einem Menschen überhaupt nicht geschehen, als dass es von ihm heißt: Er zieht seine Straße fröhlich. Hoffnungsvoll. Da ist ein Weg, den man gehen kann. Die Zukunft liegt offen vor einem. Neugierig auf alles, was da kommen mag.

Fröhlich, das meint ja mehr als dass man für einen kurzen Moment in absolut bester Stimmung ist. Fröhlich, das greift tiefer als das Gefühl, das wir mit guter Laune bezeichnen. Fröhlich, so nennen wir den Menschen, der innerlich zur Ruhe gekommen ist, der heitere Gelassenheit ausstrahlt.

Am besten umschreibt es vielleicht das Wort zufrieden sein: dass also einer zu seinem Frieden findet. Solche Fröhlichkeit, solche Zufriedenheit bewährt sich gerade in Situationen, in denen es scheinbar nichts zu freuen gibt. Wer je einem Menschen begegnet ist, der solche Freude und Fröhlichkeit, solche innere Zufriedenheit ausstrahlt, der wird erfahren haben: Fröhliche Menschen sind für ihre Umgebung etwas Kostbares.

Vom Kämmerer hörten wir nun also am Ende: "Er zog aber seine Straße fröhlich." Fast möchte man den Mann darum beneiden. Fröhlich zu sein, das kann man nicht machen. Vieles andere kann man tun: dafür sorgen, dass man etwas genießen kann, gute Stimmung kann man erzeugen. ein paar schöne Stunden kann man sich auch mit Geld erkaufen. Aber Fröhlichkeit, Zufriedenheit? Der Kämmerer jedenfalls hat schon viel gemacht in seinem Leben, ja, wir können sagen: Er hat aus seinem Leben durchaus etwas gemacht. Bis zum Finanzminister der mächtigen Königin von Äthiopien hat er es gebracht. Möglicherweise hat er für diesen enormen gesellschaftlichen Aufstieg allerdings einen unmenschlich hohen Preis bezahlt. Wer an ihrem Hof Karriere machen wollte, musste seine Zeugungsfähigkeit opfern. Er war ein Eunuch. So wollte man der Gefahr illegitimen königlichen Nachwuchses vorbeugen. Sich so zentral verkrüppeln zu lassen – ein großes Opfer für eine Karriere. Diese leere Stelle im Leben des Kämmerers war seine wundeste Stelle. Und ich frage mich: welchen Preis sind Menschen manchmal auch heute bereit zu zahlen, wenn es darum geht, die Spitze der Karriereleiter zu erklimmen... was bleibt da nicht alles auf der Strecke? Gesundheit? Ehe? Keine Kinder oder zumindest nicht genügend Zeit mit ihnen? Wie dem auch sei: Je länger, je mehr scheint dem Kämmerer in seinem Leben etwas zu fehlen. Für seine Seele will der Kämmerer etwas tun. Darum wendet er sich der Religion zu. Dabei scheut er weder Kosten noch Mühen; er betreibt, wie's eben seine Art ist, auch diese Sache energisch und im großen Stil. 3000 Kilometer Pilgerfahrt nach Jerusalem legt er zurück. Und doch - da, wo unsere Geschichte einsetzt, sehen wir ihn ohne Erfolg zurückkehren: Er sitzt auf seinem Reisewagen, er liest in einem Buch der Bibel. Er liest laut vor sich hin, denn manchmal ist es besser, man liest es sich selbst vor, um zu verstehen – und er versteht doch nichts.

Und doch findet er am Ende ja, was er gesucht hat, wenn es heißt: "Er zog aber seine Straße fröhlich." Und wie es eben zu jener Wendung kommt, das erzählt unsere Geschichte. Sie lässt uns teilhaben an den Stationen, die diese Wendung markieren und die sind nicht zufällig, sondern offensichtlich notwendig auf dem Weg zum Glauben. Da kommt es erstens zu einer Begegnung. Philippus kreuzt seinen Weg. Und das passiert auch nicht zufällig, denn ein Engel Gottes schickt ihn auf dieseStraße, auf der sonst nicht viele sich aufhalten. Philippus trifft auf den Kämmerer und hört ihn lesen und spricht ihn an: "Verstehst du auch, was du liest?" Der Weg zum Glauben, der lebendige Kontakt zur Bibel sind meist kein Ein-Mensch-Unternehmen. Da muss man angesprochen werden, da braucht's den anderen, die Gemeinde. Dazu gehört nun andererseits aber auch vom Suchenden selbst der Mut, um Hilfe zu bitten.

Ich glaube, vielen unter uns fällt das Erste, also das Helfen leichter als das Zweite, das Um-Hilfe-Bitten. Und doch ist es so: Man mag es als Einzelkämpfer vielleicht bis zum Finanzminister bringen, zur Fröhlichkeit des Glaubens bringt man es allein nur schwer. Nun ist es allerdings ganz wichtig zu sehen, dass die Gemeinschaft, die zwischen dem Kämmerer und Philippus entstanden ist, als solche noch nicht die Wendung zum Glauben bringt. Ja, es ist wichtig, dass man sich einander zuwendet und annimmt und einander zuhört. Das ist ein erster Schritt, ja, aber wenn wir uns in unserer Gemeinde nur wohlfühlen und gegenseitig akzeptiert fühlen, wenn in der Seelsorge der Ratsuchende nur genug menschliche Annahme erfährt, dann ist das nicht der Not-wendende Schritt. Philippus kann doch nicht mit seiner Person dem andern Trost im Leben und im Sterben sein!

Nein, die Gemeinschaft der beiden - so wichtig sie ist -, diese Gemeinschaft braucht ihr Thema, unter dem sich beide finden können.

Und dieses Thema, das, was dem Kämmerer schließlich zu Herzen geht und ihn zum Glauben führt, ist die Botschaft von der Zuwendung Gottes.

Sie redet davon, wie Gott sich zu uns auf den Weg gemacht hat; wie er uns gerade dort sucht und findet, wo uns unser Leben unerträglich ist: im Leiden, in Schuldverstrickung, in einem Leben, das ständig überschattet ist von der Macht des Todes. Und so weit reicht Gottes hingebungsvolle Liebe, dass er gerade dort, wo kein Mensch, am allerwenigsten wir selbst, uns noch helfen können, an unsere Stelle tritt, unsere Not mit uns teilt, um uns aus den Fängen der Schuld und des Todes zu befreien.

Mit dieser Botschaft aus der Bibel setzt Philippus ein, aber er geht dann weiter, und zwar so, dass er nicht bei allgemeinen Worten bleibt, sondern dem Kämmerer die gute Botschaft persönlich zuspricht.

Es heißt ja: "Er fing mit diesem Wort aus der Schrift an", und dann: "er predigte ihm das Evangelium von Jesus". Wir erfahren nicht mehr den Inhalt dieses weiterführenden Zeugnisses, aber wir mögen erahnen, was es für den Kämmerer bedeutet zu hören: "Du bist nicht verloren. Du bist sein geliebtes Kind. Auch mit all Deinen hässlichen Seiten, mit all Deiner Verstümmelung und Sehnsucht, mit all Deiner Unrast. Du bist von ihm gewollt. Bei ihm wird Deine Seele Ruhe finden. Dein Leben ist nicht sinnlos, sondern es ist geborgen in Gottes gütiger Liebe, mit der er Dich, gerade so, wie Du jetzt dran bist, meint." Mag die menschliche Zuwendung des Philippus irgendwann an ihre Grenzen stoßen - Gottes Zuwendung ist grenzenlos. Er ist da für immer und ewig, und darum ist Er allein Trost im Leben und im Sterben. Eine letzte Station ist nun noch zu nennen. Der Kämmerer hätte das alles hören können, es hätte ihm im Augenblick des Hörens auch zu Herzen gehen und ihn innerlich beflügeln können - und dann? Was ist morgen? Der Kämmerer scheint das zu ahnen, darum tut er den letzten Schritt, d.h.: Er zieht aus dem Gehörten die notwendige Konsequenz: "Siehe, da ist Wasser, was hindert's, dass ich mich taufen lasse?"Der Kämmerer will den Kontakt zu Gott nicht mehr abreißen lassen.

Er will jetzt mit dieser frohen Botschaft weiterleben. Und genau da, wo er Gottes Nähe so spürt und er bereit wird, Konsequen-zen zu ziehen und sein Leben darauf einzustellen, da heißt es von ihm: "Er zog aber seine Straße fröhlich." Amen