2024-07-28 - 9. Sonntag nach Trinitatis - (DE) - Pfarrerin Nicole Otte-Kempf

Matthäus 13,44-46


predigt english


„Papa“, fragt der kleine Sohn und klettert seinem Vater auf den Schoß, „Papa, kannst du mir sagen, wo der Himmel ist?“

Der Papa ist gerade mal wieder damit beschäftigt, die Zeitung zu lesen.  Er liest die Schlagzeilen über Bombenexplosion in der Ukraine auf eine Kinderklinik. Über viele Menschen auf der Erde, die hungern, über alle, die keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser haben. Darüber, wie schwierig es ist Gerechtigkeit und Frieden auf der Welt herzustellen. 

„Da oben“, sagt er und zeigt mit dem Finger zur Decke.

„Aber im Kindergottesdienst haben sie gesagt...“ 

Ach ja, denkt der Vater, immer dieser Kindergottesdienst. „der Himmel ist da, wo der liebe Gott wohnt. Und der hat seinen Palast nun mal Über den Wolken.“ Einen Moment lang ist Ruhe. „Papa, wir haben ein Lied gelernt, das ging so.“ Und schon fängt er an zu singen. Eine Melodie ist nicht zu erkennen, aber die Worte sind zu verstehen: „Weißt du, wo der Himmel ist, außen oder innen...“ dann bricht das Lied ab. „Weiter weiß ich nicht. Am Schluß heißt es: „Du bist mittendrinnen. Papa, sind wir mittendrin im Himmel?“

Resigniert läßt der Vater die Zeitung sinken. „Was hast du gefragt?“ 

„Ob wir mittendrin im Himmel sind, hab ich gefragt.“ Der Vater denkt eine Weile nach. Der Unfrieden in der Welt, über den er gerade gelesen hatte ist eher Hölle. 

Gibt es Himmel auf Erden überhaupt? 

Dann umarmt er seinen Sohn. Wortlos. „Weißt du was?“, sagt er schließlich, „wenn wir beide uns ganz fest drücken, dann sind wir mittendrin. Mitten im Himmel.“

Liebe Gemeinde, 

eine Überraschende Entdeckung haben die beiden gemacht. Einen Schatz, den die beiden gefunden haben. Mitten im staubigen Alltag. 

Von so einem Schatz erzählt auch der Predigttext für heute. Er steht bei Matthäus im 13 Kapitel, 44-46. Text vorlesen

„Das Himmelreich gleicht einem Schatz, verborgen im Acker.“

Als Kind hab ich mir den so vorgestellt: Ein großer Palast, und da wohnt Gott, mit weißem Bart auf einem Thron sitzend. Engel fliegen herum, Chöre singen, Posaunen und Trompeten werden gespielt. In dieser Vorstellung hat der Himmel mit unserer Erde nichts zu tun. Es ist die ganz andere, die viel bessere Welt. Weit weg von hier.

Die Geschichte vom Vater und Sohn, das Gleichnis vom Schatz im Acker, sprechen eine andere Sprache: „Wir sind mittendrin im Himmel“ und eben gerade nicht: „Der Himmel ist weit weg von hier.“ 

Der Mensch, der den Acker bestellte, hat vielleicht auch oft zum Himmel hochgeschaut. Alles Gute kommt von oben, mag er sicher gedacht haben. Und so auf das Reich Gottes gewartet, das von oben zu den Menschen kommen soll. Er schaut nach oben, während er seinen Acker pflügt. Plötzlich stößt sein Pflug gegen etwas Hartes. Doch was ist das! Kein Stein, sondern ein Krug kommt da zum Vorschein. So etwas hat er noch nie gesehen. Er blickt sich um, niemand hat ihn bemerkt. Schnell verbirgt er den Schatz wieder. Er geht zum Besitzer, um sich den steinigen Acker mitsamt Schatz rechtmäßig zu erwerben. Den Schatz, der sein Leben verändert. 

Das „Alles Gute kommt von oben“ stimmt nicht mehr. Da wo es niemand erwartet hätte, findet er etwas, das sein Leben verändert. Unten, auf der Erde. Hören wir auf Jesus in der Bergpredigt, dann heißt es: Das Himmelreich gehört den Leidtragenden, den Sanftmütigen, den Gerechten, den Friedfertigen. Das Himmelreich, es kommt nicht mit Gewalt. Es kommt nicht von oben. Es ist mitten unter uns. 

Jesu war nicht der mächtige Herrscher, der das Reich Gottes mit Gewalt aufrichtet. In ihm kommt das Himmelreich so ganz anders auf die Welt. Es stellt sich auf die Seite derer, die weinen und traurig sind. Auf die Seite derer, die nichts zu lachen haben. Und so ist es mitten unter uns, mitten im Staub der Welt. Oft verborgen. Nicht gleich zu erkennen. 

Liebe Gemeinde!

„Wiederum gleicht das Himmelreich einem Kaufmann, der gute Perlen suchte.“ Der Perlenkaufmann macht sich auf die Suche. Auf der Suche sein. Suche nach Erfüllung. Nach dem Sinn des Lebens. Suche nach Heilsein. All diese Suchbewegungen suchen das Himmelreich. Diese Suche, die Sehn-sucht, ist jedem Menschen ins Herz gepflanzt. 

Ihr kennt sicher das Spiel, das bei Kindergeburtstagen nie fehlen durfte: Mit verbundenen Augen muß jemand einen Topf mit Süssigkeiten im Raum suchen, kniend mit dem Kochlöffel in der Hand auf dem Boden herum schlagend. Andere kommentieren die Bewegungsrichtung. „Heiß“ das meint, Du bist nah dran. „Kalt“, du entfernst dich vom Ziel. Wer sagt uns, ob die Richtung, unsere Such- und Lebensrichtung, in die wir uns bewegen, heiß oder kalt ist? Wir haben heute Amelie getauft. Und noch kann sie nicht selbst entscheiden, welchen Weg sie gehen möchte, aber irgendwann wird das passieren. Erst krabbelnd und dann, je älter sie wird, wird sie selbst die Richtung entscheiden. 

Ich glaube, es ist wichtig, dass wir unseren Kindern von dieser kostbaren Perle erzählen, die wir in Jesus Christus selbst gesucht und gefunden haben. Der Perlenkaufmann kennt die Richtung. Er hat die Predigt Jesu gehört. Er kennt den Bergprediger, der gesagt hat „Suchet, so werdet ihr finden...“ 

Er weiß, daß es die Perle, die Himmelreich heißt, gibt. Sie muß irgendwo zu finden sein. Und es gibt Momente im Leben, da haben wir für einen Augenblick die Perle gefunden, so wie in unserer Geschichte am Anfang. Vater und Sohn umarmen sich. Da sind sie auch schon mittendrin im Himmel...

Mit solchen Erfahrungen im Gepäck machen wir uns auf die weitere Suche. Wir wissen, daß es das Himmelreich gibt. Wir finden es noch nicht ganz, immer nur einen Augenblick. Aber es ist uns versprochen, daß es ganz zu uns kommt. Daß wir im Himmel sind. Mittendrin und immer. 

Unser Leben bleibt ein immer-weiter-suchen. Aber auch ein immer-wieder-finden. Amen.