Psalm 16, 1.2. 5-11
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen
1 Behüte mich, Gott, denn ich vertraue dir.
2 Ich sage zum Herrn: „Du bist mein Herr; mein ganzes Glück bist du allein.“
5 Du, Herr, gibst mir das Erbe und reichst mir den Becher; du hältst mein Los in deinen Händen.
6 Auf schönem Land fiel mir mein Anteil zu. Ja, mein Erbe gefällt mir gut.
7 Ich preise den Herrn, der mich beraten hat. Auch mahnt mich mein Herz in der Nacht.
8 Ich habe den Herrn beständig vor Augen. Er steht mir zur Rechten, ich wanke nicht.
9 Darum freut sich mein Herz und frohlockt meine Seele; auch mein Leib wird wohnen in Sicherheit.
10 Denn du gibst mich nicht der Unterwelt preis; du lässt deinen Frommen das Grab nicht schauen.
11 Du zeigst mir den Pfad zum Leben. Vor deinem Angesicht herrscht Freude in Fülle, zu deiner Rechten Wonne für alle Zeit.
Liebe Gemeinde
Dieser Psalm beginnt mit vertrauten Worten: „Behüte mich, Gott, denn ich vertraue dir.“
Das sind Worte, die passen im Grunde jeden Tag.
Diese Worte haben wir alle schon gesprochen! Behüte mich. Und wir sagen einander: Bleib behütet.
Das sind Worte, die wir beten, wenn etwas vor uns liegt, auf uns zukommt, wenn wir eine Reise antreten, wenn die Schule beginnt.
Oft, wenn wir uns auf einen Weg machen – oder wenn wir uns verabschieden.
Da möchte man selbst nicht so allein und ausgeliefert unterwegs sein. „Behüte mich!“ oder wenn wir jemanden auf seinem Weg nicht weiter begleiten, dann möchten wir doch einen Segen, ein gutes Wort, einen Wunsch mitgeben – etwas das mitgeht, das den Abschied überbrückt und uns verbunden hält.
Bleib behütet. Sei behütet. Gott behüte dich.
Das sind also Worte, die wahrscheinlich auch David schon hundertfach, oder sogar tausendfach gesprochen hat.
Und doch hier klingen sie anders.
Hier geht es um einen anderen Abschied.
David ist am Ende seines Lebens angekommen.
Viele Klagepsalmen, von Menschen, die in Not geraten sind, beginnen ähnlich. Da bitten Menschen behütet zu bleiben in Gefahren – in Anfeindungen und Anfechtungen.
Doch in Psalm 16 geht es nicht um solche Nöte, die wir im Leben erfahren. Hier geht es nicht um die Bewältigung einer bestimmten Gefahr.
Psalm 16 ist kein Klagepsalm – hier finden wir eine andere Situation vor: Die Situation vom Übergang – von diesem Leben in ein neues.
Dieser Psalm guckt noch einmal das ganze Leben an, das jetzt am Ende wie ein aufgeschlagenes Buch vor dem Beter liegt.
Es ist ein Rückblick auf ein langes, erfülltes Leben. Es ist keine Klage, sondern die Einsicht, dass ein Leben zu Ende kommt.
„Auf schönem Land fiel mir mein Anteil zu!“ Wohl dem, der das am Ende seines Lebens sagen kann. Wohl dem, der das Gefühl hat in seinem Leben oft am richtigen Ort gewesen zu sein, im richtigen Land und wer mit seinem Erbe, seiner Lebensaufgabe zufrieden ist.
Der Psalmbeter gibt uns Einsicht, wie es so gekommen ist, dass er am Ende so zufrieden ist: „Ich preise den Herrn, der mich beraten hat!“
Das ist ein Schlüsselsatz.
Da sind wir beim Kern des jüdischen und christlichen Glaubens. Jüdische und christliche Menschen orientieren sich an ihrem Gott. Sie lassen sich von ihrem Gott beraten. Das finde ich eine sehr passende Übersetzung. Zum einen, weil sie deutlich macht: ohne Beratung geht es oft nicht gut. Wer meint, dass er alles aus sich selbst entscheiden kann und unabhängig allein, weiß, was für ihn oder sie gut ist, täuscht sich. David kann davon ein langes Lied singen. Es hat eine Weile gedauert, bis David nicht nur getan hat, was er will, sondern akzeptiert hat, dass er sich an Gott orientiert.
Sich mit Gott beraten. Wie geht das? Für uns heutige Menschen geht es am besten im Bibelstudium und im Gespräch über die Bibel. Kein Mensch kann die Bibel allein auslegen. Schon sehr oft haben Menschen das versucht und es zeigt sich, wer meint, dass er Gott am besten versteht und weiß, was Gott will, hat sich schon oft getäuscht.
Mit Gott beraten: Das geschieht in Gemeinschaft.
David ist dabei überzeugt, dass Gottes Beratung sehr zielgerichtet ist: Gottes Beratung ist „Weisung zum Leben!“
Wie bleibe ich lebendig? Wie werde ich wieder lebendig?
Das sind Fragen, die uns im Leben beschäftigen: In Krankheit und Burnout. In depressiven und traurigen Phasen und auch im Blick auf große gesellschaftliche Fragen:
Weisung zum Leben
David macht sich am Ende seines Lebens bewusst, wie er seinen Weg gefunden hat und daran lässt er uns teilhaben. Es ist großartig, wenn Menschen mutig sind und davon erzählen, wie sie Kraft gefunden haben und ihren Weg durch schwere Situationen geschafft haben.
Das ist etwas, was ich mir für euch, die neuen Konfirmanden wünsche: Dass ihr hier in der Gemeinde auf Menschen trefft, die euch Mut machen. Eine Ermutigung, dass es einen Weg gibt – auch dann, wenn man den Eindruck hat, ich weiß nicht weiter.
David erklärt es genau, wie er immer wieder lebendig geworden ist: Ich habe den Herrn beständig vor Augen.
Das spielt darauf an, dass fromme jüdische Menschen Teffilin tragen: Gebetsriemen mit den wichtigsten Sätzen aus der Thora, der jüdischen Heiligen Schrift.
Damit man eben diese Weisheiten nicht aus dem Blick verliert.
Wir Christen tragen so etwas nicht, doch es gibt die vertraute Gewohnheit jeden Tag mit einem Bibelwort zu beginnen. Damit wir Gott im Blick behalten. Damit wir uns weiter von ihm beraten lassen.
David stellt am Ende eines langen Lebens fest: das hat mir sehr geholfen. Denn er hat sein Vertrauen bewahrt und seine Lebensfreude. Das sind vielleicht zwei der größten Geschenke. Alte Menschen, die sich freuen können wie Kinder. Seniorinnen, die vertrauen und nicht bitter geworden sind.
Das, was David also im Leben so oft erlebt hat, behütet gewesen zu sein, seinen Weg gefunden zu haben, sich wieder lebendig gefühlt hat nach schweren Zeiten: das alles gibt ihm nun am Ende weiter Vertrauen: Hier spricht ein Mensch, der mit seinem Leben im Reinen ist und doch fragt: Wie geht es weiter? Was kommt auf mich zu?
Der Sorge, die in diesen Fragen enthalten ist, begegnet er mit dem Vertrauen, das er in Gott schon oft gefunden hat.
„Du gibst mich nicht der Unterwelt preis!“ „Mein Leib wird wohnen in Sicherheit!“ „Du zeigst mir den Pfad zum Leben!“
Worin sich David getäuscht hat: „Du lässt den Frommen das Grab nicht schauen!“
Diese Vermutung hat es immer mal wieder gegeben. Auch aus dem neuen Testament kennen wir die Hoffnung, dass glaubende Menschen nicht sterben werden.
Wir sind und bleiben sterbliche Wesen. Doch es ist ein großer Unterschied mit welcher Haltung wir leben und dann eben auch sterben.
Es ist ein Geschenk des Glaubens, wenn wir bereit sind und akzeptieren lernen, dass wir vergänglich sind und eines Tages unsere Zeit zu Ende ist. Es ist ein Segen, wenn wir uns daran freuen, dass es nach uns weiter geht.
„Du wirst mich nicht preisgeben!“ Die Gewissheit, behütet zu bleiben über den Tod hinaus, ist eine Kraftquelle.
„Du zeigst mir den Pfad zum Leben!“ Nicht weiter ein Leben in dieser Welt, sondern ein Leben in einer anderen Form. Hier klingt auch Psalm 23 an: „Und ob ich schon wanderte im Tal des Todes, ich fürchte kein Unglück, denn du bist bei mir!“
Der Apostel Paulus nimmt Psalm 16 in seiner bekannte Pfingstpredigt in der Apostelgeschichte 2 auf und bezieht diese Worte auf die Auferstehung Jesu.
Gott hat den Pfad zum Leben neu gezeigt.
So können wir Christen also unseren Glauben zusammenfassen: Gott zeigt einen Pfad, einen Weg zum Leben. Die gelebte Gemeinschaft mit Gott wird im Tod bleiben. Sie ist unzerstörbar. Nichts kann uns trennen von der Liebe Gottes. Die Liebe bleibt. Vertrauen bleibt.
„Du zeigst mir den Pfad zum Leben.
Vor deinem Angesicht herrscht Freude in Fülle.“
Mögen wir alle das im Blick bewahren!
Die Bibel studieren und immer wieder – in der größten Not Wege zum Leben suchen für uns, für andere und die Welt!
Behütet bleiben: also auf der Suche nicht ausbrennen und uns überfordern, sondern fröhlich und vertrauensvoll leben und dann auch ebenso zufrieden und erfüllt aus der Welt gehen, weil eines weiter geht: „Gott tut uns kund den Weg zum Leben.
Das ist es, was wir tagtäglich einüben, wenn wir bitten „Behüte mich!“ oder wenn wir einander den Segen mitgeben: „Bleib behütet!“
Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass das, was wir ein Leben lang einüben und uns Halt gibt, uns auch auf dem letzten Weg Vertrauen schenken wird.
Der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen
