Sacharja 8,20-23
Wenn man eine neue Pfarrstelle übernimmt und dazu noch in ein neues Land zieht, dann zieht da ganz viel Hoffnung mit, dass man in der Gemeinde willkommen ist und ganz viele offene Türen findet, wo man auf ganz viele Menschen trifft, mit denen man Leben und den Glauben teilen kann. Diese Hoffnung treibt einen an und voran und hält einen auch, wenn mal etwas nicht so läuft, wie man es sich erträumt hatte. Dann macht man weiter. Und irgendwo ist dann vielleicht auch jemand, der einem die Richtung weist, an den man sich ein Stück weit dranhängen kann, dem man vertrauen kann. Wir waren nun 6 Jahre miteinander auf dem Weg. Haben Glauben geteilt, weiter gesagt, wovon wir überzeugt sind, gespürt, dass da Segen ist, mir sind Menschen begegnet, die mir persönliche Glaubensvorbilder geworden sind. So habe ich die Johannesgemeinde erlebt, als eine Gemeinschaft von Menschen, die einander geben und voneinander nehmen. In Bewegung. Und Menschen kommen und gehen. Und immer ist man dann ein wenig traurig, wenn jemand geht oder nun eben auch selbst geht.
Und all die Orte, wo man im Leben schon gewesen ist, von denen geht immer auch ein Teil mit. Jeder Ort mit seinen Menschen prägt mich, verändert mich. Und diese bestimmten Momente kommen dann auch immer mal wieder, wenn man zurückblickt: wo komme ich her? Wer hat mich geprägt, von wem konnte ich lernen, ein Stück mitnehmen?
Heute ist Israelsonntag. Ein Tag, an dem wir auch als Christinnen und Christen zurückschauen: wo kommen wir her? Wo sind unsere Wurzeln? Wo gehen wir hin?
Unsere Wurzel ist im Judentum. Jesus war Jude. An ihn glauben wir. Durch ihn sind wir mit hineingenommen in die Geschichte des biblischen Volkes Israel, in dieses Trost- und Geborgenheitsgefühl: wir gehören zu Gott, wir sind Gottes Kinder.
Und die Liebe zu Gott und unseren Mitmenschen ist das, was an allerhöchster Stelle steht. Dieses jüdische Gebot hat Jesus bekräftigt. So begehen wir heute auch den Israelsonntag. Und so lesen wir heute den Predigttext beim Propheten Sacharja.In Liebe.
Nach dem babylonischen Exil, etwa Im 5 Jh. V. Chr. ist der erste Teil des Buches vom Propheten Sacharja vermutlich entstanden. Das Exil und die Erfahrung der Zerstörung Jerusalems und des Tempels ist wohl der wichtigste Einschnitt in der Geschichte der Religion Israels überhaupt. Und auch danach war es schwer. Die Rückkehr der im Exil lebenden läuft schleppend, und bei der Neustrukturierung des Gemeinwesens kommt es zu Konflikten, Jerusalem wird nur mühsam wieder hergestellt.
Aber der Prophet Sacharja entwirft ein Hoffnungsbild, das gerade auch in unserer Zeit so wichtig ist, wach zu halten. Ich lese aus: Sacharja 8, 20-23
Das künftige Heil für die Völker
20 So hat JHWH Zebaoth gesprochen:
„Es wird noch so kommen, dass viele Völker kommen und Bewohner vieler Städte.
21 Und die Bewohner einer [Stadt] werden zur anderen gehen und sagen:
‚Wir wollen gehen, ja gehen, um das Angesicht JHWHs milde zu stimmen und JHWH Zebaoth zu suchen! Auch ich will gehen!‘
22 Und viele Völker werden kommen und starke Nationen, um JHWH Zebaoth in Jerusalem zu suchen und das Angesicht JHWHs milde zu stimmen.“
23 So hat JHWH Zebaoth gesprochen:
„In jenen Tagen wird es sein, dass ergreifen werden zehn Menschen aus allen Sprachen der Nationen, und ergreifen werden sie den Gewandzipfel eines judäischen Menschen und sagen:
‚Wir wollen mit euch gehen, denn wir haben gehört, dass Gott mit euch ist.‘“
Es wird noch so kommen...
Der Herr der Heerscharen, Jahwe Zebaoth selbst verheißt eine Zeit, man weiß nicht wann... aber es wird etwas Neues passieren für die ganze Welt und es wird noch viel besser und eindrücklicher werden, als es gegenwärtig zu erwarten steht.
Liebe Gemeinde, Ich wünschte mir ja, das würde bald geschehen. Die Zeichen der Jetzt Zeit sprechen eine andere Sprache:
Die Gräuel der Hamas und die fürchterlichen Folgen, die sie dadurch provoziert hat. So wird die Lage im Nahen Osten immer tiefer verstrickt und es türmt sich immer mehr Schuld auf Schuld, Leid auf Leid und verstellt allen den Blick und verschnürt die Herzen.
Warum nimmst du dir nicht einen anderen Predigttext für deine Abschiedspredigt? Weil ich es so wichtig finde, dass dieser Israelsonntag nicht ausfällt. Weil die Politik der israelitischen Regierung zu trennen ist von der Religion des Judentums. Weil ich es so wichtig finde, dass wir gemeinsam vom Frieden träumen und dafür beten. Und Hoffnung haben, gerade in einer schier aussichtslosen Situation. Die Hoffnung, die Gott uns gibt, ist nicht einfach nur ein vages Gefühl oder ein Wunschdenken. Sie ist eine feste Zuversicht, dass Gott seine Versprechen halten wird.
Und so höre ich den Propheten Sacharja und sein Traum vom Frieden sieht so aus: Nach dem Wiederaufbau des Jerusalemer Tempels ist es möglich, dass auch Jhwh wieder gegenwärtig ist. Und damit wendet sich alles zum Heil. Die Kunde von Gottes Nähe geht von Mund zu Mund und breitet sich aus. Damals von Stadt zu Stadt. Frieden in Jerusalem, Frieden für die ganze Welt! Menschen aus den unterschiedlichen Völkern kommen nach Jerusalem, um Gott zu suchen, ihn anzuflehen und gnädig zu stimmen. Und der Ort ihrer Sehnsucht wird Jerusalem. Dort suchen sie Gott, wo Himmel und Erde sich berühren, am uralten heiligen Ort des jüdischen Volkes, am Zion. Weil sie Gott so nah wie möglich kommen wollen, suchen sie einen aus Gottes eigenem Volk und sie halten sich fest am Gebetsmantel dieses jüdischen Mannes: Wir wollen mit euch gehen, denn wir haben gehört, dass Gott mit euch ist! Was für ein einzigartiger Moment wird hier von Sacharja gezeichnet: das Bild einer Weltengemeinschaft, die verstanden hat, dass sie sich in ihren gegenseitigen Kämpfen und ihrer Eroberungslust, in ihrem selbstbezogenen Größenwahn ausweglos verloren hat und sich nicht selber retten kann, sondern einen echten Neuanfang braucht. Und sie hängen sich an den Rockzipfel, an die Erfahrung, an den Glauben ihrer jüdischen Geschwister, weil sie ahnen, dass Gott trotz aller schrecklichen Auswüchse der menschlichen Geschichte zu ihnen hält, mit ihnen ist. Sie sind erwählt und Jhwh bleibt bindend an seinem Volk. Und aus diesem Pilgerweg der Gemeinschaft wächst Frieden, weltweiter Frieden. Diese Vision nährt meine Seele. Und entfacht meine Hoffnung.
Das vom Exil im 6. Jh. V. Chr. traumatisierte und durchgeschüttelte Land erhält eine neue, universale Bedeutung für alle Völker.
Hier geht etwas viral scheint es. Eine gute Nachricht. Und ich glaube, da fängt mein Traum schon an. Dass eine gute Nachricht sich ausbreitet. Dass wir einander von unseren Erfahrungen mit Gott erzählen, miteinander auf dem Weg sind, dass wir einander am Rockzipfel hängen und die Vision vom Frieden weitertragen.
Denn Gottes Nähe zu spüren, bleibt nicht folgenlos. So entsteht umfassendes Heil: wer zuversichtlich und in gegenseitiger Fürsorge für den Mitmenschen lebt und die Gebote hält. Alles in Liebe. Wir wissen, wo wir herkommen, wo unsere Wurzel liegt. Im Judentum.
Ist vom Volk Israel die Rede, dann immer in dieser Spannung aus unverbrüchlicher Erwählungszusage und der bleibenden Herausforderung, diesem Zuspruch zu genügen. Die daran teilhaben wollen, haben sich in diesem Spannungsfeld zu bewegen. Dazu gehört auch, die eigenen Vorstellungen und Sehnsüchte immer wieder neu auszurichten. Sacharja irritiert wenig später mit der Vision eines demütigen Heilskönigs. Du, Tochter Zion, freue dich sehr, und du, Tochter Jerusalem, jauchze! Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm und reitet auf einem Esel, auf einem Füllen der Eselin. Israel zu folgen, heißt damit auch, sich von Gott überraschen zu lassen und immer wieder darauf neu auszurichten. Der verheißene Heilskönig setzt sich zwar durch, macht es aber anders als erwartet, nämlich ohne Waffengewalt.
Wir als Christinnen und Christen sind mit hineingenommen in die Suchbewegung am Rockzipfel der judäischen Menschen. Zugleich hat der Jude Jesus von Nazareth in dieser Tradition eigene Akzente gesetzt. Ihm zu folgen heißt für uns, dass wir Anteil haben an der heilvollen Nähe Gottes. Und an unserem Rockzipfel können wiederum andere Anteil haben. Menschen machen sich auf den Weg, fragen an, wenden sich an Glaubende und sagen, wir wollen mit euch gehen. Wir haben gehört, dass Gott mit euch ist. Was für eine offene Tür, die sich da im Gespräch eröffnet: interessiert, lernbereit, wo man seinem Gegenüber zeigen kann, was einem wichtig ist und einen trägt.
Das habe ich bei euch ganz oft erleben dürfen. Gott sei Dank.
Ich gehe gestärkt in die Zukunft und nehme mir ein Stück auch von euren Rockzipfeln mit. Offen für alles, was es an Begegnungen und Glaubensgeschichten geben wird. Und das wünsche ich Euch auch. Es ist und bleibt ein langer Weg nach Zion, aber die Richtung ist klar. Und das Ziel kommt uns entgegen, die göttliche Versöhnung ist auf dem Weg. Unsere Aufgabe ist es, ihr zu trauen, sie nicht aus dem Blick zu verlieren, keine weiteren Hindernisse aufzutürmen und hoffnungsvoll für den Frieden einzutreten. Amen
