2024-08-18 - 12. Sonntag nach Trinitatis - (DE) - Pfarrerin Susanne Liechti

Lk 13, 10-17


predigt english


Gnade sei mit uns und Friede von Gott, der Ewigen.

Liebe Gemeinde

Es schien alles so wie immer zu sein an diesem Morgen, doch dann kam alles anders. Alle waren so begeistert und ausgelassen. Es wurde laut gelacht, was ansteckte. Es wurde noch lauter, euphorischer. Es gab Freudentränen. Und immer wieder wurde erzählt, was geschehen war. Die Frau, die achtzehn Jahre lang gebückt gegangen war, übt sich nun im aufrechten Gang. Und sie hat angefangen mit diesem ganzen Lärm, wobei Lärm eigentlich der falsche Ausdruck ist. Das laute Lachen und das begeisterte Erzählen klingt eher wie sehr laute Freudenmusik. Als Jesus sie geheilt hat, befreit hat, aus ihrer verkrümmten Haltung, fing sie sofort an, Gott zu danken und in den allerhöchsten Tönen von Gott zu reden. Und wir, die wir es gesehen hatten, miterlebt hatten, stimmten mit ein.

II Die Fronten in der Geschichte sind klar. Da ist einerseits Jesus, die Frau und das Volk, das sich am Ende freut. Jesus sieht die Frau, hat Erbarmen und wendet sich ihr voller Barmherzigkeit zu und befreit sie. Was kann daran falsch sein? Und da ist andererseits der Synagogenvorsteher und die Gegner Jesu, die sich zum Schluss schämen und in dieser Scham verharren. Wie kann man nur? Wie kann man sich dem Charme des barmherzigen und erbarmungsvollen Verhalten Jesu, seinem befreienden Handeln, entziehen? Was soll daran falsch sein? Wie kann man nur so denken und handeln, wie der Synagogenvorsteher? So borniert, so heuchlerisch, so unbarmherzig und freudlos. Er und seine Anhänger haben nichts verstanden.

III Aber ist es wirklich so einfach? Wieso fällt es uns dann oft schwer befreit zu denken und als Befreite so zu handeln, wie Jesus, wie die Frau? Wieso scheint der aufrechte Gang so schwierig zu sein? Wieso denke ich oft so borniert und verhalte mich engstirnig, wie wenn Angst das Grundgefühl in meinem Leben ist? Und plötzlich fühle ich mich dem Synagogenvorsteher sehr nah – zu nah.

In diesem Denken und Tun möchte ich jedoch nicht verharren. Niemand kann das freiwillig wollen. Niemand möchte geduckt und verkrümmt durchs Leben gehen, wenn man doch aufrecht gehen könnte. Niemand möchte am Ende beschämt werden, das Gesicht verlieren.

Ich sehne mich danach frei zu denken und als Befreite zu handeln. Ich möchte den aufrechten Gang lernen. Wie geht das?

IV Führen wir uns ein liebendes Paar vor Augen. «Ich liebe dich!» hören wir ihn zu ihr sagen, und sie fühlt so viel Glück, dass es weh tut. Das Leben kann so schön sein. Sie glaubt diesen Worten, und sie sagt sie zurück: «Ich liebe dich auch!» Ja, ich liebe ihn, denkt sie. Und ich vertraue ihm. Sie lässt sich auf diese Liebe ein. Sie vertraut ihm und glaubt an ihre gemeinsame Liebe. Die Frau, die so viel Glück vor Liebe empfindet, dass es weh tut; der Mann, der so liebt und geliebt wird, sie beide können, so behaupte ich, frei denken und befreit handeln. Es ist ein Paradox. Freiheit hat ganz viel damit zu tun, etwas an sich geschehen lassen, abhängig zu sein, auf jemanden bezogen sein.

V Schon als Zwölfjähriger weiss Jesus um seinen Vater im Himmel, um Gott, dem er sich verbunden weiss (vgl. Lk 2,49). Bei seiner Taufe hört Jesus die Stimme seines Vaters: Du bist mein geliebter Sohn, an dem ich mich freue. Es macht mich glücklich, wenn ich dich sehe (vgl. Lk 3,22) Das ganze Leben Jesu, sein Tun und Handeln, seine Hingabe gründet in der Beziehung zu seinem Vater im Himmel, zu Gott. Aufgrund dieser Liebe, dieser Abhängigkeit, kann Jesus frei denken und als Befreiter handeln. Jesus liess sich nicht beirren an diesem Sabbatmorgen. Er nahm sich die Freiheit, sich bei seinem Lehren unterbrechen zu lassen, die Frau wahrzunehmen, sie anzusprechen, sie zu berühren und heil zu machen. Er befreite sie.

Und auf die kleinliche beschämende Reaktion des Synagogenvorstehers antwortete er frech und klar, und die Befreiung wird gefeiert. Nicht nur die Frau, da bin ich sicher, übt sich im aufrechten Gang. Auch die Menschen, die mit ihr Gott danken und gutes über Gott erzählen, die laut und ausgelassen ihrer

Freude Ausdruck geben, gehen aufrechter als vorher. Jesus, der Befreier schlechthin, hat dieses freie Denken weitergegeben, sodass sie als Befreite handeln können.

VI Frei denken und als Befreite handeln, ja, das wünschen wir uns. Und manchmal gelingt es. Manchmal können wir weghören, wenn andere in abschätziger Weise etwas über uns sagen. Wir können aber auch hinhören und Kritik annehmen und versuchen, es besser zu machen. Das gibt es.

Und wir können uns freuen. Wir können mitfeiern, wenn anderen etwas gelingt, wenn andere Glück verspüren. Ja, und das befreit, das lässt aufatmen. Man kann sich strecken und aufrecht gehen. Aber wir kennen auch das Gefühl des Überrumpelt-werden von anderen Ideen, wenn wir es uns so, und genauso, vorgestellt haben. So, wie wir es immer gemacht haben und es auch immer funktioniert hat. Und wenn jemand es anders machen möchte, reagieren wir aus einer persönlichen Kränkung heraus.

VII Manchmal lasse ich mich, wie die Frau, von Gott rufen und berühren, anrühren und befreien. Dann kann ich frei denken und ich kann als Befreite handeln. Manchmal aber, wie gesagt, nicht. Der Synagogenvorsteher, der eine solch karikierte Vorlage bietet, dass er uns bei der ersten Betrachtung so unglaublich fremd erscheint, ist näher als mir lieb ist.

VIII Was können wir tun? Tatsachen negieren ist nicht der Weg zur Freiheit, zur Befreiung. Ich habe Momente des freien Denkens und des befreiten Handelns. Und es sind gute Momente. Und ich sehne mich darum nach mehr. Ich sehne mich danach, dass dies immer mehr Wirklichkeit wird, dass wir uns üben können im aufrechten Gang. Ich glaube, das ist eine gute Sehnsucht, eine gute Hoffnung. Und ich sehe, dass dies auch immer wieder passiert.

IX Vergangenen Mittwoch habe ich im Radio von Stella Angel Lanman gehört. Mit 10 Jahren wurde sie von der Lord’s Resistance Army in Uganda verschleppt, wurde zwangsverheiratet mit einem 38- jährigen Milizen und gebar mit 13 Jahren ein Kind. Als sie nach neun Jahren Gefangenschaft befreit wurde, gründete sie eine Organisation, die Frauen und Kinder unterstützt, die ähnliches erlebt haben.1

X Es gibt diese Befreiung. Es gibt den aufrechten Gang. Und davon möchte ich mehr. Solche Geschichten geben mir Mut und verstärken meine Sehnsucht.

Ich wünsche dir und mir den aufrechten Gang. Ich wünsche uns, dass wir immer weniger wie der Synagogenvorsteher denken und handeln müssen: missgünstig, kleinlich und voller Angst vor Bedeutungsverlust.

XI Wir haben es schon im Glaubensbekenntnis zusammen gebetet: Ich glaube an Jesus
(...) der gekreuzigt wurde
ausgeliefert wie wir der Vernichtung des Todes

aber am dritten Tage auferstanden
um weiterzuwirken für unsere Befreiung bis dass Gott alles in allem sein wird.2

XII Ich glaube an das Weiterwirken für unsere Befreiung. Und ich sehne mich nach der Verwirklichung, wenn Gott einmal alles in allem sein wird.

Dann, so bin ich überzeugt, wird es noch lauter, noch fröhlicher, denn dann sind alle Synagogenvorsteher und -vorsteherinnen auch dabei. Das letzte Wort und das lauteste Lied wird der Freiheit gehören.

Amen.3

1 Vgl. Echo der Zeit vom 13.8.2024.
2 Aus: Ein nachapostolisches Bekenntnis, K. Marti. 3 Es gilt das gesprochene Wort.